E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Reihe: Weltenwandler
Schmidt GRETEL - Teil 1: Schatten des Waldes
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95936-119-4
Verlag: In Farbe und Bunt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
aus der Serie WELTENWANDLER
E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Reihe: Weltenwandler
ISBN: 978-3-95936-119-4
Verlag: In Farbe und Bunt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der 1991 geborene C. R. Schmidt würde gern behaupten, dass er seit seiner Kindheit schreibt, ist als damaliger Teenager aber eher spät in das Autorentum eingestiegen. Er behauptet der Einfachheit halber, aus Hamburg zu stammen, da wirklich niemand das Kaff im Speckgürtel um die Hansestadt kennt, aus dem er damals geflohen ist. Nach einem abgeschlossenen Anglistik- und Philosophiestudium in Kiel wartet er nun sehnsüchtig darauf, als Lehrer auf Kinder losgelassen zu werden. Sein erster Roman 'Sherman's End' erschien 2015 und gehört immer noch zu den beliebtesten Büchern des Verlags in Farbe und Bunt. C. R. Schmidt gedeiht prächtig dank einer ausgewogenen Diät aus Weird Fiction, Super Smash Bros., alten Sci-Fi-Paperbacks und Dungeons and Dragons 3.5e. Seine Liebe zu der bunten und verrückteren Seite der Phantastik drückt er in seinen Geschichten aus.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1 – Touchdown
»Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit. Unsere Ankunft in Pistsip ist planmäßig verlaufen. Die Ortszeit beträgt 25:43 Uhr, Standardzeit 12:34 Uhr. Die Gravität beträgt eins Komma zwei Standard. Die Atmosphäre außerhalb des Schiffes ist nur für sauerstoffatmende Lebewesen geeignet. Checken Sie deshalb bitte Ihren Exo, bevor Sie das Schiff verlassen. Wir danken Ihnen für Ihren Besuch und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«
Jahn öffnete langsam die Augen. Die überraschend laute Ansage hatte ihn geweckt. Er zwinkerte schlaftrunken und versuchte sich an die Umgebung zu gewöhnen.
Das kleine Passagiershuttle, das er in irgendeinem namenlosen Raumhafen betreten hatte, war nicht sonderlich voll. In den zwei Sitzreihen saßen außer ihm ein gutes Dutzend Passagiere, und viele mehr hätten wohl auch nicht Platz gefunden. Das künstliche Licht reizte seine Augen.
Erst jetzt machte sich in ihm langsam das Bewusstsein darüber breit, dass er noch nie so weit von seinem Heimatplaneten entfernt gewesen war. Schemenhaft erinnerte er sich an den orangefarbenen Himmel und die scheinbar endlosen Getreidefelder, die ihn in seinem Traum heimgesucht hatten. Er rieb sich die Augen, richtete sich langsam auf und schnappte seine Reisetasche.
Ein mechanisches Klicken war zu hören. Das leichte Summen, das er seit dem Start auf dem letzten Raumhafen vernommen hatte, hörte augenblicklich auf. Die an ihn angepasste künstliche Schwerkraft im Schiff wurde aufgehoben. Jahns Körper war eigentlich 0,9 Standardgravitationseinheiten gewöhnt, weshalb der plötzliche Anstieg ihn beinahe übermannte. Er hatte in seinem Leben Adia Badis zweimal verlassen. Wie die meisten Menschen hatte er mit seinen Eltern den Heimatplaneten seiner Spezies, die Erde, besucht. Damals war er noch ein kleiner Junge gewesen. Die Gravitation auf der Erde hatte ihm damals schon übel mitgespielt, doch hier auf Pistsip fühlte sich jeder Schritt wie ein kleiner Marathon an. Seine Reisetasche, die er sich locker über den Rücken geworfen hatte, schien ihn auf den Boden drücken zu wollen.
Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend verließ er als letzter die Rampe des Schiffs. Die anderen Passagiere waren das offenbar schon gewohnt. Manche von ihnen trugen Exos, andere ließen sich ihre Probleme mit der Schwerkraft gar nicht erst anmerken, wenn sie sie überhaupt hatten. Als man ihm für die Reise einen Exo anbieten wollte, hatte Jahn dankend abgelehnt. Jetzt verfluchte er sich für diese Entscheidung.
