E-Book, Deutsch, Band 1, 252 Seiten
Schmitt / Nouame / Keim Verlorene Briefe
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-2208-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
I. Anthologie des Schreibtreffs der Buchwissenschaft Mainz
E-Book, Deutsch, Band 1, 252 Seiten
Reihe: Anthologien des Schreibtreffs der Buchwissenschaft
ISBN: 978-3-6957-2208-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hannah Sophie Schmitt hat für ihren Bachelor Populäre Kulturen, Kommunikationswissenschaft und Medienforschung sowie Buchwissenschaft in Zürich und Mainz studiert. Aktuell macht sie ihren Master in Empirischer Kulturwissenschaft und Deutscher Literatur: Theorie -- Analyse -- Vermittlung sowie in Kinder- und Jugendliteratur in Zürich und Frankfurt. Sie liebt Literatur, seit sie denken kann, und bespricht seit über einem halben Jahrzehnt Bücher auf ihrem Literaturblog www.buchfreaks.net.
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Feyra S. Moon
Marmeladenhexen
Adalias Herbstgeschwader
Majvis Wangen waren leicht gerötet vor Aufregung gewesen, als sie die Nachricht auf dem Fest der Mondhexen erhalten hatte, dass es so weit war: Sie durfte das sagenumwobene Marmeladenrezept ihrer Ahnin Adalia kochen und ihren Beitrag für ihren Hexenzirkel leisten. Damit würde sie nicht nur weiter in ihrer Stellung als Junghexe im Zirkel der Mond- und Blütenhexen steigen, es war auch ihre Möglichkeit, den Segen des Hirschkönigs zu erhalten und als vollwertig ausgebildete Hexe zu gelten. Es bedeutete ihr viel, hatte sie vor einigen Wochen noch geglaubt, dass es Jahre dauern würde, bis sie das Siegel des Umschlages würde brechen dürfen.
Diese Freude war inzwischen tiefer Verzweiflung gewichen.
Seit sie das Grimor nach ihrer Grundausbildung erhalten hatte, hatte sie auf den Brief von Adalia aufgepasst. Ihre Magie hatte sich fast jeden Morgen mit der Magie des Siegels verbunden und sie hatte dem Treiben dessen sehnsüchtig zugesehen. Sie hatte gewusst, dass der Inhalt des Briefes mit ihrem Seelenweg verbunden war, ebenso wie mit ihrer Ahnin. Doch all das war in sich zusammengebrochen, wie ein Glas, das in tausend Splitter zersprang, wenn es auf den Boden fiel.
Ebenso fühlte sich Majvi nun, während sie auf dem Boden von in den Armen ihrer Schwester Olive kauerte. Tränen rannen ihr über die Wangen, während die Mondhexe leise auf sie einredete: »Lian und ich können mit den Sternen tanzen, Maj. Der Brief und sein Inhalt können nicht verloren sein. Adalia ist auch eine Ahnin meiner Seele.«
Anders als Olive war Majvi eine Blütenhexe. Deutlich sichtbar wurde das über die Magiespuren, die sie beide auf ihrer Haut trugen. Olive trug ein bronze farbenes Mondsiegel auf der Innenseite ihres rechten Handgelenkes, dass nur dann größer wurde, wenn sie mit dem Traumwächter Lian die Sterne anrief. Bei manch mächtiger Mondhexe konnte das Zeichen durch dunkelblaue Sprenkel, einem verdrehten Sternenhimmel gleich, ergänzt sein. Majvis rechten Arm dagegen verzierte ein silbriges Rankenmuster aus Blüten, dass sich bis zu ihrer Schulter erstreckte und dann sachte ihren Nacken heraufkroch, um vereinzelte Blüten auf ihre Schläfe zu zeichnen. Bei Blütenhexen wuchsen die Muster ein Leben lang weiter. Silbrig glänzend begann eine Ranke in jungen Jahren zu entstehen, wobei als vollwertige Hexe bronzefarbene Funken das Muster ergänzten. Mit der Zeit konnten sich diese roségold verfärben, um das Wissen der Hexen kenntlich zu machen.
»Was ist, wenn ich mir damit meine Chance verwirkt habe, Olive?«, Majvi schluchzte auf und ihre Schwester schüttelte den Kopf. Sanft strich sie ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr.
