E-Book, Deutsch, Band 2, 264 Seiten
Schmitter Der Tote von der Isar
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-862-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman: Kommissar Gerald van Loren ermittelt 2 | Ein München-Krimi für Fans von Harry Kämmerer
E-Book, Deutsch, Band 2, 264 Seiten
Reihe: Kommissar Gerald van Loren ermittelt
ISBN: 978-3-98952-862-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Frank Schmitter wurde 1957 in Krefeld geboren. Nach einer Ausbildung zum Diplom-Bibliothekar arbeitete er u.a. als Medienredakteur und leitete von 2005 bis zu seiner Pensionierung 2023 das Literaturarchiv der Stadt München. Seit vielen Jahren veröffentlicht er Lyrik und Prosa, darunter mehrere Kriminalromane. Er lebt in München. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Lokal-Krimis »Die Schatten von München«, »Der Tote von der Isar« und »Die Toten von Krefeld« sowie die Erzählung »Das leichte Leben«.
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Kapitel 2
Um siebzehn Uhr kam der Anruf der Gerichtsmedizin. Der Tote von der Isar war nicht aufgrund einer natürlichen Ursache gestorben. Die Arschkarte also, wie Batzko meinte.
Auf dem Weg in die Nußbaumstraße schaltete er das Radio ein, ganz gegen seine Gewohnheit. Gerald bemerkte, dass die Haut unter dem gepflegten Dreitagebart blasser war. Mehrmals zog sein Kollege, der wie immer am Steuer saß, die Unterlippe zwischen die Zähne, was er nur tat, wenn ihn der Computer ärgerte. Gerald überlegte, ob er bei Nele wegen des ausgefallenen Wochenendes einen Extrabesuch bei Severin einfordern sollte.
Der diensthabende Forensiker, ein junger Mann, den Gerald bisher noch nicht kennengelernt hatte, wartete im Flur auf sie. »Dr. S. Hornung« stand auf seinem Namensschild auf dem grünen Kittel. Er war sehr klein, mit dünnen Armen, einem schmalen, blassen Gesicht und nickte den beiden Polizeibeamten nur kurz zu, ohne ihnen die Hand zu geben. Gerald sah, dass der Arzt seine Gummihandschuhe nicht ausgezogen hatte.
»Hier ist etwas ziemlich merkwürdig«, sagte er und deutete auf die Kleidung, die auf einem Metallwägelchen im Flur lag. Verschlissene Schuhe ohne Schnürsenkel, eine alte, stark verdreckte Hose, ein ebensolches Hemd, dazu Unterhose, Unterhemd, ein Hut mit breiter Krempe. Was soll daran nicht stimmen?, dachte Gerald. Es handelte sich schließlich um einen Obdachlosen, nicht um einen Investmentbanker.
Er drehte sich kurz um, damit die anderen beiden nicht sahen, dass er sich zwei Pfefferminzbonbons in den Mund schob. Gerald hoffte, dass sie zumindest ein wenig gegen die Gerüche helfen, mit denen er in wenigen Sekunden konfrontiert werden würde.
»Folgen Sie mir!« Dr. Hornung öffnete die Tür zum Sezierraum. Es war niemand außer ihnen anwesend – wenn man von dem Leichnam unter der grauen Plastikdecke absah. Auf einem Beistelltisch lagen das schmale Aufnahmegerät des Mediziners und ein digitaler Fotoapparat. Alle Instrumente waren bereits gesäubert wieder an ihrem Platz, und dennoch war die Luft getränkt von dem süßlich-schweren Leichengeruch.
Batzko presste die Lippen aufeinander, als Dr. Hornung zunächst das Gesicht des Toten freigab. Nach wenigen Sekunden entspannten sich die Züge des Kommissars etwas, er schloss kurz die Augen und blies die Luft durch die Backen, aber sein Blick wirkte starr, er hörte nicht auf, den Leichnam zu fixieren.
»Kennen Sie den Mann etwa?«, fragte der Mediziner überrascht.
»Natürlich nicht«, fuhr Batzko ihn an. »Das würde auch nichts an Ihren Ergebnissen ändern, oder? Sagen Sie uns doch einfach, was Sie herausgefunden haben und was Ihrer Meinung nach so merkwürdig sein soll.«
»Verzeihung. Ich wollte nicht aufdringlich sein.« Dr. Hornung klang beleidigt. Er kontrollierte den Sitz seiner Brille und wandte sich der Leiche zu. »Todesursache ist ein heftiger Schlag mit einem festen Gegenstand auf den Kopf, oberhalb der rechten Schläfe, der zu einer Hirnblutung geführt hat. Einen Sturz schließe ich definitiv aus. Sie sehen ja die Wunde, die der Schlag oder auch ein Wurf aus kürzerer Distanz aufgerissen hat. Wenn er von einer Brücke oder dergleichen gefallen wäre, müsste der Körper weitere Verletzungen aufweisen. Es könnte sich um einen Stein vom Isarufer handeln. Ich weiß, dass man den Toten nicht direkt am Fluss gefunden hat. Aber es ist gut vorstellbar, dass er vom eigentlichen Tatort ein paar Meter flüchten konnte, bis er schließlich das Bewusstsein verloren hat. Meiner Einschätzung nach hätte er durchaus gerettet werden können, wenn man ihn nicht erst morgens gefunden hätte. Seine Konstitution war nämlich – damit komme ich zu dem, was ich eingangs erwähnte – bemerkenswert, insofern sie einem Mann in seinem Alter entspricht. Das heißt auch, dass seine körperliche Verfassung auf mich nicht so wirkt, als ob er seit unbestimmter Zeit auf der Straße gelebt hätte. Was konkret meint: keine schlecht verheilten Wunden an den Beinen, keine Hautinfektionen, keine Hämatome oder Kratzspuren von körperlichen Auseinandersetzungen, von Flöhen oder Ungeziefer gar nicht erst zu reden. Er hatte Alkohol im Blut, sogar beträchtlich, aber in keiner lebensbedrohlichen Konzentration. Auch seine Zähne sind äußerst gepflegt, er verfügt über diverse Goldinlays und zwei Implantate. In einem Satz: Das Outfit ...