E-Book, Deutsch, Band 1, 448 Seiten
Reihe: Palace of Ink & Illusions
Schoder / Ravensburger Verlag GmbH Palace of Ink & Illusions, Band 1 - Der Kuss der Muse
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-473-51288-1
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 448 Seiten
Reihe: Palace of Ink & Illusions
ISBN: 978-3-473-51288-1
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
SPIEGEL-Bestseller-Autorin Sabine Schoder hat Grafikdesign in Wien studiert und sich dort unsterblich verliebt. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Katzen in Vorarlberg. Ihre Bücher wurden in sieben Sprachen übersetzt, 2021 gewann sie den DELIA Jugendliteraturpreis und ihre Trilogie 'The Romeo & Juliet Society' wurde zum SPIEGEL-Bestseller. Auf Schloss Achilleion hat sie sogar die Muse der Liebe geküsst - heimlich. Wie sich ein verbotener Kuss anfühlt? Sie weiß es genau. Und ihr bald auch.
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Kapitel 1
»Übrigens … Ich hab da möglicherweise jemanden abgemurkst.«
Wie vom Donner gerührt bleibe ich in der Warteschlange stehen und presse mir das Handy ans Ohr. Im Trubel des Flughafens habe ich mich vielleicht nur verhört. Verdammt, habe ich mich nur verhört!
»Du … Du hast , keuche ich ins Handy.
»Es ist gestern Nacht passiert. Auf der Studentenparty …« Meine Schwester lacht unsicher ins Telefon.
Ich drücke mir das Display so fest ans Ohr, dass ich mein Blut rauschen hören kann. Von hinten in der Warteschlange spricht mich jemand an, aber ich drehe mich nicht um. Die Stimme meiner Schwester trieft förmlich vor schlechtem Gewissen. »Wir haben wohl ein paar Moscow Mules zu viel runtergekippt, fürchte ich. Das Gingerbeer ging uns aus, und wir wollten uns Nachschub besorgen …«
»Das Gingerbeer spielt gerade keine Rolle«, japse ich. » hast du gekillt?!«
»Oh, Liv, es tut mir wirklich leid! Ich weiß, wie sehr du ihn …«
Von hinten wird mir ein Rollkoffer in die Wade gerammt.
Ich stolpere nach vorne, verliere fast das Handy und fange es gerade noch rechtzeitig auf. Mit schwitzigen Händen presse ich es zurück an mein Ohr und schieße einen verwirrten Blick nach hinten.
Eine ältere Lady mit süßem Hut und rosa gefärbten Kringellöckchen fletscht ihr Gebiss vor mir. »Miss! Sie halten die gesamte Warteschlange auf!«
Eines muss man ihrem modernen Zahnersatz lassen: Diese perlweißen Beißerchen sehen aus, als könnte sie damit ebenfalls jemanden abmurksen. Hastig klemme ich mir das Handy zwischen Kopf und Schulter, kicke meine Sporttasche nach vorne zum Check-in-Schalter und versuche, gleichzeitig Papiere und Reisepass aus meinem Rucksack zu fummeln, um die Schlange nicht noch weiter aufzuhalten.
»… und dann war es zu spät«, schließt meine Schwester kleinlaut.
»Was war zu spät?! Ich hab deine letzten Sätze nicht mitgekriegt.«
Der Steward am Schalter zieht seine Augenbrauen in einer Weise hoch, die mir auf höchst professionelle Weise zu verstehen gibt, dass ich mich besser beeilen sollte.
Aus purer Verzweiflung ziehe ich einfach alle Papiere hervor, die sich in meinem Rucksack befinden, und klatsche ihm einen dicken Stapel vor die Nase – was sich leider als etwas voreilig erweist.
Denn ganz oben auf dem Stapel räkelt sich ein halb nackter Kerl auf glänzendem Papier. Rasch ziehe ich das Hochglanzmagazin weg, nur um darunter eine weitere Ausgabe zu offenbaren. Diesmal trägt der nackte Kerl auf dem Cover nicht mal mehr Shorts.
Die Augenbrauen des Angestellten wandern bis zu seinem Haaransatz hoch.
»Das sind Aktstudien«, schießt es aus mir hervor. »Ich bin Kunststudentin.«
»Du Kunststudentin«, korrigiert mich meine Schwester gnadenlos durchs Handy. »Ganze drei Monate lang.«
Ich versuche, den Stich in meiner Brust zu ignorieren, den mir ihre Worte versetzen, stopfe die Magazine zurück in meinen Rucksack und zeige dem Steward zum Beweis meine Skizzen darunter. »Hier, sehen Sie, eine Kohleschraffur des Musculus rectus abdominis.«
Dass ich mich in meinen Studien vor allem auf männliche Bauchmuskeln konzentriere, beeindruckt ihn keineswegs. Er hebt seinen Blick ungerührt von meinen Skizzen und sieht mich kühl an. »Ihren Ausweis, bitte.«
»Ich bin alt genug, um solche Zeitschriften zu kaufen!«
»Gott, Liv. Er will doch nur, dass du eincheckst«, stöhnt meine Schwester. »Ich hätte dich nicht allein zum Flughafen gehen lassen sollen. Mum hatte recht, du bist echt noch ein Küken. Bist du sicher, dass du bereit für ein Casting im Ausland bist?«
»Erstens bin ich achtzehn!« Ich klatsche meinen Reisepass auf den Papierstapel und sehe dem Steward dabei zu, wie er ihn durch den Scanner zieht. »Und zweitens ist es kein Casting, sondern ein Wettbewerb. Die ganze Welt reißt sich um einen Platz. Es ist eine absolute Ehre, überhaupt in die Vorauswahlrunde zu kommen.«
Du hast das Ticket für die Vorauswahlrunde gewonnen.
