E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Schmidt Müller haut uns raus
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-406-69914-6
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-406-69914-6
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Er wollte so geheimnisvoll wirken wie Heiner Müller, oder wenigstens so traurig wie J.D. Salinger, aber gleichzeitig in einer Punk-Band Gitarre spielen. Dabei gerät er in einen Kreis von Künstlern und Pseudokünstlern um den Maler Anselm und lernt dort Judith kennen, was sein Leben vom ersten Tag an verkompliziert. Er geht mit ihr in die französische Provinz, trifft dort Lucía, sein spanisches Schlamassel, und verliebt sich in Deborah, weil sie wie Woody Allen und der Break-Dance aus New York kommt. Aber seine Suche nach der Liebe scheitert immer wieder an seiner Unfähigkeit, sich zu entscheiden, und die angehäuften Erinnerungen machen ihm zusehends zu schaffen.
Mit entwaffnender Selbstironie, einer bestechenden Beobachtungsgabe, mit Schwung und voller Komik erzählt Jochen Schmidt in diesem Roman, wie schwer und wie kurios es ist, in Zeiten universeller Ironie und gegen alle Widerstände sein Ziel zu verfolgen.
wurde 1970 in Berlin geboren und studiert dort Informatik, Germanistik und Romanistik. Er arbeitete als Übersetzer für Französisch und liest jede Woche in der "" in Berlin.
1999 war er Preisträger beim -Wettbewerb der LiteraturWERKstatt Pankow, 2000 erschien sein erstes Buch mit Erzählungen unter dem Titel Triumphgemüse bei C.H.Beck.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Teil I
«Sollen wir das Leben nur haben, um die Freunde zu begraben?»
(Inge Müller, Rendezvous 44)
«Herr, brich mir das Genick im Sturz von einer Bierbank.»
(Heiner Müller, Hamletmaschine)
Eine halbe Träne
I
Kurz nach der Wende, ich kam gerade in ein Alter, in dem es für mich an der Zeit gewesen wäre, erwachsen zu werden, lernte ich Anselm kennen. Er wohnte noch bei seiner Mutter und verbrachte die meiste Zeit in seinem Zimmer, das er als Atelier benutzte. Jedesmal, wenn ich ihn dort besuchte, hatte er neue irritierende Bilder gemalt, denen er so seltsame Namen wie «Sokrates II», «Wohltemperiertes Klavier» oder «Mondgeröll» gab. Mit Wasserbechern und zerknautschten Farbtuben eroberte er die ganze Wohnung, bis seine alleinstehende Mutter aufgab und in ihre Gartenlaube zog. Es war für mich immer etwas Besonderes, Anselm zu treffen, weil er so zielstrebig wirkte, wie ich es gern gewesen wäre. Er gab einem auch das Gefühl, daß diese Begegnungen nicht nur für uns bedeutungsvoll waren, sondern daß ihr genauer Verlauf später einmal von dazu ausgebildeten Spezialisten erforscht werden würde. Am meisten imponierten mir seine festen Ansichten zu allem. Weil er sich den Gesetzen des Markts entziehen wollte, war er entschlossen, nie ein Bild zu verkaufen, sondern sie alle zu verschenken. Es ging ihm vor allem darum, den richtigen Ort für die Bilder zu erobern. Oft standen diese Orte schon fest, lange bevor die Bilder fertig waren. Wenn er Zweifel hatte, ob der Beschenkte bis zur Fertigstellung noch leben würde – denn für ein Bild konnte er ein paar Jahre einplanen–, begann er mit ihm zu korrespondieren, um ihn davon zu überzeugen, daß dieses Che-Guevara- oder Klaus-Kinski-Porträt unbedingt in seine Bibliothek gehörte. Es konnte sich aber auch um den Panzersafe einer Bank, die Waffenkammer einer Kaserne, den Probenraum eines Orchesters oder ein spanisches Kloster handeln.
Um mich für ein Treffen mit Anselm zu qualifizieren, hatte ich behauptet zu schreiben. Ich war auch arrogant genug, es mir zuzutrauen, aber es waren bisher nur schwermütige Monologe herausgekommen, in denen ein Ich auf Sternen durchs Weltall ritt und nach einem anderen Ich suchte. Aber ich war jung und mußte nichts übers Knie brechen. Im Moment mochte ich es vor allem, an der alten Maschine meines Großvaters zu sitzen, sie machte so ein entschlossenes Geräusch, wenn man auf ihr seitenlang seinen Namen hämmerte.
Es war nicht das erste Mal, daß ich mich voreilig zum Schriftsteller erklärt hatte, schon in einer Schulpause, als Olaf zu mir sagte: «Dieser Typ, der aussieht wie Jesus, macht heute eine Party, er hat eine Druckerpresse organisiert und druckt sein Buch», hatte ich, ohne zu überlegen, geantwortet: «Ich schreibe auch ein Buch.» Vielleicht wollte ich das Gespräch nur in Gang halten, denn ich war jedesmal stolz, wenn Olaf etwas zu mir sagte, weil er bei uns zu den Prominenten gehörte. Sein Vater war ein erfolgreicher Kanute und hatte nach Olafs Geburt nichts mit der Mutter zu tun haben wollen. Aus Rache hatte sie ihren Sohn nach ihm benannt.
