E-Book, Deutsch, 449 Seiten
Schneider Modernes Regieren und Konsens
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-531-92174-7
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Kommissionen und Beratungsregime in der deutschen Migrationspolitik
E-Book, Deutsch, 449 Seiten
Reihe: Humanities, Social Science (German Language)
ISBN: 978-3-531-92174-7
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Mit einem Vorwort von Rita Süssmuth
Jan Schneider ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Europäische Migrationsnetzwerk beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Er promovierte am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen und ist Research Fellow des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Danksagung;5
2;Inhaltsübersicht;7
3;Inhaltsverzeichnis;8
4;Abkürzungsverzeichnis;14
5;Abbildungsverzeichnis;17
6;Vorwort von Rita Süssmuth;18
7;Einleitung: Do Commissions Matter?;22
8;1 Regieren und Policy-Beratung – Grundlagen und Konzeptualisierungen;36
8.1;1.1 Regieren und Konsens in der Bundesrepublik;36
8.2;1.2 Regieren und Politikberatung mit Kommissionen;71
9;2 Migrationspolitik in der Bundesrepublik – Beratung und Entscheidung;105
9.1;2.1 Deutschland und die Zuwanderung;105
9.2;2.2 »Gastarbeiter«- und Ausländerpolitik als Domäne der Exekutive;109
9.3;2.3 Asyl- und Migrationspolitik zwischen föderaler Kooperation und Parteienstreit;136
9.4;2.4 Einwanderungspolitik als Regierungspolitik? (1998/99);159
9.5;2.5 Beschränkt beratungsfähig – Willensbildung und Entscheidung in der deutschen Migrationspolitik (Zwischenfazit);166
10;3 Die Zuwanderungskommission im Politikprozess;174
10.1;3.1 Regierungsforschung als empirisch-qualitative Sozialforschung: Methodik der Fallstudie;174
10.2;3.2 Regierungsprozess: Reaktive Politik oder Coup de Ministre?;190
10.3;3.3 Kommissionsprozess: Politikberatung im Policy-Netz;232
10.4;3.4 Post-Kommissionsprozess: Der doppelte Politikzyklus;272
11;4 Ergebnisse und Schlussfolgerungen;358
11.1;4.1 Die Zuwanderungskommission und das Beratungsregime der Migrationspolitik: Zentrale Befunde;358
11.2;4.2 Regieren mit Kommissionen: Zehn Thesen;368
11.3;4.3 Ausblick: Ergänzende Forschungsfragen;388
11.4;4.4 Fazit: Modernes Regieren?;392
12;Literaturverzeichnis;397
13;Anhang;430
14;Personenregister;447
1 Regieren und Policy-Beratung – Grundlagen und Konzeptualisierungen (S. 39-40)
Bei der Regierung wie bei der Tugend ist es die größte aller Schwierigkeiten, Fortschritte zu machen. […] Wo immer die Berücksichtigung der Meinung des Volkes erstes Prinzip der Regierung ist, muß eine praktische Reform langsam und jede Reform voller Kompromisse sein. […] Wer immer eine Veränderung in einer modernen verfaßten Regierung erreichen will, muß zuerst seine Mitbürger dazu erziehen, überhaupt Veränderung zu wollen. Ist das getan, muß er sie davon überzeugen, genau die Veränderung zu wollen, die er will. (Woodrow Wilson, 1887)
1.1 Regieren und Konsens in der Bundesrepublik
Dieses Kapitel entwickelt ein grundlegendes Verständnis des vielfach als ungenau wahrgenommenen Begriffs Regieren und konzeptualisiert eine sowohl normativ als auch analytisch konsistente Leitidee von demokratischem Regieren. Den Aufgaben und Funktionen des Regierens wird dabei explizit sowohl in deskriptiv-analytischer wie in normativdemokratiepolitischer Hinsicht Rechnung getragen. Akteursbezogen werden Gubernative bzw. Kernexekutive als Orte führungsorientierten Regierens lokalisiert und die verschiedenen Dimensionen der Verhandlungsdemokratie, die sowohl ermöglichend als auch hindernd auf das Regieren einwirken können, diskutiert. Schließlich wird auf zwei Kernaspekte des Regierens fokussiert: die Organisation von Konsens als Meta-Funktion sowie das informale Handeln als Technik des Regierens.
1.1.1 Demokratisches Regieren: Begriff und Inhalt
Nach herkömmlichem Verständnis zerfällt Regierung in eine institutionelle und eine funktionelle Dimension (vgl. Badura 1987). Erstere bildet einen genuinen Bezugspunkt der Staatsrechtslehre und beschreibt die verfassungsmäßigen Institutionen und Organe des Regierungssystems, die Polity. Letztere erschließt sich hingegen durch die Betrachtung der Aufgaben der Regierung, die materiell-inhaltliche bzw. prozessuale Regierungstätigkeit im Sinne exekutiven Handelns, deren Rahmen zwar ebenfalls durch Recht – genauer: das Grundgesetz – abgesteckt und gebunden, jedoch kaum durch allgemeine Aufgabenklauseln konkret bestimmt ist (vgl. Schröder 2005: 1116f.).
1.1.1.1 Ethymologie und Begriffsverständnis
Das substantivierte Verb Regieren geht unmittelbar auf das lateinische regere (richten, lenken) zurück, dessen abstraktere Bedeutungen als »führen« und »leiten« später hinzukamen. Gleichbedeutend mit regere wurde bereits im klassischen Latein das Verb gubernare gebraucht. Beide bezogen sich ursprünglich auf die Steuerung und Lenkung eines Schiffes und koexistierten – auch in ihrer abstrakten und metaphorischen Bedeutungszuschreibung – bis ins Mittelalter (vgl. Sellin 1984: 363).
In der Bedeutungsvielfalt, die dem Regieren im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit zukam, resultierte das Verb in Wendungen aus der politischen Sphäre stets im Führen zu einem guten Ziel (vgl. Sellin 1984: 364), auch wenn im Vorgriff auf die repressiv-obrigkeitsstaatliche »Staatsräson« bisweilen bereits den policies (den Polizeien im verengten Sinne einer peinlich-gebotsmäßigen Regelung aller Lebensverhältnisse im Inneren) der Vorrang vor dem guten Regiment eingeräumt wurde (vgl. Beyme 1985: 8).




