Schoder | Liebe ist so scheißkompliziert | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Schoder Liebe ist so scheißkompliziert


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7336-5046-9
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-7336-5046-9
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf einer Party stürzt Nele mit Jerome ab, der alles verkörpert, wonach sie sich immer gesehnt hat. Als sie sich zum ersten Mal küssen, hat Nele hunderttausend Schmetterlinge im Bauch. Doch am nächsten Tag kursiert ein Video von ihr im Netz, auf dem sie eindeutig zu wenig anhat. Eigentlich kann nur Jerome dieses Video gemacht haben. Aber Nele ahnt, dass die Wahrheit viel komplizierter ist ...

Sabine Schoder, Jahrgang 1982, hat Grafikdesign in Wien studiert und sich dort Hals über Kopf verliebt. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Vorarlberg und widmet sich nach dem Erfolg ihres Jugendromans ?Liebe ist was für Idioten. Wie mich.? hauptberuflich dem Schreiben. Literaturpreise: ?Immer ist ein verdammt langes Wort? - Delia Jugendliteraturpreis 2021 ?Liebe ist was für Idioten. Wie mich.? - Nominiert für den Buxtehuder Bullen
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Dieser riesengroße Junge


»Es ist zu grell.« Tom streckt sein Handy in die Höhe und sucht nach einem Fleckchen Schatten im strahlend blauen Himmel. »Wer zum Teufel will vormittags von unserer Sporthalle springen? Ich kann nicht richtig reinzoomen.«

»Hochauflösende Aufnahmen sind bestimmt nicht seine größte Sorge«, murmle ich.

»Wieso steht er wie angewurzelt da oben vorm Geländer? Hat er nicht mit der Pause gerechnet?« Tom hält sich die Hand über die Augen und stellt sich auf die Zehenspitzen. Weiter vorne, direkt unterhalb des Bauzauns, wäre die Sicht für mich besser, aber mit seiner Körpergröße würde er zwischen den anderen Leuten untergehen.

Ich klemme mir die Finger unter die Achseln, da es mich trotz der prallen Sonne fröstelt. »Keine Ahnung, vielleicht hat er plötzlich Zweifel?«

Der Selbstmörder steht vollkommen reglos auf ein paar losen Brettern, die vor dem Gerüst angebracht worden sind, um das Glasdach der Pausenhalle zu schützen. Mit über zehn Metern ist er zu weit oben, um seine Gesichtszüge erkennen zu können, doch seine Körperhaltung lässt mich zweifeln, ob es sich dabei wirklich um einen Kerl handelt. Seine linke Hand liegt graziös in der Hüfte, und sein schmales Kinn ist selbstbewusst angehoben, er sieht beinahe so aus, als würde er für die Schaulustigen hier unten posieren. Ich schüttle mich.

Jemand hat den Direktor informiert. Breitenschlag platzt aus der Tür, mit zwei Lehrern und einer Sekretärin auf den Fersen. Er marschiert über den Platz, schwenkt seine Arme wie bei einer Militärparade und ortet den Fremdkörper unterm Dachfirst seiner neuen Sporthalle. »Frau Wahl, rufen Sie die Polizei und einen Krankenwagen. Die anderen kommen mit mir!«

Die Sekretärin zückt ein Handy und wendet sich erleichtert ab. Während die beiden Lehrer die gaffenden Schüler zurücktreiben, verschafft sich Breitenschlag Zutritt zur Baustelle. Er stellt sich unter das Gerüst und bellt mit gebieterischer Stimme hoch. »Bewegen Sie sich nicht! Wir holen Sie da sicher wieder runter!«

Der Kerl reagiert nicht. Selbst als Breitenschlag ihn ein zweites und drittes Mal anspricht, starrt er einfach reglos in die Luft.

Der Tumult ruft einen Bauarbeiter auf den Plan, der aus dem Inneren der Halle kommt und sich den Mund abwischt. Mit wild fuchtelnden Armen erklärt er, dass seine Arbeiter sich vor einer halben Stunde zur Pause in den Schatten zurückgezogen haben. »Und da stand, verfluchte Scheiße, noch keiner da oben!«

Breitenschlag packt seinen Oberarm und zieht ihn in den Rohbau.

