E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Schmohl Bodhi, Joe und ein Dorf voller Geister
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96052-487-8
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kirsten-Boie-Preis-Gewinner 2024
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-96052-487-8
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sabrina Schmohl studierte Germanistik und ist Autorin verschiedener Deutsch-Lehrwerke. Für ihr Kinderbuch-Debüt erhielt sie 2024 den Kirsten-Boie-Preis. Sie lebt mit ihrer Familie am Niederrhein.
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6 Angriff von oben
Auf dem Weg zum Wäldchen verschwendete Bodhi keinen Gedanken mehr an das Mädchen. Schließlich war er nicht nach Nebelheim gekommen, um neue Bekanntschaften zu machen. Er hatte andere Pläne. Wichtige Pläne.
Das Wäldchen lag direkt hinter der Bushaltestelle am Ahornweg.
Das Haltestellenschild musste jemand geklaut haben. Nur noch der Pfosten steckte im Boden und ragte verloren in den Himmel. Ob er wohl ahnte, dass ihn in diesem Leben kein Bus mehr erreichte?
Bodhi jedenfalls war alles andere als verloren. Er wusste genau, was zu tun war. Schwer bepackt mit Blumentopf, Handtuch, Honigglas und Zange, stiefelte er durch das Laub. Einen Pfad gab es hier nicht, aber nach all den Jahren kannte er jeden Winkel auswendig und wusste genau, wie er am schnellsten – und sichersten – durch das Wäldchen kam. Fast fühlte es sich an wie früher, als er von Wurzel zu Wurzel stieg. Es waren noch immer genau vierundzwanzig. Immerhin etwas, worauf man sich verlassen konnte …
Und da war er auch schon. Schnaubend stellte Bodhi den Blumentopf ab und besah sich den Ameisenhaufen vor seinen Füßen. Im Vergleich zu der Ameisenfarm auf seiner Fensterbank war die Kolonie hier im Wäldchen gigantisch. Im Vergleich zu den Kolonien im Burgenwald war sie klein und unscheinbar – nur ein winziger nadeliger Hügel auf dem Waldboden. »Nicht der Rede wert«, wie das Umsiedlungsbüro gemeint hatte. Was hatte Bodhi getobt, als sie seinen Antrag auf Umsiedlung der Ameisen abgelehnt hatten! Genützt hatte es trotzdem nichts. Aber na ja … Wenn das doofe Büro mit seinen Krawatten-Heinis nicht helfen wollte, musste er es eben selbst tun.
Der Lichtkegel seiner Stirnlampe wackelte hin und her, als er loslegte. Auf dem Boden kniend, füllte er Erde, Gras, Laub, Fichtennadeln und Stöckchen in den Blumentopf. Das neue Nest musste gemütlich sein, sonst würden die Ameisen nicht umziehen. Das wusste er spätestens seit dem Sommer, als Bodhis Vater ihn darum bat, die »Ameisenplage« auf der Terrasse loszuwerden. »Ameisenplage …«, grummelte Bodhi und fischte noch ein paar Stöckchen vom Boden. »Die haben doch alle keine Ahnung.«
Als er den Topf bis zum Rand gefüllt hatte, schraubte er das Honigglas auf und träufelte die zähe Flüssigkeit darüber. Er rieb sich die klebrigen Finger am Handtuch ab und hievte den Blumentopf näher an den Ameisenhaufen heran. Dann spannte er das Handtuch über den Topf, drehte ihn auf den Kopf und zog das Handtuch darunter wieder hervor. Geschafft!
Spätestens morgen früh würden die Ameisen das neue Nest entdecken, und der Umzug konnte beginnen. Morgen Nacht, wenn Bodhi zurückkäme, würde er den Topf mitnehmen und in den Burgenwald bringen, in ihr neues Zuhause. Zufrieden klopfte er sich die Hände sauber. Endlich verlief diese Nacht wieder nach Plan!
