E-Book, Deutsch, 392 Seiten
Schnabel Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95676-530-8
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 392 Seiten
ISBN: 978-3-95676-530-8
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Reise und Liebes-Geschichte eines vornehmen Deutschen von Adel,Herrn von St.***. Welcher nach vielen, sowohl auf Reisen, als auch bei anderen Gelegenheiten verübten Liebes-Exzessen, endlich erfahren muss wie der Himmel die Sünden der Jugend im Alter zu bestrafen pflegt. (Auszug aus Wikipedia)
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Elbenstein waren diese Prozeßgrillen dergestalt in den Kopf gestiegen, daß er, nachdem er in sein Logis gekommen, keinen besseren Rat zu erfinden wußte, als sich in sein Bett zu legen und noch einige Stunden zu schlafen, welches er denn so lange tat, bis sein Bedienter drei Stunden nach Aufgang der Sonne ihn aufweckte und unter währendem Ankleiden vermeldete, daß in verwichener Nacht drei Kutschen mit Damen und Kavalieren angekommen wären, welche ihre in der Nähe da herumliegenden Weinberge wollten lesen lassen. Dieselben hätten gleich mit anbrechendem Tag einige ihrer Bedienten fortgeschickt, um in den dabeibefindlichen Lusthäusern zum bequemen Aufenthalt alles zu veranstalten, mittlerweile sich die Herrschaften vielleicht noch ein paar Tage und Nächte in diesem Gasthof aufhalten dürften. Es machte sich Elbenstein hierüber keine besonderen Gedanken, nachdem er aber seinen Diener ausgeschickt, ihm ein und anderes, dessen er benötigt war, einzukaufen, kam die alte Ruffiana und brachte von der Baronne von K. einen mit verschiedenen gebackenen Sachen und Konfitüren angefüllten verdeckten Korb nebst einer vortrefflichen, noch sehr warmen Mandelsuppe. Er nahm sich ein Bedenken, von dieser letzteren etwas zu genießen, weil er sich eines gefährlichen Betrugs dabei befürchtete. Die alte Ruffiana merkte seine Furcht, schöpfte sich deswegen einen Teller voll und speiste davon mit großem Appetit, weswegen ihm aller Argwohn verging und er also die Suppe auf die Gesundheit seiner geliebten Baronne ganz aufaß. Nachdem er nun der Alten ein Danksagungskompliment an dieselbe aufgetragen und befohlen, ihm seine Speisen nicht eher als etwa eine Stunde über Mittag von dem Wirt bringen zu lassen, spazierte er in den Garten, um seinen verliebten Gedanken und Erinnerung alles desjenigen, was ihm bisher passiert war, desto ungestörter nachzuhängen. Er setzte sich demnach in eine wiewohl nicht eben allzugut angelegte Grotte, denn die Natur zeigte zwar hier einem Künstler die allerschönste Gelegenheit, ein Meisterstück zu machen, allein entweder war der Wirt kein besonderer Liebhaber von dergleichen, oder es mochte ihm vielleicht an Mitteln fehlen, ein kostbares Grottenwerk anlegen zu lassen. Unterdessen betrachtete Elbenstein erst die Wunder der Natur und wie das allerklarste Wasser bald hier, bald dort aus den Felsenlöchern herausspritzte, hernach setzte er sich in einen von Moos zugerichteten Schlafstuhl, worin zwei Personen gar commode nebeneinander sitzen konnten, er wünschte schon wieder seine geliebte Baronne an diesem angenehmen Ort bei sich zu haben, weil aber dieser Wunsch vergebens, so verfiel er in tiefe Gedanken, aus welchen er sich erst nach Verlauf einer guten Stunde ermunterte und ihm nicht anders zu Mut war, als ob er geschlafen und geträumt hätte. Da