Schmidt | Wovon Motten träumen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 488 Seiten

Schmidt Wovon Motten träumen


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-1996-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 488 Seiten

ISBN: 978-3-7543-1996-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Michelle schläft seit geraumer Zeit nicht mehr. Stattdessen schleppt sie sich ziellos durch die Straßen einer verwüsteten Erde. Notdurft treibt sie in die Arme ihrer entfremdeten Schwester, die in einem bizarren Kult haust. Dort betet man eine geheimnisvolle Droge an, die denjenigen, die sie einnehmen, gemeinsame Träume beschert. Eine Reihe von Todesfällen erschüttert bald das Traumkollektiv. Als Michelle tiefer in die Rätsel der Traumwelt eintaucht, merkt sie, dass ihnen allen ein Albtraum bevorsteht, der seine Wurzeln auch tief in der echten Welt geschlagen hat.

Da C. R. Schmidt eine Wette mit sich selbst verloren hat und seitdem jedes Jahr seines Lebens ein Buch schreiben muss, hat er für einige seiner mittlerweile überwuchernden Manuskripte den Weg des Self-Publishings gewählt. Seine monströsen Experimente, die eine ausgewogene Mischung aus feinen, handverlesenen und ohne Genmanipulation hergestellten Phantastikelementen enthalten, wird er deshalb in den kommenden Jahren im Eigenverlag auf den Markt bringen. Der Autor gedeiht, seit er Kiel verlassen hat. Hamburg scheint ihm gut zu tun.
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2. KAPITEL


Ihre Schwester zu finden erwies sich als überraschend schwierig. Ein Terminal, das sie natürlich darauf hinwies, dass sie einen Job finden musste, spuckte nicht viel hilfreiche Informationen aus. Sie hatte nur wenige Anhaltspunkte, anhand derer sie Andrea finden konnte. Ihren Namen einzugeben reichte nicht, und das Verlangen nach Auskünften über Familienmitglieder war kein Grund, den ein Terminal akzeptierte.

Ihr Zustand nagte an ihr. Ab und zu verschwammen die Lichter des Terminals vor ihren Augen.

Sie suchte nach religiösen Einrichtungen und ließ die Kirchen ausblenden. Andrea lebte noch immer in New Chicago, zumindest hatte sie das letztes Jahr gesagt, aber die Stadt war gigantisch. Religiöse Einrichtungen, minus Kirchen, gab es noch immer über 100 Stück. Andrea glaubte, dass die KI bei all den Suchbegriffen an ihre Grenzen kommen würde, aber sie hielt stand.

Eine Schlange bildete sich zum Glück nicht hinter ihr, immerhin war es tiefste Nacht. Einzelne verlorene Seelen schlichen umher, aber sie ließen Michelle in Frieden. Terminals zeichneten alles auf, und wer hier Ärger machte, den sackten die Imperialen Minuten später ein. Das hier war einer der sichersten Orte, an dem sie sein konnte.

Die Suche wurde eingegrenzt, und jede Option, jede bekannte Vokabel mit religiösen Konnotationen, die auch nur annähernd passte, wurde in Betracht gezogen. Keine Tempel, keine Moscheen, keine Pilgerorte, aber große Kommunen sollten es sein, imperial geduldet. Der Terminal ließ sogar einen kleinen Hinweis darüber fallen, dass die Behauptungen dieser Kirchen nicht empirisch bewiesen werden konnten, und dass von einem Besuch abgeraten wurde, was ihr ein schnaubendes Lachen entlockte. Und nach einer guten Viertelstunde stand es fest: Fünf Ziele kamen in Frage, und diese waren stellenweise zehn Meilen von ihr entfernt. Sie las sich die Namen gut durch und ließ sie sich auf ihren Chip laden.

