Schmidt | Mexiko | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Schmidt Mexiko


3. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-7666-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-7448-7666-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch beginnt mit einem Albtraum: Europa ist unbewohnbar geworden, nur ein Teil der Menschen hat die Katastrophe überlebt. Einige von ihnen entschließen sich den Kontinent zu verlassen. Aber wo geraten sie hin? Was wird aus ihnen? Können sie mit Mut und Tatkraft ein neues Leben finden? Um Bruno Feder sammelt sich eine Gruppe, der es gelingt auf einem Containerschiff eine Passage über den Atlantik zu bekommen. Für sie ist Mexiko das "Gelobte Land", das den Flüchtlingen eine Zukunft verspricht. Doch die meisten von ihnen landen in den Fängen einer mafiösen Organisation. Der Roman verfolgt die Spur dieser Menschen in einer fremden, für sie kaum durchschaubaren Welt, schildert Mühen und Hoffnungen, Freundschaft und Sklaverei, Liebe, Wut und Tod. So wird von Bruno und den anderen aus seiner Gruppe erzählt, die nichts weiter wollen als ihr eigenes, selbst bestimmtes Leben. Von der New Yorker Journalistin Sonja, die über Flüchtlinge berichtet und sich in eine von ihnen verliebt. Von Beatriz, der abgelegten Ehefrau eines Mafiabosses, die sich einen der geflüchteten Europäer als Lover holt und einiges mit ihm erlebt, womit sie nicht gerechnet hätte.

Rolf Schmidt, geboren 1946, lebt mit seiner Frau und seinem jüngsten Sohn in Gütersloh.
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I


Das Fundament war fast unversehrt geblieben. Eine enorme Druckwelle musste das Mauerwerk mit allem, was im Haus gewesen war, in den Garten geschoben haben. Bruno scheute sich, dorthin zu schauen, starrte vielmehr auf die Kellerdecke, die flach und kahl vor ihm lag, nur an einigen Stellen waren Reste des alten Fußbodens zu sehen, bläuliche Kacheln und Spuren von Parkett. Wo das Treppenhaus gewesen war, lagen Steine und Mörtelstücke noch ein wenig aufgehäuft, wie wenn man das Loch hätte lückenlos auffüllen wollen.

Er entdeckte, dass der Beton an zwei Stellen beschädigt war. Eine Ecke des Fundaments zur Straße hin war abgestoßen, so dass ein kopfgroßes Loch klaffte, und über dem Kellerfenster auf der Seite des Nachbargrundstücks war ein größeres Stück herausgerissen.

Er musste sich setzen. Spürte jetzt die Müdigkeit. Wie viele Tage er gebraucht hatte um die Stadt zu finden, wusste er nicht mehr. Er war einfach immer weitergelaufen, hatte kaum einmal jemanden getroffen, den er fragen konnte. Hatte sich an verbogenen Hinweisschildern orientiert, die er manchmal an der Straße fand. Sicherlich war er mehrmals in die Irre gegangen, und wenn er mit der Kälte der Morgendämmerung hinter einem Windschutz erwacht war, hinter den er sich für die Nacht geduckt hatte, war es ihm so vorgekommen, als ob er dieses Stück Straße, diese Abzweigung, diesen Blick über ein zerfahrenes Feld schon lange kennen würde.

Schließlich war er doch in der Stadt angekommen. Er erkannte sie nur, weil sie ihm so vertraut war. Und er erkannte sie, man könnte sagen, auf den zweiten Blick. Auf den ersten Blick sahen die Trümmer überall gleich aus, man musste genauer hinschauen, um ihren Ursprung zu erkennen. Am Ortseingang deuteten Teile einer rotgelben Lichtreklame darauf hin, dass dort einmal eine Tankstelle gestanden hatte. Und als er gleich daneben zersplitterte Holzbalken sah, die offenbar von dem hohen Stapel einer Holzhandlung bis auf die Straße geschoben worden waren, wusste er, wo er war.

