E-Book, Deutsch, 501 Seiten
Schmidt Todeszug & Todeswasser
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-123-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Fälle der Radioreporter Seiler und Göbel in einem Band
E-Book, Deutsch, 501 Seiten
ISBN: 978-3-98952-123-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Andreas Schmidt, geboren 1969 in Wuppertal, begann als Redakteur der Schülerzeitung schon früh mit dem Schreiben. Später arbeitete er als Journalist für zahlreiche Zeitungen und andere Medien, bevor er begann, sich ganz der mörderischen Unterhaltung zu widmen: »Ich liebe den Krimi, weil er so facettenreich ist!« Bei dotbooks veröffentlichte Andreas Schmidt seine Trilogie rund um das Wuppertaler Ermittlerduo Seiler und Göbel (»Todeszug«, »Todeswasser«, »Todesschnitt«; die ersten beiden Bände sind auch als Sammelband erhältlich), den Wuppertal-Krimi »Blutiger Ritus« sowie die Kriminalromane »Der Kopf des Toten« und »Tod mit Meerblick«, die den Leser in den Westerwald und an die Nordsee entführen. Auf für ihn ungewöhnlichen Pfaden wandelt Andreas Schmidt in »Wenn aus Chaos Liebe wird«, einer beschwingten Komödie - und beweist, wie meisterhaft er auch diese Tonart beherrscht.
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Kapitel 1
»Nächster Halt: Hammerstein!« Verzerrt klang Hans Zochs Stimme durch die Lautsprecheranlage der Schwebebahn, während er das Tempo des Zuges konstant hielt. Soeben überquerte der orange-blaue Lindwurm das Sonnborner Kreuz. Hell erleuchtet lag das bizarr anmutende Betongebilde mit seinen vierundzwanzig Brücken links neben der Schwebebahn. Auf der Autobahn floss der Verkehr vorüber, während der grauhaarige Zugführer das Geschehen aus der so genannten zweiten Ebene betrachtete. Mit gemischten Gefühlen erinnerte er sich an die Zeit, als der Verkehrsknotenpunkt entstanden war. Längst schon hatte man vergessen, dass die architektonisch wertvolle Sonnborner Kirche der Abrissbirne zum Opfer gefallen war, um den neuen Fahrspuren Platz zu machen. Auch zahlreiche Menschen hatten ihre Häuser verloren, da die Autobahn genau durch den kleinen Stadtteil Sonnborn verlaufen sollte. Diese traurige Tatsache hatte man in der damaligen Euphorie großzügigerweise totgeschwiegen.
Mit einem unterdrückten Seufzer auf den Lippen glitt Hans Zochs Blick über die Armaturen des Führerstandes. Alles in Ordnung – eigentlich hatte er auch nichts anderes erwartet. Ein langweiliger Spätdienst neigte sich dem Ende entgegen. In dieser lauen Sommernacht war zwar halb Wuppertal auf den Beinen, doch verbrachte man den wohlverdienten Feierabend lieber in einem gemütlichen Biergarten als in einem miefigen Schwebebahnzug. Als der Schwebebahnfahrer einen routinemäßigen Blick in den großen Panoramaspiegel über seinem Kopf warf, entdeckte er einen einsamen Mann mit ergrauten Schläfen. Er hockte in sich zusammengesackt auf der letzten Bank und schlief tief und fest. Der Mann wirkte irgendwie seriös in seinem Anzug, und dennoch konnte Hans Zoch nicht umhin, ihn mit einem mitleidigen Blick zu betrachten. Vermutlich war der Gute völlig betrunken. Den Kopf auf der Brust, die Arme verschränkt, schlief er in Zochs Bahn seinen Rausch aus. Immerhin nahm kein anderer Fahrgast Notiz von ihm. Zoch wusste nicht einmal, wann der Kerl im zerknitterten Sommeranzug zugestiegen war. Irgendwann hatte er einfach in seiner Schwebebahn gesessen. Wenigstens war er friedlich und randalierte nicht, denn sonst hätte Zoch ihn an die frische Luft setzen müssen. So aber würde er ihn bis zur Endstation Vohwinkel mitnehmen, um ihn dort in eines der wartenden Taxis verfrachten zu lassen. Eigentlich wirkte der Grauhaarige gar nicht wie jemand, der sich regelmäßig zulaufen ließ. Der Mann kam Hans Zoch bekannt vor. Es ging ihm wie schon hundertmal vorher: Er kannte den Fahrgast, ohne zu wissen, woher. Immerhin nutzten siebzigtausend Menschen pro Tag das Wuppertaler Wahrzeichen als Transportmittel, und da konnte er sich unmöglich jedes Gesicht merken.