Ein waschechter Brei von Wahnsinnigen, fand sie, und für einen kurzen Moment kamen ihr Zweifelsgedanken dazwischen. War es das wirklich wert, eine potentielle Hirnwäsche, mit neuen Drogen, ein Kult, eine Sekte, devotes Verhalten gegenüber einem Anführer, eine Bleibe, die sie nie würde verlassen können? War das besser oder schlechter als ihre Alternativen?

Sie schluckte und ließ sich eine Route zur nächsten Kommune berechnen. Fünfeinhalb Meilen, zu Fuß, dem Sonnenaufgang entgegen.

Es drohte schon wieder Abend zu werden. Ihre Füße waren ein knochiger Brei Schmerzen. Der Beutel über ihrer Schulter schien sich langsam aber sicher in ihre Schulter zu schneiden.

Gaias Kinder stellten sich als Niete heraus. Man wollte sie schon beinahe mit einem Plastikblumenkranz um den Hals begrüßen, doch sie verlangte nur nach Andrea D'Arby. Man gab seinen Namen ab, wenn man sich in die Arme der Kinder begab, und man musste sich seinen neuen Namen auf den Hals tätowieren lassen, so hatte man es ihr dargestellt. Andrea hatte kein Tattoo gehabt, also war sie schnell wieder gegangen. Man hatte versucht, an ihrem Arm zu zerren, aber Michelle war bereit gewesen, zu schreien und zu beißen, und sie hatte es ihnen lautstark mitgeteilt.

Nach den viel umgänglicheren Neo-Buddhisten machten sich in ihr noch mehr zehrende Gedanken breit. Suchte sie überhaupt nach den richtigen Kommunen? Was, wenn sich alle fünf Ziele als Nieten herausstellten? Die Neo-Buddhisten gaben sich als einen sicheren Zielhafen aus, und sie wirkten deutlich sympathischer als der letzte Kult, doch auch, wenn man hier seinen Namen behalten durfte, war keine Spur von Andrea.

Die Metaphysisch-Lebensbejahenden Bürger waren Freaks in Weiß, die Michelle nur mit Kind ansprachen. Die Auskunft war nicht vonnöten, da die kleine Kommune nur neunzehn Bewohner hatte, die sich ihr alle persönlich vorstellen wollten. Sie schüttelte freundlich einige Hände, machte dann aber schnell kehrt.

Nun erschien am Horizont das Gebäude, das sie offenbar korrekt als das identifizierte. Ihr Chip im Handgelenk teilte ihr die Ankunft durch Vibrationen mit. Es war ein Hochhaus, ein ganzer Häuserblock, und im Gegensatz zu den restlichen Kommunen alles andere als feierlich oder erhaben inszeniert. Der Eingang lag hinter zwei schweren Eisentüren, wie sie aus der Entfernung erkannte. Zwei Gestalten standen davor, rauchten Zigaretten und plauschten dabei. Über dem Eingang war ein großes Schild mit einem Symbol angebracht:

Es dauerte nicht lange, bis die Aufmerksamkeit der beiden Wachen von ihrem Gespräch auf die Frau im viel zu großen Mantel überging. Sie kam langsamen Schrittes näher, und sie hörte noch, wie das unterhaltsame Gespräch der beiden verstummte.

Ihre Füße waren fleischgewordener Schmerz, und sie humpelte beim Gehen. Der letzte Stopp bei einem Rationenterminal war schon etwas her, und die Flasche Wasser, die sie in eine ihrer Manteltaschen gestopft hatte, war schon längst leer. Wenn dies nicht die letzte Station war, dann würde sie direkt vor den Toren dieses grauen Giganten von einem Haus zusammenbrechen und schlafen, völlig egal was diese Wachen dazu sagten.

Ihre Sicht war etwas verschwommen, doch nun erkannte sie Details bei den beiden Wachen. Ein Mann, eine Frau, zumindest vermutete Michelle das, beide trugen Jeans und T-Shirt. Die Frau, sportlich, muskulös, struppige, braune Kurzhaarfrisur, trug einen Tonfa an ihrer Seite. Die geholsterte Schusswaffe am Gürtel des bulligen Kerls neben ihr entging Michelle auch nicht.

