E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Schmitter Ein überflüssiger Mann
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-3157-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Novelle
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-7526-3157-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frank Schmitter, geb. 1957 in Krefeld, lebt in Ismaning bei München. Diplom-Bibliothekar. Nach mehreren beruflichen Stationen seit 2005 verantwortlich für das Literaturarchiv der Stadt München. Mehrere Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik, zuletzt »Das bezahlbare unglück der kleinfamilien im urlaub« (edition offenes feld, Dortmund 2019).
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II
Wenn die S-Bahn keine Verspätung hatte, erreichte Magnus um kurz vor neun die Burgstraße am Marienplatz. Er zog die schwere Eisentür auf und nahm die Treppe in den dritten Stock. Die Tür zu seinem Büro, dem ersten gleich rechts, war geöffnet. Dr. Magnus Steinhaus war seit sechs Jahren Leiter der Fachbereiche Bildende Kunst, Musik und Theater im Kulturreferat München. Er hatte sein ganzes Berufsleben in diesem Amt, in diesem Gebäude im Herzen Münchens verbracht und sechs Kulturreferenten überlebt in all ihren Varianten vom Kulturguru bis zum Typ alltagsgrauer Sparkassenfilialleiter. Es war Magnus’ Glück, dass der vorhergehende Amtsleiter, ein Vertreter des letztgenannten Typus, ihn zum Ressortleiter befördert hatte, und es blieb sein Pech, seit drei Jahren unter einem selbstverliebten Blender leiden zu müssen, der ihn vom ersten Tag an nicht gemocht hatte und den er, Magnus, im Stillen als beifallsüchtigen Windbeutel verachtete.
Folglich war sein Büro das kleinste aller Ressortleiter. Es war durch eine offene Tür mit dem Nebenzimmer verbunden, in dem Stefanie Gutknecht saß. Magnus murmelte ein flüchtiges »Guten Morgen«, hängte das Jackett in den Schrank und räusperte sich, bevor er sich setzte. Dieses Verlegenheitsräuspern hatte er erst vor kurzem bei sich bemerkt, und war sich bewusst geworden, dass er es schon seit einiger Zeit praktizierte. Vielleicht hatte er noch weitere Ticks im Repertoire, die er bei sich nicht wahrnahm, aber eine Belustigung der Kollegenschar hinter seinem Rücken auslösten. Gott stehe mir bei, dachte Magnus, dass ich die letzten Jahre noch überstehe, ohne mich auf den Gang zu stellen und den Kopf hin und her zu bewegen wie ein autistisch gewordener Elefant.
»Soll ich Ihnen einen Espresso mitbringen?«
Seine Kollegin stand bereits in der Tür und lächelte ihn an. Groß, schlank und blond. (Zu groß, zu schlank und zu blond für seinen persönlichen Geschmack, auch wenn er sich mit dieser Einschätzung in einer radikalen Minderheit der Kollegen befand.) Nach ihrem Studium und einer Handvoll Praktika war sie heilfroh gewesen, eine feste Stelle gefunden zu haben. Ihre chronisch gute Laune und Unkompliziertheit hatten Magnus anfänglich irritiert; mittlerweile war er zu der Überzeugung gelangt, dass Stefanie Gutknecht keine Maske trug, sondern tatsächlich so war, wie sie sich gab, und sein Misstrauen ein weiteres Indiz für seine fortschreitende Misanthropie.
»Wie kann ich das ablehnen an einem Montagmorgen?«
Während der Computer hochfuhr, beobachte Magnus zwei Tauben, die sich auf der Regenrinne vor dem Fenster niedergelassen hatten. Sie bewegten sich auf der Rinne um Zentimeter nach links und rechts und wieder nach links, und inspizierten mit vorgerecktem Kopf das Geschehen im Büro. Es gab Mitarbeiter, die sie für die Reinkarnation früherer Kulturamtsleiter hielten.
Stefanie stellte den Espresso auf seinen Schreibtisch, neben die Tageszeitung.
»Wie war Ihr Wochenende?«
»Oh, soweit ganz nett. Wir hatten Besuch von einem befreundeten Paar aus Regensburg. Das heißt, mit ihm habe ich studiert und zeitweilig in einer WG in Regensburg gewohnt. Er lebt seit ungefähr zwei Jahren mit seiner Partnerin zusammen. Am Samstagabend waren wir gemeinsam im Theater. Sie haben bei uns übernachtet.«
»Aber es war nur ›ganz nett‹ und nicht wirklich nett?«
Sie trank ihren Kaffee in einem großen Schluck und verzog leicht den Mund. »Ich habe zu lange gewartet. Espresso muss heiß sein, sonst schmeckt er mir nicht.«
Sie schien seine Frage vergessen zu haben, dann antwortete sie doch noch: »Nein, es war okay. In manchen Bereichen haben wir unterschiedliche Ansichten, aber das muss man ja nicht soweit vertiefen, dass es problematisch wird.«
Es klang nicht so, als ob sie diesen Punkt näher ausführen wollte, und Magnus wandte sich dem Kulturteil der Süddeutschen Zeitung zu. Er überflog die Theater- und Filmkritiken, das lange Interview mit einer Verlegerin und stieß dann im Münchner Lokalteil auf den Bericht über die Skulptur des Künstlers Panta, der vor zehn Jahren Suizid begangen hatte. Niemand sprach mehr von ihm, vollkommen zu Recht, in Magnus’ Einschätzung –, aber da gab es einen kleinen, verschworenen und verschwörerischen Kreis von ehemaligen Weggefährten und Bewunderern, der den zehnten Jahrestag des Todes zu einer Art Renaissance nutzen wollte, mit finanzieller Unterstützung des Kulturreferats. Magnus hatte sich lange gesträubt, aber Panta hatte in seiner Frühzeit unglücklicherweise zwei Förderpreise der Landeshauptstadt bekommen. Damit war ein gewisses Erpressungspotenzial vorhanden, zumal der Künstler vor seinem Suizid nicht müde geworden war zu betonen, dass die reaktionäre, zutiefst provinzielle Kulturpolitik Münchens ihn fallen gelassen, geradezu vorsätzlich vernichtet habe. Paradoxerweise hatte genau dieses Statement Jo Hellinger, dem Kulturreferenten, gefallen. Er sah darin wohl eine Möglichkeit, sich als sensibler Künstler-Versteher in der angeblich so selbstgefälligen Metropole München zu profilieren. Magnus hingegen interpretierte diese Haltung als opportunistischen Verrat an der Arbeit der Vorgänger und gab das Hellinger auch zu verstehen. Was zu einer weiteren Entfremdung zwischen ihnen beitrug und Magnus die direkte Order eintrug, etwas für jenen Künstler zu tun.
