Schneider | Einkehr in Polen oder der bucklige Patriot | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 196 Seiten

Schneider Einkehr in Polen oder der bucklige Patriot

Ein Bericht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-7233-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Bericht

E-Book, Deutsch, 196 Seiten

ISBN: 978-3-8192-7233-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einkehr in Polen berichtet von meinem Besuch der fünf polnischen Städte Wroclaw/Breslau, Toszek/Tost, Gliwice/Gleiwitz, Oswiecem/Auschwitz und Krakow/Krakau. Dort kam ich an vieler deutscher Hinterlassenschaft vorbei. An zumeist schrecklicher und gelegentlich sehenswerter. Davon nicht zu trennen war die Suche nach der Vergangenheit wie die nach mir selbst. Gerade dieses mir fremde Polen verlangte den Versuch, die Beziehung zu meinem Land zu klären.

Albrecht Schneider ist Maler, Zeichner, Verfasser ernster wie komischer Lyrik, literarischer wie biographischer Prosa. Sein Lebensbericht "Mich erzog so mansche Herrschaft" ergänzt er mit diesem Bericht einer Reise nach Polen und in die eigene Vergangenheit.
Schneider Einkehr in Polen oder der bucklige Patriot jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


I


Auf der Fahrt nach Dresden, geradewegs von Westen kommend, reist man durch das Thüringerland, wo südlich von Eisenach die Wartburg aus der Ferne grüßt. Die deutsche Landschaftsbeschreibung liebt es ja, irgendwen von ferne grüßen zu lassen, seien es Türme, Berge, Burgen oder die Figuren, welche der Sage nach in oder auf ihnen hausen. Der Kaiser Rotbart im Kyffhäuser wie die Loreley am Rhein sind die bekanntesten unter ihnen, und in tausend Jahren wird vielleicht einer unserer heutigen wortmächtigen Dichter im Prenzlauer Berge wohnen und uns von da aus zuzuwinken.

Nahe der Wartburg, im Hörselberg, soll Frau Venus einst Asyl gefunden haben, nachdem die alten Götter von dem Mann am Kreuz vertrieben worden waren. Und es mag durchaus so gewesen sein, dass einer seiner treuesten Knechte, der Herr Martin Luther, in seinem Burggemach sein Tintenfass nicht, wie er meinte, dem Teufel an den Kopf warf, sondern der Frau Venus, die eines Abends ihre Behausung verließ, weil sie den neuen Nachbarn mit ihrem Besuch zu beehren beabsichtigte. Es leuchtet ein, wenn jemand wie er, der ständig mit dem frommen Personal der Bibel Umgang pflegte, zum Ausgleich einmal auf den Teufel losgehen wollte, und im schummerigen Kerzenlicht konnte ihm dann leicht der Irrtum unterlaufen, dass er eine Frau für einen Mephisto hielt. Doch das sind bloße Vermutungen, berühmten Mythen sollte man ihre Ruhe gönnen, sie vertragen keine andere Auslegung, und diese Legende hier allein schon deswegen nicht, weil ein wortmächtiger Reformator nach einen ihm angemessenen Gegner verlangt. Und für den steht viel eher der Teufel denn die arme Frau Venus, die damals ihre Reize und Verführungskünste längst eingebüßt hatte, weshalb die alte Kirche sie nicht länger fürchtete und die neue es kaum anders halten würde. Die Zeit der Liebesgöttin war abgelaufen, nur gelegentlich mochte sie in ihrer dunklen Wohnung in dem Spiegel nachschauen, ob die frühere Schönheit wohl noch ein wenig durch die welke Haut und die Falten schimmerte. Wer zumindest eine Ahnung davon haben möchte, was uns mit ihrem Exil verlorengegangen ist, der sollte sich nach Paris begeben, wo sie, als sei sie eben dem Meer entstiegen, so unnahbar, marmorweiß und schön im Louvre steht und den Blick nach innen gewendet nichts mehr von uns wissen will.

Ehe also die Wartburg, der Kreißsaal der neueren deutschen Sprache, in unser Blickfeld geriet, hatten wir bei Hersfeld auch geographisch die deutsche Teilung hinter uns gelassen. Die Nomenklatur, welche vordem Ost und West für die innerdeutsche Grenze erfanden, lagert längst auf dem Schrottplatz der Historie, und dort verrosten neben den Wortgranathülsen der Propaganda überhaupt manche Ideologien. Einzig die Metapher vom eisernen Vorhang hat sich erhalten und durfte in den Geschichtsbüchern Platz nehmen. Nun hat man ihn hochgezogen, die Stücke, die vor und hinter ihm gespielt wurden, sind längst abgesetzt, die Requisiten in die Depots gewandert, die Textbücher vergilben. Manchmal streicht einer durch die Lande und liest laut daraus vor, bildet sich ein, man könne noch immer Theater damit machen, aber das Publikum will nichts mehr davon sehen und hören.

