Schöner als die Einsamkeit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Schöner als die Einsamkeit

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-446-25004-8
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-446-25004-8
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Peking, Ende der achtziger Jahre: Drei ungleiche Freunde wachsen im gleichen Häuserblock auf. Ruyu, ein streng katholisch erzogenes Waisenmädchen aus der Provinz, und die wohlhabenden, aber vernachlässigten Boyang und Moran. Doch als eine weitere Freundin, Shaoai, vergiftet wird und ins Koma fällt, geht ihre Freundschaft auseinander. Shaoai hatte mit dem Tiananmen-Aufstand sympathisiert, der Vorfall wird nicht geklärt. Boyang macht danach im modernen China als Geschäftsmann Karriere und bleibt doch ähnlich heimatlos wie Ruyu und Moran nach ihrer Emigration in die USA. Als nach zwanzig Jahren die Nachricht vom Tod Shaoais kommt, holt sie alle die verdrängte Vergangenheit wieder ein.

Yiyun Li, 1972 geboren, wuchs in Peking auf und lebt seit 1996 in den USA. Ihre Kurzgeschichten und Essays wurden u.a. im New Yorker und in der Paris Review veröffentlicht. Bei Hanser erschienen Die Sterblichen (Roman, 2009), der Erzählungsband Tausend Jahre frommes Beten (Erzählungen, 2011), für den sie u.a. den PEN/Hemingway Award und den Guardian First Book Award erhielt, Schöner als die Einsamkeit (Roman, 2015) und Lieber Freund, aus meinem Leben schreibe ich dir in deines (2018). Yiyun Li lehrt Kreatives Schreiben am Mills College, Kalifornien. 2014 erhielt sie den Benjamin H. Danks Award von der American Academy of Arts and Letters.
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2

ALS DER ZUG am 1. August 1989 in die Gewölbe des Bahnhofs von Beijing einfuhr, ahnte Ruyu, deren Augen sich vom gleißenden Licht des Nachmittags an die grauen Schatten des Bahnhofs anpassten, noch nicht, dass man sich lange vor der Ankunft schon auf die Abreise vorbereiten sollte. Es gab viele Dinge, die sie mit ihren fünfzehn Jahren noch lernen musste. Indem man Antworten auf Fragen sucht, lernt man die Welt kennen. Diese Fragen – arglos in der Kindheit, intim, wenn man älter wird, und ignoriert von denen, die auf den Gewissheiten des Erwachsenenalters bestehen, wenn sie unbeantwortbar werden – bilden den Kontext eines Lebens. Doch für Ruyu gab es bereits eine Antwort, die alle Fragen ausschloss.

Die Fahrgäste drängten sich zu den beiden Ausgängen des Wagens. Ruyu blieb sitzen und schaute durch das schmutzige Fenster. Auf dem Bahnsteig stießen sich die Leute mit den Armen und – mit mehr Wirkung – Taschen und Koffern gegenseitig aus dem Weg. Jemand – Ruyu wusste nicht, wer und sah sich auch nicht veranlasst, neugierig zu sein – würde auf dem Bahnsteig auf sie warten. Sie nahm zwei Haarspangen aus ihrem Schulranzen und steckte sie sich ins Haar. So hatten ihre Großtanten sie in einem Brief an ihre Gastfamilie beschrieben, den sie eine Woche vor der Zugfahrt abgeschickt hatten: weiße Bluse, schwarzer Rock, zwei blaue Haarspangen in Form von Schmetterlingen, ein brauner Koffer aus Weidengeflecht, ein Bass-Akkordeon in einem schwarzen Lederkoffer, ein Ranzen und eine Feldflasche.

Die letzten beiden Fahrgäste, zwei Schwägerinnen mittleren Alters, fragten sie, ob sie Hilfe brauchte. Ruyu dankte ihnen und verneinte, alles sei in Ordnung. Während der neunstündigen Fahrt hatten die beiden Frauen Ruyu mit unverhohlener Neugier beobachtet: Dass sie nur ein paar Schluck Wasser getrunken hatte, dass sie nicht aufgestanden und zur Toilette gegangen war, dass sie die Schließen ihres Ranzens nicht losgelassen hatte – diese Dinge waren ihnen nicht entgangen. Sie hatten Ruyu einen Pfirsich und eine Packung Cracker und später eine Flasche Orangensaft angeboten, die sie in einem Bahnhof durch das Fenster gekauft hatten, doch Ruyu hatte alles höflich abgelehnt. Obwohl sie ihr Verhalten billigten, waren sie dennoch gekränkt gewesen. Das Mädchen war von kleiner Statur und schien nach Ansicht der Frauen und anderer Passagiere zu jung für eine Reise ohne Begleitung; aber als sie sie befragten, hatte sie nur zurückhaltend geantwortet und kaum etwas über den Zweck der Fahrt verlautbart.

