Schmidt | Sehnsucht nach Pascasio | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 676 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Schmidt Sehnsucht nach Pascasio


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-31780-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 676 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-31780-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der vierjährige Wolfi lebt glücklich mit seinem sechsjährigen Bruder Roni, seiner deutschen Mutter und seinem spanischen Vater, dem Journalisten Pascasio, in Berlin. Doch an dem Tag, an dem Hitlers Truppen in Polen einmarschieren, stürzt Pascasio in die Wohnung, verbrennt seine Papiere, verlässt die junge Familie und bricht jeden Kontakt ab. Dieses traumatische Ereignis beeinflusst das Leben der kleinen Jungen. Sie werden während des Weltkriegs von ihrer Mutter getrennt. Nach den Schrecken des Krieges, macht sich Wolfi, inzwischen ein junger Mann, daran, das Geheimnis des mysteriösen Ereignisses zu lösen. Warum ist Pascasio geflüchtet? Was ist mit ihm passiert? Die Suche nach einer Antwort führt zu einem Kampf mit Hoffnung, Misstrauen, Enttäuschung und schockierenden Entdeckungen, die Wolfi durch Francos Spanien, Castros Kuba und die abgelegenen Kanarischen Inseln führen. Diese Geschichte, die sich wie ein Krimi liest, verwickelt ihn in Spionageaktionen, sowie unabsichtlich in eine Verschwörung zur Sprengung der Freiheitsstatue. In Kuba fordert ihn Fidel Castro persönlich zu einem Tischtennisspiel um die Insel heraus. Diese faszinierende und zutiefst persönliche Geschichte stellt einige der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts gegenüber. Auf der Suche nach dem Vater entdeckt der Sohn Geheimnisse, die über Generationen hinweg schmerzhafte Spuren hinterlassen haben. Während der kleine Wolfi durch das Verschwinden seines Vaters anfänglich erschüttert ist, zeigt seine Suche, dass dieser Moment für den Mann, zu dem er geworden ist, von zentraler Bedeutung ist. (KIRKUS REVIEWS - New York: 'A unique, often marvelous memoir of discovery.' ('Eine einzigartige, oft wunderbare Entdeckungsreise.')

Der Autor Herminio Schmidt wurde in Berlin geboren und wanderte als junger Mann nach Kanada aus. Er hat an Universitäten in Winnipeg und Waterloo gelehrt. Als Dramatiker und regelmäßiger Mitarbeiter internationaler Zeitschriften und Zeitungen hat er auch ein Buch über den Schriftsteller Heinrich von Kleist veröffentlicht. Herminio Schmidt und seine Frau Linda wohnen in Kitchener, Ontario, wo sie das anregende Umfeld einer lebendigen Universitätsstadt einatmen. Sie genießen Yoga, Skifahren, Wandern, Radfahren und Reisen.
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59 Fritz über Pascasios Arbeit

Glücklicherweise kehrte mein Gehör einige Tage nach meinem Missgeschick mit dem Sprengstoff zurück. An einem der Sonntage half ich Onkel Fritz wieder mit den Pferden. Ich liebte ‚mein‘ Pferd. Sobald ich in den Stall trat, nickte es in freudiger Erwartung. Ich kam immer mit einer Mohrrübe. Das Erste, was ich normalerweise tat, war, den Kopf der Stute zu halten, um die weichen Nüstern zu spüren. Das Pferd schien es zu lieben, wenn ich flüsterte. Ich streichelte seinen Hals, streifte mit meinen Fingern durch seine Mähne. Die Stute legte ihren Kopf auf meine Schulter gegen meine Brust als Zeichen der Anerkennung.

Ich liebte diese Sonntage. Seit Pascasio uns verlassen hatte, fühlte ich mich Onkel Fritz besonders nahe. Wir hatten nichts von unserem Vater gehört und Roni war überzeugt, dass Pascasio tot war. An diesem Tag im Stall, als ich das Pferd striegelte, wollte ich Onkel Fritz noch einmal nach Pascasio fragen.

Plötzlich wurde meine Stute unruhig. Mit Erstaunen bemerkte ich beim Striegeln wie Schleim aus ihrem Hinterteil quoll. Gleichzeitig hörte ich wie der Hengst neben Fritz mit den Hufen stampfte. Dann sah ich es. Wie gebannt starrte ich hin. Ein eigenartiges Gefühl rumorte in meinem Magen. Der armlange Schwengel schaukelte unterm Bauch des Hengstes. Meine Aufmerksamkeit war nun ganz auf den unruhig stampfenden Hengst gerichtet. Er schmiss den Kopf hoch und runter. So hatte ich ihn noch nie gesehen.