Tom hebt die Augenbrauen. »Sollte nicht mal einer nach dem Typen sehen? Was treiben die da drinnen? Sich auf eine Aussage einigen?«

Eine hohe Stimme hallt über den Platz. Der Rest unseres Kurses hat den Weg nach draußen gefunden, darunter auch Babs, die als Skandalquelle für ihren Blog eine Telefonseelsorge mit ihrer Privatnummer eingerichtet hat.

»Vor drei Tagen hatte ich einen anonymen Anruf!«, kräht sie in voller Lautstärke, damit niemand sie überhört. Nicht mal die Leute, die es gerne würden. »Da war einer dran, der nicht mehr leben wollte! Ich habe aufgelegt, nachdem er wissen wollte, ob ich einen Slip trage. Vielleicht war es dieser verzweifelte Junge?«

Tom wirft mir einen vielsagenden Blick zu. »Ich muss sofort einen rauchen.«

Ich zeige mit dem Daumen hoch und zische: »Doch nicht, solange der da oben steht!«

»Selbstmörder machen mich nervös«, protestiert Tom. »Ich brauche das, um meine sensiblen Nerven zu beruhigen. Komm mit rüber zum Torpfosten, da riecht es keiner.«

Widerwillig folge ich Tom auf die angrenzende Fußballwiese, wo er sich abgeschirmt durch meine Körpergröße eine Tüte baut. Der vorbeiwehende Qualm dreht mir beinahe den Magen um, deshalb wende ich mich ab und beobachte stattdessen das Treiben auf dem Pausenhof.

Lea taucht nun ebenfalls in der Menge auf, hält sich jedoch vornehm im Hintergrund. Die aufgetakeltste ihrer Freundinnen bricht beim Anblick des Selbstmörders in Tränen aus, und die anderen umsorgen sie wie aufgescheuchte Hühner. Nur Leas Aufmerksamkeit klebt etwas zu lange an der Sporthalle. Sie öffnet den Mund, als würde sie vielleicht ihre eigene Meinung zur Situation äußern wollen, und wird zur Strafe von hinten angerempelt. Hastig kramt sie ein Taschentuch aus ihrer Jacke und reicht es der Heulsuse.

Ich rolle die Augen.

Während Blogger-Babs sich mit hochgehaltenem Handy vor der Sporthalle positioniert, um sich für einen Live-Bericht zu filmen, erscheint der Direktor wieder. Der Bauarbeiter pfeift seine Jungs zur Stelle, und zwei der jüngeren Männer werden ausgewählt, um den armen Teufel herunterzuholen.

»Halten Sie sich am Gerüst fest!«, brüllt Breitenschlag hinauf. »Wir wollen nur mit Ihnen reden!«

Noch immer keine Reaktion. Der Kerl da oben zuckt nicht mal mit der Wimper, soweit ich das aus dieser Entfernung beurteilen kann. Plötzlich durchfährt mich eine eiskalte Vorahnung. Was, wenn er schon tot ist? Wenn er vor Schreck gestorben ist und nur durch das Geländer in seinem Rücken noch aufrecht steht?

, tadelt mich eine innere Stimme.

Natürlich nicht. Wie konnte ich so was denken.

Die Bauarbeiter steigen nach oben. Die Metalltreppe, die im Zickzack an der Baufassade hochführt, wirkt nicht besonders vertrauenerweckend. Allein vom Zuschauen wird mir schwindelig. Dabei ist es nicht das Klettern, mit dem ich ein Problem habe, sondern der Gedanke ans Ausrutschen, Herunterfallen, Aufprallen und AN INNEREN BLUTUNGEN STERBEN.

Die Arbeiter erklimmen Stock für Stock das Gerüst, bis sie auf der Ebene des Selbstmörders angekommen sind. Auf den letzten Metern halten sie kurz inne. Dann schreitet einer – zum Schrecken aller Zuschauer – nach vorne und schubst den Selbstmörder von hinten an. Der Kerl gerät aus dem Gleichgewicht und kippt vornüber, bevor Breitenschlag einen Warnruf ausstoßen kann.

Der Selbstmörder stürzt in die Tiefe, ohne mit den Armen zu rudern oder auch nur ein Haar zu bewegen. Selbst als er hinter dem Bauzaun auf den Beton kracht, stehen seine Gliedmaßen unbewegt vom Rumpf ab.