Seine Familie war ein eher einfaches und abgeschiedenes Leben gewohnt gewesen, weit außerhalb der Machenschaften der Allianz. Jahns Vater war für die Produktion von Lebensmitteln für über drei Millionen Lebewesen mit Personenstatus verantwortlich gewesen. Seine Familie hatte zwar ab und zu Besuch von hohen Beamten der Allianz erhalten, sich ansonsten aber nie viel um die Machenschaften außerhalb von Adia Badis geschert. Das Leben dort war simpel und schön gewesen. Das ach-so-geliebte Internet, Exos, multikulturelle Gesellschaften und wilde Reisen zu den vielen Planeten der Allianz waren Jahn einfach fremd. Er und seine acht Geschwister halfen seiner Mutter im Haushalt, warteten die gigantischen Erntemaschinen gemeinsam mit seinem Vater oder jagten sich gegenseitig durch die Felder, während sie dem Gezwitscher der importierten Vogelarten lauschten.
Adia Badis beherbergte fast ausschließlich Menschen. Im Nachbardorf lebte eine Srim-Familie, die Jahn immer bestaunt, aber nie angesprochen hatte. Er hatte in der Schule Bilder von vielen Spezies der Allianz gesehen, einige von ihnen aber ebenso schnell wieder vergessen wie er sie kennengelernt hatte. Doch der Anblick, der sich ihm nun im Raumhafen bot, war für Jahn mehr als nur eine Reizüberflutung.
In einer großen, zentralen Kuppel, sicherlich so groß wie eines der Felder seines Vaters, tummelte sich eine unbeschreibbare Menge an Lebewesen mit Personenstatus. Zum allerersten Mal in seinem Leben merkte Jahn, dass er als Mensch in der Unterzahl war. Die Allianz predigte selbstverständlich Toleranz und Offenheit, und Jahn war definitiv kein Speziesist, aber die schiere Menge an unbekannten Gesichtern erdrückte ihn schier. Es gab Kreaturen in allen Größen und Formen, teils in metallene Exos gehüllt, teils in ihren herkömmlichen, fremdartigen Gestalten. Tentakeln trugen schwere Koffer, Vierbeiner liefen mit ungewöhnlicher Anmut über den matten Hallenboden und ein kleineres, froschartiges Wesen bewegte sich nur hüpfend fort. Eine Kreatur mit für Jahns Geschmack zu vielen Augen schlenderte an ihm vorbei, und nur ein gutes Drittel von ihnen musterte ihn. Er hörte eine Unmenge ihm gänzlich fremder Sprachen, das mechanische Surren von getragenen Exos, das hektische Rascheln von Papier und piepsende Geräusche von mobilen Kommunikationsgeräten aller Art. Ein gigantischer Zeitgenosse ohne Exo, aber mit einem Atemgerät – Jahn glaubte sich zu erinnern, dass es sich bei diesem Wesen um einen Lerma handelte – rempelte ihn an und warf ihm einen schnellen Fluch in einer fremden Sprache zu, während die erhöhte Schwerkraft ihn zu Boden riss. Ihm war nicht danach, wieder aufzustehen, als er sich umsah. Er wollte umkehren, sich verkriechen oder flüchten.
Jahn riss sich zusammen, stemmte sich mit viel Kraftaufwand wieder auf die Beine und kramte in der Hosentasche seiner Jeans. Er holte ein zerknülltes Stück Papier hervor, auf dem die Daten des Schiffes standen, welches er suchte. Wenn er endlich auf dieses Schiff gelangen würde, könnte er dort sicher seine Ruhe haben.
Jahn konnte seine krakelige Schrift kaum lesen. Er hob den Zettel näher an sein Gesicht und glättete das Papier.
Jahn ließ seinen Blick in der Halle umherschweifen. Ein großes Schild wies auf die Gates 200-300 hin. Er nahm all seine Kraft zusammen und begann den Marsch.
