Schnellhardt | Fenster zum Park | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Schnellhardt Fenster zum Park


3. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7407-7802-6
Verlag: TWENTYSIX LOVE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-7407-7802-6
Verlag: TWENTYSIX LOVE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es geht um Liebe, Träume und die Zerbrechlichkeit des Glücks vor dem Hintergrund zweier historischer Ereignisse, 9/11 in New York und den Mauerfall in Berlin. Henrik Heller, ein aus Deutschland stammender New Yorker Journalist, hat auf tragische Weise seine Partnerin verloren und versucht, als Großstadteremit diese Lebenskrise und noch ein anderes Trauma zu überwinden. Dabei schreibt er ein Buch, in dem er erzählt, wie alles gekommen ist. Vom Glück der Freiheit, ihren Gefahren und ihrer Gefährdung.

Peter Schnellhardt wurde 1949 in einer Kleinstadt in Thüringen geboren. Abitur in Eisenach und Beginn eines Theologiestudiums in Jena. Nach dessen Abbruch hat er zunächst als Hilfspfleger gearbeitet, dann Medizin in Leipzig und Erfurt studiert. Anschließend war er bis zu seinem Ruhestand 2010 als Allgemeinarzt tätig. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seit über dreißig Jahren schreibt er Gedichte und Kurzgeschichten, 2021 erschien sein erster Roman.
Schnellhardt Fenster zum Park jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


Henrik schloss die Tür hinter sich ab, zog seine Schuhe aus, die er kreuz und quer stehen ließ, schmiss seine Jacke auf den Flurboden, ging schnurstracks in sein Wohnzimmer, haute sich auf die nahezu neue Couch und beschloss, seine Wohnung nicht mehr zu verlassen, nie mehr. Er war fertig mit sich und der Welt. Diese Schweine, und überhaupt, was hat das Leben jetzt noch für einen Sinn, dachte er. Eine Weile lag er wie gelähmt da und stierte schwarze Löcher in die Luft. Schließlich schlief er ein.

Als er kurze Zeit darauf wieder aufwachte, dämmerte es. Seine Glieder waren bleischwer, aber seine Blase drückte und so schleppte er sich schlaftrunken zur Toilette. Zurück im Wohnzimmer schaute er, weiterhin ganz benommen, aus der großen Fensterfront seines Apartments im 52. Stock. Es goss in Strömen und der Regen formte im Zwielicht des Abends aus den Silhouetten der Hochhäuser graue Stalagmiten von unterschiedlicher Größe, zwischen denen Irrlichter hin und her flackerten. Allmählich füllten sich die Stalagmiten mit Licht, das die Fenster erleuchtete und über die der Regen nach unten schoss. Abertausende Augen, so wirkte es auf ihn, aus denen Ströme von Tränen flossen.

Ich verlasse diese Wohnung nie mehr, bekräftigte er seinen Entschluss, jedenfalls nicht mehr, bevor sie nicht diese Schweine, diese Mistkerle gefunden haben.

Er hatte keinen Hunger, aber wenigstens etwas trinken wollte er. Eine Tasse guten Tee hatte Lisa hin und wieder getrunken, wenn sie am Boden war oder einfach nur mal eine kleine Stärkung brauchte.

Gedankenverloren ging er in die Küche, stellte den Wasserkocher an und nahm etwas Tee aus der blauen Dose, die in dem Schrankteil neben der breiten, meist offenen Durchreiche zum Wohnzimmer stand.

Mit Tee hatte er es eigentlich nicht so. Er war Kaffeetrinker. Selten trank er auch mal einen Tee und wenn, dann eher Früchtetee. Jetzt jedoch erinnerte er sich daran, wie gut Lisa der Tee immer getan hatte. Anfangs stammte der Tee noch von diesem Guru. Wenn er auch nur an ihn dachte, wurde er schon wieder unruhig. Er atmete einige Male tief ein und aus.