Als Nächstes war die Hütte dran. Weiter hinten stand sie im Schatten einer Fichte – unverändert seit dem Tag, als sein alter Freund Leo und er sie aus Holzbrettern, Stammteilen und Ästen gebaut hatten. Natürlich war es »nur eine Hütte«, wie seine Mutter meinte. »Was macht es da schon für einen Unterschied, ob der Bagger sie abreißt oder du sie selbst abbaust? In unser Haus willst du die paar gammeligen Holzbretter doch hoffentlich nicht schleppen!« Bodhi erinnerte sich gut an die Einwände seiner Mutter. Aber für ihn machte es sehr wohl einen Unterschied. Er hatte genug Videos von den Abrissen in den Nachbardörfern gesehen, um zu wissen, dass die Bagger den Häusern kein ehrenvolles Ende bereiteten. Im Gegenteil! Sie rissen sie auseinander wie besudeltes Schmierpapier, bevor es im Papierkorb landete. Aber Nebelheim war kein Altpapier! Und auch wenn er den Rest des Dorfes nicht vor seinem traurigen Schicksal bewahren konnte, so hatte er es doch wenigstens bei seiner Hütte selbst in der Hand. Also tat er, was er der Hütte schuldig war.
Vorsichtig löste er mit der Zange die Nägel aus den Brettern und legte die Holzteile ins Laub. Holzteil für Holzteil. Und auch wenn er wusste, dass hier bald alles dem Erdboden gleichgemacht werden würde, hob er jeden einzelnen Nagel auf, der dabei zu Boden fiel. Noch lebten hier schließlich Ameisen. Noch gab es diesen Ort. Das Holz stapelte er ordentlich auf dem Waldboden, den Kartoffelsack aber, die Eingangstür der Hütte, stopfte er sich als Erinnerungsstück in die Jackentasche. Wenigstens etwas, das ihm blieb.
Schon nach kurzer Zeit war die Hütte verschwunden. Nur das platt gedrückte Gras erinnerte noch an sie.
Seufzend kehrte Bodhi der Lichtung den Rücken zu, als es über ihm im Blätterdach raschelte. Da erst entdeckte er sie: Eine Schleiereule saß auf der Buche über ihm und stierte aus ihrem herzförmigen Gesicht auf ihn hinab. Bodhi kannte die Eule. Sie war die einzige Eule weit und breit und lebte hinter dem Nebelbach in der Scheune des Landguts, dessen Bauer seine Kühe, Schweine und Traktoren längst gegen einen Luxusbungalow in Neu-Nebelheim eingetauscht hatte. Seit der Bagger die Maisfelder hinter Nebelheim verschluckt hatte, war das Wäldchen das neue Jagdrevier der Eule. Schon oft hatte Bodhi sie hier in der Dämmerung getroffen, aber reglos angestarrt hatte sie ihn noch nie. Wie lange sie wohl schon dort saß? Und warum war ihr Blick heute so feindselig?
Reglos krallte sie sich am Ast fest. Alles war ruhig. Bis plötzlich ein Kreischen durch das Wäldchen fuhr. Eulengleich. Erschrocken fuhr Bodhi zusammen, beruhigte sich aber schnell wieder mit dem Gedanken, dass die Eule nun sicher ihre Jagd aufnahm. Doch die hockte noch immer wie angeklebt auf dem Ast. Wieder ein Kreischen. Der Schnabel der Eule aber war fest verschlossen. Von ihr konnte der Schrei nicht gekommen sein. Aber woher kam er dann? Darüber hätte sich Bodhi in diesem Moment sicher sorgenvoll den Kopf zerbrochen, wenn die Eule nicht urplötzlich losgeflogen wäre. Aufgescheucht krächzte, quietschte, heulte und schrie nun auch sie. So laut, dass sie jeden Gedanken in Bodhis Kopf übertönte. Und dabei flog sie und flog … ja, wohin flog sie nur?
Geradewegs auf ihn zu!