Diese Sekte war bewaffnet. Das war neu, und es machte ihr nicht gerade Mut. Sie wusste, was passieren konnte, wenn sich Fanatiker bewaffneten, aber andererseits gab es schlimmere Probleme in dieser Stadt.

Als sie vielleicht nur noch zwanzig Meter von dem Gebäude trennten, begannen die beiden Wachen sich einige Schritte vom Gebäude zu entfernen und sich aufzustellen.

»N'Abend«, sagte Michelle, die möglichst versuchte, zu vertuschen, wie nahe sie der Erschöpfung und einem Nervenzusammenbruch war. Eigentlich hätte ihr Herz wild pochen müssen, doch sie war zu müde, um sich zu fürchten.

»Was können wir für dich tun?«, fragte die Frau. Ihr Gesicht war kantig und hager. Ihr Tonfall reflektierte nicht die höfliche Formulierung.

Michelle kam nun näher und machte einige Meter vor den beiden halt. Sie stemmte sich kurz in die Oberschenkel und atmete durch. »Ich will nicht stören, aber ich glaube, meine Schwester wohnt hier. Ich muss sie dringend sprechen.«

Die beiden tauschten einen Blick aus. »Schöner Mantel«, sagte die Frau. »Wie siehst du ohne aus?«

Michelle verzog ihr Gesicht. Sie streifte sich den Beutel von ihren Schultern, warf ihn auf den Boden und warf den Mantel hinterher, nachdem sie ihn ausgezogen hatte. »Was auch immer ihr denkt: Ich will nur meine Schwester sprechen.«

Noch ein Blick wanderte zwischen den beiden umher. »Wer ist deine Schwester?«, fragte die Frau. Ihre kalten Augen reichten aus, um doch etwas Furcht in Michelle aufkommen zu lassen.

»Andrea. Andrea D'Arby. Ich bin Michelle. Selber Nachname.«

Blicke wurden ausgetauscht. »Blume, glaube ich«, sagte der bullige Kerl. Seine Glatze spiegelte sich im Licht der untergehenden Sonne.

Die Frau holte ein Funkgerät hervor, aber nicht, ohne ihre Augen von der beinahe bibbernden Michelle zu nehmen. »Eric«, sagte sie. »Haben wir eine Andrea …?« Sie streckte ihre Hand aus und wedelte sie.

»Andrea D'Arby.«

»D'Arby. Andrea D'Arby.«

Nach einer kurzen Pause kam ein knarzendes Geräusch aus dem Funkgerät. »«, eine krächzende Männerstimme, gefolgt von dem Klackern eines Keyboards, hier ein geflüsterter Seufzer, da ein Klick. »«

»Danke.« Die Frau pausierte kurz, musterte Michelle weiterhin, wie sie dort in einem Tanktop und löchriger, viel zu großer Jeans stand, vollgeschwitzt, miefend, ihr gesamter Besitz vor ihren Füßen. »Hör mir zu. So wird das jetzt ablaufen: Deine Sachen, die bleiben erstmal hier. Bruno hier wird dich abtasten. Nach dem Scan lotse ich dich direkt zu Andrea. Meine Augen kleben an deinem Hinterkopf, und wenn ich , auch nur irgendetwas, Faules rieche, dann verlässt dein Arsch dieses Gebäude nur noch als Düngermittel. Haben wir uns verstanden?«

Michelle nickte.

»Dann komm.«

Die schweren Tore schlossen sich elektronisch hinter ihnen, und dort war ein reges Treiben in den Korridoren des Hauses. Die Wände waren kahl, hier und da waren krude Zeichnungen zu finden, aber kein Graffiti, keine Initialen, keine Geschlechtsteile. Die Leute gingen durch die Korridore, lächelten, grüßten einander, auch die Wache, die einige Schritte hinter Michelle ging und die Richtung ansagte. Hier waren waschechte Apartments, an manchen...



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