Schmidt | Ich bin geblieben. | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 222 Seiten

Schmidt Ich bin geblieben.

21 Jahre in einem System, das funktioniert und krank macht
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-8757-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

21 Jahre in einem System, das funktioniert und krank macht

E-Book, Deutsch, 222 Seiten

ISBN: 978-3-6957-8757-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses Buch erzählt von über zwei Jahrzehnten Arbeit in einem System, das nach außen reibungslos funktioniert und nach innen Menschen langsam aufreibt. Es ist kein Abrechnungsbuch, sondern ein persönlicher Bericht über Verantwortung, Taktung, Erwartungsdruck und das schleichende Verlieren der eigenen Grenzen. Offen, ruhig und ohne Pathos beschreibt der Autor, wie Arbeit Identität werden kann und was passiert, wenn man sich selbst dabei aus den Augen verliert. Ein Buch für Menschen, die funktionieren mussten. Und für alle, die verstehen wollen, was das mit einem macht.

Marcus Schmidt arbeitete über zwanzig Jahre in einem durchgetakteten Betriebsumfeld mit hohen Erwartungen an Leistung, Verlässlichkeit und Tempo. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit bilden die Grundlage für dieses Buch. Er schreibt nicht aus literarischem Anspruch, sondern aus dem Bedürfnis heraus, Erlebtes einzuordnen und sichtbar zu machen für sich selbst und für andere, die ähnliche Wege gegangen sind.
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Kapitel 2 – Man gewöhnt sich daran


Meine nächste Station in der internen Ausbildung war eine kleine Waschanlage der Kette im Münsterland. Direkt in Münster.

Und plötzlich war alles anders.

Kleiner Betrieb. Weniger Autos. Weniger Lärm. Keine Hektik, die einem schon beim Reinkommen entgegenschlug. Man kannte sich. Man sprach miteinander. Nicht nur über Zahlen, sondern über Dinge, die tatsächlich vor Ort passierten.

Ich kam an – und wurde angesprochen.

Nicht abgefertigt.

Nicht einsortiert.

Sondern angesprochen.

Man zeigte mir die Anlage. Ruhig. Schritt für Schritt. Nicht als Pflichtprogramm, sondern so, wie man jemandem etwas erklärt, von dem man ausgeht, dass er verstehen will. Und verstehen kann.

Die Technik war kleiner, überschaubarer. Aber sie wurde ernst genommen. Wenn etwas nicht lief, wurde nicht darüber hinweggeredet. Dann wurde gesucht. Überlegt. Repariert. Nicht für den Eindruck – sondern für den Betrieb.

Ich merkte sofort, wie sehr mir das lag.

Hier ging es nicht darum, gut auszusehen.

Hier ging es darum, dass es funktioniert.

Die Leute vor Ort hatten keine großen Titel. Keine Kennzahlen-Vorträge. Keine Prinzen und keine Könige. Aber sie hatten Erfahrung. Und sie hatten ein Interesse daran, dass der Laden sauber läuft – im wahrsten Sinne des Wortes.

Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich in einer Ausbildung zu sein.

Nicht im Sinne von Schulung.

Sondern im Sinne von: jemand nimmt sich Zeit.

Ich lernte Dinge, die vorher einfach vorausgesetzt worden waren. Warum etwas so gemacht wird. Warum man an bestimmten Stellen vorsichtig sein muss. Wo die Anlage ehrlich ist – und wo sie einem etwas vormacht.

Und ich merkte etwas Gefährliches:

So könnte es also auch sein.

Nicht perfekt.

Nicht bequem.

Aber nachvollziehbar.

Ich dachte: Aha. Es geht also doch.

Dort in Münster stellte sich eine Frage, die mir vorher nie gekommen war.

Warum läuft das nicht überall so?

Der Niederlassungsleiter dort war eine Seele von Mensch. Kein Getue, keine Show. Einer, der wusste, was er wusste – und wusste, was er nicht wusste. Der nicht alles kontrollieren wollte, sondern vertraute. Nicht blind, sondern vernünftig.