„Onkel Fritz, kannst du mir mehr erklären?“

„Also, du willst mehr wissen?“ Er lächelte.

Ich errötete.

„Warte einen Moment, ich muss mich erst um die Pferde kümmern. Du kannst die andere Stute hier striegeln“, sagte er und führte meine Stute aus dem Stall.

Durch das mit Spinnweben vernetzte Fenster beobachte ich, wie Fritz die Stute an der gegenüberliegenden Mauerwand befestigte und die Hinterbeine zusammenband.

Als er in den Schuppen zurückkehrte, striegelte ich schnell das Pferd. Dann führte er den Hengst raus. Er hielt ihn an einer langen Leine und ließ den Hengst im Kreis immer dichter vor der Stute vorbeitraben. Dann ließ Fritz die Leine los. Der Hengst sprang auf die Stute und schien sie an die Wand zu drücken. Sie drehte den Kopf zurück, um zu sehen, was der Hengst machte. Dann ließ der Hengst den Kopf auf den Hals der Stute sinken und rutschte langsam von der Stute ab. Wieder rumorte es in meinem Magen. Fritz führte den Hengst in den Stall und füllte den Trog mit Hafer. Ich striegelte eifrig das Pferd, um meine Gedanken zu verbergen. Dann brachte Fritz die Stute rein und gab ihr Futter.

„O. k.“, sagte Fritz. „Du willst also alles wissen?“

„Ja, ja“, sagte ich etwas zu voreilig. „Ja“, wiederholte ich und hoffte, dass das zweite Mal nicht zu eifrig klang.

Fritz sah mich lange Zeit an. „Bist du sicher?“

„Ja.“ Ich hörte auf, das Pferd zu striegeln und hielt den Kopf des Pferdes dicht an meine Wange.

„Komm mit“, sagte er. Wir gingen in sein Büro. Er zeigte auf einen Strohballen und setzte sich auf einen alten Stuhl vor seinem Schreibtisch, der aus zwei dicken Holzplanken bestand.

Ich war zu aufgeregt und versuchte mich mit der Geschichte abzulenken, die Fritz mir schon mal erzählt hatte. Das Abenteuer mit Pascasio und mit einer Ladung voller Kartoffeln. Das brachte mich immer noch zum Lächeln. Aber meine Gedanken schwebten immer wieder zum Hengst.

„Also du willst wirklich alles wissen?“

„Ja“, sagte ich und merkte wie mein Gesicht heiß glühte.

Fritz schaute mich eine lange Zeit schweigend an. Dann holte er tief Luft. „Während der Vorkriegszeit“, begann Fritz, „war das Pressegeschäft deines Vaters profitabel.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Zum Glück erwähnte Fritz den Hengst nicht.

„Pascasio war so stolz darauf, seinem Vater auf den Kanarischen Inseln – du weißt, dein Großvater Francisco Trujillo – zeigen zu können, dass er sein eigenes erfolgreiches Geschäft in Berlin hatte. Pascasio war stolz darauf, einen luxuriösen Opel zu fahren. Sein Vater, ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, hatte nur ein Pferd.

Am Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 war Deutschland ein besiegtes Land und wirtschaftlich zerstört. Die Alliierten zwangen Deutschland, unglaublich hohe Reparationen an Frankreich und Großbritannien zu zahlen. Außerdem erzwang der Versailler Vertrag, dass ein großer Teil von Deutschland abgetreten wurde. Millionen Menschen waren plötzlich arbeitslos.

Kein Wunder, dass sich so viele Menschen dem jungen, lautstarken Politiker Adolf Hitler zuwandten“, sagte Fritz. „Hitler gab Hoffnung und versprach Arbeit für das Volk. Fast alle stimmten für ihn und bald wurde Deutschland zu einem Wirtschaftsmotor. In dieser Zeit wurde das Geschäft von Pascasio noch erfolgreicher.“

Jedes Wort von Onkel Fritz nahm ich eifrig auf.

Er überraschte mich mit einer Frage.

„Wusstest du, dass Pascasio seine kubanische Mutter nach Deutschland holen wollte?“

Ich dachte einen Moment nach. Dann erinnerte ich mich an das Gespräch vor langer Zeit beim Frühstück, vor dem Krieg.

Fritz erzählte, die frühen 1930er Jahre seien eine Zeit gewesen, in der die Menschen in Deutschland in Aufbruchsstimmung waren. Es gab enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Deshalb plante Pascasio, seine kubanische Familie nach Deutschland zu holen. Glücklicherweise konnte sich Pascasios Mutter Ana (Fritz war sich ihres Namens nicht sicher) nicht zu dem Umzug nach Deutschland durchringen. Schließlich sagte sie ganz ab.