Früher war er als Straßenbahnfahrer im Depot an der Ueldahler Straße stationiert gewesen. Nachdem die altmodische Wagenhalle geschlossen worden war, wurde er nach Heckinghausen versetzt. Für Hans Zoch durchaus von Vorteil, da er von nun an zu Fuß zur Arbeit gehen konnte. Sein ganzer Stolz war das Häuschen am Hammesberger Weg, das er mit seiner Hilde von den Ersparnissen gekauft hatte, um den beiden Kindern ein Heim im Grünen bieten zu können. Die kleine Welt war bis zu dem Tag in Ordnung gewesen, an dem die Stadtwerke die Stilllegung des kompletten Wuppertaler Straßenbahnnetzes beschlossen hatten. Die Züge waren hoffnungslos veraltet und mussten dringend erneuert werden. Auch das Schienennetz war störanfällig geworden und hätte einer Überholung bedurft – ein aus kaufmännischer Sicht unsinniges Unterfangen. Sogar der Kauf einiger gebrauchter Bahnen aus Dortmund brachte nur einen Aufschub. So kam es, wie es kommen musste: Nach unzähligen Ratssitzungen beschloss man, dass die definitiv letzte Straßenbahn in der Nacht zum 31. Mai 1987 über die brüchige Tal-Achse rumpeln sollte. Das bestehende Liniennetz wurde fortan von einer Flotte nagelneu angeschaffter Gelenkbusse bedient. Hans Zoch kam sich plötzlich überflüssig vor. Er schien am Ende seiner beruflichen Laufbahn angelangt zu sein, und nur ungern erinnerte er sich an diese Zeit. Er hatte zu oft und zu viel getrunken.
Zwar hatte man ihm eine Stelle als Busfahrer in der neuen Nächstebrecker Wagenhalle angeboten, den Vorschlag aber rasch zurückgezogen, als man von seinen Alkoholproblemen erfuhr. Außerdem wäre es nie sein Ding gewesen, einen überfüllten Linienbus durch die engen Straßenschluchten von Wuppertal zu quälen. Andererseits war das Haus noch nicht ganz abbezahlt. Vorsichtig hatte er sich nach einer Stelle als Schwebebahnfahrer erkundigt – das kam seiner guten alten Tram ziemlich nahe, wie er wehmütig meinte. Er hatte Glück gehabt und durfte – nach rund 65 Fahrstunden beim einzigen Schwebefahrlehrer der Welt – endlich hinters Steuer. Seitdem betrachtete er seine Stadt aus der zweiten Ebene. Sanft schwingend am lindgrünen Gerüst der Bahn hatte er mit Staus und dem Gewimmel in der Innenstadt herzlich wenig am Hut. Da die Bahn nur tagsüber verkehrt, fielen fortan keine Nachtschichten mehr für Zoch an. Ein weiterer Vorteil für ihn, denn aus dem hektischen, zu cholerischen Anfällen neigenden Hans Zoch war ein besonnener, ausgeglichener Mann im besten Alter geworden. Zoch war mit sich und seiner kleinen Welt zufrieden und konnte sich bis zu seiner Rente nichts anderes mehr vorstellen, als Schwebebahn zu fahren. Sicherlich gab es aufregendere und anspruchsvollere Jobs, doch er fühlte sich wohl, und nur das zählte.
Als die Station Hammerstein in Sicht kam, erwachte Zoch aus seinen Betrachtungen und zog den Fahrhebel der Bahn etwas zurück. Kaum spürbar verzögerte der Zug. Auf dem Bahnsteig wartete nur ein älterer Mann mit roter Säufernase im Jeansanzug. Zoch betätigte den Mechanismus, der die Türen der Bahn öffnete. Der kleine Schwarzweißmonitor rechts am Fahrerstand flammte auf, und er konnte über eine auf dem Bahnsteig installierte Kamera den Fahrgastwechsel überwachen. Zoch drehte sich um und warf einen Blick nach hinten in das Innere der Bahn. Der Betrunkene auf der letzten Bank schlief immer noch tief und fest. Nun, ihm sollte es egal sein.
