Schmidt | Von Ziegen, vom Fliegen, vom Scheitern und vom Siegen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Schmidt Von Ziegen, vom Fliegen, vom Scheitern und vom Siegen

Kurze und längere Geschichten aus dem Kopf und aus dem Leben
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-31211-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kurze und längere Geschichten aus dem Kopf und aus dem Leben

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-31211-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch erfreut mit einer abwechslungsreichen Zusammenstellung von spannenden, emotionalen und heiteren Geschichten aus dem wahren Leben und der Fantasie des Autors. Zu den Highlights zählen sicher die Geschichten von der Erfindung des 'TestoZerons', die drei Frauen gelingt und ungeahnte Folgen zeitigt.

Akono Schmidt ist ein Pseudonym. Geboren 1951 in Hamburg, verheiratet, Vater von zwei Kindern und alles in allem ein glücklicher Mensch, der immer auch an andere denkt.
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Jelena (1995)

Es war gegen zwei Uhr nachts in einer kleinen alten Stadtvilla in der Luisenstraße in Hamburg.

Wolfgang Schuster zog sich die Bettdecke vom Kopf und lauschte in die Stille des Hauses. Neben ihm lag seine Frau. Unruhig drehte sie sich von einer Seite auf die andere. Auf der nahegelegenen Bundesstraße fuhr ein schwerer Lastwagen vorbei und ließ die beiden Glasmobiles am Schlafzimmerfenster vibrieren. „Nein!“, hörte er aus dem ersten Stock. „Nein! Geht weg! Hilfe! Nein, nein, nein!“ Schuster wälzte sich schlaftrunken aus dem Bett, warf sich den Bademantel über und hastete zur Tür.

„Wolfgang?“, kam es aus dem Bett hinter ihm.

„Sie träumt wieder“, raunte er halblaut zurück, verließ das Zimmer und nahm zwei Stufen der Treppe nach oben auf einmal.

Leise öffnete er die Tür, hinter der jetzt nur ein wimmerndes Schluchzen und gelegentlich ein paar unverständliche Wortfetzen zu hören waren. Schuster blickte zu dem Bett neben dem Fenster, das trotz der geschlossenen Vorhänge durch die vor dem Haus stehende Straßenlaterne noch schemenhaft zu erkennen war. Die Bettdecke war ein einziges großes Knäuel, das von zwei dünnen Armen umschlungen an die Brust eines jungen Mädchens gepresst wurde. Das Kind war schweißnass, halblange pechschwarze Haare klebten an seiner Stirn.

Schuster setzte sich auf die Bettkante, legte eine Hand sanft auf den bebenden Rücken und sagte „Ist ja gut, Jelena. Alles wird wieder gut. Du brauchst keine Angst mehr zu haben ...“ Das Mädchen schlug die Augen auf.

„Nicht!“, sagte sie schroff und schob Müllers Arm energisch beiseite.

„Aber Jelena …“

„Lass mich“, kam es etwas verbindlicher, aber sie rückte zugleich ein Stück weiter von ihm ab und behielt eine Spannung im Körper, die keine weitere Annäherung zuließ.

„Jelena“, kam eine ruhige Frauenstimme von der Tür. „Alles klar?“

„Ich hatte Angst gehabt“, sagte die Kleine entschuldigend und mit einem vertrauensvollen Blick auf Wolfgangs Frau Jutta.

Jutta kam von der Tür herüber, setzte sich neben ihren Mann auf dem Bettrand, streckte ihre Arme nach dem Mädchen aus, zog es zu sich heran und legte seinen Kopf in ihren Schoß. „Willst du mit uns über deinen Traum sprechen?“ Jelena schüttelte den Kopf. „Willst du mit mir allein darüber reden?“

„Nein.“

„Ist gut, mein Schatz“, sagte Jutta und strich der Kleinen liebevoll die klebrigen Haarsträhnen aus der Stirn. „Meinst du denn, dass du nun wieder schlafen kannst, ohne dass die bösen Träume wiederkommen?“

„Ja“, sagte Jelena leise und legt ihre Hand auf Juttas Unterarm.

„Na schön,“ meinte Wolfgang mit trockener Stimme, erhob sich vom Bettrand und streichelte dem Mädchen kurz übers Haar. „Dann werde ich mich mal wieder verziehen. Schlaf gut, Jelena, und lass uns hoffen, dass morgen die Sonne wieder scheint.“ Er gab seiner Frau einen freundlichen Klaps auf die Schulter und ging mit schweren Schritten die Treppe hinunter.

Als Jutta einige Minuten später im ehelichen Schlafzimmer eintraf, fand sie ihren Mann bei Licht aufrecht sitzend im Bett. Das Kopfkissen, dass er sich sorgfältig hinter den Rücken gestopft hatte, ließ darauf schließen, dass er sich für länger eingerichtet hatte. Sie wusste, was nun kam.

