E-Book, Deutsch, 305 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Schopenhauer / Safranski Das große Lesebuch
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402023-5
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fischer Klassik PLUS
E-Book, Deutsch, 305 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-402023-5
Verlag: S.Fischer
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Arthur Schopenhauer (1788-1860) vertrat als einer der ersten Philosophen des 19. Jahrhunderts die Überzeugung, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liegt. Dies manifestierte er in seinem Hauptwerk mit dem Titel ?Die Welt als Wille und Vorstellung? im Jahr 1818. Schopenhauers These lautet: Weder Materie noch Geist bilden als Grundlage die Welt, sondern ausschließlich der Wille. Seine Lehre ist geprägt von einer skeptischen Weltweisheit und beeinflusste von Beginn an bis in die heutige Zeit viele Literaten, Künstler und Musiker.
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Rüdiger Safranski
Schopenhauer
Philosophie, hat Egon Friedell einmal sinngemäß gesagt, sei Reichtum an Problemen. Den aufgedeckten Problemen, nicht irgendwelchen Lösungen, verdanke sie ihr Fortleben. Mit der Philosophie Schopenhauers verhält es sich anders. Sie beansprucht kühn und geradezu grimmig, das Lösungswort auf die Frage aller Fragen gefunden zu haben: Was ist die Welt, was hat es mit dem Sein auf sich? Schopenhauers Antwort ist so kurz wie der Titel seines Hauptwerkes: Die Welt ist unsere »Vorstellung«, und darüber hinaus, ihrer eigentlichen Substanz nach, ist sie »Wille«.
»Vorstellung« ist sie im Medium unseres Bewußtseins. »Wille« ist sie als innere Erfahrung, als Realität, die wir am eigenen Leibe spüren und von der wir annehmen müssen, daß sie in der gesamten Natur wirkt, der belebten und unbelebten. Die Vorstellungen betreffen die Außenseite, der gespürte Wille die Innenseite der Welt. Dieser Wille aber ist auf kein Ziel gerichtet, er will nur sich selbst. Er ist blind und manifestiert sich in der Gestaltenreihe der Natur, nicht friedlich, sondern im Streit, im Fressen und Gefressenwerden, im Erwachen und Erlöschen. Im Menschen hat dieser Wille sich »ein Licht aufgesteckt«, um die Objekte seiner Begierde besser sehen zu können. Am dunklen Treiben der Welt hat sich dadurch im Prinzip nichts geändert.
Das ist der eine zentrale Gedanke, aus dem die ganze Schopenhauersche Philosophie sich entfaltet. Er verzweigt sich in die verschiedenen, üblicherweise getrennten Bereiche von Erkenntnistheorie, Ästhetik, Staatslehre, Moral. Diese Verwurzelung in dem einen Gedanken verleiht dieser Philosophie, die mit großer Sprachkunst vorgetragen wird, eine eigentümliche Abgeschlossenheit, so als hätte hier eine grundsätzliche Option des menschlichen Denkens – das Denken der Negativität – ihre klassische Vollendung gefunden. Die Schopenhauersche Philosophie liegt wie ein gewaltiger Findling in der geistigen Landschaft des 19. Jahrhunderts. Und immer noch geht ein dunkler Glanz davon aus.
Zunächst aber ignorierte man diese Philosophie. Kein Wunder, wenn man die Zeitumstände bedenkt: Schopenhauers erster Auftritt fällt in die große Zeit des Deutschen Idealismus. Als Fichte, Schelling und Hegel noch lehrten, mußte Schopenhauers Philosophie als ärgerliches Paradox wirken. Es war eine Zeit, da man noch glaubte, daß es der Geist sei, der die Welt zuinnerst zusammenhält. Bei Schopenhauer aber ist der Grund ein Abgrund, und der Logos ist zum Herz der Finsternis geworden. Eben darum bedeutet seine Philosophie einen wirklichen Einschnitt in der Geschichte des abendländischen Denkens. Denn bis dahin war man, wenn man sich zu den letzten Dingen durchfragte, an die guten Gründe geraten. In dieser Tradition war man eigentlich nie über Platon hinausgekommen. Der fragende Geist entdeckt draußen in der Wirklichkeit etwas, das ihm entspricht, eben den alles durchwaltenden Geist. Gleiches wird durch Gleiches erkannt, hieß es. In Schopenhauers Philosophie verdüstert sich die Metaphysik, aber sie bleibt Metaphysik, denn sie fragt auch weiterhin nach den letzten Gründen, entdeckt aber statt einer höheren Vernunft nur den dunklen Trieb.