es ihm aber etwas gar zu kühl zu werden begann, machte er sich wieder aus der Grotte heraus an die Sonne und ging im Garten auf und ab spazieren, da er denn gewahr wurde, daß die fremden Kavaliere und Damen über seinem Zimmer logierten; deswegen begab er sich aus dem Garten heraus, ging nach dem Stall, wo seine Pferde standen, im Rückkehren aber bemerkte er in einem anderen Zimmer durch die Fensterscheiben noch mehrere Damen, konnte jedoch nicht sehen, ob sie schön oder häßlich waren, weil sie ihre Gesichter mit Florkappen bedeckt hatten; wiewohl er sich auch hierum wenig bekümmerte, indem ihm das Bildnis der charmanten Baronne von K. beständig vor Augen schwebte. Er begab sich wieder nach seinem Zimmer und brachte die Zeit mit allerhand Gedanken zu, bis endlich der Wirt nebst der Alten ihm die Mahlzeit auftrugen. Der erstere erzählte, wie einige Kavaliere und Damen begierig zu wissen gewesen wären, wer doch der Herr sein möchte, welcher im Garten spazierengegangen, ja die eine Dame hätte ihn, den Wirt, auf die Seite gezogen und ihm einen Zecchin geboten, wenn er ihr den Namen dieses Kavaliers und den Ort, wo er sich ordentlich aufzuhalten pflegte, sagen wollte; allein er habe hoch beteuert, daß er ihre Kuriosität nicht vergnügen könnte, weil sich dieser Kavalier weiter für nichts als einen Reisenden ausgäbe, der sich an diesem oder jenem Orte, wo es ihm gefiele, zuweilen einen oder etliche Tage aufzuhalten pflegte. »Mein Herr!« sagte hierauf Elbenstein, »Er hat recht geantwortet; damit Er aber nicht Schaden leide, so verehre ich Ihm hiermit zwei Zecchins mit der Bitte, daß Er jetzt gleich nach der Mahlzeit auf ein paar Stündchen mit mir spazierengehen möchte, um mir die selbigen Orts befindlichen Merkwürdigkeiten zu zeigen.« Der Wirt stellte sich nunmehr, nach abgelegter schuldigen Danksagung für das empfangene Geschenk, noch einmal so dienstfertig und versprach, Elbensteins Befehlen in allen Stücken zu gehorsamen. Dieser ließ sich die Mahlzeit wohlschmecken, desgleichen den trefflichen Wein, den man in selbiger Gegend um billigen Preis haben konnte, und begab sich nachher mit dem Wirt auf den Spazierweg. Dieser führte ihn zu allererst zu des in seinem Leben sehr berühmt gewesenen Francisci Petrarcha Haus, welches er sehr schlecht und nicht viel besser als ein gemeines Bauernhaus befand, doch dem berühmten Mann zu Ehren besah er alle Winkel desselben und setzte sich endlich, um ein wenig auszuruhen, auf der Stelle nieder, wo der Sage nach Petrarcha vor diesen seine Schlafstätte gehabt hätte. Er bemerkte über der Tür nicht nur obgemeldete Katze, sondern auch folgende Buchstaben: »Francisc. Petrarcha, Aret. Florent. nat. MCCCIV. d. XX. Jul. denat. Florent. MCCCLXXIV.« Elbenstein versicherte seinem Wirt, daß er auf Universitäten in Deutschland zwar viel von diesem Mann gehört und gelesen, müsse aber gestehen, daß ihm, als einem jungen Menschen, das allermeiste wieder aus der Acht gefallen, weswegen der Wirt, welcher die Geschichte vielleicht von andern Passagieren erzählen hören, also redete: »Mein Herr! Dieser Petrarcha ist ein sehr gelehrter Jurist, Philosoph und Poet gewesen, welcher zu Carpentras, Montpellier und Köln studiert hat. In Rom hat man ihn ohne sein Verlangen zum Poeten gekrönt, wie er denn auch nachher das Archidiakonat in Parma erhalten, ja er wäre unfehlbar Kardinal worden, wenn er dem damaligen Papst Clemens