Später brachte Mrs Callyhan, ihre Reinigungskraft, Tee aus Jackson Heights mit. Sie machte gelegentlich auch ein paar Besorgungen und da es in ihrer Nähe einen guten Teeladen gab, bot sich das an. Lisa füllte damit ihre blaue Dose neu auf und der Tee war mindestens genauso gut wie der des Gurus.

Während er den Tee aufbrühte, dachte er ständig an sie. Was mache ich bloß ohne sie?, fragte er sich zum xten Mal. Alles hier in der Wohnung erinnerte ihn an sie, jeder Stuhl, jedes Bild, jeder Fleck auf dem Bettlaken.

Wieder im Wohnzimmer stellte er Kanne, Tasse und alles andere, was er so brauchte, auf den Couchtisch, ließ sich in seinen Sessel fallen, schaltete den Fernseher ein und sah sich die News des Tages an. Anschließend kam ein Film, er schaltete um, eine Talkshow lief, in der sich ein Moderator wichtigtat. Nein, das konnte er nicht ertragen, er zappte weiter. Auf dem nächsten Kanal lief ein Reisebericht über Neuseeland. Der Dokumentarfilmer erzählte von der grandiosen Landschaft, den steilen Bergen, die gleich hinter der Küste aufragen, den grünen, saftigen Wiesen und den Rindern, die die Schafherden mehr und mehr verdrängen.

Das lag ihm schon eher, das beruhigte seine Nerven und so blieb er bei diesem Kanal, schenkte sich eine Tasse Tee ein, gab ein Stück Kandiszucker dazu und goss einen ordentlichen Schuss Brandy hinterher. Der Brandy war in diesem Fall Weinbrand. Tee mit Weinbrand zu trinken, war eine Angewohnheit aus seiner alten Heimat, vor allem wenn es kalt war, und es war kalt in diesen Tagen, um ihn und in ihm.

Auch den Bericht über Neuseeland konnte er sich nicht lange ansehen. Alles war so belanglos, so nichtig geworden. Er trank eine weitere Tasse Tee mit Weinbrand, wobei sich das Verhältnis wandelte und es jetzt doch eher Weinbrand mit Tee war. Nach der zweiten Tasse ging er erneut in die Küche und holte sich eine Packung Butterkekse. Die hat noch Lisa gekauft, ging es ihm durch den Kopf, weshalb er nach zwei Keksen schon wieder mit dem Essen aufhörte. Der Gedanke an sie, daran, was mit ihr passiert war, bedrückte ihn und ließ den letzten Rest Appetit verschwinden.

Beinahe regungslos saß er nun auf der großen hellen Ledercouch, den Oberkörper zurückgelehnt, die Beine ausgestreckt, schaute in Richtung Lisas kleinen Flügel und versank in seinen Erinnerungen. Und je länger er über alles nachdachte, desto mehr beschlich ihn das Gefühl, dass auch er nicht ganz frei von Schuld ist. Unbeabsichtigt zwar, aber eben doch in schicksalhafter Weise mit ihrem tragischen Tod verstrickt, machte er sich Vorwürfe.

Anstelle seiner Tee-Brandy-Mischung nahm er jetzt gleich einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Ins Bett zu gehen brachte er auch diese Nacht nicht fertig und so legte er sich, müde geworden, samt seinen Sachen wieder auf die Couch und schlief ein.

Mitten in der Nacht wachte er schweißgebadet auf, gehetzt von einer Gruppe Langbärtiger. Gerade wollten sie ihn erschlagen, als er sich in im letzten Augenblick in die Realität retten konnte. Aber was war die Realität? Dunkelheit und Einsamkeit.

In der Folge versuchte er wieder einzuschlafen, wälzte sich von einer Seite auf die andere, fantasierte im Halbschlaf, stieß mit einem Fuß an den Couchtisch und wurde daraufhin ganz wach.

Doch die Langbärtigen waren immer noch da. Er wusste nun nicht mehr, ob er träumte oder ob alles real war.

Verunsichert und fragend ging sein Blick durch den Raum.