Dieser schwarze Metaphysiker Arthur Schopenhauer, 1788 als Sohn eines reichen Danziger Kaufherrn geboren, hätte nach dem Wunsch des Vaters Kaufmann werden sollen. Der Vater mußte zuerst sterben (1805) und die Mutter ihn gewähren lassen, damit er das werden konnte, was er sich beizeiten in den Kopf gesetzt hatte: ein Philosoph. Er war wirklich einer. Philosophieprofessor wurde er nie. Auf ausgedehnten Reisen, noch mit den Eltern unternommen, lernte der junge Arthur die Welt kennen. Er habe, wird er später stolz erklären, nicht nur in Büchern, sondern im Buch der Welt gelesen. Seine Leidenschaft für die Philosophie kommt aus dem Staunen über die Welt. Bekanntlich ist das der älteste Antrieb zur Philosophie. Früh mischt sich bei ihm in dieses Staunen auch ein Entsetzen. Die Lebenslasten, das Leid, die allgegenwärtige Ungerechtigkeit, Erfahrungen mit der Bosheit der Menschen, ihren Dummheiten und Verlogenheiten. Das alles notiert er in seinem Reisetagebuch. Eine besonders grelle Szene wird dort verzeichnet: Er besucht das berüchtigte Arsenal von Toulon, wo die Galeerensklaven gefangen gehalten werden: »läßt sich eine schrecklichere Empfindung dencken, wie die eines solchen Unglücklichen, während er an die Bank in der finstern Galeere geschmiedet wird, von der ihn nichts wie der Tod mehr trennen kann! – Manchem wird sein Leiden wohl noch durch die unzertrennliche Gesellschaft dessen erschwert, der mit ihm an Eine Kette geschmiedet ist.«
Aber auch über die Augenblicke von Erhabenheit, über die Aufschwünge und Beseligungen wird pünktlich Buch geführt. Er protokolliert sein Erlebnis bei der Besteigung des Pilatus: »Mir schwindelte als ich den ersten Blick auf den gefüllten Raum warf […] Alle kleinen Gegenstände verschwinden, nur das große behält seine Gestalt bey. Alles verläuft in einander, man sieht nicht eine Menge kleiner abgesonderter Gegenstände, sondern ein großes, buntes, glänzendes Bild, auf dem das Auge mit Wohlgefallen weilt.« Das sind Augenblicke der Erhabenheit. Man gehört nicht mehr dazu, ist dem Gewühl und Getümmel entkommen. Auf der Bergeshöhe darf man nur noch sehen – man wird zum »Weltauge«, wie das Schopenhauer später nennen wird. Das Bergerlebnis der Jugend gibt ihm einen Vorgeschmack auf das Glück der Philosophie; wenn das Sein sich zum Sehen verwandelt. In einem Hüttenbuch hat sich die Eintragung des 16jährigen gefunden: »Wer kann steigen und schweigen. Arthur Schopenhauer aus Hamburg«.
