E-Book, Deutsch, 308 Seiten
Schmidt Der Kopf des Toten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96148-398-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 308 Seiten
ISBN: 978-3-96148-398-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Andreas Schmidt, geboren 1969 in Wuppertal, begann als Redakteur der Schülerzeitung schon früh mit dem Schreiben. Später arbeitete er als Journalist für zahlreiche Zeitungen und andere Medien, bevor er begann, sich ganz der mörderischen Unterhaltung zu widmen: »Ich liebe den Krimi, weil er so facettenreich ist!« Bei dotbooks veröffentlichte Andreas Schmidt seine Trilogie rund um das Wuppertaler Ermittlerduo Seiler und Göbel (»Todeszug«, »Todeswasser«, »Todesschnitt«; die ersten beiden Bände sind auch als Sammelband erhältlich), den Wuppertal-Krimi »Blutiger Ritus« sowie die Kriminalromane »Der Kopf des Toten« und »Tod mit Meerblick«, die den Leser in den Westerwald und an die Nordsee entführen. Auf für ihn ungewöhnlichen Pfaden wandelt Andreas Schmidt in »Wenn aus Chaos Liebe wird«, einer beschwingten Komödie - und beweist, wie meisterhaft er auch diese Tonart beherrscht.
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Kapitel 2Nächtlicher Einsatz
Blaulicht zuckte gespenstisch durch die Nacht und wurde in langen Schatten von den Wänden der umliegenden Häuser zurückgeworfen. Geschickt steuerte Bernd die Honda durch die Schaulustigen, die sich vor dem Grundstück der Wellershoffs versammelt hatten und über den makabren Fund debattierten. Ein Mordfall in ihrem idyllischen Dorf, das hatte es seit hundert Jahren nicht gegeben, wie ein mit einem geblümten Pyjama bekleideter Endvierziger zu berichten wußte.
»Wellershoff war kein Rohrbacher«, entgegnete ein anderer.
»Er kam aus der Stadt zu uns und versuchte, die schnelle Mark zu machen. Er war ein Mann, der die Bauern mit geringen Löhnen ausbeuten wollte. Geschieht ihm ganz recht!«
Der Glatzkopf zog den Gürtel seines Morgenmantels stramm.
»So schlecht war er gar nicht«, warf ein Dritter ein, dessen Zunge vom Alkohol schwer war. Die anderen beiden bedachten ihn mit einem vorwurfsvollen Blick.
»Hör mir mit den Städtern auf«, rief der erste Mann und gestikulierte wild.
Bernd hatte seine ›Else‹ zwischenzeitlich neben einem der Streifenwagen abgestellt und die Spiegelreflexkamera aus dem Gepäckkoffer gekramt.
Er verschaffte sich einen kurzen Überblick vom Tatort, dann marschierte er auf einen milchgesichtigen Polizisten zu. Er hielt dem Knaben den Presseausweis unter die Nase und erkundigte sich nach Hauptwachtmeister Reuschenbach.
»Der Chef hat kein Interesse daran, zum jetzigen Zeitpunkt Fragen zu beantworten«, belehrte der Polizist ihn. »Morgen wird eine Pressekonferenz anberaumt, an der Sie gerne teilnehmen können. Derzeit aber ...« Er schüttelte mit wichtiger Miene den Kopf.
Schweigend blickte Bernd in das pickelübersähte Gesicht des jungen Polizisten. Abschätzend erkannte er erst einen Stern auf den Schulterklappen seiner frisch gebügelten Uniform.
»Gut«, nickte Bernd und grinste breit. »Dann werde ich jetzt selber zu ihm gehen.« Ohne ein weiteres Wort schritt er an dem gerade der Polizeischule Entflohenen vorbei.
»He, Sie, das geht aber nicht«, hörte er die schrille Stimme des Polizisten hinter sich. »Das Gelände ist abgesperrt worden, die Spurensicherung ...«
»Dann steh' hier nicht 'rum und bring mir endlich Reuschenbach, verdammt noch mal!« wurde er scharf von Bernd unterbrochen.
»Warten Sie hier und fassen Sie nichts an«, entgegnete der pubertäre Junge.
»Zügig«, murmelte der hochgewachsene Reporter des »Rhein-Wied-Express« und machte die Kamera schußbereit.