VI. seine schöne Schwester zur Mätresse überlassen wollen. Sonst sagt man, daß er sich allezeit mit einem ledernen Schlafrock zu Bett gelegt habe, und wenn ihm etwas von besonderen gelehrten Dingen beigefallen, er solches sogleich auf diesen ledernen Rock geschrieben, weshalb man nachgehends die Vorderteile dieses Rocks und so weit er sonst reichen können, ganz mit Versen und anderen gelehrten Einfällen beschrieben gefunden. Man hat diesen Rock lange Zeit als eine besondere Rarität aufgehoben, endlich aber ist derselbe zur Pestzeit unter anderen Sachen verbrannt worden.« »So werden vielleicht«, sagte hier Elbenstein, »auf diesem ledernen Rocke auch viele verliebte Seufzer und vortreffliche Stoßgebetchen an seine geliebte Laura anzutreffen gewesen sein, deren der Herr Wirt gestern gedacht hat?« Wie nun der Wirt zur Antwort gab, daß er solches nicht eigentlich sagen könne, fuhr Elbenstein im Reden fort und fragte: »Ei! mein Herr, gibt es denn dem Volk kein Ärgernis, wenn sich die geistlichen Herren und sonderlich die Päpste Mätressen halten, wie er mir denn nur jetzt gesagt hat, daß der Papst Clemens VI. des Petrarcha schöne Schwester zur Mätresse verlangt habe?« »Ei! Behüte Gott und alle Heiligen«, versetzte der Wirt, »daß wir von solchen Sachen nichts mehr reden; kommen Sie, mein Herr! Wir wollen weitergehen.« Elbenstein wollte dem ehrlichen Mann nicht mißfällig werden, deswegen folgte er demselben und wurde von ihm zu der Statue des Petrarcha, die von Metall gegossen war, geführt, bei welcher der Wirt erzählte, daß ein gewisser Edelmann, der durch einen vorsätzlichen und frevelhaften Pistolenschuß an der Statue ein Auge verderbt, von der durchlauchten Republik Venedig auf Lebenszeit bannisiert worden. Nach diesen zeigte ihm der Wirt noch verschiedene vermeintliche Heiligtümer und Raritäten, welche Elbenstein, ihm zu Gefallen, zwar bewunderte, in der Tat aber nichts besonders Wunderbares daran fand, weswegen er unter dem Vorwand einer großen Müdigkeit wieder mit ihm zurück in das Gasthaus kehrte. Kaum war er in sein Zimmer getreten, als ihm der Bediente einen versiegelten Brief überreichte, dessen Titel nach der deutschen Übersetzung also lautete: An den allervollkommensten und allervortrefflichsten
Kavalier
N. N. Wie nun schon der Titel einige Bestürzung bei ihm verursachte, zumal der Diener meldete, daß ein unbekannter Bote denselben überbracht und sich eiligst wieder fortgemacht hätte, so wurde er nach Lesung des Briefes noch um desto mehr bestürzt. Der Inhalt des Briefes aber war folgender: Allervollkommenster Kavalier! Eine der vornehmsten, reichsten und schönsten Damen verlangt Euch zu sprechen, in dem Haus einer gewissen Gärtnersfrau, die sich Margaretha nennt, allwo Ihr vernehmen werdet, warum man Euch dahin hat rufen lassen. Hütet Euch aber ja, jemandem, auch nicht einmal Eurem Diener, etwas von dieser Sache zu entdecken. Morgen abend gegen zwölf Uhr könnt Ihr, jedoch ohne Begleitung, vor das Niedertor und zwischen den Gärten herunterspazieren, da Ihr denn in der Haustür obgemeldter Margaretha eine Weibsperson werdet sitzen sehen, welche Blumenkränze windet. Geht etwas zeitiger aus und bemerkt das Haus wohl, kommt aber pünktlich um zwölf Uhr wieder zurück, da man Euch denn im Vorbeigehen schon anrufen wird. Lebt vergnügt und laßt Euch das Schweigen rekommandiert sein, sonst seid Ihr verloren. Elbenstein...