Tom wirft seine Tüte weg, und wir stürzen gleichzeitig mit den anderen Schülern hin. Er hüpft hinter der dritten Reihe auf und ab, weicht einer entblößten Achselhöhle aus und stößt mich vor. »Was siehst du?«

»Ich sehe den Direktor«, berichte ich. »Er geht auf den Körper zu und tippt ihn mit dem Schuh an. Die Nasenspitze des Toten ist abgebrochen und eines seiner Augen kullert heraus.«

»WAS?!« Toms Kiefer klappt nach unten.

»Es ist nur eine Puppe.« Ich atme erleichtert auf. »Jemand hat eine Schaufensterpuppe aufs Baugerüst gestellt.«

Die Neuigkeit rast durchs Publikum. Einige grinsen und finden den Spaß gelungen, mindestens genauso viele wenden sich angewidert ab und schütteln sich. Die meisten verlieren nach wenigen Minuten das Interesse, und der Platz vor dem Bauzaun leert sich. Ich trete näher ran und schiebe meine Nase durchs Gitter.

Auf den Betonplatten liegt eine weibliche Schaufensterpuppe, die abgetragene Männerklamotten trägt, vielleicht um ihr Geschlecht zu verschleiern oder sie einfach realistischer wirken zu lassen. Ihr Kapuzenpullover ist an den Ärmeln löchrig und die Jeans an mehreren Stellen fast durchgewetzt. Nur ihre Schuhe sind neu; knallpink leuchten sie von den Füßen. Jemand hat in derselben Farbe eine Botschaft quer über ihren Pulli gepinselt:

Ihr werdet dafür bezahlen

»Meine Güte!« Tom schlägt sich theatralisch eine Hand auf die Brust. »Es ist aus Kunstraum A! Dabei hat sie immer alle angelächelt!«

Er blickt zu mir hoch, hält seinen ernsten Ausdruck kaum eine Sekunde lang durch und prustet dann los. »Das nenne ich mal eine sinnvolle Art und Weise, die halbe Physikstunde zu verbringen! Wir können zum Schularzt gehen und uns wegen des Schocks für den Rest des Tages freistellen lassen, was meinst du?«

»Das wäre keine so gute Idee.«

»Komm schon, sei kein Spielverderber! So eine einmalige Gelegenheit dürfen wir nicht ungenutzt verstreichen lassen!«

Mein Gesicht erstarrt zu einer Maske, und ich zische durch zusammengebissene Zähne. »Halt sofort die Klappe.«

Hinter Tom baut sich ein Schatten auf, wie auch ihm gerade klarwird. Sein Lächeln rutscht von den Wangen, und er dreht seinen Kopf in Zeitlupe über die Schulter. Direktor Breitenschlag lauert auf der anderen Seites des Bauzauns und schnaubt seinen Stieratem durch die Lücken.

»Amüsiert Sie das, Herr Falk?«, knurrt er.

»Herr Direktor!« Toms fröhliche Stimme wackelt.

»Ich schlage Ihnen eine sinnvolle Art und Weise vor, wie sie den Teil Ihrer Physikstunde verbringen werden.« Breitenschlag entblößt die untere Reihe seiner Schneidezähne, wodurch er wie eine Bulldogge aussieht. »Nämlich in meinem Büro. Bei einem ausführlichen Gespräch darüber, was Sie über diese Schaufensterpuppe wissen.«

»Kann ich vorher aufs Klo?«, wimmert Tom.

Der Direktor lässt sich nicht erweichen. Er weist die Lehrer an, sich um die...


Schoder, Sabine
Sabine Schoder, Jahrgang 1982, hat Grafikdesign in Wien studiert und sich dort Hals über Kopf verliebt. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Vorarlberg und widmet sich nach dem Erfolg ihres Jugendromans ›Liebe ist was für Idioten. Wie mich.‹ hauptberuflich dem Schreiben.

Literaturpreise:

›Immer ist ein verdammt langes Wort‹ - Delia Jugendliteraturpreis 2021
›Liebe ist was für Idioten. Wie mich.‹ - Nominiert für den Buxtehuder Bullen

Sabine SchoderSabine Schoder, Jahrgang 1982, hat Grafikdesign in Wien studiert und sich dort Hals über Kopf verliebt. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Vorarlberg und widmet sich nach dem Erfolg ihres Jugendromans ›Liebe ist was für Idioten. Wie mich.‹ hauptberuflich dem Schreiben.

Literaturpreise:

›Immer ist ein verdammt langes Wort‹ - Delia Jugendliteraturpreis 2021
›Liebe ist was für Idioten. Wie mich.‹ - Nominiert für den Buxtehuder Bullen



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