Ich musste keine Bürsten schrubben.

Nicht „erst mal zeigen, dass du willst“.

Nicht funktionieren, um gesehen zu werden.

Ich arbeitete.

Tatsächlich arbeitete ich.

Teilweise war mir sogar langweilig.

Nicht, weil nichts los war. Sondern weil Dinge liefen. Weil Technik gewartet wurde, bevor sie ausfiel. Weil Abläufe Sinn ergaben. Weil niemand ständig Feuer löschen musste, das man selbst gelegt hatte.

Die Tage waren trotzdem genauso lang.

Früh anfangen, spät aufhören.

Kein Geschenk an Zeit.

Aber sie fühlten sich anders an.

Nicht schwer.

Nicht zäh.

Nicht sinnlos.

Ich ging abends nach Hause und war müde – aber nicht leer. Mein Kopf war ruhig. Keine offenen Schleifen. Keine unausgesprochenen Gedanken. Keine Fragen, die man sich selbst nicht beantworten kann.

Und genau das machte es gefährlich.

Denn plötzlich wusste ich, dass es nicht an mir lag.

Nicht an meiner Belastbarkeit.

Nicht an meiner Einstellung.

Es ging auch anders.

Diese Erkenntnis kam nicht laut.

Sie kam leise.

Fast beiläufig.

Ich dachte nicht: So muss es sein.

Ich dachte nur: Interessant.

Und genau in diesem „Interessant“ begann ich mich an etwas zu gewöhnen.

Die drei Wochen in Münster machten Spaß.

Nicht im Sinne von leicht oder locker. Aber sinnvoll. Überschaubar. Menschlich. Ich hatte das Gefühl, etwas mitzunehmen. Fachlich. Und vielleicht auch innerlich.

Und dann kam dieser eine Satz.

Nicht feierlich.

Nicht vorbereitet.

Einfach so, zwischen Tür und Angel.

Du musst nach Berlin-Spandau.

Da lernst du dann auch deinen Chef kennen.

Mehr wurde nicht erklärt.

Berlin-Spandau. Das klang erst mal groß. Weit weg. Nach nächster Stufe. Nach Entwicklung. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Warum auch. Ich war ja in der internen Ausbildung. Das gehörte dazu. Neue Station, neue Eindrücke.

Nur ein Detail stimmte mich kurz nachdenklich.

Deinen Chef.

Damit war nicht der Niederlassungsleiter aus Münster gemeint.

Nicht diese Seele von Mensch. Sondern der andere. Der Mann aus der ersten Anlage. Der, der aus dem Büro geschossen war und im Taxi verschwunden ist.

Der ungeliebte Stiefsohn des Doktors.

Plötzlich bekam diese absurde Szene einen Zusammenhang. Sie war kein Zufall gewesen. Sie war ein Vorspiel.

Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: Na gut. Wird schon.

Diesen Satz hatte ich inzwischen perfektioniert.

Drei Wochen Münster hatten mir gezeigt, wie es laufen kann.

Berlin-Spandau sollte mir zeigen, wie es tatsächlich läuft.

Das wusste ich damals noch nicht.

Aber ich war auf dem Weg, es zu lernen.

Also machte ich mich auf den Weg.

Mit meinem kleinen Ford Fiesta, Baujahr jenseits von gut und böse. Kein Dienstwagen, kein großes Ankommen. Ein Auto, das mehr Hoffnung als PS hatte. Münsterland hinter mir, Berlin vor mir. Strecke machen, denken, weiter.

Dann war ich da.

Berlin-Spandau.

Groß.

Laut.

Anders.

Und da war er auch.

Der Stiefsohn.

Kein großes Hallo.

Kein Gespräch.

Kein Ankommen.

Er sah mich an und sagte:

„Guten Tag. Ich bin Ihr zukünftiger Vorgesetzter.“

Kurze Pause.

