Schmidtke | Es ist nicht alles so scheiße, wie du denkst | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Schmidtke Es ist nicht alles so scheiße, wie du denkst

30 Gründe, warum die Welt heute besser ist als früher
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7453-1056-6
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

30 Gründe, warum die Welt heute besser ist als früher

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-7453-1056-6
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Haben Sie auch das Gefühl, dass alles immer schlimmer wird? Dann freuen Sie sich! Dieses amüsante Buch beweist nämlich: Sie liegen völlig falsch. Wenn Sie gerne sicher, gesund und zufrieden leben, ist heute die beste Zeit dafür. Fast alles wird immer besser, belegt der Autor anhand aktueller Zahlen, und es gibt viele Fortschritte, die man völlig übersieht: den Rollkoffer, saubere Autobahn-WCs oder makellose Zähne. Kaum jemand schlägt heute noch seine Kinder, wir riechen besser, und Handys verhindern Gewalt. Wir sind sogar intelligenter als unsere Vorfahren - wer wollte da widersprechen? Wir haben die Welt verbessert und es gar nicht gemerkt.

Henning Schmidtke ist Kabarettist, Musiker und Autor. Neben seinen Solo-Programmen schreibt er auch Texte und komponiert Musik für Comedians. Er gewann mehrere Kleinkunstpreise und hatte zwei Jahre lang eine Kabarett-Kolumne beim Sender ZDFinfo. Außerdem produziert er Kinder-Radio-Comedy für WDR, NDR und BR.
Schmidtke Es ist nicht alles so scheiße, wie du denkst jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Behinderte


Vor zehn Jahren erlebte ich bei einer Open Stage einen blinden Stand-up-Comedian, dessen Name mir leider entfallen ist. Sein Einstieg: »Eine Frau meinte neulich zu mir: ›Das muss echt schwierig sein, sich ein Leben lang nur mit dem Stock zu orientieren.‹ Und ich zu ihr: ›Nee, ohne Stock wär schwierig!‹« Behindertenwitze finde ich klasse, sie sind nämlich sehr fortschrittlich und wichtig – wenn sie gut sind. Ein guter Witz trägt bei zur Inklusion von Behinderten. Inklusion kommt von lateinisch »inkludere«, was »einschließen« bedeutet – das ist ein sehr schlechter Witz, denn genau das hat man viel zu lange mit behinderten Menschen gemacht: irgendwo einschließen. Aber Behinderte soll man nicht wegsperren, sondern abschaffen!

Meinen ersten Tag als Zivi in einer Behindertenwerkstatt vergesse ich nie. Ich war den Anblick Behinderter nicht gewohnt und musste erst einmal tief durchatmen, denn hier waren sie konzentriert auf engstem Raum. Aber schon nach wenigen Tagen legte sich das. Hat man am ersten Tag noch Angst vor dem schlurfenden Wesen mit dem mahlenden Kiefer und den Stielaugen, sieht es nach einer Woche schon anders aus. Man weiß nun, das ist der Lutz, der arbeitet in der Kugelschreibergruppe, mag nicht so gerne Apfelkompott, und statt zu sagen: »Find ich gut!«, drückt er sich an die Brust des anderen. Außerdem tanzt er jeden Freitag. Und warum sollte man Angst vor einem Mitglied der Tanzgruppe haben? Udo war ein massiger junger Mann mit Downsyndrom, der nur mit wenigen Worten kommunizierte. Man durfte ihn nicht mit kompliziertem Satzbau behelligen, beim ersten Nebensatz war er raus – gewissermaßen der klassische BILD-Leser. Was er zu sagen hatte, kapierte man auch so. Einmal stellte er sich demonstrativ vor mich, atmete tief ein und sagte: »Samstag – Udo – Berlin!«, das Ganze mit einem »Da-staunste-was?«-Tonfall. Dann wiederholte er die Worte noch zweimal, damit ich auch richtig neidisch werde. Am Montag darauf war ich gespannt zu hören, was Udo in Berlin erlebt hatte. Als er dann aufgeregt auf mich zustampfte, machte ich mir ernsthaft Sorgen. »Udo – Berlin ...« – und dann folgte nur noch Gebrüll. Er bog seinen Oberkörper hin und her, legte den Kopf in den Nacken, trommelte auf die Brust, brüllte herum, dann kreisten seine Hände um ihn herum, während die Zeige- und Mittelfinger zu flattern schienen. Schließlich biss er sich theatralisch in die Hand. Ich alarmierte sofort den Gruppenleiter Kurt, Udos wichtigste Bezugsperson. »Was um Himmels willen ist denn nur passiert in Berlin?« Kurt antwortete so beiläufig, als hätte ich ihn nach einem Bleistift gefragt: »Nichts.« – »Was meinst du mit nichts?« – »Udo hat nur Fernsehen geguckt. King Kong.« Und schon war alles klar. Udo wiederholte seine Show noch einmal für mich, und tatsächlich: Man sah jetzt alles vor sich. King Kong, umschwirrt von Flugzeugen und Fingerhubschraubern, nach denen er greift und schnappt, dann verwandelt er sich in kreischende Menschenmassen und wieder in Flugzeuge. Man musste nur genau hinsehen. Ich rief aus: »Ah, das ist King Kong!« Udo machte ein erleichtertes »Naaaa ... !«, wendete sich ab und ließ mich stehen wie den letzten Idioten – der ich ja auch war. Udo verstand unsere Sprache ganz gut, wenn es nicht zu kompliziert wurde, aber ich verstand seine Sprache nicht mal im Ansatz. Ich hatte noch viel zu lernen in der Behindertenwerkstatt.