Schopenhauer konnte, da er ererbtes Vermögen hatte, für die Philosophie leben. Er brauchte nicht von ihr zu leben. Im damaligen professionellen Philosophiebetrieb hatte er keine Chance. Nach der Veröffentlichung des Hauptwerkes 1818 bot er zwar Vorlesungen an. Aber die Vorlesungen fanden ausgerechnet in Berlin statt, wo Hegel, der König der Philosophie in Deutschland, residierte. Schopenhauer, selbstbewußt und streitlustig, las zur selben Zeit wie Hegel, mit der Folge, daß kaum jemand ihn hören wollte. Ohne einen richtigen Auftritt gehabt zu haben, tritt er ab, für annähernd dreißig Jahre, die er als Privatgelehrter von 1831 bis zu seinem Tode 1860 in Frankfurt am Main verbringt. Daß man nicht auf ihn hört und ihn nicht liest, hat ihn nicht an sich selbst zweifeln lassen. Die eigene Philosophie hat ihn enttäuschungsfest gemacht und ihm Kraft gegeben, das durchzustehen. Aber natürlich wartet auch er auf Antwort. Als dann, sehr spät, die ersten Klopfzeichen zu vernehmen sind, weiß er: Man ist endlich bei ihm angekommen. Dieser Kaspar Hauser der deutschen Philosophie wird am Ende sein langwährendes Inkognito als den langen Weg zur Wahrheit deuten.
In seinen letzten Jahren also beginnt, was er die »Komödie seines Ruhmes« nennt: ein behagliches Kokettieren mit der pessimistischen Weltsicht dieses in der verjährten Mode des späten 18. Jahrhunderts gekleideten Eremiten, den man alle Tage seinen Spaziergang hinüber nach Sachsenhausen machen sieht, begleitet vom unvermeidlichen Pudel. In Frankfurt schreitet man zur nachahmenden Anschaffung von Pudeln.
Es war nicht lange vor seinem Tod, als Schopenhauer sagte: »Die Menschheit hat Einiges von mir gelernt, was sie nie vergessen wird.« Man hat von ihm gelernt, hat aber oft vergessen, daß man von ihm gelernt hat. Vergessen hat man inzwischen, daß es bereits Schopenhauer war, der jene von Freud so genannten drei großen »Kränkungen« des menschlichen Größenwahns zu Ende gedacht hat, Kränkungen, die zur Signatur des modernen Welt- und Selbstbewußtseins gehören. Die kosmologische Kränkung: Unsere Welt ist eine der zahllosen Kugeln im unendlichen Raum, auf der ein »Schimmelüberzug lebender und erkennender Wesen« (Schopenhauer) existiert. Die biologische Kränkung: Der Mensch ist ein Tier, bei dem die Intelligenz den Mangel an Instinkten und die unzureichende organische Einpassung in die Lebenswelt kompensieren muß. Die psychologische Kränkung: Unser bewußtes Ich ist nicht Herr im eigenen Hause. Das Bewußtsein wird vom Unbewußten beherrscht. Das wollte man aber zunächst nicht hören in einer vernunftgläubigen Zeit, als die Geschichtsphilosophie zunächst bei Hegel dann bei Marx zur Heilsgeschichte wurde und bei den aufstrebenden Naturwissenschaften der Geist des Machens, der allseitigen Nützlichkeit und der Naturbeherrschung triumphierte.
Schopenhauer steht noch im Banne der geistigen Revolution um 1800. Er geht, wie auch Schelling, Fichte und Hegel, von Kant aus. Der hatte die Begrenztheit der Erkenntnis nachgewiesen und die Welt, wie sie »an sich« ist, als das schlechthin Unbegreifliche, als das »Ding an sich« bezeichnet. Kant hatte das »Ding an sich« fern gerückt, auf sich beruhen lassen. Seine idealistischen Nachfolger aber nahmen es als ein Inkognito des absoluten Geistes oder Gottes, dem sich eine menschliche Vernunft in Höchstform durchaus nähern könnte. Bei Schopenhauer hingegen führen alle Wege in die dichte, dunkle Immanenz des Willens. Dieser am eigenen Leibe gespürte und in der Natur insgesamt erahnte Wille ist für ihn das schlechthin Lebendige, Mächtige, aber eben darum auch das Sinnlose; seine Bedeutung besteht darin, daß er keine hat, sondern nur – ist. Er ist das »Ding an sich« ohne vielversprechende Transzendenz. Für die anderen war das »Ding an sich« etwas geheimnisvoll Entrücktes, Fernes, eine Art Jenseits. Für Schopenhauer war es etwas sehr Nahes, ein zwar unmittelbar gelebtes,...