»König, was ist hier los?« dröhnte Udo Reuschenbachs Stimme durch die Nacht. Der Angesprochene fuhr wie von der Tarantel gestochen herum.
Der Hauptwachtmeister war wie aus dem Nichts hinter den jungen Kollegen getreten.
»Chef, hier ist jemand von der Presse. Ich habe ihn auf morgen Vormittag verwiesen. Es ist doch die Pressekon...«
Wachtmeister König überschlug sich förmlich vor Höflichkeit. Bernd bedachte ihn mit einem verachtenden Blick.
Schleimscheißer, dachte er.
Udo Reuschenbach, ein stämmiger Bursche mit dichtem, braunen Haar, bedachte den Jungbullen mit keinem Blick. Seine Miene hellte sich auf, als er Bernd Kaltenbach erkannte.
»Schon in Ordnung, König. Kümmern Sie sich lieber um die Schaulustigen.«
»Ja, Chef. Soll ich ...«
Reuschenbach fuhr herum. Seine grauen Augen funkelten böse.
Verdammter Nachwuchs, durchzuckte es ihn. »Hau'n Sie ab, Mann, bevor ich ...«, herrschte er König an.
»Schon gut, Chef ...«, König trollte sich.
»Wird sicher mal ein guter Bulle«, stichelte Bernd, als er Reuschenbach die Hand schüttelte.
Der Hauptwachtmeister winkte ab. »Vergiß es. Es ist schon eine Frechheit, was aus den Polizeischulen zu uns kommt.«
Kaltenbach und Reuschenbach verband eine langjährige Freundschaft. Der Polizeibeamte war Leiter einer Dienststelle in Linz und vertrat die Meinung, daß es in vielen Fällen hilfreich sein konnte, wenn man mit der Presse zusammenarbeitete.
Reuschenbach wohnte ebenfalls in Rohrbach, und so war es kein Zufall, daß er und Bernd das eine oder andere Problem bei einem Bier besprachen. Jeder kannte jeden, so war das eben in einem Dorf wie Rohrbach, und dieses Landleben hatte durchaus Vorteile, wie Bernd fand.
»Woher wußtest du, was vorgefallen war?« fragte Udo Reuschenbach den Reporter.
»Die Spatzen haben es mir verraten«, murmelte Bernd. Er verschwieg bewußt, daß Schorsch, der Taxifahrer, den Polizeifunk abhörte und ihn informierte, wenn etwas geschehen war.
»Und meine Oma ist permanent besoffen«, konterte Reuschenbach im Brustton der Überzeugung.
Bernd wußte, daß Udos Oma vor dreizehn Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Er wechselte das Thema.
»Hat's den Alten selber erwischt?«
Reuschenbach nickte. »Grauenhaft.«
»Ja.« Bernd blickte betroffen zu Boden und dachte an Sabine, die ahnungslos in seinem Bett auf seine Rückkehr wartete.
Ein Umstand, der Reuschenbach nichts anging.
Udo deutete auf die Nikon. »Willst du den Kopf fotografieren?«
»Ist das denn möglich?« Bernd entsann sich, daß man aus Pietätsgründen ein Fotografierverbot verhängte, wenn es um »heiße« Fotos in der Presse ging.
»Die Jungs von der Spurensicherung sind am Zuge, aber ich denke, man kann da etwas tun.«
Seite an Seite stapften sie auf die imposante Villa der Familie Wellershoff zu. Bernds Atem ging rasselnd.
Der Kies in der Auffahrt knirschte unter ihren Sohlen.
Bernds Blick fiel auf einen vor dem Haus geparkten Jaguar.
»Der Wagen von Lydia Wellershoff«, erklärte Udo.
Der Reporter blickte durch den Sucher seiner Kamera und schoß einige Fotos vom Haus und vom Wagen.
»Ist sie hier?«
Der stämmige Polizist schüttelte den Kopf. »Sie hat einen Schock erlitten und befindet sich im Linzer Krankenhaus.«
Bernd nickte. »Verständlich, wenn sie ihren Mann auf diese Art und Weise wiedersieht.«
»Hmm.« Bernd dachte erneut an Sabine und spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete.
Scheißjob, dachte er zum zehnten Male in dieser Nacht.