Inklusion meint einschließen im Sinne von »in unsere Mitte nehmen«. Behinderte sollen auch dabei sein. Nicht wie früher, als man sie, wo man konnte, wegsperrte. Und gar keine Witze über Behinderte zu machen, ist eine soziale Form des Wegsperrens. »Der ist so anders, so bizarr, über den darf man nicht mal Witze machen!« Witze über Behinderte dürfen kein Tabu sein! Ausnahme sind Analphabeten, darüber macht man keine Witze, das ist ungeschriebenes Gesetz.

Die Werkstätten, in denen ich Zivi war, befanden sich in Osterode, 15 Kilometer von meinem Dorf entfernt. Jeden Morgen brachte ein Bus ein knappes Dutzend Menschen aus unserem Dorf dorthin. Und schon in der Grundschule lernte ich die ersten Witze.

Steck mal beide Zeigefinger in den Mund, zieh die Mundwinkel auseinander und frag mich: »Wie komm ich am besten nach Osterode?«

Hie hommif em iftn no Offterowe?

Mit dem Behindertenbus. Ahahaha!

Kategorie schlechter Witz. Das war nicht progressiv, es war nur diskriminierend. Behindert, Mongo, Spasti – diese Wörter waren scharfe Munition bei der verbalen Abwertung des Gegners. Oder ganz kurz auch »Zabel« bei uns. Zu der Zeit lief nämlich im deutschen Fernsehen eine bemerkenswerte Serie mit dem Titel Unser Walter. Die Hauptfigur Walter Zabel ist ein Kind mit Downsyndrom, was man damals noch »mongoloid« nannte. Erstmals wurde im deutschen Fernsehen gezeigt, wie eine Familie darum kämpft, dass ihr behinderter Sohn als gleichwertig anerkannt wird und so autonom wie möglich leben darf. Die Serie begleitet Walter von seiner Kindheit über die Jugend bis zum Erwachsenwerden. Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern außer einer einzigen Szene: Der erwachsene Walter hat sich in der Großstadt verlaufen. Es ist dunkel geworden, er hat Angst und spricht in seiner Verzweiflung Passanten an. Aber die rennen davon, als wäre das Monster aus der Schwarzen Lagune vor ihnen aufgetaucht. Die Szene hat mich offenbar sehr berührt, wenn sie mir noch nach vierzig Jahren im Gedächtnis geblieben ist. Das hielt mich aber nicht davon ab, andere Kinder zu beschimpfen mit der neuen Formel: »Ey, du Zabel!« »Zabel« hielt sich aber nicht lange, weil es schon damals das universellere »Du Spasti!« gab, heute noch gebräuchlich in seiner Kurzform »Du Spast«.