„Sei nicht gekränkt, Wolfgang“, griff sie ihm vor, kroch unter ihre Decke und legte ihren Kopf an seine Schulter. „Es hat bestimmt nichts mit dir zu tun, es liegt an ihrer Vergangenheit.“

„Glaube ich ja auch, aber trotzdem finde ich es traurig, dass sich unser Verhältnis überhaupt nicht weiterentwickelt.“

„Ja, das stimmt, es ist schwierig mit euch beiden, aber insgesamt ist sie doch schon wesentlich zugänglicher als am Anfang.“

„Zu dir.“

„Zu dir auch. Guck mal, sie lässt sich sogar schon manchmal streicheln, wenn...“

„... wenn sie bei dir im Arm liegt. Ich muss ehrlich sagen, nach drei Jahren Therapie erwarte ich allmählich schon etwas mehr.“

„Wolfgang, es gibt Erwachsene, die laufen zehn Jahre zur Psychotherapie und haben den Schutzpanzer um ihre verletzte Seele noch nicht öffnen können. Wir dürfen Jelena gegenüber nicht ungerecht sein.“

„Ich weiß nicht, ob ich das noch Jahre aushalte. Hoffentlich war es kein Fehler, die Kleine aufzunehmen. Es ist furchtbar, wenn man jemandem Liebe entgegenbringt und immer zurückgewiesen wird.“

„Ja, das ist schlimm, aber heißt Liebe nicht auch Geduld zu beweisen? Liebe kann man nun einmal nicht erzwingen.“

„Weiß ich.“

Sie wartete ein paar Sekunden: „Wollen wir wieder schlafen?“

„Ja.“

„Ich liebe dich.“

„Danke.“

Wolfgang löschte das Licht, drehte sich auf seine Einschlafseite und Jutta kuschelte sich an seinen Rücken.

II.

Ein fisseliger Sprühregen wurde in Böen an die Fenster geweht und hatte Mühe, sich dort zu Tropfen zu sammeln, die schwer genug waren, um in nassen Bahnen nach unten laufen zu können. Wolfgang blickte missmutig auf die fast blinden Scheiben und kaute lustlos an seinem Frühstücksbrötchen. „Das soll nun das Frühjahr sein?“, nörgelte er.

Jelena sah ihn mit ernsten Augen an: „Es ist schon das vierte Frühjahr, das ich in Hamburg lebe, und alle waren so wie diese.“

„Quatsch!“, kam es etwas zu energisch zurück. „Vor zwei Jahren hatten wir im Mai schon 22 Grad und in Süddeutschland hat es gegossen wie bei der Sintflut.“ Wolfgang hatte es gar nicht gern, das Hamburg in dem Ruf von immer schlechtem Wetter stand. Was hatte er schon für herrliche Sommer hier erlebt, das war manchmal schon zu viel des Guten gewesen!

„Bei uns war es immer warm im Mai, mit blauem Himmel und Sonnenschein.“

Er merkte, wie ihm der Bissen im Hals stecken blieb. Für den Bruchteil einer Sekunde ließ er seinen Blick von Jelena zu Jutta fliegen. Die saß da, strich sich Honig auf ihr Brot und hatte, das registrierte er sofort, ein kleines schelmisches Grinsen um die Mundwinkel.

„Bei uns.“

Jelena hatte diese Wörter zum ersten Mal in den Mund genommen.

Wolfgang würgte seinen Bissen hinunter und sagte so normal, wie er konnte: „Ja, bei euch! Das glaube ich gern. Bei euch ist die Sonne ja auch zu Hause, hier ist sie nur mal zu Besuch.“

„Hm.“ Jelena nickte.

Gespannt blickte er auf die Kleine, die nun auch schon zwölf Jahre alt war, und ließ sein Gehirn auf Hochtouren laufen, um einen unverfänglichen Weg zur Fortsetzung des Gesprächs zu finden.

„Und wieviel Grad hatte es denn im Sommer bei euch, weißt du das?“

„Keine Ahnung“, zuckte sie lustlos die Achseln. „Was machen wir heute an diesem Scheißwettersonntag?“

Sie hatte die Schotten wieder dichtgemacht und Wolfgang war sensibel genug, es zu bemerken. Dennoch konnte er sich ein „Auch keine Ahnung“ nicht verkneifen.

„Wir könnten in die FunTime-Therme fahren“, schlug Jutta vor.

„Oh ja“, freute sich Jelena, „das ist cool.“

„Bei dem Scheißwetter nach Lehnhagen juckeln?“, nörgelte Wolfgang.

„Ich fahre!“, bot Jutta an, „und schwupps haben wir das Frühjahrsgefühl, das ihr gerade so vermisst habt.“

„Frühjahr aus der Retorte“, mäkelte ihr Ehemann.

„Was heißt das denn?“, wollte Jelena wissen.

„Er meint, dass das Klima in dem Hallenbad künstlich ist.“ Und an den Nörgler gewandt: „Du musst ja nicht mit, Wolfgang. Wenn du lieber hierbleiben möchtest, können wir auch alleine fahren und du gönnst dir ein wenig Ich-Zeit.“

„Nee, nee, hab ja auch keine bessere Idee – und allein zu sein kann ich heute überhaupt nicht ab.“

Jutta klemmte sich hinter das Steuer und nahm Kurs auf Lehnhagen. Für sie als Versorgungs-Managerin führte die Route über Penny und den türkischen Gemüsehändler, vorbei an Karstadt, dem Spielwarengeschäft und am Haupteingang der Volkshochschule – denn da musste dann irgendwo die Auffahrt zur Autobahn sein. Wolfgang und Jelena sahen sich vielsagend an. Beide wussten, dass man auf direktem Wege sicher fünf Minuten früher an der Autobahn hätte sein können, aber sie wussten auch, dass Jutta bezüglich ungefragter Wegbeschreibungen ziemlich unleidlich war. Sie entdeckte die Auffahrt in der vermuteten Gegend, schaltete die Scheibenwischer eine Stufe höher und...



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