Schradi / Wunderer | Praxishandbuch Trialog bei Essstörungen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 125 Seiten

Schradi / Wunderer Praxishandbuch Trialog bei Essstörungen


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7799-8549-5
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 125 Seiten

ISBN: 978-3-7799-8549-5
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Trialog bei Essstörungen tauschen sich Menschen mit Essstörungserfahrungen, Angehörige und Fachkräfte unterschiedlicher Professionen auf Augenhöhe aus, um gegenseitiges Verständnis zu fördern und voneinander zu lernen. Gestützt auf Forschung und Praxiserfahrung aus dem Projekt »TRES - Trialog bei Essstörungen« bietet dieses Praxishandbuch Hintergrundinformationen, eine Anleitung für die Organisation und Moderation eines Trialogs bei Essstörungen sowie Tipps, um auch herausfordernde Situationen erfolgreich zu meistern. Vieles davon ist auf Trialoge mit anderen Zielgruppen übertragbar.

Enikö Schradi ist Klinische Sozialarbeiterin M. A. im Bereich der Sozialpsychiatrie und beruflichen Rehabilitation und Teilhabe, lehrt an der Hochschule Landshut und forscht zum Thema Trialog bei Essstörungen im Rahmen Ihrer Promotion. Sie ist Moderatorin im Borderline-Trialog-Landshut.
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2.Was sind Essstörungen?


Essstörungen zählen zu den psychosomatischen Erkrankungen, nicht zu den Suchterkrankungen, auch wenn die umgangssprachlichen deutschen Bezeichnungen (z.?B. Magersucht) dies nahelegen. Essen bzw. Nicht-Essen ist dabei nicht das Problem, sondern der Problemlöseversuch, also der Versuch, mit hintergründigen Problemen und Konflikten umzugehen, die die Personen aktuell nicht auf andere Weise bewältigen können. In Beratung und Therapie geht es daher immer sowohl um die konkrete Symptomatik als auch um die bio-psycho-sozialen Hintergründe.

2.1Wenn das Körpergewicht den Selbstwert bestimmt – Formen von Essstörungen


In den neuesten Versionen der Diagnosesysteme DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, APA, 2015) und ICD-11 (International Classification of Diseases and Related Health Problems; auf Deutsch noch in der Entwurfsfassung; BfArM, 2025) werden drei Hauptformen von Essstörungen unterschieden: die Anorexia nervosa, die Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung. Daneben gibt es eine Reihe von sonstigen (nicht) näher bezeichneten oder laut ICD-10 atypischen Essstörungen sowie Fütterstörungen, wobei letztere sich nicht auf ein frühes Lebensalter beschränken.

Anorexia nervosa

Hauptmerkmal der Anorexia nervosa (ins Deutsche übersetzt: „psychisch bedingte Appetitlosigkeit“) ist ein signifikant niedriges Körpergewicht infolge einer Einschränkung der Energieaufnahme. Was „signifikant niedrig“ ist, wird dabei unterschiedlich beschrieben. So ist im DSM-5 (APA, 2015) im Unterschied zu früheren Versionen keine Gewichtsgrenze mehr definiert, während in der ICD-11 (BfArM, 2025) ein Body-Mass-Index (BMI) von weniger als 18,5?kg/m² – bzw. bei Kindern und Jugendlichen ein Gewicht unterhalb der 5. Altersperzentile – oder alternativ ein rascher Gewichtsverlust (z.?B. mehr als 20 % des gesamten Körpergewichts innerhalb von 6 Monaten) als Richtwert benannt werden.

Personen mit Anorexia nervosa haben große Angst zu dick zu werden, was auch als „Gewichtsphobie“ bezeichnet wird. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist oft gestört, er wird selbst bei starkem Untergewicht noch als unförmig und dick erlebt. Gerade zu Beginn der Erkrankung erkennen Personen mit Anorexia nervosa häufig nicht den Schweregrad ihrer Erkrankung. Wenn der Angst vor einer Gewichtszunahme lediglich mit einer starken Einschränkung der Essensauswahl und -menge begegnet wird, spricht man in den Diagnosemanualen DSM-5 und ICD-11 vom Subtyp der restriktiven Anorexia nervosa. Nicht selten treten jedoch auch Essanfälle auf und eine Gewichtszunahme wird mit nachfolgenden Kompensationsmaßnahmen, wie Erbrechen oder Einnahme von Abführmitteln, verhindert – in diesem Fall handelt es sich um den Binge-Eating/Purging-Typ (engl. binge-eating = Essgelage, purging = reinigen, abführen).