Auf dem langen Weg hatte er oft an die Stadt gedacht. Sie war ein Ziel gewesen, an dem er etwas erreicht haben würde. Das hatte etwas Tröstliches gehabt. Es würde besser werden, zumindest etwas vorwärts gehen. Hatte er geglaubt. Jetzt aber war es so, als ob die Stadt ihn nicht haben wollte. Auf der Straße lagen meterdicke Trümmer, Metallteile undefinierbarer Herkunft türmten sich auf, Gebilde aus bizarr geformtem Plastik starrten ihm entgegen. Der Boden war mit Bruchstücken aller Art übersät.

Er setzte mit Mühe seine Schritte, zögerte schon, weil nichts diese Anstrengung zu lohnen schien, und hätte vielleicht aufgegeben, wenn er nicht aus der Ferne menschliche Stimmen gehört hätte.. Offenbar eine größere Menschenmenge. Zum ersten Mal seit Langem.

Bruno spürte, wie sein Herz schlug. Und bald sah er die Menge. Es mussten Dutzende sein, vielleicht Hunderte von Menschen. Auf dem Gelände eines Supermarktes. Viele saßen, einige standen, unterhielten sich, riefen sich etwas zu oder starrten vor sich hin. Ein paar von ihnen hatten den Ankömmling beobachtet. Als er näher kam, guckten sie weg. Er ging an ihnen vorbei, quer über den Platz. Aus Trümmerbrocken, Stücken von Palletten, Drahtkörben und Pappen hatten sie sich Unterstände gebaut. Einige Feuer brannten. Der Geruch gekochter Nudeln überdeckte den allgegenwärtigen Hauch von Gas.

Wenn er in die Unterstände schaute, sah er Dosen und Pakete mit Lebensmitteln, heile und beschädigte. Sie hatten alles genommen, nichts war mehr übrig, nicht einmal ein Pappkarton lag herum. Für Bruno war es zu spät.

Seinen Hunger hatte er seit Tagen vergessen, jetzt fühlte er plötzlich, wie schwach er war. Er beschloss hier zu übernachten, fand ein Stück Mauer, dessen Südseite noch frei war, und sank zusammen.

Am nächsten Morgen in aller Frühe und ohne mit jemandem zu sprechen machte er sich auf, sein Haus zu suchen. Er brauchte Stunden. Zwar reichte der Blick kilometerweit, aber es gab nichts mehr, das ihn festhalten konnte. Bäume waren umgeknickt, alle Gebäude zerstört. Immer wieder musste er stehenbleiben und sich vorstellen, wie es früher gewesen war. Wo ein Hochhaus gestanden hatte, ein Laden, ein Café, ein kleiner Park gewesen war.

Er hatte das Haus also gefunden, so, wie es jetzt war. Hatte eine längere Zeit gesessen und sich ausgeruht. Die Neugier und ein Rest jener Genugtuung, die man hat, wenn man von langer Reise nach Hause kommt, – beides bewegte ihn dann, aufzustehen und zu dem Loch über dem Kellerfenster zu gehen um es in Augenschein zu nehmen. Er fand die Öffnung groß genug als Einstieg, steckte den Kopf hin*ein und sah graues Dunkel. Er warf einen Stein hinunter, anscheinend war es trocken. Vorsichtig, mit den Füßen zuerst, ließ er sich hinabgleiten, rutschte mit den Händen ab und fiel das letzte Stück.

Der Keller war nicht so dunkel, wie er gedacht hatte, weil auch durch das andere Loch Licht hereinfiel. Er sah einiges herumstehen: Holzkisten, ein Regal, Getränkekästen aus Plastik. Auf dem Boden lagen Scherben. Es roch dumpf, ganz anders als draußen. Nicht unangenehm. Kartoffeln! Es roch nach alten Kartoffeln.