»Was geht hier vor?« schallte eine tiefe, herrische Stimme durch die Nacht. Udo Reuschenbach seufzte. »Die Spurensicherung.«
»Herr Kaltenbach vom ›Rhein-Wied-Express‹ möchte über den Fall berichten«, erklärte Udo dem Mann aus Koblenz.
»Kommissar Bechler«, stellte er sich mit gewichtiger Miene vor und drückte Bernd die Hand. »Bitte folgen Sie mir.«
»Gern«, erwiderte Bernd. Das war allerdings gelogen.
Das unheimliche Paket war zwischenzeitlich in einen Kastenwagen der Polizei verfrachtet worden. Bechler wies einen jüngeren Beamten an, den Karton zu öffnen.
Als Bernd zum Fotoapparat griff, spürte er, wie seine Hände zitterten. Er hoffte, daß niemand seine Unsicherheit bemerkte.
Vergeblich allerdings.
»Schiß oder schlechte Nerven?« fragte Reuschenbach ihn mit einem breiten Grinsen.
Bernd blickte ihn kurz an und preßte die Lippen zu einem strich zusammen. »Schlecht geschlafen«, murmelte er dann.
Bechlers Assistent hatte mit Plastikhandschuhen zwischenzeitlich die Deckelhälften des Kartons auseinandergedrückt.
Während der Reporter sich noch über die seltene Kooperationsbereitschaft der Kripo wunderte, warf er einen scheuen Blick in den Karton.
Es bestand kein Zweifel, daß es sich um den Kopf Peter Wellershoffs handelte. Der Reporter blickte in die schreckgeweiteten Augen. Der Mund mit den wulstigen Lippen war einen Spalt breit geöffnet, so, als winsele er im Moment des Todes um Gnade. Vergeblich, wie Bernd feststellte.
Die Haare klebten strähnig am massigen Schädel, an der Kartoninnenwand befand sich geronnenes Blut.
In seiner Zeit als Reporter hatte Bernd Kaltenbach schon einiges an Grausamkeiten erlebt, aber dies übertraf alles.
Er spürte, wie sein Magen sich drehte und wandte sich ab.
Bechlers Assistent raschelte mit dem blutverschmierten Seidenpapier.
»Geht's so?« fragte er hilfsbereit und trat an die Seite, um nicht ins Bild zu kommen.
»Ja, danke«, erwiderte Bernd leise und machte zwei, drei Aufnahmen von dem Kopf.
»Sieht doch echt aus, oder?« fragte Bechler nun.
Der Reporter fuhr herum. »Bitte – was?«
Kommissar Bechler deutete auf den Kopf des Fabrikanten.
»Er meint die Wachsbirne«, half Udo Reuschenbach ihm auf die Sprünge.
Irritiert blickte Bernd erst ihn, dann Bechler, dann den Kopf im Karton an.
»Ich verstehe nicht ganz«, stammelte der Lokalreporter.
»Hauptwachtmeister Reuschenbach meint die Imitation des Kopfes. Sie ist doch tatsächlich gelungen, oder?«
Bechler ließ die Hände in den Hosentaschen versinken und grinste jovial. »Derzeit überprüfen meine Leute die Konsistenz des Wachses.«
Der Reporter des »Rhein-Wied-Express« wußte nicht, ob er in erleichtertes Gelächter ausbrechen sollte.
Er hatte ernsthaft angenommen, wegen eines bestialischen Mordes hierhergekommen zu sein. Nun hatte sich alles als übler Scherz erwiesen. Immerhin lag vor ihm nicht das echte Haupt von Peter Wellershoff.
»Gibt es denn zwischenzeitlich einen Hinweis auf den Verbleib des echten Fabrikanten?« fragte er schließlich.
Kopfschütteln.
»War wohl nicht anders zu erwarten.«
»Momentan ermitteln wir, wer ein Interesse an einem dermaßen üblen Scherz haben könnte«, erklärte Reuschenbach ihm.
»Keine Ahnung?«
»Null. Derzeit tappen wir im Dunkeln.« Bechler machte eine bedauernde Miene.
Bernd, der noch immer nicht wußte, ob er erfreut oder enttäuscht über die verpaßte Sensation sein...