Nachdem sich der Gang geleert hatte, hob Ruyu den Akkordeonkoffer vom Gepäckfach. Ihren Schulranzen aus festem Segeltuch hatte sie seit der ersten Klasse, die Farbe war seit langem von Grasgrün zu einem blassen, gelblichen Weiß verblichen. Ihre Großtanten hatten ein kleines Stofftäschchen hineingenäht, in dem sich zwanzig brandneue Zehn-Yuan-Scheine befanden, eine große Summe Geld für ein junges Mädchen. Vorsichtig zog Ruyu den Koffer unter dem Sitz hervor – es war der kleinste der drei Weidenkoffer ihrer Großtanten, die sie 1947 im besten Kaufhaus von Shanghai gekauft hatten, und sie hatten sie gebeten, ihn bitte behutsam zu behandeln.

Shaoai erkannte Ruyu, kaum stand sie schwankend auf dem Bahnsteig. Wer außer den beiden alten Damen hätte ein Mädchen in so unzeitgemäße Kleider gesteckt und sie obendrein noch einen altmodischen kindischen Schulranzen und eine Feldflasche mitnehmen lassen? »Du siehst jünger aus, als ich gedacht habe«, sagte Shaoai, als sie sich Ruyu näherte, doch das war gelogen. Auf dem Schwarzweißfoto, das die Großtanten geschickt hatten, sah Ruyu trotz des kittelartigen Wollkleids, das ihr zu groß war, wie ein ganz normales Schulmädchen aus, den Blick unvoreingenommen auf die Kamera gerichtet; es war der Blick eines Kindes, das seinen Platz in der Welt noch nicht kannte und sich deswegen auch keine Sorgen machte. Das Gesicht, das Shaoai jetzt vor sich sah, war von einer frostigen Ungerührtheit, wie sie einem Mädchen in Ruyus Alter nicht anstand. Shaoai ärgerte sich kurz, als hätte der Zug die falsche Person gebracht.

»Schwester Shaoai?«, fragte Ruyu und erkannte das ältere Mädchen von dem Familienfoto wieder, das ihre Großtanten erhalten hatten: Kurzes Haar, kantiges Kinn und schmale Lippen fügten sich zu einem ungeduldigen und empfindlichen Gesicht zusammen.

Shaoai nahm aus der Tasche ihrer Shorts das Foto, das Ruyus Großtanten mit dem Brief geschickt hatten. »Damit du weißt, dass du nicht von der falschen Person abgeholt wirst«, sagte Shaoai und stopfte das Foto wieder in die Tasche.

Ruyu hatte das Foto erkannt, aufgenommen zwei Monate zuvor, als sie fünfzehn geworden war. Jedes Jahr an ihrem Geburtstag – sie war sich nicht sicher, ob es wirklich oder nur annäherungsweise ihr Geburtstag war, doch sie hatte nie nachgefragt – gingen ihre Großtanten mit ihr zum Fotografen und ließen eine Schwarzweißaufnahme machen. Den Abzug klebten sie mit vier silbernen Ecken auf jeweils eine neue Seite eines Albums, darunter setzten sie die Jahreszahl. Der Fotograf, der als Lehrling angefangen hatte, aber jetzt kein junger Mann mehr war, ließ Ruyu immer die gleiche Position einnehmen, sodass sie auf allen Geburtstagsfotos gerade dasaß, die Hände im Schoß gefaltet. Shaoai musste einen zweiten Abzug haben, da Ruyus Großtanten die perfekte Ordnung eines Albums nicht zerstören und eine Leerstelle zwischen vier Ecken lassen würden. Doch der Gedanke, dass eine Fremde etwas von ihr hatte, beunruhigte Ruyu. Ihre Handflächen waren feucht, und sie wischte sie auf der Rückseite ihres schwarzen Baumwollrocks ab.

»Für den Sommer solltest du dir leichtere Kleider zulegen«, sagte Shaoai und schaute auf Ruyus langen Rock.

In Shaoais missbilligendem Blick entdeckte Ruyu die Vermessenheit, die sie auch bei den Frauen mittleren Alters im Zug bemerkt hatte. Das ältere Mädchen war demnach nicht anders als alle anderen – sie bezogen sofort eine Position, von der aus sie Ruyu gute Ratschläge für ihre Lebensweise erteilen konnten. Was Ruyu von ihnen unterschied, nämlich dass sie erwählt war, ahnten sie nicht. Was sie selbst wusste, würden sie nie erfahren: Sie konnte sie auf eine Weise sehen und durchschauen, auf die sie weder Ruyu noch sich selbst sehen konnten.

