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E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Schmitz Tod einer Jägerin

Schreiber und der Büffel
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-440-50171-9
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Schreiber und der Büffel

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-440-50171-9
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Reporter Hannes Schreiber reist nach Sambesia, um eine Story über Nora Wilkens, die einzige professionelle Großwildjägerin Afrikas, zu schreiben und mit ihr einen Büffel zu erlegen. Doch dann liegt Nora eines Morgens tot im Zelt. War es Mord? Mit Unterstützung der Jägerin Ilka ermittelt Schreiber im Dunstkreis von Wilderei und dubiosen Geschäftsinteressen ...

Hannes Schreibers neuer Fall: Packendes Lesefutter für alle Jagd- und Krimifans.

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1
Cocktail-Empfang

Das erste Tier, das Hannes Schreiber in Afrika sah, war ein köterbrauner Kater. Er saß auf dem Rollfeld im Schatten eines einsamen Hubschraubers und fraß eine Ratte. Gierig zerrte er an ihren Innereien, kaute genüsslich darauf herum.

Wenn Schreiber an afrikanische Katzen dachte, fielen ihm brüllende Löwen ein, schleichende Leoparden und sprintende Geparde, kein räudiger Rollfeld-Kater. Klar, er war nicht auf einer Piste im Busch gelandet. Aber ein bisschen Mühe hätte sich Ingwe, die Hauptstadt Sambesias, schon geben können. Ein streunender Kater zur Begrüßung! Hannes war Hundefreund, sein Terrier und er mochten keine Katzen.

Er sah sich um. Die Maschine, die ihn und zwei Dutzend andere Passagiere ausgespuckt hatte, war die einzige auf dem ganzen Flughafen. Steifbeinig stakste Schreiber auf das Gebäude zu, das er für das Terminal hielt. »John Misambe International Airport« verkündeten Riesenlettern auf seinem Dach. Der Präsident Sambesias hatte dieses Drehkreuz des Südens im letzten Wahlkampf nach sich selbst benannt. Die Wahlen hatte er trotzdem verloren. Behauptete sein Gegenkandidat. Misambe scherte das nicht. Er regierte einfach weiter.

Schreibers Knie knirschten. Er hatte zehn Stunden Nachtflug in den Knochen. Economy natürlich. Die Zeiten, in denen »Magazin«-Reporter auf Langstrecken Business fliegen durften, waren lange vorbei. Früher hatte Hannes solche Flüge locker weggesteckt. Seit er auf der falschen Seite der 60 angekommen war, zickten danach nicht nur seine Knie. Der Rucksack hing ihm wie ein Felsbrocken im Kreuz und stauchte seine Bandscheiben. Dabei hatte er nur das Wichtigste hineingestopft: Kulturbeutel, Wüstenstiefel, Fernglas.

Übernächtigt und zerpocht betrat er die Ankunftshalle. An deren Stirnwand prangte das riesige Foto eines alten Mannes: Landesvater Misambe lächelte auf Hannes herab. Für sein Alter – der Präsident war weit über 80 – hatte er erstaunlich wenig Falten. Eine große Hornbrille klemmte auf seiner breiten Nase. Sie vergrößerte die Augen ins Eulenhafte. Wie immer trug John Misambe einen englischen Maßanzug. Aus dessen Brusttasche lugte er selbst. Sein Porträt zierte ein knallgelbes Einstecktuch. Alles wie auf den Fotos im Archivmaterial, das Schreiber im Flieger noch mal durchgesehen hatte. Aber etwas stimmte nicht auf Misambes Konterfrei im Terminal. Jemand hatte Comrade Johnny ein Hitler-Bärtchen unter die Nase gemalt. Und niemand hatte es entfernt.

Das Visum für Sambesia hatte Schreiber sich bei der Botschaft in Berlin besorgt. An der Traube der Passagiere, die ihren Antrag ausfüllten, konnte er vorbeilatschen. Sein Gewehr hatte er zu Hause gelassen. Das ersparte stundenlange Prozeduren beim Zoll.