Serien wie Unser Walter haben erfolgreich dafür geworben, dass die Gesellschaft empathischer gegenüber Behinderten wird. Aber noch besser als Mitgefühl ist eine Welt ohne Behinderte. Behinderte entstehen durch Behinderungen oder Hindernisse. Und viele Hindernisse kann man aus dem Weg schaffen, dann gibt’s auch keine Behinderten mehr. Schon Mitte der Achtziger las ich einen Artikel über einen Professor, der seinen Sohn mit Downsyndrom durch konsequentes Training und modernste Lernübungen bis zum Abitur gebracht hatte. Was war passiert? Wurde da eine Behinderung beseitigt? Oder war der Sohn nie behindert, wenn doch das Potenzial in ihm schlummerte? Angenommen, die Brille wäre nie erfunden worden, dann wären extrem kurzsichtige Menschen quasi blind, also behindert. Einen Kurzsichtigen behindert zu nennen käme uns aber nie in den Sinn. Es gibt ja die Brille, die die Behinderung verschwinden lässt. Behinderung ist relativ, sie entsteht erst durch die Umwelt. Pinguine sind die Artisten des Meeres, extrem schnell, flink und wendig – aber an Land stapfen sie wie behindert über die Felsen. In dem Science-Fiction-Film LIFE ist einer der Wissenschaftler in der ISS querschnittsgelähmt. Das erfährt man aber nur nebenbei, weil es in der Schwerelosigkeit keinerlei Bedeutung hat. Das Lerntraining des Professors war die Brille für den Jungen mit Downsyndrom oder das Wasser oder die Schwerelosigkeit. Lernbehinderungen sind vielleicht oft nur Lehrbehinderungen. Die Didaktik der Vergangenheit war vielleicht noch nicht gut genug, aber sie wird immer besser, und Behinderungen verschwinden. Mittlerweile gibt es in der spanischen Stadt Valladolid die erste Stadträtin mit Downsyndrom.

Unsere moderne Umwelt lässt noch mehr Behinderungen verschwinden: Behindertenparkplätze, die Leitsysteme aus Blindenstockrillen in den Fußgängerzonen, die Rollstuhlrampe am Bus, sanft abfallende Bordsteine, die barrierefreien öffentlichen Gebäude, all das hat unsere Städte architektonisch verfeinert. Weniger Stufen, Ecken und Kanten, das kann nicht schaden, das hat was Anthroposophisches. Skateboarder sind geheime Nutznießer der schiefen Ebenen an Finanzämtern, und ich erfreue mich manchmal an der Bequemlichkeit von barrierefreien Toiletten. Heimlich natürlich.

Behinderte gehören in unsere Mitte. Ich erinnere mich an ein paar coole Projekte mit Behinderten, die ruhig mehr Nachahmer finden dürften: Station 17 ist eine Hamburger Band, in der Behinderte und Nichtbehinderte ziemlich abgefahrene Musik machen. Guildo Horn hatte mal eine Talksendung im TV mit größtenteils geistig Behinderten, da wurde viel über die Behinderten und ihre Äußerungen gelacht, aber auf Augenhöhe, Horn hat sie nie vorgeführt. Die Inklusion behinderter Kinder in der Schule macht große Fortschritte. Ob es den Behinderten nützt oder schadet, wird zwar noch heiß diskutiert, aber ich denke: »Versuch macht kluch.« Das Zusammenleben von Behinderten und Nichtbehinderten muss endlich mal Normalität werden. Immer noch erschrecken »Normale«, wenn sie Menschen mit krassen Behinderungen erleben. Die Begegnung mit Rassisten stecken sie gut weg, dabei ist Rassismus streng genommen auch eine Behinderung. Rassisten sehen Probleme, die gar nicht da sind.

Die Technik hat gerade auch für Behinderte eine Menge toller Verbesserungen bewirkt, und die werden immer spektakulärer. Dank Text-to-Speech-Programmen können Blinde im Internet jeden erdenklichen Text lesen. Cochlea-Implantate machen Gehörlose zu fröhlichen Cyborgs, und im Sport tauchen ganz neuartige Probleme auf. So wurde Behindertensportlern mit Beinprothesen die Teilnahme an manchen regulären Wettbewerben untersagt mit der Begründung, die Prothese verschaffe ihnen einen zu großen Vorteil, sprich, sie laufen schneller als die »Gesunden«. Schöne verkehrte Welt! Auch die bionischen Handprothesen werden immer besser, schon jetzt sind viele mittels Nervensignalen vom Gehirn steuerbar. Die Kosten liegen allerdings bei 15.000 Euro pro Stück. Second Hand muss nicht immer...


Henning Schmidtke ist Kabarettist, Musiker und Autor. Neben seinen Solo-Programmen schreibt er auch Texte und komponiert Musik für Comedians. Er gewann mehrere Kleinkunstpreise und hatte zwei Jahre lang eine Kabarett-Kolumne beim Sender ZDFinfo. Außerdem produziert er Kinder-Radio-Comedy für WDR, NDR und BR.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.