Shaoai war zweiundzwanzig, die einzige Tochter von Onkel und Tante, die ihrerseits auf eine komplizierte Art und Weise, die Ruyus Großtanten nicht erklärt hatten, Verwandte der beiden alten Frauen waren. »Ehrliche Leute«, hatten ihre Großtanten von der Familie gesagt, die sie für ein Jahr – und wenn alles klappte sogar für die nächsten drei Jahre, bis Ruyu auf die Universität ginge – aufnehmen würde. In Beijing wohnten noch zwei andere verwandte Familien, doch in beiden Haushalten lebten Jungen in Ruyus Alter oder ein bisschen älter. Letztlich war die Entscheidung für Shaoai und ihre Eltern gefallen, um etwaige Unannehmlichkeiten zu vermeiden.

»Willst du dich kurz ausruhen?«, fragte Shaoai und nahm den Koffer und das Akkordeon, bevor Ruyu antworten konnte. Sie erbot sich an, selbst etwas zu tragen, doch Shaoai reckte nur das Kinn Richtung Ausgang und erklärte, dass draußen Helfer warteten.

Ruyu war auf den Lärm und die Hitze der Großstadt nicht vorbereitet. Es war später Nachmittag, und die Sonne hing wie eine weiße Scheibe hinter dem Smog. Ein Mann las in strengem Tonfall über Lautsprecher Namen und Personenbeschreibungen von Flüchtigen vor, die wegen Sabotageakten gegen die Regierung seit dem Frühsommer gesucht wurden. Reisende, für die Beijing nur ein Zwischenstopp war, nahmen den gesamten Schatten unter den Anschlagtafeln ein, und die weniger Glücklichen lagerten unter Schichten von Zeitungspapier. Fünf Frauen mit Pappschildern stürzten sich auf Shaoai und priesen lautstark miteinander wetteifernd Unterkunft und Transportdienst an. Shaoai schwang gewandt Koffer und Akkordeon durch die Menge, während Ruyu, die einen Augenblick zu lange gezögert hatte, von Händlerinnen eingekreist wurde. Eine Frau mittleren Alters in einem ärmellosen Kittel packte Ruyu am Ellbogen und zerrte sie von den anderen Frauen fort. Ruyu versuchte, ihren Arm zu befreien und zu erklären, dass sie nur Verwandte besuchte, doch ihr leiser Protest ging im ohrenbetäubenden Lärm unter. In ihrer Heimatstadt in der Provinz waren ihr nur selten Fremde oder Bekannte so nahe gekommen; als sie kleiner gewesen war, hatten sie die aufrechte Haltung und die ernsten Mienen ihrer Großtanten vor dem Ansturm der Welt beschützt; und später ließen sie die Leute auf der Straße oder dem Markplatz in Ruhe, auch wenn sie allein war, da sie die Strenge ihrer Großtanten in ihrem gemessenen Auftreten wiedererkannten und respektierten.

Als sie wieder zurückkam, hatte Shaoai sie im Nu von den Händlerinnen befreit. »Wo ist mein Akkordeon?«, fragte Ruyu, als sie Shaoais leere Hände bemerkte. Der vorwurfsvolle Ton veranlasste Shaoai stehen zu bleiben. Bei meinen Helfern natürlich, erwiderte sie; glaubst du etwa, ich würde dein wertvolles Gepäck allein lassen, nur um jemanden zu retten, der eigene Beine zum Laufen hat?

Ruyu war noch nie in der Situation gewesen, weglaufen zu müssen; ihre Großtanten – und in den letzten Jahren traf das auch auf sie zu – waren eine Erscheinung, der die Leute Platz machten. Als Baby war sie vor der Tür zweier unverheirateter katholischer Schwestern abgelegt worden, und die beiden Frauen, die nicht blutsverwandt mit ihr waren, hatten sie großgezogen. Wie zwei Prophetinnen hatten ihre Großtanten den Plan für ihr Leben vor ihr ausgebreitet: Sie würde aus der kleinen Wohnung in der Provinzstadt nach Beijing und später ins Ausland gehen, wo sie ihre wahre und einzige Heimat in der Kirche finden sollte....


Yiyun Li, 1972 geboren, wuchs in Beijing auf und lebt seit 1996 in den USA. Sie lehrt Creative Writing am Mills College, Kalifornien. Bei Hanser erschienen der Roman Die Sterblichen (2009) und der Erzählungsband Tausend Jahre frommes Beten (2011), für den sie u. a. den PE N / Hemingway Award und den Guardian First Book Award erhielt. 2014 wurde ihr der Benjamin H. Danks Award von der American Academy of Arts and Letters verliehen.


Anette Grube studierte Amerikanistik und Politik. Sie übersetzte u. a. Kate Atkinson, T. C. Boyle, Michael Frayn, Arundhati Roy, Vikram Seth und Richard Yates. Sie lebt in Berlin.



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