Der Immigration Officer war eine Dame mittleren Alters, deren Leibesfülle ihre Uniform zu sprengen drohte. Sie saß hinter einem Schalter und zog Schreibers Pass in Zeitlupe zu sich heran. Ihre Stimme klang tief und voll.

»Was wollen Sie in Sambesia, Mr. Schreiber?«

»Holidays«, log Hannes. Dass er als Reporter für das deutsche »Magazin« unterwegs war, sollten die Behörden besser nicht wissen. John Misambe mochte keine europäischen Journalisten, die in seinem Land herumschnüffelten.

»Wo?«, fragte die Uniformierte, ohne Schreiber anzusehen.

»In einer Lodge im Lowveld.«

»Name?«

»Mbogo.«

Die Uniformierte sah auf. Irgendetwas an seinem Reiseziel schien sie zu stören. Gut möglich, dass es der Eigentümer der Lodge war. Comrade Johnny mochte keine ausländischen Landbesitzer.

Schreiber hielt ihrem Blick stand. Sekunden vergingen. Es war still im Terminal. Nur draußen vor der Halle hupten ein paar Autos wild durcheinander, wie zu Hause bei einer türkischen Hochzeit oder nach einem siegreichen WM-Spiel der Nationalelf. Die Beamtin horchte hin. Dann drückte sie einen Stempel in Schreibers Pass und schob ihn über den Tresen.

»Seien Sie vorsichtig, Mr. Schreiber.« Sie stand auf, verließ ihre Box und verschwand in einem Verschlag in den Tiefen des Terminals.

Irritiert sah Schreiber der dicken Dame nach. Er steckte seinen Pass ein, suchte und fand das einzige Gepäckband des Misambe-Airports und harrte der Koffer, die da kommen sollten. Draußen nahm die Huperei kein Ende. Zum Glück kam sein Trolley als einer der Ersten. Hannes erkannte das schwarze Teil an dem roten Band, das er um den Griff gewickelt hatte. Erleichtert zog er ihn zum Ausgang. Dort sollte Nora auf ihn warten, die Frau, deretwegen er gekommen war. Nora Wilkens, die einzige professionelle Großwildjägerin Afrikas.

Schreiber war gespannt. Er kannte Nora nur von einem Foto. Blond, schlank, schön posierte sie neben einem Elefanten, den dicken Stoßzahn des Bullen in der einen Hand, das Gewehr in der anderen. Sie trug eine tief aufgeknöpfte Bluse, deren Zipfel sie unter der Brust verknotet hatte. Man konnte den Nabel sehen und eine Menge Haut drum herum. Als Schreiber seinem Chefredakteur das Bild gezeigt hatte, war die Geschichte über sie so gut wie genommen.

»Und die kommt wirklich aus Hamburg?«, wollte Bartelmus wissen. Beim »Magazin« druckten sie mit Vorliebe Geschichten über Germanen. »Wenn du einen Ausländer ins Blatt heben willst, sollte der wenigstens einen deutschen Dackel haben«, lästerten altgediente Redakteure.

Schreiber strahlte Bartelmus an. »Die Frau ist in Hamburg geboren und in Kenia aufgewachsen, Stefan. Ihre Eltern sind Deutsche.«

Zum Schluss hielt er seinem Chef den Auslandsreiseantrag hin. Ohne Lamento über Auflagenschwund und Anzeigenmangel malte Bartelmus sein Bartelmus auf den blauen Wisch. So war Hannes auf die alten Tage doch noch nach Afrika gekommen. Dass er mit Nora Wilkens auch einen Büffel jagen wollte, brauchte der Chefredakteur nicht zu wissen.

Schreiber öffnete die Glastür des Airports. Das hätte er besser bleiben lassen. Ein Pflasterstein flog ziemlich nahe an seinem Kopf vorbei und krachte in die Tür. Glas splitterte. Scherben flogen. Menschen johlten. Schreiber zog den Kopf ein und rannte nach rechts. Hinter ihm klirrte das nächste Wurfgeschoss gegen die Wand. Eine Stichflamme schoss auf. Die warfen Mollis! Seit den Riots in Rostock vor 25 Jahren hatte Hannes keine Molotowcocktails mehr von Nahem erlebt. Gefehlt hatten sie ihm nicht.