Das war kein Traum, stand es jetzt für ihn fest. Die Langbärtigen hatten sein Zimmer besetzt und wollten, dass er seine Wohnung räumt. Zusehends wurde er unruhiger. »Ihr spinnt wohl, das ist meine Wohnung. Wie kommt ihr überhaupt hier rein? Macht, dass ihr wegkommt! Sonst rufe ich die Polizei, die wird euch schon rauswerfen!«, rief er laut.

Sie grinsten nur. Einer schob seinen langen weißen Umhang etwas zur Seite und ließ fast beiläufig den Lauf einer Maschinenpistole sehen.

Henrik griff nach der Tasse, die noch auf dem Couchtisch stand, und warf sie mit voller Wucht nach ihm. Es schepperte gewaltig, dann waren die Gestalten weg.

Durcheinander und fassungslos starrte er in die Dunkelheit. Was war das denn? Er konnte es nicht glauben, was er da eben gesehen hatte. »Wäre ja noch schöner, ich lasse mich doch nicht aus meiner eigenen Wohnung vertreiben, Gesindel, Halunken, Verbrecher«, sprach er mit sich selbst.

Missmutig quälte er sich von der Couch hoch. Auf dem Weg zur Toilette trat er in eine Scherbe, jaulte fürchterlich auf und machte sofort wieder die Langbärtigen dafür verantwortlich. Scheißkerle, haben mir eine Fußangel gelegt, war es für ihn klar.

Im Bad wollte er eigentlich eine Beruhigungstablette einnehmen, ließ es aber sein, weil er Schnaps getrunken hatte und außerdem waren die Gestalten ja nun wieder weg.

Ins dunkle Wohnzimmer zurückgekehrt, warf er einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Der Regen hatte nachgelassen und die Stalagmitenlandschaft hatte sich in eine futuristische, extraterrestische Großstadt verwandelt. Vielleicht bin ich ja in Coruscant, war nun sein Eindruck. Ich werde die Jedi-Ritter benachrichtigen, die werden den Langbärtigen schon Manieren beibringen.

Im Vertrauen auf diesen Gedanken torkelte er zu seiner Couch und schlief wieder ein.

Ein greller Blitz traf ihn genau in der Sekunde, als er seine Augen öffnen wollte. Ein Atomblitz, schoss es ihm durch sämtliche Gehirnwindungen. Es ist aus. Mit zusammengekniffenen Augen verharrte er eine Minute, dann merkte er, dass er noch lebte, und machte einen erneuten Versuch, sie zu öffnen.

Die Sonne hatte die Wolkendecke durchbrochen und schien ihm direkt ins Gesicht. Sein Schädel brummte indessen so sehr, dass er wieder ins Zweifeln kam, ob nicht doch eine Bombe explodiert war, eine Bombe, mitten in seinem Kopf.

Ich vertrage aber auch gar nichts mehr, dachte er. Gar nichts war eine halbe 0,75-Liter-Flasche 40 %tiger Brandy.

Beim Aufstehen stieß er einen lauten Schrei aus und setzte sich sofort wieder auf die Couchkante. »Verdammt, mein Fuß«, stöhnte er. Sein linker Fußballen war blutig, worauf er auf einem Bein in das kleinere der beiden Bäder hüpfte, das gegenüber von seinem Arbeitszimmer lag und das er, schon seit ihrem Einzug, fast ausschließlich benutzte.

Zuerst duschte er seinen linken Fuß und stellte erleichtert fest, dass es nur eine kleine Wunde war, die nicht genäht werden musste. Dann duschte er sich ganz und zum Schluss wieder seinen linken Fuß – man weiß ja nie, was sich alles so für Keime in der Dusche befinden, war seine Befürchtung. Zum Glück hatte er noch etwas Antiseptikum, das er auf die Wunde sprayte, und zuletzt klebte er ein Pflaster darüber.

Im Anschluss daran machte er sich einen starken Kaffee, um seinen Kopf wieder frei zu bekommen, setzte sich im Wohnzimmer an den Esstisch und aß die am Abend zuvor angebrochene Packung Kekse.

Nunmehr wieder bei klarem Verstand und im Vollbesitz seiner fünf Sinne trat er vor...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.