»Was soll das?«, rief Bodhi und sprang über eine Wurzel zur Seite. Aber keine Chance! Die Eule lenkte ein und flog im Sturzflug genau auf seinen Kopf zu, doch – knapp verfehlt! Er spürte nur den Wind ihres Flügelschlags, da war sie schon an ihm vorbeigeschnellt. Glück gehabt! Nervös knibbelte Bodhi an seiner Daumenkuppe. Bestimmt hatte seine Stirnlampe sie geblendet. Anders war ihr sonderbares Verhalten nicht zu erklären. Schnell knipste er das Licht aus. Aber … oh, oh! Warum steuerte sie schon wieder auf ihn zu?
»Hey, lass das!«, protestierte Bodhi und warf die Arme über den Kopf. Aber auch das hielt die Eule nicht davon ab, kreischend über ihn hinwegzuschießen. , war alles, was Bodhi noch dachte. Und schon stolperte er zur Seite und rannte los. Von einer Wurzel zur nächsten. Doch diese besessene Eule klebte ihm an den Fersen wie die Honigreste an seinen Fingern. Sie quietschte und schrie und knarzte. Dabei flog sie immer wieder so dicht an ihn heran, dass ihre Krallen sich in seinen Rücken bohrten und ihn unsanft vorwärts schubsten. Was hatte er ihr denn bitte getan? Er war doch nur hier, um Nebelheim seine letzte Ehre zu erweisen. Und dann so was? Auch als er den letzten Busch hinter sich gelassen und den Fuß auf die Haltestelle gesetzt hatte, ließ die Eule nicht locker und drängte ihn kreischend vorwärts. Zurück zum Fliederweg. Weiter Richtung … Ortsausgang?
»Was soll das?«, schrie Bodhi immerzu und wedelte mit den Armen. Wie unfair war das bitte? Er war doch kein Eindringling. Keiner von diesen Nebelheim-Touristen. Keiner von den Orangewesten. Er war doch auf ihrer Seite!
Aber das schien die Eule wenig zu interessieren. Kampflustig jagte sie ihn quer über den Ahornweg bis zur Ecke Fliederweg und wieder zurück. Immer und immer wieder, bis Bodhi die Puste ausging. Aber aufgeben? Das kam nicht infrage! Auf keinen Fall würde er sich aus seinem Dorf jagen lassen. Nicht schon wieder.
Also tat er, was ihm schon früher hätte einfallen sollen: Er blieb stehen. Einfach so.
Schnaufend bohrte er seine Füße in den Boden und tat … nichts. Gar nichts. Genau so, wie sie es in den Nachbardörfern getan hatten, als der Bagger kam. Voller Bewunderung hatte Bodhi davon im Radio gehört. Stur hatten die Dorfbewohner in der Bäckerei gesessen und ihren Kuchen gegessen. Keinen Zentimeter hatten sie sich von der Stelle gerührt. Bis der Bagger kam.
Doch so weit sollte es diesmal nicht kommen, denn gerade als die Schleiereule wieder Anflug auf Bodhi nahm, fiel ein grelles Licht auf den Ahornweg. Und mit dem Licht flutete Orgelmusik die Straße. Bodhi zuckte zusammen. Was war das denn jetzt schon wieder? Für einen Augenblick vergaß er die Eule und suchte mit zusammengekniffenen Augen die Straße ab. Da kam aus der Einfahrt von Familie Schuster ein rostiges BMX-Fahrrad gerollt, das vor hundert Jahren wohl einmal rot gewesen sein musste. Über seinem Vorderrad hing eine gigantische Leuchte, über dem Lenkrad eine Musikbox. Daher kam also das Höllengeklimper. Und auf dem Fahrrad saß … sie. Das Luftbläschenmädchen.
»Aaaiiiiiooohhhhuuhhhhhaaariiiiiiiiiooooaaaaah«, jaulte eine Stimme aus der Musikbox. Eindeutig die Stimme des Mädchens, das dieses »Lied« selbst aufgenommen haben musste. Das Gejaule und die Höllenorgel wechselten ab, unterbrochen von einzelnem Glockenläuten. In einer Lautstärke, dass Bodhis Eltern am anderen Ende des Lochs wohl gleich aus...