„Ziehen Sie sich bitte um.“

Er zeigte auf die Kleidung.

„Rote Hose. Gestreiftes Hemd. Plastikkrawatte.“

Noch eine Pause.

„Und dann stellen Sie sich bitte an die Bürste.“

Das war alles.

Kein Willkommen in Berlin.

Keine Frage nach der Fahrt.

Keine Erklärung, warum ich hier bin.

Keine Einordnung, was meine Aufgabe ist.

Ich stand da und wusste sofort:

Das hier ist kein Neuanfang.

Das ist eine Fortsetzung.

Die gleiche rote Hose.

Das gleiche gestreifte Hemd.

Die gleiche Plastikkrawatte.

Nur diesmal wusste ich, wer vor mir steht.

Und dass er mein Chef ist.

Ich zog mich um.

Ich nahm die Bürste.

Ich stellte mich an die Autos.

Und während ich schrubbte, dachte ich:

Aha.

So also lernt man hier seinen Vorgesetzten kennen.

Nicht durch Worte. Sondern durch Zuweisung.

Nach ein paar Stunden an der Bürste kam der Vorarbeiter der Tankstelle.

Er sagte nicht viel. Nur, dass wir jetzt los müssten. Ins Hotel. Dort, wo ich einquartiert war. Kein großes Thema, eher eine organisatorische Notiz.

Dann gingen wir raus.

Und da stand sein Auto.

Ein BMW M5.

Aufgemotzt.

Breit.

Laut.

Alles an diesem Wagen sagte: Hier fährt jemand nicht unauffällig.

Ich war kurz sprachlos.

Nicht neidisch.

Nicht beeindruckt.

Eher überrascht.

Das Bild passte nicht so recht zu dem, was ich bis dahin gesehen hatte. Bürste, Schaum, Plastikkrawatte – und dann dieses Auto. Es war einer dieser Momente, in denen man merkt, dass es in diesem Laden mehr Ebenen gibt, als man bisher gesehen hat.

Wir stiegen ein.

Er fuhr los.

Erst redeten wir über Belangloses. Strecke, Verkehr, Berlin eben. Und dann, irgendwo zwischen zwei Ampeln, sagte er es einfach.

So nebenbei, als würde er mir erklären, wo der nächste Supermarkt ist.

Er meinte, ich solle mich nicht wundern.

Der Stiefsohn sei nicht ganz dicht.

So seien schon einige gekommen.

Und einige wieder gegangen.

Kein Lästern.

Kein Ausrasten.

Eher eine sachliche Feststellung.

Ich hörte zu und sagte nichts.

Was sagt man auch, wenn man jemanden gerade erst kennengelernt hat und einem auf der Fahrt ins Hotel erklärt wird, dass der eigene Chef unberechenbar ist?

Der BMW rollte weiter.

Der Vorarbeiter sprach ruhig.

Und mir wurde klar, dass das hier kein Einzelfall war.

Das hier war bekannt.

Vom Hotel ging es wieder zurück in den Betrieb.

Und diesmal durfte ich tatsächlich mit ihm sprechen.

Mit seiner Durchlaucht.

Dem Stiefsohn.

Es war kein Gespräch auf Augenhöhe. Eher eine Audienz. Er redete, ich hörte zu. Fragen waren nicht vorgesehen, Zustimmung schon.

Er sagte mir, dass er den ganzen Laden hier umkrempeln will.

Alles anders.

Alles neu.

Alles besser.

Er sprach über seinen Stiefvater.

Nicht mit Respekt.

Nicht mit Dankbarkeit.

Er sagte, der habe keine Ahnung vom Geschäft.

Dass der nur Geld verdient habe.

Dass das hier alles veraltet sei.

Dass endlich jemand kommen müsse, der weiß, wie es richtig läuft.

Ich hörte zu und dachte mir meinen Teil.

Denn ich hatte den Laden gesehen.

Ich hatte...



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