»So darfst du jetzt nicht denken«, wiedersprach sie mitfühlend. »Es geht immer um Seelenwege, Majvi. . In den Träumen sind wir verbunden. Alles hat seinen Grund. Es ist kein Verlust um Hilfe zu bitten. Der Zirkel muss mit dir gemeinsam Lösungen finden. Nur dann gibt es die Möglichkeit, dass die Sterne wachsen und die Seelenbänder gestärkt werden. – Überall.« Olive hielt einen Moment inne und dachte nach, während ihr Blick im Laden umherwanderte. Einen Moment blieb dieser an den Fenstern hängen, die eine Aussicht auf das ermöglichten. Auf die vielen Obstbäume, das Haupthaus, in dem sie gemeinsam mit Majvi und Charlie wohnte. Sie als Obstschwestern mit all ihren Fähigkeiten verband. Leise ergänzte sie: »Und Charlie ist auch noch da. Sie wird dir sicher die Karten legen.«
Majvi schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Charlie war älter als Olive und sie. Sie trug das Siegel der Mondhexen. Sie war eine mächtige Orakelhexe, wenngleich sich ihre Kraft noch nicht vollständig entfaltet hatte. Das Angebot, in den Rat aufgenommen zu werden, hatte sie bereits erhalten, da hatte sie gerade noch ihre Grundausbildung absolviert. Als Orakelhexe war es nicht leicht, als vollwertige Hexe in den Zirkel aufgenommen zu werden.
Dies zeigte sich vor allem, blickte man auf Olives Werdegang: Früh hatte sie das Junghexendasein verlassen, kaum dass sie das erste Mal mit Lian getanzt hatte. Als Hexe, die mit den Traumwächtern des Tals tanzen konnte, galten für sie andere Regeln, aufgrund jener Verbindung. Traumhexen verliehen den Traumwächtern ihre Kraft, indem sie beide Welten miteinander verbanden und konnten in neue wie alte Träume hineintauchen. Verstärkt wurde dies, wenn sich Traumwächter und Traumhexe als Seelenverwandte erkannten, wie Olive und Lian.
Im Falle von Majvi hatte der Hirschkönig den Zeitpunkt der möglichen Weihe bestimmt. Je weiter sich abgezeichnet hatte, dass sie eine ähnliche Kraft in sich trug wie ihre Ahnin Adalia, desto mehr hatten der Traumwächter und die Hohepriesterin des Hirschkönigs gewusst, dass sie als Marmeladenhexe in deren Fußstapfen treten könnte. Es war eine leichte Entscheidung gewesen, ihr das Grimor Adalias nach ihrer Grundausbildung zu überlassen. Es wäre Majvis Chance gewesen, sich zu beweisen, indem sie endlich den Briefumschlag geöffnet und das Rezept gekocht hätte, das magisch verborgen gewesen war. Aber jetzt, wo der versiegelte Briefumschlag weg war, zweifelte sie daran, jemals als echte Marmeladenhexe gelten zu dürfen. Tiefe Traurigkeit machte sich in ihr breit, denn ohne Rezept, würde sie kaum ihrer Prüfung gerecht werden können. Gerade weil Majvi nur so viel darüber wusste, dass es dazu in der Lage sein sollte, Magieblockaden zu lösen und durch eine bestimmte Zusammensetzung eine Reinigung zu erwirken. Ebenso hieß es in alten Aufzeichnungen, dass die Selbstliebe der Hexen dadurch gesteigert werden konnte. Seit Hexengenerationen wurde es immer wieder gekocht – nicht jedes Jahrhundert und nicht jede Generation an Hexen hatte dieses Glück. Das Rezept war, seit Adalia es das erste Mal gekocht hatte, von nur sechs weiteren Hexen gekocht worden. Majvi wäre demnach nicht nur Adalias Ahnin, die diese Hexenmarmelade kochen würde, sie wäre die achte Hexe, und die siebte nach ihrer Ahnin.
Die Gedanken zerfraßen ihr Herz: »Und was, wenn die Sterne Charlie einen Blick auf die Dinge verwehren, Olive? Wenn sie es nicht sehen kann, weil es eine Prüfung ist? ´– Meine Prüfung.«
»Dann bist du talentiert genug, Majvi. Du kannst mit anderen Marmeladenhexen sprechen. Anderen Orakelhexen. Du kannst Priesterin Eli und Wächter Fin um Rat fragen. Wir haben Möglichkeiten und wir sollten sie annehmen. Der Zirkel wird nur dann gestärkt wenn wir es sind, die die Verbindungen herstellen.« Olive zeichnete eines der Muster von Majvis Ranken auf ihrem Arm nach und sie hielt an einer Blüte inne: »Die Blüten und Blätter deiner Ranken sind alle Zeichen deines Wissens. Der Hirschkönig würde dir nicht die Aufgabe anvertrauen, Adalias größtes Rezept zu kochen, wenn du es nicht längst in dir tragen würdest, Majvi«, wisperte sie aufmunternd, während sie das Grimor ihrer Ahnin heranzog und in dem aufgeschlagenen Buch blätterte. Sie selbst konnte kaum etwas mit dessen Inhalt anfangen, aber ein erstes Rezept würde ihre Schwester vielleicht auf andere Gedanken bringen.
Majvi betrachtete das Rezept, das Olive geöffnet hatte, versuchte...