Mein erstes Buch wurde nicht lang. Ich setzte mich an den Schreibtisch meines Vaters und nahm mir vor, jeden Tag eine Seite hinzuzufügen. Aber schon als ich die Hauptfigur einführte, für die mir kein passender Name einfallen wollte, merkte ich, wie unsinnig es war zu schreiben: «Er hatte eine dicke Nase und schütteres Haar.» Ich hätte auch schreiben können: «Er hatte eine schüttere Nase und dickes Haar», es war mir völlig gleich, was er hatte, woher sollte ich das auch wissen? Ein paar Zeilen weiter ließ ich den Helden sagen: «Ich hasse Straßenbahnen. Sie sind so gelb.» Daß mein Held alles gut oder schlecht finden mußte, hatte ich mir von Salinger abgeguckt. Ich strich den Satz durch und schrieb: «Ich liebe Straßenbahnen. Sie sind so gelb.» Aber ich konnte auch dazu nicht wirklich stehen.
Später versuchte ich es mit écriture automatique, ich konzentrierte mich darauf, ohne nachzudenken, Blatt für Blatt zu füllen. Der Reiz dieser Methode hätte darin bestanden, sich das Geschriebene am nächsten Tag durchzulesen wie den Text eines nicht unbegabten Fremden. So hatten die Surrealisten gearbeitet, und die bewunderten wir, weil es in ihren Texten plötzlich Hühner regnete oder herumliegende Hände nach einem griffen. Das hatte damals eine ungeheure Sprengkraft: «Stell dir vor, du betrittst einen Saal, höher als breit, dein Blut spannt dich auf die Folter, Engel aus Schnee setzen dir zu, Rädelsführer ringen um die Zeit. Die Lage der Toten ist bedrohlich, man schüttet Sandhaufen auf und beginnt mit der Kultivierung von Ameisenkolonien. Jede Bewegung wird registriert, du bist verpflichtet, deine Spuren unter Verschluß zu halten. Dein Gesicht liegt an der Garderobe, es dauert seine Zeit, bis sich die Erkenntnis zum Gehirn durchfrißt. Wer bezahlt mich dafür, daß ich mich am Geruch eines angerissenen Streichholzes berausche?» Leider erwies es sich als kaum machbar, etwas wirklich Sinnloses zu schreiben, mir unterliefen immer wieder Sätze, die so aussahen, als seien sie so gemeint.
II
Als ich später von Lore, die ich an der Schule bei unseren Kulturfunktionärssitzungen kennengelernt hatte, erfuhr, daß ihr Freund mit Heiner Müller korrespondierte und ihn sogar porträtiert habe, stockte mir vor Neid der Atem. Diese Sagengestalt, deren beiläufige Bemerkungen man sich mühsam zusammensuchen mußte, weil er sie zu einem vergriffenen Fotoband oder einem Ausstellungskatalog beigesteuert hatte, und die so paradox und zutreffend waren, daß sie einem für eine Weile als Wegweiser dienen konnten. Was hatte er mit einem Vierzehnjährigen zu schaffen, der noch bei seiner Mutter lebte?
Lore erzählte mir, daß Anselm, der, weil man konsequent sein müsse, mit zwölf beschlossen habe, nur noch zu malen und nicht mehr zu schreiben, sogar die Proben zu Müllers Hamlet-Inszenierung besuchen dürfe. Das war zuviel, ich konnte nicht anders, als Anselm zu schreiben. Seine Antwort erhielt ich noch bei der Armee, sie war wie alle seine späteren Briefe kaum zu entziffern, dadurch hielt man sich lange mit ihnen auf. Sie waren mir so wichtig, daß ich sie durchnumerierte. Müller kaue viel Kaugummi, ernähre sich nur von Cola und Mars und habe ungeschickte Frauenhände. Ich lernte den ersten Brief fast auswendig, weil er so viel Neues enthielt. Und dabei war er in einem Ton verfaßt, als langweile den Schreiber dieses nebensächliche Zeug. Manche Sätze standen wie bei unserem Idol in großen Buchstaben, am Ende sogar etwas, das noch niemand zu mir gesagt hatte: «SCHREIB BITTE TEXTE!»
Noch bevor ich nach meiner Entlassung zum ersten Mal über den Ku’damm ging, besuchte ich Anselm. Die vielen bunten Suhrkamp-Bände in seinem Regal bildeten ein ausgewogenes Farbprisma. Daneben Klaus Kinski, Udo Lindenberg und Erich Honecker. Was hatten die drei gemeinsam? Ich betrachtete lange eine Radierung mit drei Steinen am Strand. Ich fragte ihn, wie er sicher sein könne, daß sie genau so gemalt werden müßten. Er antwortete: «Weil ich bei den 74 Versuchen davor nicht sicher war.» Er hatte immer genau die richtige Antwort parat, als hätte er sich die Frage längst selbst gestellt. Bevor ich ging, bat er mich wieder um Texte. Ich versprach sie ihm für das nächste Mal und tippte zu Hause noch am selben Abend ein paar Seiten mit meinem Namen voll.
Lore hatte mir erzählt, daß Anselm gerne Menschen zusammenbringe, um zu studieren, wie sie aufeinander reagierten. Er selbst setze sich dabei in eine dunkle Ecke, um alles durch eine Sonnenbrille zu beobachten. Deshalb war ich sehr stolz, als er mich im Sommer zu einem Wochenende nach Mecklenburg einlud. Er wollte diejenigen seiner Bekannten einander aussetzen, die am wenigsten zueinander paßten. Ein paar schwermütige Mädchen, ein junger bisexueller Philosoph, ein Betonfacharbeiter und ein Kampfsportler hätten sich schon angekündigt. Ich fragte mich ein bißchen, wer davon nicht zu mir passen sollte, fühlte mich aber geehrt von der Einladung und fuhr mit der Bahn nach Mecklenburg. Es war Hochsommer, die letzten Kilometer ging ich zu Fuß auf einer...




