E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Schmidt Innstetten
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-6857-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichte eines Mittelmäßigen
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7578-6857-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rolf Schmidt, geboren 1946, lebt mit seiner Frau und seinem jüngsten Sohn in Gütersloh. Seinen Roman MEXIKO hat er 2017 bei BoD veröffentlicht.
Autoren/Hrsg.
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6. Kapitel
In Charlottenburg, nicht weit vom Schloss, stand in einer Seitenstraße ein kleines Palais. Seine wohlproportionierte Fassade wirkte anheimelnd und entbehrte mit ihren Stuckornamenten, kleinen Löwen und riesigen Pinienzapfen, nicht einer gewissen Ästhetik. Wäre man, was so gut wie nie vorkam, um das Gebäude herumgegangen, hätte sich ein ganz anderer Anblick geboten. Dort wo früher ein kleiner Park das Anwesen abgerundet hatte, türmten sich jetzt bis zu zwei Stockwerke hohe, grobe Backsteinmauern. Eine noch genauere Betrachtung hätte gefunden, dass in scheinbar willkürlicher Anordnung, immer wieder Innenhöfe freilassend, ein Anbau nach dem anderen dem ursprünglichen Gebäude angefügt worden und so ein Areal entstanden war, dessen Gestaltung nur noch aus der Vogelperspektive zu erkennen gewesen wäre.
Als Besitzer eingetragen war ein gewisser Alexander Heinze, doch war es in der Tat seine Ehefrau Elfriede, genannt die heftige Friede, die in dieser labyrinthischen Welt das Regiment führte.
Ihr Ehrentitel begründete sich nicht nur durch die Herrschergewalt über das zahlreiche Personal, sondern auch in Anbetracht der Gäste, unter denen insbesondere einige hochgestellte Herren von der Ausübung ihrer Heftigkeit nur schwer lassen konnten und dem einen Besuch so schnell es ging einen nächsten folgen ließen.
Im Entree dieses Etablissements fand Innstetten sich gegen zehn Uhr abends in Begleitung seines Freundes Levetzow. Er hatte diesen am frühen Abend in seiner Stadtwohnung aufgesucht, und angesichts der ebenso bedeutenden wie beglückenden Neuigkeit hatte es angestanden – wie Levetzow sich ausdrückte – „nicht nur einen Schampus aufzumachen“. Die Baronin hatte sich mit Kopfweh entschuldigen lassen und Innstetten hatte darauf verzichtet, von der kurzen Begegnung am Mittag zu berichten.
Er war sich unsicher, wie viel Offenheit und wie viel Vertrauen er dem anderen entgegenbringen konnte. Im Französischen Krieg bei den Perleberger Ulanen waren sie Kameraden gewesen, gemeinsam hatten sie das Eiserne Kreuz bekommen und – sei es durch Zufall oder sei es doch aus einer gewissen Neigung – Levetzow war der einzige unter den Offizierskameraden, mit dem Innstetten noch Umgang hatte. Über dessen Jurastudium, die „Juristerei“, hatte Levetzow zwar immer in einem Ton gesprochen, aus dem man spöttische Überlegenheit heraushören konnte, doch während die anderen Innstetten oft seiner Interessen für Literatur und Malerei wegen als Streber abtaten, hatte Levetzow dem eine Art neugierig distanzierter Wertschätzung entgegengebracht, wenn er sich auch an Innstettens Lektüren und Ausstellungsbesuchen nicht beteiligte. Nur einmal, im eroberten Paris, war er ihm in den Louvre gefolgt und hatte dort einen Großteil der Zeit vor Corregios „Jupiter und Antiope“ gestanden. Beim Verlassen des Museums hatte er ihn freundschaftlich in die Seite gestoßen. „Bist doch ein Schweinigel, Innstetten“, hatte er gesagt. „Hast wohl auch den Hintern von diesem Amor gesehen?“
Es war vielleicht in diesem Augenblick gewesen, dass sie einander am nächsten waren.
Nun war umgekehrt Innstetten ihm gefolgt. Dem Argument, ein solcher Tag verlange etwas Besonderes, hatte er nichts entgegenzusetzen gehabt. „Und das Besonderste vom Besonderen“, war Levetzow fortgefahren, „sind eben hierzulande die Heinzeschen Höfe.“ Innstetten kannte diesen Namen als Fall unter Juristen, wusste dass sich der Geruch von Halbwelt damit verband und der Reiz des mehr oder weniger Verbotenen.
Er sah sich um. Schlanke Damen in Seidenkleidern boten Champagner in hohen Kelchen an. Die Wände waren mit großen Kopien üppiger barocker Bilder geschmückt, von denen er eines als Rubens’ „Raub der Töchter des Leukippos“ erkannte. Der Raum verwirrte. Pralle Versprechungen in der Erotik der Bilder stießen auf die enge Abgeschlossenheit des Raumes, der für einen Bau dieser Art zu klein erschien. Es gab einen Eingang, aber keinen Ausgang, der in weitere Teile des Gebäudes hätte führen können.
Innstetten fühlte sich bedrängt wie einer, der der eigenen Orientierung nicht vertrauen kann. Er spürte den Impuls, durch den Eingang zu fliehen und Levetzow einfach stehen zu lassen. Dieser, ganz in der Rolle des Gastgebers, kam aber bereits mit zwei Gläsern: „Willkommen in den Hallen lockerer Lust und lasterhafter Launen!“, rief er und breitete die Arme aus wie einer, der alle Bedrängnisse lösen kann. Er lächelte, und als sie tranken, schien er ganz und gar in seinem Element zu sein.