An einer herbstmilden Sonne wärmten sich an diesem Nachmittag die grünbezogenen Berge Thüringens. Die Namen seiner Städte flüsterten wir Schüler mit Ehrfurcht, in Jena blühte der deutsche Idealismus, vielleicht konnte solcher Geist bloß in solcher idealen Umgebung gedeihen. Heute leuchten von dort die weißen Rechtecke der Plattenbauten. Seitab liegen die Orte, zu deren Fürstenhöfen der junge, zu deren Orgeln der alte Johann Sebastian Bach zog, Goethe galoppierte durch den Wald und klopfte Mineralien, abends notierte er schon einmal ein Gedicht auf die Holzwand der Herberge. Entlang jener Pfade und mitten durch dieses Kulturland schlängelt sich die Autobahn, an der allenthalben gewerkelt wird, weil sie so breit und glatt werden soll wie die im goldenen Westen. Mit ihrem Bau begann in Germanien schon einmal die neue Zeit, wurde einer der jüngeren deutschen Mythen geboren, die nicht sterben wollen.

Wir erfrischten uns an einer ihrer Raststätten, wo offenbar ein gutgelaunter Ausstatter gewirkt hatte. Die Einrichtung war von der Art, die wohl postmodern heißt, und die insofern komfortabel und mir lieb ist, da sie ohne eine italienische Kaffeemaschine niemals auskommen würde. Zudem wurden hier das Getränk mit nach italienischem Gusto gebrannten Bohnen bereitet, woraufhin Erholung und Genuss zugleich sich einstellten. Die Bedienerin des zischenden und duftenden Gerätes war eine Frau, deren Akzent und Freundlichkeit verriet, dass sie nicht von der deutschen Kultur geleitet wurde. Was die Italiener einst von den Deutschen dachten, die das Land ihrer Sehnsucht mit den Füßen suchend zu ihnen über die Alpen wanderten, darüber gibt es kaum Nachrichten. Zum Glück haben damals die südländischen Eingeborenen von der nordländischen Besucher Esskultur nichts angenommen, wenn dieser Begriff auf Harzer Käse und hessische Krautwickel überhaupt anwendbar ist. Was immer ihnen an den Barbaren gefallen haben mag, vielleicht Dürers Aquarelle, vielleicht Händels Sarabanden, oder ob sie mitleidig dachten, die blassen Gesichter und blonden Haare rührten von deren Nahrung oder der Kälte dort oben her, einige Nachfahren des Römischen Reiches zogen hinauf zu den germanischen Nachbarn und mühten sich, deren Sinne mittels ihrer Küche, der Cucina Italiana, nachhaltig zu schärfen und deren Geschmacksknospen richtig zum Entfalten, ja sogar zum Blühen zu bringen. Wie segensreich jene Hilfe war, erweist sich heute an den erheblich empfindsameren deutschen Zungen und, wie allerorten zu besichtigen, an den vermöge Mailänder Schneider- und Webkunst elegant ausgestatteten deutschen Leibern. Wen unter uns der Italiener Virtuosität in der Zubereitung von Nudelspeisen begeistert und wem ihr Talent beim Zuschnitt baumwollener Sakkos aufgefallen ist, wer sich gern an ersteren delektiert und wegen letzterer endlich eine gute Figur macht, dem ist ewige Dankbarkeit ihnen gegenüber aufgetragen. Einem Neapolitaner ist ein Hamburger schon dadurch verpflichtet, dass zu seinen unentbehrlichen Delikatessen neben dem namensgleichen Fleischklops mittlerweile die Pizza zählt. Freilich verdienen ihre bei uns geschätzten, dicklappigen, überladenen Abkömmlinge im Vergleich zu den köstlichen, grünweißroten, mit Basilikum, Mozzarella und Tomaten belegten flachen Originale häufig nichts anderes als die Bezeichnung: elendes Plagiat! Kurzum, für alle Zeiten stehen wir Deutschen in der Italiener Schuld, und das deswegen, weil sie nicht allein ihre Kochkunst zu uns trugen, sondern nach den elektrischen Speiseeismaschinen zuletzt diese Wunderwerke von Kaffeeautomaten über ein hohes und schroffes Gebirge hierhin geschleppt haben. Einer ihrer vielen Beiträge zu dem langwierigen Prozess nordischer Zivilisation.

Nicht minder verdienstvolle Förderer unserer Kultur waren diejenigen unter ihren Landsleuten, welche in dem einstmals so hinreißend schönen Dresden Musik geschrieben, Hofkapellen geleitet und auch gesungen haben, wie die berühmte Faustina Bordoni, die Frau des Komponisten Johann Adolf Hasse. Mit Sangeskunst bezauberte sie das Publikum hier auf der Opernbühne wie zuvor daheim im Teatro Grimani in Venedig, wo man ihr den Namen

Die Musik war und ist in Dresden gut aufgehoben, einem Ort, dessen Zauber heute nur noch zu ahnen ist, gleich wie im nahen Hörselberg die Schönheit der Frau Venus hinter dem bleichen und welken Gesicht. Derart unheilbar, nahezu tödlich verletzt erscheint die Stadt, die mit Florenz verglichen wurde, als müsse das Requiem des Maestro Johann Adolf Hasse bald eigens für sie gesungen werden. Auch wenn sie bloß noch ein Schatten ihrer selbst ist, für die Kunst, die man ihr verdankt, dürfte sie ewig gefeiert werden. Ihre Musik konnte nicht verbrennen, niemand sie zertrümmern, sie hatte ein glücklicheres Schicksal als ihre drei Schwestern, die Malerei, die Architektur und die Bildhauerei, deren Farben, Steine und Marmor sterblich waren und die unter den Bomben zugrunde gingen. Zeugnis von ihnen legen allein Kopien ab, und wir sind es dem Opfer Dresden schuldig, dass wir sie im Gedächtnis bewahren wie die Bilder und Statuen eines...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.