E-Book, Deutsch, Band 3, 120 Seiten
Reihe: Weltenwandler
Schmidt GRETEL - Teil 3: Pfefferkuchenhaus
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95936-181-1
Verlag: In Farbe und Bunt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
aus der Serie WELTENWANDLER
E-Book, Deutsch, Band 3, 120 Seiten
Reihe: Weltenwandler
ISBN: 978-3-95936-181-1
Verlag: In Farbe und Bunt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der 1991 geborene C. R. Schmidt würde gern behaupten, dass er seit seiner Kindheit schreibt, ist als damaliger Teenager aber eher spät in das Autorentum eingestiegen. Er behauptet der Einfachheit halber, aus Hamburg zu stammen, da wirklich niemand das Kaff im Speckgürtel um die Hansestadt kennt, aus dem er damals geflohen ist. Nach einem abgeschlossenen Anglistik- und Philosophiestudium in Kiel wartet er nun sehnsüchtig darauf, als Lehrer auf Kinder losgelassen zu werden. Sein erster Roman 'Sherman's End' erschien 2015 und gehört immer noch zu den beliebtesten Büchern des Verlags in Farbe und Bunt. C. R. Schmidt gedeiht prächtig dank einer ausgewogenen Diät aus Weird Fiction, Super Smash Bros., alten Sci-Fi-Paperbacks und Dungeons and Dragons 3.5e. Seine Liebe zu der bunten und verrückteren Seite der Phantastik drückt er in seinen Geschichten aus.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 26 – Touchdown IV
Lange Reisen mit großen Schiffen führten zu einem gewissen logistischen Problem. Ein Schiff der Größe der Gretel verbrauchte bei einem Hyperraumsprung so viel Energie, dass es nach einem Sprung mehrere Tage ruhen musste, ehe es wieder würde springen können. Die besten Kriegsschiffe konnten während solcher Warteperioden noch immer sehr hohe Geschwindigkeiten erreichen – doch das half bei den Distanzen zwischen Sternen meist überhaupt nichts. Überlieferte Erzählungen und Berichte in der Allianz kursierten noch immer als Horrorgeschichten in den Reihen verschiedenster Lebewesen. Es gab Aufzeichnungen über ausgefallene Antriebe, die Crews auf Ewigkeiten dazu zwangen, durch die Leere des Alls zu irren, über den Wahnsinn, der die Reisenden über kurz oder lang befällt, oder über die grausamen Dinge, zu denen Lebewesen in Isolation manchmal gezwungen sind. Ein Bericht aus dem Jahre 3600 n.e.K. erzählte von einem völlig autonomen Kolonisationsschiff der Menschen, dessen Sprung durch einen kleinen Kommafehler in den eingegebenen Koordinaten eine zwangzigtausendköpfige Besatzung in die endlose, unerforschte Leere warf. Vierhundert Jahre später kam eine völlig verwahrloste Hülle eines Schiffes wieder an ihrem Heimatplaneten an. Die ursprünglichen Siedler im Schiff waren selbstverständlich verstorben, und ihre dreitausend Nachkommen betraten zum ersten Mal nach einer viele Generationen dauernden Reise planetaren Boden.
Um solche Unfälle zu vermeiden, wurden Primärschiffe entwickelt. Diese Raumkreuzer von unfassbarer Größe waren schon beinahe fliegende Städte, die nach ihren Sprüngen meist Monate an ihrem Sprungort verweilen mussten, ehe sie zurückkehren konnten. An Bord solcher Primärschiffe befanden sich kleinere Schiffe mit eigenen Antrieben, die vom Sprungort aus weiterspringen konnten – sei es, um sofort Hilfe zu holen, größere Frachten zu transportieren oder eine fernere Reise zu ermöglichen.