Die Gates 270-290 waren durch das Militär abgesperrt. Der Retinascan wurde planmäßig durchgeführt. Jahn wusste immer noch nicht, für welche Art von Reise er sich gemeldet hatte, doch schien es etwas unfassbar Wichtiges zu sein. Die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Docks waren beinahe wie in Kriegszeiten. Dutzende und Aberdutzende von bis auf die Zähne bewaffneten Militärs in Krieg-Exos bewachten den kompletten Bereich. Die Kolosse in Stahlanzügen mit leuchtenden, blauen Augen hielten ihre Strahlenwaffen mit einer Hand und beobachteten still das Geschehen. Jahn hatte sich nach dem ersten Scan vor den Augen von zwei Srim-Wachen komplett entblößen müssen. Sein spärliches Gepäck wurde mit allen möglichen Scannern und Detektoren von oben bis unten durchsucht, ehe man ihn durchgelassen hatte. Er hatte sich schon vor der Reise gefragt, warum er nur vage Stichworte für seinen Auftrag erhalten hatte. In den offiziellen Papieren hatte man ihn als Sicherheitskraft engagiert. Solch ein Aufgebot an Wachen machte Jahn Sorgen.
All diese Sicherheitsvorkehrungen waren für mehr als eine simple Erkundungsreise gedacht, das spürte Jahn. Aber sogar ein Selbstmordkommando wäre ihm egal gewesen, solange er möglichst viel Distanz zwischen sich und Adia Badis brachte.
Nach dem gründlichen Check durch das Militärpersonal war er in einen Fahrstuhl gestiegen, der nun seit einer halben Minute mit hoher Geschwindigkeit abwärts fuhr. Jahn hatte die Tasche abgestellt und atmete tief durch. Durch die hohe Geschwindigkeit des Fahrstuhls fühlte es sich an, als hätte die hohe Schwerkraft des Planeten abgenommen. Vielleicht nahm die Schwerkraft in einem Fahrstuhl auch wirklich ab. Jahn hatte keine Ahnung.
Plötzlich wurde es deutlich heller. Jahn hatte vorher mit dem Gesicht zur Tür gestanden, drehte sich aber nun um. Der Schacht des Fahrstuhls war durchsichtig. Und was Jahn sah, raubte ihm vollends den Atem.
Der Fahrstuhl musste mehrere Kilometer in die Tiefe gerauscht sein. Jahn wusste, dass Pistsip nach Olympus Mons den größten Raumhafen der Allianz besaß, doch er hätte nie gedacht, hier ein Dock mit solchen Ausmaßen zu erblicken. Als er weiter nach unten fuhr und ab und zu für den Bruchteil einer Sekunde ein schwarzer Querbalken durch sein Blickfeld rauschte, öffnete sich sein Mund vor Ehrfurcht. Das Schiff, das sich vor seinen Augen präsentierte, benötigte eine ganze Menge Platz. Er legte seine Hände an die Scheibe und staunte.
Die großen Containerschiffe, die alle paar Tage die Ernten von Adia Badis abholten, waren bei weitem nicht so groß wie dieses Monstrum. Jahn war nicht sonderlich gut im Schätzen, aber das Schiff war sicherlich von der Spitze bis zum Heck einen Kilometer lang. Die ungewöhnliche Form fiel ihm als nächstes ins Auge. Vom für gewöhnlich aalglatten und stromlinienförmigen Design der meisten Allianzschiffe konnte er hier nichts entdecken. Das Schiff erinnerte Jahn an eine Rebe Weintrauben, so wie sie in den Plantagen seiner Heimat gezüchtet wurden. Ein Mittelstück diente als Verbindung für über ein Dutzend gigantischer, stählerner Kugeln, die in Reih und Glied am Schiff angeordnet waren. Jahn zählte sieben gleichgroße Kugeln auf der ihm zugewandten Seite des Schiffes, allesamt im typischen Dunkelblau der Allianz gehalten. Vorne, zumindest vermutete Jahn dort die Vorderseite, befand sich eine besonders große Kugel, die wohl das Cockpit darstellte. Am Heck des Schiffes schienen sich ebenfalls große Reaktoren für den Signayov-Antrieb zu befinden. Auf den Seiten jeder dieser großen Kugeln stand jeweils ein Buchstabe, die den Namen des Schiffes ergaben: GRETEL.
Zahllose kleine Lebewesen mit Personenstatus tummelten sich wie Ameisen um das kolossale Schiff, warteten oder schweißten an der Hülle,...