Dann löste er das Rätsel des Raumes, indem er den Damen zunickte, die mit eleganten Bewegungen eines der Bilder beiseiteschoben, so dass eine schwere Samtportiere sichtbar wurde. Hintereinander betraten sie einen weiteren Raum, der anders als der erste nur wenig beleuchtet war. In der Mitte war eine goldlackierte Sphinx zu erkennen, die sie aus leblosen Augen ansah. Innstetten blieb stehen und sah aus dem Dunkel der Seitenwand eine Person auf sie zu treten, die Levetzow mit verschmitztem Lächeln und einem anzüglichen Drehen der Hüften begrüßte: ein Mann, nicht mehr jung, in der roten, eng sitzenden Uniform eines Hotelpagen. Die Erscheinung mochte lächerlich wirken, in der Bestimmtheit, mit der er Levetzows Hand ergriff, war jedoch so viel Autorität zu spüren, dass es nicht wunderte, wie dieser ihm ohne Widerstand folgte. In dem Blick, den er Innstetten zuwarf, war Erregung. „Das ist Heinze“, flüsterte er und wies ihn mit einer Geste weiter in das Dunkel auf der anderen Seite der Sphinx. Dann verschwand Levetzow mit seinem sonderbaren Pagen in der Wand.
Einen Augenblick lang genoss es Innstetten allein zu sein. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen. Wollte er sich auf das hier einlassen? Noch war Zeit, durch die Portiere zu verschwinden. Auf Levetzow brauchte er keine Rücksicht mehr zu nehmen. Er konnte Herr seiner Entscheidungen bleiben!
Doch er zögerte zu lange, unwillkürlich war er weitergegangen. Er schaute hoch, und sein Blick fiel auf die schlanke Statue einer schwarzen Frau. Sie war nackt bis auf einen schweren Halsschmuck, die schwarze Haut glänzte. Und sie war schön: feine Züge, stolze Brüste, sanfte Rundung der Hüften. Als sie die Lippen öffnete und lächelte, erschrak er kaum.
Sie stieg von dem kleinen Podest, kam ein paar Schritte auf ihn zu und ergriff seine Hand. Er spürte die trockene, warme Haut und folgte ihr durch einen Gang in ein nächstes Zimmer. Afrikanische Steppe in gleißendem Licht. Das lebensgroße Wandbild ließ den Blick nicht los: Eine weitere Schwarze, üppiger als Innstettens Führerin, steht über einen Holzklotz gebeugt und wendet ihr lustvoll lachendes Gesicht dem Betrachter zu. Ein schnurrbärtiger Kolonialoffizier steht hinter ihr und biegt ihren Kopf in den Nacken, wobei seine Finger in das Kraushaar krallen wie die Klaue eines Greifvogels.
Es dauerte eine Weile, bis Innstetten sich bewusstwurde, wie gebannt er das Bild anstarrte, und sofort wurde ihm klar, wie wenig Widerwillen oder gar Abscheu er empfand. Die Lust, die ihn stattdessen packte, brachte die Gedanken auf seine schlanke Begleiterin. Doch die war verschwunden. Außer ihm war der Raum leer.
Hier konnte er nicht bleiben. Was, wenn ihn jemand hier sähe.
Als Felsen in der glühenden Savanne getarnt fand sich eine Tapetentür, die er vorsichtig öffnete, dahinter schien es dunkel zu sein. Er begann sich zu orientieren: es war die Bühne eines Saales von mittlerer Größe, der Saal war mit einigen Lampen erleuchtet, so dass er auch auf der Bühne einiges erkennen konnte, Personen, die im Schatten auf der anderen Seite der Bühne eilig verschwanden. War Levetzow dabei? Innstetten erkannte Heinze, dessen Uniformhose rot leuchtete. Die Jacke hatte er offenbar abgelegt, der Oberkörper war nackt und athletischer gebaut, als man hätte denken können. Er verließ als letzter die Bühne. – War die Gestalt bei ihm wirklich Levetzow gewesen?
Ein Geräusch von oben, Innstetten blickte hoch, im Schnürboden hockte die schöne Schwarze. Er hörte ihr glucksendes Lachen und sah, wie sie sich erhob, als wollte sie hinunterspringen. Dann wurde es dunkel um ihn.
Es war etwas Weiches, das ihn umgab. Wie Wolle. Ein schwarzes Netz. Er hob es mit den Händen hoch, um darunter hinweg zu kriechen. Plötzlich packte ihn Angst. Immer heftiger wurden seine Bewegungen, je mehr er sich in den Maschen verhakte. Sein Atem ging schwer, er begann zu schwitzen. Als er sich schließlich befreit hatte, fand er sich am Bühnenrand wieder. Er stand auf und lief zum Ende der Bühne, dorthin, wo Heinze verschwunden war.
Im Dunkeln blieb er stehen, um zu Atem zu kommen. Die Angst wich, und er spürte seine Erregung wie lebendige Erinnerung an die glänzende Haut der Schwarzen.
Er ging weiter. Die Erregung begann sich zu mischen. Mit Ärger. Mit Wut. Mit jedem Schritt wuchs die Wut in seiner Brust. Auf Levetzow. Auf Heinze. Auf die Schwarze mit ihrem glucksenden Lachen. Alles war Wut und Jagd. Er würde sie jagen. Beißen. Ins Fleisch beißen, das wäre jetzt das...