Onkel Fritz wusste so viel über meinen Vater. Ich konnte nicht genug bekommen. Die Pferde hatte ich jetzt ganz vergessen. Auf mein Drängen fuhr er fort.

In den frühen 1930er Jahren erlangte die neue NS-Regierung Kenntnis von Pascasios Nachrichtenagentur Servicios Periodísticos. Fritz konnte es nicht richtig aussprechen. Und sie versorgten ihn mit ‚Nachrichten‘. Diese sollten in die spanischsprachigen Gebiete in der Welt geschickt werden.

„Weißt du, worüber er geschrieben hat?“, fragte ich.

„Nun, ja, einiges davon. Pascasio sprach manchmal über Informationen, die er von der Regierung erhielt.“ Die meisten schienen von allgemeinem Interesse zu sein, zumindest am Anfang. Er schrieb über die florierende deutsche Filmindustrie, die UFA. Einige Geschichten beschäftigten sich mit dem Bau der Autobahnen, dem fortschrittlichsten Straßeninfrastrukturprogramm der Welt. Pascasio schrieb auch Artikel zur Vorbereitung auf die bevorstehenden Olympischen Spiele 1936 in Berlin und vieles mehr. Die spanischsprachigen Länder nahmen Deutschland zur Kenntnis.

Onkel Fritz erinnerte sich an einen Tag, an dem Pascasio ihm begeistert von einem bedeutenden Durchbruch erzählte. Als ausländischer Journalist nahm er an der Berliner Funkausstellung für internationale Medien auf dem Messegelände teil. Hitler hatte Anfang 1933 die Macht übernommen und die Ausstellung fand am 18. August 1933 statt. Stolz waren die Berliner auf den hundertfünfunddreißig Meter hohen Funkturm. Man kann den Funkturm heute noch sehen, wenn man über die Autobahn nach Berlin kommt.

Wie Onkel Fritz berichtete, hatte sich ein Beamter der neuen Regierung an Pascasio gewandt. Er hatte ihn zuvor schon bei Pascasios Vermieterin bei den Treffen einflussreicher Industrieller gesehen. Diese Person bot ihm die Möglichkeit, seinen Zeitungsdienst zu erweitern. Pascasio sollte nun auch einen wöchentlichen Radiokommentar beim Deutschlandsender III geben. Dieser betrieb einen leistungsstarken Kurzwellensender von Berlin aus für die ganze Welt.

Später las ich über den Deutschlandsender. Er wurde zu einem wichtigen Übertragungsmedium für Deutschland. Als Hitler 1933 an die Macht kam, übernahmen die Nazis die Kontrolle über die Medien. Die neuen Herrscher erkannten die Propagandamöglichkeiten, die der Rundfunk und die übrigen Medien boten. Die Regierung unterstützte Pascasios Entwicklung entsprechend – unter ihrer Kontrolle.

Onkel Fritz berichtete weiter, dass Pascasios wöchentliche Kommentare an spanischsprachige Zuhörer in Lateinamerika übertragen wurden. Pascasio Trujillo wurde zu einer vertrauten und lebendigen Stimme aus Deutschland und überall bekannt. Später, 1961, wurde mir das auf meinen Reisen durch Mittelamerika bestätigt. Ein lokaler Zeitungsredakteur, der uns während einer Abenteuerreise in einem VW-Bus in Panama interviewte, erinnerte sich an Pascasio Trujillo. Er sagte, dass sich viele Radiohörer an seine Kommentare aus Berlin erinnern, bis sie 1939 plötzlich aufhörten. „Pascasio war unser Mann in Berlin.“ Ein anderer Redakteur in Mittelamerika bestätigte dies. Bis 1936, rechtzeitig zu den bevorstehenden Olympischen Spielen, vergrößerte der Deutschlandsender seine Reichweite durch die Gründung des Olympiasenders in Zeesen, einer Tochtergesellschaft des Deutschlandsenders. Dieser wurde zum leistungsfähigsten Übertragungssystem der Welt.

Was für eine Geschichte! Wie ein Schwamm sog ich jedes Wort auf. Mein Vater war ein berühmter Korrespondent. Einige Leute erinnerten sich noch Jahrzehnte später an ihn. Pascasio wuchs in meiner Wertschätzung.

Die Dinge, die mir Onkel Fritz erzählte, wurden mir später beim Lesen von Teilen der deutschen Geschichte bestätigt. Nach dem rasanten Aufstieg Hitlers bat ihn Reichspräsident Hindenburg am 30. Januar 1933, der neue Reichskanzler zu werden. Hindenburg glaubte anscheinend, dass die Macht des hohen Amtes die extreme...



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