E-Book, Deutsch, 123 Seiten
Schmitter Das leichte Leben
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-943835-24-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Ein beklemmender Blick hinter gutgestutzte Vorgartenhecken und die Fassade des Bürgerlichen
E-Book, Deutsch, 123 Seiten
ISBN: 978-3-943835-24-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Frank Schmitter wurde 1957 in Krefeld geboren. Nach einer Ausbildung zum Diplom-Bibliothekar arbeitete er u.a. als Medienredakteur und leitete von 2005 bis zu seiner Pensionierung 2023 das Literaturarchiv der Stadt München. Seit vielen Jahren veröffentlicht er Lyrik und Prosa, darunter mehrere Kriminalromane. Er lebt in München. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Lokal-Krimis »Die Schatten von München«, »Der Tote von der Isar« und »Die Toten von Krefeld« sowie die Erzählung »Das leichte Leben«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Daria Geesen kramte ihr Feuerzeug aus dem Vorratsbehälter für Wattepads und öffnete das Badezimmerfenster. Nach der Geburt ihrer Tochter hatte ihr Mann schon ihre frühere Wohnung zur Nichtraucherzone erklärt, und nach dem Einzug in dieses Haus hatte sie ihn nur mit Mühe davon abhalten können, einen entsprechenden Aufkleber an der Haustür anzubringen. Dennoch gönnte sie sich die letzte Zigarette des Tages im Badezimmer des ersten Stocks, bei geöffnetem Fenster, wenn er schon im Bett lag. Ein angefeuchtetes Tempotaschentuch auf dem Fensterabsatz ersetzte den Aschenbecher.
Ihr Nachbar war gerade nach Hause gekommen und stand nun vor seiner Garage, die Fernbedienung in der Hand, und schaute zu, wie sich das Tor leise sirrend schloss. Ein Männerinstinkt, vermutete sie, das Pferd und die Waffen müssen sicher versorgt sein, damit der Krieger am kommenden Tag das Überleben seiner Familie sichern kann.
Sie musste plötzlich niesen, weil ihr Baumwollnachthemd der Kühle dieses Aprilabends nicht gewachsen war. Aber das Frieren gehörte, wie eine freiwillige Selbstbestrafung, zu dieser letzten Zigarette. Unvermittelt schaute der Nachbar in ihre Richtung. Obwohl sie kein Licht im Bad angemacht hatte, musste er sie gut sehen können. Sie konnte jedenfalls die Sträucher des Spielplatzes erkennen, ein davor liegendes Kinderfahrrad, die bunte Bemalung des Klettergerüstes und der Schaukel. Ihre beiden Häuser bildeten mit zehn weiteren eine Art Hufeisen um diesen Spielplatz, diesen winzigen, putzigen Alibi-Spielplatz, der vor allem die Funktion hatte, die Kinder auf einen Platz zu konzentrieren, der von den Küchenfenstern neben der Haustür einzusehen war.
Der Nachbar schien zu lächeln, hob aber weder die Hand zum Gruß, noch machte er Anstalten, ins Haus zu gehen. Daria nahm die Zigarette in die linke Hand und holte mit der rechten den Lippenstift aus ihrer Schminktasche, die auf dem obersten Fach des Bastregals stand. Sie drehte die Kapsel vom Lippenstift und schrieb die Zahl »10« auf das Fenster, groß, sehr groß, wie auf ein Plakat. Dann, nach einer kurzen Pause, ergänzte sie zwei kleine, hochgestellte Nullen. Oder hätte sie besser »Uhr« schreiben sollen? Sie bewegte das Fenster ein wenig vor und zurück und wartete auf eine Reaktion.
Aber er schaute nur, einige Sekunden lang, und ging langsam auf seine Haustür zu. Er drehte sich auch nicht mehr um, als ihn der Bewegungsmelder – den er vor wenigen Wochen selbst installiert hatte – in helles Licht tauchte und er ihr also ein Zeichen hätte geben können. Ihr fiel plötzlich auf, wie kompakt er wirkte in seinen Jeans und dem schwarzen Flauschjackett. Der unmodisch breite Seitenscheitel, der ihn zudem älter wirken ließ, und der gestutzte Vollbart verstärkten den Eindruck einer (ziemlich gut trainierten) Massivität. Dann wurde er von der Doppelgarage zwischen ihren beiden Häusern verschluckt, und sie konnte nur noch hören, wie er den Schlüssel in die Haustür steckte.