Also hatte Magnus mit den selbsternannten Panta-Verehrern in anstrengenden Gesprächen einen Kompromiss gefunden: Keine direkte finanzielle Förderung, aber drei Monate lang durfte auf einem öffentlichen Platz in Haidhausen eine Skulptur des Künstlers präsentiert werden. Bei der Aufstellung in der vergangenen Woche hatte Magnus sich mit dienstlicher Unabkömmlichkeit entschuldigt, um keine Rede halten, kein Interview geben zu müssen und auf keinem Foto für die Nachwelt identifizierbar zu sein. Also den Ball so flach halten, dass er möglichst gar nicht abspringt.
Die Zeitung hatte ein Bild der Panta-Skulptur gezeigt. Ein Mann in Überlebensgröße, der Kopf klein wie ein Tennisball, die flüchtig ausgestalteten Glieder und Füße aus miteinander verschweißten Stahlplatten zusammengesetzt und in der Mitte, als dominierendes Zentrum, ein überproportional großer Penis, mit Stacheldraht umwickelt und blutroter Farbe bemalt. Brauchte diese überdirekte, plakative chauvinistische Selbstanklage noch irgendjemand im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends?
Nein, antwortete Magnus im Stillen, faltete die Zeitung zusammen und richtete seinen Blick auf die Kollegin, um sich abzulenken. Stefanie Gutknecht schrieb, und zwar mit einem Bleistift auf Papier. Das konnte ihn jeden Tag aufs Neue erstaunen. Sie schrieb und korrigierte stets mit der Hand und tippte erst den fertigen Artikel in den Computer. Ein Anachronismus, der ihm sympathisch war. Während des Schreibens summte sie manchmal Melodien aus einem Madrigal. Sie hatte neben Musikwissenschaften auch Gesang studiert. Ihr zuzuschauen, beruhigte Magnus so stark, als sehe er einem Zen-Meister bei der Meditation zu.
Ein sanfter Klingelton, der das Eintreffen einer Mail ankündigte, holte ihn zurück.
»Was ist mit diesem Panta? Warum und wie hängen wir da mit drin? Bitte mich aufzugleisen. Finkmeyer.«
Finkmeyer war der Büroleiter des Kulturreferenten. Ein junger, überehrgeiziger Jurist; einer von denen, für die alles Bestehende allein deshalb schon nur schlecht sein konnte, weil es seit Jahren so gemacht wird. In Finkmeyers Augen belief sich die Halbwertzeit von Strukturen auf maximal fünf Jahre. Wer über diesen Zeitraum noch an ihnen festhing, musste zwingend als Bremsklotz angesehen werden. Kollegen munkelten von einer umfassenden Umstrukturierung, die bereits fertig in seiner Schublade läge, und die zu einer Art atmosphärischem Dauerzittern bei einigen Mitarbeitern führte. Bereits jetzt hatte er die Kommunikation per Mail verändert, indem er konsequent auf Anrede und Grußformel verzichtete. (Zumindest, wenn die Mail hierarchie-abwärts gerichtet war.) Magnus empfand es als hemdsärmelig und unhöflich, musste aber desillusioniert zur Kenntnis nehmen, dass sich dieser Stil auch kollegenintern durchzusetzen begann. Jeder sprang jedem mit seiner Angelegenheit direkt ins Gesicht.
In der Sache selbst durfte ihn die Mail nicht überraschen. Finkmeyer verstand seinen Job als eine Art Abfangjäger für den Kulturreferenten. Wo ein Problem am Horizont erkennbar wurde, bohrte er nach; wo etwas bereits schwelte, griff er zum Feuerlöscher, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Hauptsache, sein Chef blieb in genügender Entfernung und behielt seine weiße Weste. Dieser Artikel in der Süddeutschen erfüllte bereits die Kriterien eines leichten Schwelbrandes. Unterstützung des Kulturreferats – was nichts anderes hieß als: unser aller Steuergelder – für einen abgehalfterten, längst vergessenen Bürgerschreck? Für eine Skulptur mit einem überdimensionalen Phallus?
Magnus überlegte: Als Leiter des Ressorts befand er sich präzise eine...