Figur und Gewicht nehmen bei der Anorexia nervosa starken Einfluss auf die Selbstbewertung – ein weiteres Kriterium in den oben benannten Diagnosesystemen. Die Gedanken der Personen mit Anorexia nervosa kreisen oftmals exzessiv um das Thema Essen, Gewicht und Körperumfang und werden laufend kontrolliert. Das Essverhalten sowie die ganze Tagesstruktur wirken zwanghaft und wenig flexibel. Lebensmittel werden häufig in „gut“ (oft kalorienarm, fettarm) und „böse“ eingeteilt, viele Personen mit Anorexia nervosa haben umfangreiche Listen von Nahrungsmitteln, die sie sich selbst verbieten. (Wunderer, 2015)

Die eingeschränkte Nahrungsaufnahme bedingt eine Reihe körperlicher Begleit- und Folgeerscheinungen, wie häufiges Frieren, Schwindel, da Herzfrequenz und Blutdruck absinken, gastrointestinale Beschwerden, Haarausfall, Osteoporose, Amenorrhoe und Libidoverlust. Auch im Gehirn zeigen sich Veränderungen (Hirnatrophie) und eine früh einsetzende und langanhaltende Anorexia nervosa kann sich auf das Körperlängenwachstum auswirken. (Herpertz et al., 2019)

Bulimia nervosa

Bulimia heißt übersetzt „Ochsenhunger“ (von griechisch limos = Hunger und bous = Ochse) – schon die diagnostische Bezeichnung ist somit stigmatisierend (siehe Exkurs: Stigmatisierung durch Sprache von Hasenöhrl et al., 2022). Hauptmerkmal sind laut den Diagnosesystemen DSM-5 (APA, 2015) und ICD-11 (BfArM, 2025) wiederholte Essanfälle, auf die Kompensationsmaßnahmen folgen, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Beides muss mindestens einmal pro Woche über mehrere Wochen hinweg erfolgen. Im Unterschied zur Anorexia nervosa vom Binge-Eating/Purging-Typ ist das Körpergewicht bei der Bulimia nervosa jedoch nicht im Niedriggewichtsbereich. Zwischen den Essanfällen essen Personen mit einer Bulimia nervosa oft restriktiv und verbieten sich süße und fettreiche Nahrungsmittel, die dann bei Essanfällen konsumiert werden (Wunderer, 2015).

Essen, Figur und Gewicht nehmen, wie auch bei der Anorexia nervosa, übermäßig Einfluss auf die Selbstbewertung. Da die Essanfälle häufig mit starken Scham- und Schuldgefühlen verbunden sind, ziehen sich viele Personen mit Bulimia nervosa aus ihrem sozialen Umfeld zurück und halten ihre Erkrankung so nicht selten über Jahre hinweg verborgen (Wunderer, 2015).

Die körperlichen Begleit- und Folgeerscheinungen sind bei der Bulimia nervosa in der Regel weniger gravierend als bei der Anorexia nervosa, oftmals kommt es infolge des Erbrechens zu Zahnschäden und gastrointestinalen Beschwerden, gefährlich können Entgleisungen des Elektrolythaushalts sein (Herpertz et al., 2019).

Exkurs: Stigmatisierung durch Sprache

Schon die diagnostischen Bezeichnungen bei Essstörungen sind stigmatisierend: „Ochsenhunger“ (Bulimia nervosa), „Essgelage“ (Binge-Eating). Personen mit Essstörungen begegnen in ihrem Alltag und selbst im professionellen Kontext häufig sprachlicher Stigmatisierung. Dies beginnt bei Bagatellisierungen, die Essstörungen als reine Probleme mit dem Essen oder „pubertäre Spinnereien“ verharmlosen. Hinzu kommt häufig die fälschliche Bezeichnung der Essstörung als „Frauenkrankheit“, die es männlichen Personen erschweren kann, sich die eigene Essstörung einzugestehen und mit dieser Gehör zu finden. Nicht selten werden Personen mit Essstörungen darüber hinaus mit herabsetzenden Begriffen konfrontiert, z.?B. „Anorexe“, „Knochengestell“, „fette Sau“, „Fressanfall“, viele nutzen selbst stigmatisierendes Vokabular, um sich und ihre Symptomatik zu bezeichnen. Fachkräfte sind folglich aufgerufen, ihre sprachlichen Formulierungen zu prüfen und – auch mit den Klient:innen gemeinsam – zu reflektieren. Es kann helfen, externalisierende Formulierungen zu verwenden (z.?B. „Person mit Essstörung“ statt „Essgestörte:r“), um die Identifikation mit der Essstörung zu reduzieren und den Raum und Blick für andere Lebensbereiche zu öffnen. (Hasenöhrl et al., 2022). Dies gilt auch für den Trialog bei Essstörungen.

Binge-Eating-Störung

Bei der Binge-Eating-Störung treten ebenfalls Essanfälle auf, jedoch gibt es – im Unterschied zur Bulimia nervosa – kein Kompensationsverhalten. Daher haben Personen mit Binge-Eating-Störung oft ein erhöhtes Körpergewicht. Die Binge-Eating-Störung ist die „jüngste“ der Essstörungen, sie wurde in DSM-5 (APA, 2015) und...



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