Daria drückte die Zigarette im Taschentuch aus, besprühte das Fenster mit dem Reiniger und wischte es gründlich. Danach wusch sie ihre Hände mit echter Kernseife, nicht mit der seifenfreien Lotion aus dem Spender, und betupfte ihre Handgelenke und ihren Hals mit Parfüm.
Frieder lag lesend im Bett und hörte, wie sie die Badezimmertür schloss. Er wusste, dass sie noch ihr Ohr an die geschlossene Tür des Kinderzimmers legen (und nichts anderes hören würde als ihren eigenen Atem). Als sie hereinkam, die Hände an ihren Oberarmen rubbelnd, legte er das Buch und den Brief auf den Nachttisch. Sie drängte sich an ihn, rieb mit der linken Hand über seine Brust, während ihre nackten Füße Kältestöße an seine schickten.
»Was schreibt dein Vater?«
Er wollte nach dem Brief greifen, aber sie hielt seinen Arm fest.
»Erzähl’ es mir. Flüstere es in mein unschuldiges, kleines Ohr.«
»Oh, er schreibt von schmutzigen Dingen, die kleine Mädchen nur verderben könnten.«
»Geht es um Geld? Er hat mich doch schon verdorben. Und dich auch.« Sie schaute auf die erotische Radierung von Henri Matisse an der gegenüberliegenden Wand, ein Original, das sicher mehrere tausend Euro gekostet hatte. Ein Geschenk von Frieders Vater zum Einzug, eine Segnung ihrer Ehe – und vermutlich eine gut durchdachte Kapitalanlage.
»Er hat sich informiert«, sagte Frieder und rutschte gegen Darias Widerstand nach oben, in eine mehr sitzende Position, »ob es steuerlich günstiger wäre, meinem Bruder und mir jetzt schon Teile des Vermögens zu vermachen. Gleichzeitig scheint er diesem Gedanken zu misstrauen, psychologisch gesehen.«
»In dem Sinne, dass ihr ihn dann alt, krank und einsam sterben lassen würdet?«
»Eher in der Richtung, dass wir aufhören könnten, uns im Leben anzustrengen.«
Frieders Familie hatte Geld, das wusste sie, aber es war in einer für sie erstaunlichen Weise nicht wirklich greifbar. Für Daria, die aus sehr einfachen Verhältnissen kam, war Geld stets mit der Vorstellung verbunden gewesen, es zu zeigen. Frieders Familie begnügte sich mit dem Wissen, Geld zu haben.
»Da ist noch etwas«, sagte er, knipste die Nachttischlampe an und griff nach dem Umschlag, ohne allerdings den Brief herauszunehmen. »Es geht um unsere Obstbäume im Garten. Er schafft es nicht mehr, sie abzuernten, und da es doch einige sind, will er die Nutzungsrechte an eine Gärtnerei abtreten.«
Sie stellte sich den weitläufigen, vollständig begrasten Garten vor. Das schlichte, grau verputzte Einfamilienhaus lag direkt an der Straße, und dahinter erstreckte sich eine Fläche, die eher ein Park als ein Garten zu sein schien. Frieders Vater hatte das Grundstück Anfang der fünfziger Jahre erworben, als der Boden noch spottbillig war. Daria hatte Fotos vom Neubau gesehen, als es noch so einsam lag wie ein Gehöft bzw. eine Baumschule. Aber mit den Jahrzehnten war Karlsruhe auf das Haus zugewachsen und hatte den Wert des Grundstücks kontinuierlich wachsen lassen.
»Was erstaunt dich daran?«, fragte sie.