»Und ich musste dafür zweiundfünfzig Liter Love-Pop-Soda trinken«, schnaube ich empört. Mir war drei Tage lang kotzschlecht.«
»Ihr Flug geht in fünfundvierzig Minuten«, informiert mich der Steward.
Ich seufze. »Gut, dann muss ich wenigstens nicht lange warten.«
Er überreicht mir die Bordkarte mit einem perfekt einstudierten Lächeln. »Das Boarding ist bereits fast beendet. Sie müssen noch durch die Sicherheitskontrolle, durch das Duty-Free-Labyrinth und bis zum letzten Gate, das dieser wundervolle Flughafen zu bieten hat. Dafür haben Sie exakt fünfzehn Minuten Zeit. Wenn Sie rennen, schaffen Sie es in zwanzig.«
»Mum hat dir Mal gesagt, dass man zwei Stunden vor Abflug einchecken muss«, fügt meine Schwester am Handy hinzu.
Mum hat jede Menge dazu gesagt, dass ich meinen Studienplatz verloren habe und stattdessen nach Griechenland fliege, um an einem Wettbewerb teilzunehmen, von dem niemand genau weiß, wie er abläuft. Aber kurz nach » habe ich nicht mehr so richtig zugehört. Die Sache mit dem Flughafen ging wohl unter.
Ich kicke meine Sporttasche auf das Förderband neben dem Schalter, schnappe mir meine Unterlagen und schlittere in filmreifer Eleganz unter dem nächstgelegenen Absperrband hindurch. Jedenfalls in meiner Vorstellung. In Wirklichkeit amüsiert sich die alte Lady mit den rosa Löckchen herrlich darüber, dass ich mich dabei fast selbst skalpiere, all meine Zettel verliere und auf dem Boden herumrutschen muss, bis ich sie hastig wieder eingesammelt und zurück in meinen Rucksack gestopft habe. Dann jage ich allerdings tatsächlich in einer Geschwindigkeit davon, die eines Oscars würdig wäre.
»Wir müssen später weiterreden!«, keuche ich ins Handy. »Ich will unbedingt noch wissen, wen du abgemurkst hast!«
Ich lege auf und will mir das Handy in die Hosentasche stecken, bleibe aber mit meinem paillettenbesetzten Ärmel an meinem ebenfalls paillettenbesetzten Bauch hängen. Als ich kurz nach unten schaue, verfangen sich zusätzlich meine Locken darin, was mich wie einen buckligen Quasimodo mit roten Haaren durch die Sicherheitskontrolle humpeln lässt. Immerhin funkeln und blitzen die Pailletten so auffällig, dass mir dabei alle Reisenden bereitwillig aus dem Weg gehen.
Eine Sicherheitsbeamtin ist so freundlich, mich zu befreien. Dass sie mir wie hypnotisiert auf die Brust starrt, lässt mich nur grinsen. Diese Pailletten sind nicht nur Deko. Sie sind das Kernstück meiner Geheimmission. Einer Mission, die alles bezahlt machen wird, selbst wenn ich es nicht in den eigentlichen Wettbewerb reinschaffen sollte – was, nebenbei bemerkt, auch überaus unwahrscheinlich wäre. Denn darum geht es mir gar nicht. Es geht mir ausschließlich um all die Filmkameras, die dort anwesend sein werden.
Meine Schwester wird beeindruckt sein.
Mum wird platzen vor Stolz.
Und meine Uni-Rektorin wird sich an ihrem englischen Tee verschlucken, wenn ich ihr von internationalen Reportern umringt aus dem Fernseher entgegengrinse und sie den blitzenden und funkelnden Schriftzug auf meinem Top sieht. Oder anders gesagt: Mein Leben, das ihretwegen gerade den Bach runtergeht, wird vor ihren Augen den Beweis erbringen, dass es auch flussaufwärts schwimmen kann. Alles wird gut – solange ich diesen Flug nicht verpasse.
Eine Lautsprecherdurchsage reißt mich aus meinen Gedanken.
»Letzter Aufruf für die Passagiere Reeve Flemming und Livia Woodward. Bitte begeben Sie sich umgehend zu Ihrem Gate.«
Ich bedanke mich bei der Sicherheitsbeamtin, schnappe meinen Rucksack vom Laufband und werfe mich in die schillernde Welt der Duty-Free-Shops, die zwischen mir und meiner Zukunft liegt.
Der Steward hatte nicht übertrieben, mein Abfluggate befindet sich tatsächlich am anderen Ende des Flughafens. Mit hochgekrempelten Ärmeln und wehendem Haar jage ich zwischen Rollkoffern, umherlaufenden Kindern und müde aussehenden Passagieren hindurch. Was der Steward allerdings nicht erwähnt hatte, ist die kaputte Rolltreppe kurz vor meinem Ziel.
Sie wurde mit gelbem Absperrband gesichert, das alle Passagiere über eine schmale Treppe hinaufleitet. Normalerweise wäre genügend Platz, doch ein Drillingskinderwagen, der in der Mitte der Treppe hängen geblieben ist und von einem Dutzend bereitwilliger Helfer gleichzeitig in verschiedene Richtungen gezerrt wird, hat einen Stau verursacht. Einen Stau, der mich Minuten kosten wird. Minuten, die ich nicht mehr habe.
Mein Blick schießt zum einzigen Lift. Er ist winzig und die Schlange davor mindestens genauso lang wie die vor der Treppe. Eine kräftig gebaute Businessfrau mit zwei Rollkoffern versucht, sich gerade noch reinzuquetschen, wird aber vom Warnton des Lifts dazu gebracht, einen Rückzieher zu machen, weil die Türen hinter ihr nicht schließen...