«, Dr. Hornung wies mit der rechten Hand auf die Tür zum Flur, wo sich die Kleidung des Toten befand, »... hat mit dem hier ...«, mit der linken deutete er auf den Leichnam, »... nichts zu tun. Es sei denn, er hätte seine Karriere als Clochard gerade erst begonnen. Möglicherweise hat ihm auch jemand einen mehrwöchigen Wellness-Aufenthalt mit fünf Sternen spendiert, der ihn wieder vollständig regeneriert hätte. Oder er spielt in einer Münchner Laientheatergruppe einen Bettler und hat sich nach der Probe an der Isar entspannt. Aber was rede ich – letztlich ist es Ihre Aufgabe, genau das herauszufinden.«
Gerald betrachtete den Kopf des Toten. Der Mann hatte kurze, überwiegend weißgraue Haare und einen breiten, gepflegten Oberlippenbart. Dieser wirkte umso dominanter, weil die Augenbrauen sehr schmal und durch die helle Farbe beinahe durchsichtig waren. Die Stoppeln am Kinn, an den Wangen und am Hals dürften nicht älter als zwei Tage sein. Es war ein maskulin geschnittenes, aber auch eher unauffälliges Gesicht, dem man jeden Tag in einer Verwaltung, einem Geschäft, einem Restaurant begegnen konnte, ohne es sich zu merken.
»Merkwürdig«, sagte Gerald. Mehr fiel ihm dazu einfach nicht ein.
Batzko schlug die Abdeckung zurück und warf einen Blick auf die Füße, die so gepflegt wirkten, als hätte sich der Tote gerade erst eine Pediküre gegönnt.
»Was mich angeht«, sagte Dr. Hornung mit Blick auf Gerald van Loren, »bin ich mit meinen Untersuchungen fertig, die erforderlichen Flüssigkeiten und Gewebeproben sind entnommen. Wir lassen den Toten also vorläufig in der Kühlung. Ich kann Ihnen mit nichts weiter dienen als den Fotos. Kein Schmuck, kein Ring, keine Tätowierungen, lediglich eine klassische Blinddarmnarbe. Keine besonderen physischen Merkmale. Ich würde aufgrund der unterdurchschnittlich entwickelten Muskulatur und der schmalen, gepflegten Hände vermuten, dass der Tote seinen Lebensunterhalt mit geistiger Arbeit verdient hatte.«
»Dann können wir Beamte und Verwaltungsangestellte der Landeshauptstadt also ausschließen«, kommentierte Batzko mit einem Augenzwinkern. Es war deutlich, dass ihm sein schroffes Verhalten leid tat und er versuchte, die Atmosphäre wieder etwas zu entspannen. Aber der Forensiker wich seinem Blick aus.
»Ich werde Ihnen die Bilder und meinen Bericht heute noch mailen, bevor ich mich in den Feierabend verabschiede. Der Biergarten ruft«, sagte Dr. Hornung und machte zwei Schritte in Richtung Tür. »Aber halt, fast hätte ich es vergessen. Der Tote hatte zwei Schlüssel in seiner Hosentasche.«
Er nahm ein kleines, durchsichtiges Plastiktütchen, das auf dem Tisch neben ihm lag, und übergab es Gerald. Es handelte sich um einen einfachen Ring, an dem zwei Schlüssel befestigt waren, ein größerer, aufwändig gearbeiteter, und ein kleinerer. Sie sahen aus wie zwei einfache Wohnungsschlüssel, ohne Anhänger, Namensschildchen oder andere Hinweise.
Sie verabschiedeten sich von dem Gerichtsmediziner und gingen zum Parkplatz. Als sie im Auto saßen und Batzko den Autoschlüssel in das Zündschloss stecken wollte, griff ihm Gerald in den Arm.
»He! Spinnst du?«
»Ich will wissen, was mit dir los ist.«
Batzko schaltete das Radio ein. »Geht dich das etwas an?«, brummte er.
»Mich geht es dann etwas an, wenn wir einen Fall zu lösen haben und du nicht bei der Sache bist«, sagte Gerald und schaltete das Radio wieder aus. »Seit dem Anruf vom Kriminaldauerdienst bist du mit deinen Gedanken irgendwo anders. Keine Ahnung, wo. Aber ich weiß, dass wir unter diesen Umständen nicht weit kommen werden.«
Batzko hob in gespielter Gleichgültigkeit die Schultern und richtete den Blick geradeaus auf die Parkplatzmauer. Ihr Wagen stand so, dass das Sonnenlicht direkt in das Innere schien. Batzko schwieg lange, so lange, bis erste Schweißperlen am unteren Rand des Dreitagebartes sichtbar wurden.
»Ich habe einen Bruder«, sagte er schließlich mit einer ungewohnt leisen Stimme, den Blick weiter nach vorne gerichtet. »Vielleicht müsste ich sagen: Ich hatte einen Bruder. Ich weiß es eben nicht. Acht Jahre älter als ich. Mein Vater war Hilfsarbeiter auf dem Bau. Als ich kam – ungewollt, sozusagen ein betriebsbedingter Unfall, als mein Vater wie üblich betrunken aus der Kneipe nach Hause torkelte –, war meine Mutter mit den Nerven schon komplett am Ende. Nie Geld in der Tasche, ihr jähzorniger, primitiver Mann alkoholabhängig und dann...