Er holte tief Atem. »Vielleicht verfange ich mich in sentimentalen Kindheitserinnerungen, aber ich kann mir das Haus nicht vorstellen ohne die Obstblüten im Mai und die Ernte im September, Oktober – ich meine, unsere Ernte. Es ist der Kreislauf des Lebens. Was steckt da zwischen den Zeilen? Ist er krank? Ist er sauer, weil weder mein Bruder noch ich in unser Elternhaus zurückkehren wollen? Warum will er die Nutzungsrechte abgeben, anstatt einfach ein paar Studenten für die Ernte zu engagieren?«
Ein Windstoß ließ die Jalousien erzittern. Der Winter war lang und sehr kalt gewesen, und der April wirkte wie sein spätes Nachbeben. In den ersten Tagen des Monats fiel Schnee, danach regnete es heftig. Svenja, ihre achtjährige Tochter, holte sich eine hartnäckige Erkältung und durfte nur aus dem Küchenfenster auf den verwaisten Spielplatz vor dem Haus schauen.
»Ich bin gerade mehr an den Nutzungsrechten in unserer Ehe interessiert«, sagte sie und umkreiste mit dem Zeigefinger seinen Bauchnabel. Ihr Mund näherte sich seinem Ohrläppchen.
»Daria, bitte!« Er bewegte den Kopf leicht in die andere Richtung. »Die Sache mit meinem Vater geht mir nicht aus dem Kopf.«
»Dann hole ich sie dir einfach raus.« Ihre Zungenspitze suchte seine Ohrmuschel.
Frieder drückte seine Frau von sich weg, mit seiner rechten Hand, in der er noch den Brief hielt. Der Umschlag zerknitterte an ihrer Wange.
»Und hör’ endlich auf zu rauchen, bevor du ins Bett kommst!« Es klang ruppiger, als er eigentlich gewollt hatte.
»Sag doch gleich: 'Hör auf, mit mir vögeln zu wollen.' Das wäre wenigstens ehrlich.«
Daria drehte sich auf die andere Seite und zog die Decke über ihren Kopf.
Gerding liegt im nördlichen Landkreis Münchens, ein Ort, der in den neunziger Jahren nach dem Bau des Flughafens im Erdinger Moos einen bemerkenswerten Aufschwung erlebte. In der Mitte zwischen Innenstadt und Flughafen gelegen, wurde Gerding gleichermaßen interessant für Betriebe wie für Wohnungssuchende. Die S-Bahn braucht zur Innenstadt nur gute zwanzig Minuten, und der bestehende Ortskern verhinderte, dass Gerding zur am Reißbrett geplanten Trabantenstadt verkam.
Frieder, Daria und Svenja fuhren zum ersten Mal nach Gerding, um sich ein Haus anzuschauen – wenn auch nicht das, welches sie ein halbes Jahr später kaufen sollten. Daria wollte unbedingt vor Svenjas Einschulung umziehen, und sie wollte, dass Svenja ihre Füße auf ein Stück Rasen setzen konnte, der ihr gehörte. Sie wohnten im vierten Stock eines Hochhauses in der Innenstadt, zu laut und zu teuer und zu kinderfeindlich; keiner regte sich über die auf Gehsteigen und wild in zweiter Reihe geparkten Autos auf, aber wehe, ein Kinderwagen stand nicht genau am vorgeschriebenen Platz im Hausflur.
An jedem Wochenende fuhren sie in die Münchener Umgebung; Daria mit dem Immobilienteil der SZ und einer Landkarte auf dem Schoß, Svenja durfte ohne Zeitlimit Gameboy spielen und wurde mit einem Abendessen bei McDonald’s entschädigt.
Das erste Objekt in Gerding erwies sich als zu abgelegen. Der Neubau stand in Sichtweite der Isar, am äußersten Ortsrand; Frieder und Daria mussten die Gummistiefel aus dem Auto holen (sie hatten für diese Fälle ein Paar stets griffbereit im Kofferraum), weil es geregnet hatte und die provisorischen Trittsteine im Schlamm versanken. Aber Daria wollte nicht auf ein Auto angewiesen sein (einen Zweitwagen für Mutter und Kind fand sie irgendwie bourgeois), und das Haus hatte nicht jenen Charme, ihre Prinzipien auf eine ernsthafte Probe zu stellen.
Bei ihrem zweiten Besuch in Gerding sagte Daria, noch während Frieder den Wagen vor dem Haus...