Tief gebückt lief er weiter. Weg von der Hitze des Brandsatzes, auf den Parkplatz zu. Eine Polizeisirene heulte auf. Getrampel von schweren Stiefeln. Gebrüll aus vielen Kehlen. Dann ein Schuss. Klang wie scharfe Munition. Ein Feuerstoß folgte. Tack-tack-tack-tack-tack! Was für ein Wahnsinn, die schossen tatsächlich scharf! Hannes hechtete zwischen parkende Autos, drückte das Gesicht auf den Asphalt und zog den Trolley vor seinen Kopf. Er schnaufte, roch Benzin, Kippen, Pisse.

Am Terminal platzte die nächste Flasche. Wumm, explodierte das Feuer. Triumphgeschrei. Ein Lautsprecher knarzte, bellte Wörter in einer fremden Sprache. Als Antwort Hohngelächter und darauf der nächste Feuerstoß. Ein Querschläger jaulte über den Platz. Ein Mensch schrie auf wie ein schlecht geschossenes Schwein.

Stille.

Schreiber hob den Kopf, zog die Knie an und drückte die Arme durch. Er lugte über die Motorhaube des Pick-ups. Sah junge Männer in Uniform mit Kalaschnikows unterm Arm und gleichaltrige Burschen in T-Shirts mit Brandflaschen in der Hand. Sie standen sich auf 50 Meter gegenüber wie Westernhelden beim finalen Schusswechsel. Keine Bewegung. Kein Lärm. Die Sekunden geronnen. Jemand hätte dazwischengehen sollen, Schluss machen müssen mit dem Irrsinn, die Kerle zur Vernunft bringen. Was wollten die Straßenjungen ausrichten gegen ihre tarnfarbenen Altersgenossen mit den Gewehren der Macht? Einer von ihnen lag schon wie tot zwischen den Fronten. Blut sickerte aus seiner Jeans. Wenn sie nicht aufhörten, würden es mehr. Wie verzweifelt musste man sein, um sich in diese verlorene Schlacht zu stürzen? Wie verrückt?

Ein langer Dünner aus der Mitte der Gruppe machte den ersten Schritt. Er trug ein hellblaues Trikot von Manchester City. Etihad Airways. Der Bursche trat zwei, drei Meter vor und klaubte einen Stein von der Straße. Er wog ihn in der Hand, holte weit aus und schleuderte den Brocken auf die Soldaten. Das Wurfgeschoss prallte gegen den Schild eines Uniformierten. Eine Kommandostimme brüllte nur ein Wort. Auf breiter Front stürmten die Soldaten vor. Ein Molli flog ihnen entgegen, explodierte auf dem Asphalt. Der vorderste Soldat fing Feuer. Er wälzte sich auf dem Boden, um die Flammen zu ersticken. Seine Kameraden rannten weiter. Die Zivilisten flohen. Einer stolperte. Sofort waren drei Soldaten über ihm, traten auf ihn ein, stießen ihn mit den Gewehrläufen, hetzten dann weiter hinter den Flüchtenden her. Zwei, drei Schüsse fielen. Langsam entfernte sich der Lärm.

Hannes setzte sich auf den Hintern, nestelte seine Zigaretten aus der Jackentasche und versuchte, sich eine anzustecken. Seine Finger hatten Mühe mit dem Streichholz. Dreimal brach der Schwefelkopf ab. Beim vierten klappte es. Er lehnte sich gegen den Kotflügel und nahm einen tiefen Zug.

»Scheiße!«, zischte er.

Er hatte Angst vor der Büffeljagd gehabt. Dass er schon am Flughafen in der Grütze stecken könnte, war nicht eingeplant. Nun hockte er mit verschrammten Händen und zerschundenen Knien auf einem Parkplatz im letzten Loch vor der Hölle und wusste nicht weiter. Zwei Häuserblocks entfernt tobte eine Straßenschlacht. Schüsse und Schreie. Über ihm flapperte ein Hubschrauber, ziemlich tief, ziemlich laut. Hannes’ Mund war pulvertrocken. Er hatte kein Wasser und die Sonne stieg...



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