Schiffe dieses Typs kamen auch in Raumschlachten zum Einsatz. Die Zud-Zudur hatten für die Gretel eines der feinsten in Sprungreichweite stationierten Primärschiffe eingesetzt. Der Name des Schiffes konnte zwar nicht in menschlichen Sprachen wiedergegeben werden, bedeutete aber in der Zud-Zudur-Zunge so viel wie ‚Einfänger verlorener Kinder‘. Die in furchteinflößende Kriegsexos gehüllten Drohnen brachten ihre Gefangenen auf ein kleines Tochterschiff. Die bunte Ansammlung verschiedenster Rassen wurde von allen Zud-Zudur, die sie passierten, mit Zorn und Hass beäugt. Viele der rangniedrigen Zud-Zudur-Männchen wurden an Bord nur selten mit Nahrung versorgt, weshalb sie oft unter schlimmem Hunger litten. Dieser Hunger spornte die Drohnen nur noch mehr zum grauenhaften Massaker auf dem Schlachtfeld an, da ein Zud-Zudur immer das Recht darauf hatte, zu bestimmen, was mit seiner erlegten Beute geschehen sollte. Schwache Zud-Zudur blieben meist hungrig. Daher sahen manche von ihnen die Gefangenen als einen Leckerbissen, den sie durch Vorschriften nicht kosten durften, und schnappten nach ihnen, als die Fremden an ihnen vorbeigingen.
Innerhalb der Gruppe wurden ebenfalls finstere Blicke ausgetauscht. Die letzten Überlebenden aus Abteil 8 wurden noch an Bord der Gretel mit den drei Gefangenen aus dem Cockpit zusammengebracht. Schon im gleichen Moment, als Jahn General Halan Draper aus der Entfernung sah, mussten zwei Drohnen den unerfahrenen Menschen festhalten und ihm Stromstöße verpassen, da er schreiend und tobend auf seinen Artgenossen losgerannt war. Danach lernten sie alle, still zu sein, und versuchten, lieber mit Blicken als mit Worten ihre Botschaften zu verschicken. Keiner von ihnen war besonders froh, endlich persönlich auf Draper zu treffen. Mekkekk und Srim Tollop wussten lediglich, dass Draper fest davon überzeugt war, aus den Klauen der Zud-Zudur zu entkommen, und hielten ihn deshalb für vollkommen irre. Abteil 8 sah mit purer Verachtung auf den einäugigen Admiral, der in seinem länger anhaltenden Suff noch immer still vor sich hinkicherte. Merkwürdige Blicke wurden auf Srim Tollop geworfen, die in bunte, zerrissene Gewände gehüllt war. Srim Hillot, der ohne Handschellen neben dem Kreis der Gefangenen lief, wurde jedoch tiefe Verachtung geschenkt, und zwar von allen gemeinsam. Jedes Mal, wenn der Srim seinen Mund öffnete, während die Truppe durch endlose Korridore marschierte, konnte man die überkochenden negativen Gefühle der Gruppe beinahe riechen.
Steve wurde währenddessen von einer Drohne mühelos getragen. Man hatte seine Flügel trotzdem in speziell für Phlant angefertigte Handschellen gelegt. Als er nach zwei Stunden Bewusstlosigkeit endlich erwachte, tat er dies in einer Gefängniszelle an Bord eines Transportschiffes, das sie zu ihrem nächsten Aufenthaltsort bringen würde. Steve lag auf einem harten, dreckigen Feldbett. Er fuhr hoch und öffnete seine Augen. Sein Geist war noch immer ein wenig schummrig. Er murmelte ein paar Geräusche vor sich hin und schaute umher.
Er sah noch immer doppelt und dreifach, als er eine erste Stimme vernahm. »Er ist wach«, hörte er S. Meslop sagen. Vor seinem Blickfeld tauchten einige Gestalten auf. Er erkannte einzelne, wie zum Beispiel Quof, an ihrer bloßen Gestalt.
»Wo bin ich?«, fragte er.
»Die Antwort wird dir nicht gefallen«, antwortete Demm.
Steve dachte noch einmal genau nach. Er erinnerte sich daran, dass Draper von einem Spion gesprochen hatte. Er erinnerte sich schemenhaft an ein Verhör, doch er hatte schnell das Bewusstsein verloren. Fieber und kurze, heftige Krämpfe waren die Realität seiner letzten Tage gewesen, und er freute sich umso mehr, endlich wieder bei Kräften zu sein. Er verspürte weder ein Verlangen nach Silverspoon noch die typischen Entzugserscheinungen. Man musste ihn geheilt haben. »Wir sind nicht zurück im Allianzgebiet, oder? Denn das wäre zu schön.«
»Leider knapp daneben«, hörte er die Stimme von General Draper lallen. »Wir sind auf einem Zud-Zudur-Transportschiff. Man bringt uns wohl nun dorthin … nun, wohin auch immer diese Schweine ihre Gefangenen bringen. Wir haben noch nie einen zurückbekommen.«
»Mach ihm die Sache nur noch angenehmer, Draper«, schnauzte Jahn.