Mit einem Schlag war der Hunger da. Er konnte nicht anders und ging dem Geruch nach, bis er an einer Wand einen kleinen Sack mit gekeimten Kartoffeln fand. Er bückte sich, nahm eine davon und ging zur Öffnung ans Licht. Die Keime waren schon lang, aber die Kartoffel hatte noch Substanz, sie war nicht ganz weich. Er holte sein Messer aus der Tasche, das einzige Werkzeug, das ihm geblieben war, schnitt die Keime heraus und kratzte behutsam die Erde von der faltigen Haut. Er schnitt ein Stück ab, legte es auf die Zunge, spürte die Feuchtigkeit. Dann schloss er den Mund und kaute gründlich. Das Kauen tat gut, er spürte, wie sein Gesicht lebendig wurde. Nach einer unendlichen Zeit schluckte er hinunter. Da war er schon dabei, das nächste Stück abzuschneiden. Wieder kaute er lange. Aber schon während er dann schluckte, kam der Brechreiz. Er würgte und spuckte den sauer stinkenden Schleim auf den Boden.

Ich muss die Kartoffeln kochen, dachte er. Zu seinem Erstaunen stellte sich der Hunger nicht wieder ein. Aber jetzt, wo er etwas gefunden hatte, würde er über kurz oder lang essen müssen. Er begann den Keller zu durchsuchen. Die Räume mit den Löchern in der Decke waren hell genug, in den anderen tastete er sich mit einer Latte vorwärts. Viel fand er nicht, schon vor der Katastrophe war wohl einiges herausgeschafft worden. Er fand mehrere Holzkisten, alte Zeitungen in Pappkartons, leere Gläser und Flaschen, einen Vorhang aus Wollstoff, einen Plastikeimer, einen Besen, eine Aluminiumleiter und eine beschädigte Dose Ravioli, aus der der Schimmel quoll.

Er stellte die Leiter an der Zugangsöffnung auf, nahm die Dose und trug sie hinaus. Mithilfe des Messers gelang es ihm den Deckel zu entfernen, dann reinigte er die Dose gründlich mit Wasser und sandiger Erde. Zum Glück war genug Regenwasser da, es hatte sich in einer Zinkwanne gesammelt, die früher im Garten gestanden hatte und nahe am Haus stehen geblieben war. Das Wasser machte einen sauberen Eindruck.

Nun brauchte er Feuer. Streichhölzer oder ein Feuerzeug hatte er nicht gefunden. Wo sollte er suchen? – Zum ersten Mal blickte er über die Nachbargrundstücke. An einigen Stellen hatten sich kleine Hügel aus Steinen, Beton und Möbeln gebildet, aber sonst waren die Trümmer über die Fläche verteilt. Er konnte nichts von dem erkennen, was er von früher in Erinnerung hatte, blickte in alle Richtungen, suchte die Nachbarschaft ab und fand keinen Hinweis auf irgendein Werkzeug um Feuer zu machen. Er richtete den Blick auf den Horizont, drehte sich, sah wieder nach allen Richtungen. Was suchte er überhaupt? Er nahm sich vor, nicht aufzugeben. Einfach weitersuchen. Er strich über die Fläche, die hinter den Nachbargrundstücken lag. Ließ den Blick langsam kreisen. Und da sah er – natürlich konnte es eine Sinnestäuschung sein – in einiger Entfernung eine dünne Rauchfahne.

Obwohl die schmale Straße von Trümmern bedeckt war, war es doch besser dort zu gehen, anstatt den geraden Weg über das Trümmerfeld zu wählen, mit der Gefahr, irgendwo einzubrechen und sich zu verletzen. Also kletterte er zur Straße, ging zunächst in die Richtung, aus der er gekommen war, dann bog er ab und sah den Rauch jetzt etwas näher. Kein Zweifel mehr, er schritt schneller voran, setzte über die Reste einer Betonmauer und bemerkte, dass die Trümmer hier anders aussahen. Es schien einen größeren Brand gegeben zu haben. Jedenfalls gab es neben verrußten Steinen und schwarzen Balken und Möbelteilen bei näherem Hinsehen mehrere kleine und eine größere Stelle, an denen feiner Rauch aus der Asche quoll.

Es war wunderbar. Wieder ein Ziel erreicht. Für Minuten stand er reglos. Sein Verstand setzte für diese Zeit aus, er stand nur da. Dann schaute er sich um, fand ohne größere Umstände zwei gebogene Stücke Kupferblech –Teile...



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