Inzwischen hatte er das Strecke frei-Signal erhalten. Nachdem der Fahrgastwechsel abgeschlossen war, verschloss Hans Zoch die Türen und drückte den Fahrhebel vor. Die Laufwerke auf dem Dach der Bahn surrten kaum vernehmlich. Ein leichter Ruck durchlief die Bahn, dann rollte sie aus der Station. Jetzt lag die Kaiserstraße unter ihm. Von der Straße her dröhnten Technorhythmen an seine Ohren. Als er sich im Fahrersitz vorbeugte, erkannte er ein knallrotes BMW-Cabrio, das fast genau unter seiner Schwebebahn nach Westen rollte. Etwas irritiert blickte Hans Zoch in die beleuchteten Fenster der bunten Hausgiebel, an denen die Bahn vorüberrollte. Nein, es bestand kein Zweifel; der Lärm drang aus dem offenen Sportwagen zu ihm hinauf.
In der warmen Nacht waren noch zahlreiche Spaziergänger unterwegs. Vergnügt zogen sie von Kneipe zu Kneipe oder belegten die zahlreichen Tische der Straßencafés und Eisdielen der Kaiserstraße. Nun sah Zoch, wie sich einige Passanten die Hälse nach dem BMW verrenkten. Scheinbar unbewusst hielt der Fahrer des Cabrios das gleiche Tempo wie die Schwebebahn über seinem Kopf. Auf der Höhe des Eissportzentrums erkannte Zoch endlich den Fahrer; einen braungebrannten Typ mit offenem, weißem Hemd. Die schulterlangen, dauergewellten Haare flatterten im Fahrtwind. Zoch sah im Licht der Straßenlaternen eine goldene Armbanduhr glitzern.
»Zuhälter«, entfuhr es dem Schwebebahnfahrer abfällig, als er sah, wie der Typ ein offensichtlich intensives Gespräch mit seiner jungen, hübschen Beifahrerin führte. Er redete mit übertriebenen Gesten auf die Frau ein und schaute sie viel zu lange an, anstatt sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Immer wieder landete seine behaarte Pranke auf dem nackten Knie der jungen Frau, der diese Berührungen anscheinend unangenehm waren, denn geschickt wich sie immer wieder aus und brachte ihre Beine aus der Gefahrenzone. Wie Zoch schätzte, war sie Anfang dreißig. Höchstens. Ihr blondes Haar trug sie sportlich kurz. Als ihr die Annäherungsversuche ihres Verehrers zu bunt wurden, zog sie das geblümte Sommerkleid herunter.
»Widerling«, zischte Zoch kopfschüttelnd.
Das bunte Licht von unzähligen Leuchtreklamen der Geschäfte warf bizarre Schatten auf die blank polierte Motorhaube des Cabrios, während Hans Zoch das offenbar ziemlich einseitig verlaufende Gespräch zwischen den beiden von oben beobachten konnte. Es schien, als hätte das junge Paar unter ihm Streit oder zumindest eine Meinungsverschiedenheit. Wiederholt schüttelte die junge Frau trotzig den Kopf und blickte scheinbar gelangweilt aus dem Seitenfenster, während sich ihr Verehrer immer wieder weit zu ihr hinüberbeugte. Dass sich der Cabrio-Fahrer mehr auf die junge Frau neben sich konzentrierte, als auf den fließenden Verkehr, bemerkte er erst, als er um ein Haar auf einen langsam vor ihm herfahrenden Wagen aufgefahren wäre, der einen freien Parkplatz zwischen den Schwebebahnpfeilern suchte. Der BMW geriet ins Schlingern. Zoch vernahm das Kreischen der Reifen bis in den Führerstand der Bahn. »Idiot«, brummte er und lehnte sich in seinem Sitz zurück. Was gingen ihn die Streitigkeiten anderer Leute an?
Die Haltestelle Bruch kam in Sichtweite, und Zoch drosselte das Tempo, als die Bahn in die menschenleere Station einlief. Auch hier konnte sich der Betrunkene von der letzten Bank nicht dazu aufraffen, endlich auszusteigen.
»Also doch ein Taxi an der Endstation«, murmelte Zoch Gott ergeben und rollte mit den Augen. In wenigen Minuten hatte er Dienstschluss, sollten sich doch andere um den Heini kümmern! Seelisch bereitete er sich schon auf einen gemütlichen Feierabend auf der Terrasse seines...