»Die … Die Zud haben uns bekommen?«, murmelte Steve.
»Jap. Du wurdest verarztet. Deine Entzugserscheinungen sollten verschwunden sein. Der örtliche Sanitäter hat etwas von Muskelrelaxantien erzählt, also wirst du noch ein wenig benebelt sein.«
»Ga… gab es Verluste? Wer hat … überlebt?«
»Fast niemand«, berichtete Draper. »Alle Abteile bis auf Abteil 8 sind den Zud zum Opfer gefallen. Heplis und Floss sind tot. Tinnit wurde verschleppt. Wer weiß schon, wo er hingebracht wurde. Und, naja … Kleiner, S. Hillot war der Spion.«
Steves Augen weiteten sich. Er fiel zurück auf die Matratze. »Er w… w…« Und schnell wurde es wieder dunkel.
Steve fühlte sich, als würde er in einem tiefen, dunklen See umhertauchen. Vage Bilder tauchten vor ihm auf, als wären sie auf die Innenseite seiner Augen projiziert. S. Hillot, der sich ab und zu entschuldigt hatte und unerklärt für zehn Minuten verschwunden war. Seine merkwürdigen Reaktionen, wenn man ihn fragte, wo er gesteckt hatte. Doch da waren auch die schönen Momente, die Witze, die sie sich gegenseitig erzählten, die vielen Filme, die sie während des langen Trips gesehen hatten, wie rührend sich S. Hillot um seinen Freund gekümmert hatte, sobald er bemerkte, dass sich Steve auf einem Entzug befand.
Und da war auch noch etwas anderes. Etwas, das sich tief in seinem Unterbewusstsein versteckt hatte. Dinge, die das Silverspoon in seine Ohren geflüstert hatte. Bizarre Visionen materialisierten vor seinem inneren Auge, Visionen von Symmetrie und Perfektion, zahllose Stimmen, die wie ein Orchester durcheinander flüsterten, Gegenstimmen bildeten, miteinander diskutierten, die Geheimnisse des Lebens ausplauderten. Tief in diesen Stimmen entdeckte er eine Dominante, eine dröhnende, alles andere übertrumpfende Stimme, die ihn zu sich rief, eine Stimme, die ihn mit dunklen Verheißungen einlullen wollte. Steve schwamm und schwamm umher, ehe er ein Licht sah. Ein unangenehmer Geruch stach in seine Nase, ein Geruch von Fäkalien, von Schweiß, von Fäulnis. Und die Stimme rief ihn zu sich, sie rief alle zu sich, sie drängte alle anderen Geräusche mit ihrer schier endlosen Lautstärke beiseite. Steve erkannte ein Licht, einen kleinen Schimmer, der immer greller wurde, je näher er diesem kam. Er vernahm nun andere Laute, Laute aus der echten Welt, ein Schmatzen, ein Grunzen, ein Getümmel, ein Trappeln von zahllosen Füßen. Die Stimme hinter Steve erzürnte und schimpfte und donnerte, doch Steve war überzeugt, dass er die andere Seite heil erreichen, der Stimme nicht nachgeben würde.
Er wünschte sich, er hätte es getan.
Die grauenvollen Gerüche, die ihn umgaben, waren real gewesen. Das Schmatzen und Grunzen ebenfalls. Er konnte sehen, ja, ganz klar sogar, er konnte sich aufrichten, aufstehen, doch er wollte es nicht mehr. Was er sah, ließ ihn erschaudern.
Nackte, menschliche Körper wanden sich vor ihm. Ein ganzes Meer von ihnen, so viele, dass er einen Kilometer vor sich noch immer Menschen sah, ehe sich eine gigantische, eiserne Mauer erhob. Manche der Menschen hüpften umher, manche stolzierten in einer Hockposition über den Boden, manche kämpften und rauften untereinander. Steve beobachtete einige Meter von sich entfernt zwei der Menschen bei einem Paarungsversuch. Der Gestank hier war beinahe unerträglich. Steve sah, dass der gesamte Boden mit Fäkalien geradezu übersät war. Die Menschen wateten durch ihren eigenen Mist, so sehr, dass ihre Beine bis zu den Knöcheln braun gefärbt waren....




