Schreiber | Im Sattel durch Zentralasien | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 32, 423 Seiten

Reihe: Windrose

Schreiber Im Sattel durch Zentralasien


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8187-8721-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 32, 423 Seiten

Reihe: Windrose

ISBN: 978-3-8187-8721-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Reihe 'Windrose' aus dem Verlag Saphir im Stahl publiziert alte Reiseberichte namhafter Forschungsreisender. Die Forschungsreisenden vom 18ten Jahrhundert bis zum 20sten Jahrhundert zeigen die Unterschiede zwischen dem heutigen Wissen und dem damaligen Forschungsdrang. Auf diese Weise lernt man in der heutigen Zeit dessen Wissenstand der Vergangenheit kennen und die Entdeckungsreisen. Erich von Salzmann war als Soldat in Asien tätig und viel unterwegs. Seine Reisen fasste er unter anderem in diesem Bericht zusammen.

Erich Salzmann, seit 1900 von Salzmann (* 22. Juli 1876 in Stettin; ? 1. Dezember 1941 in Shanghai) war ein deutscher Offizier und Journalist. Erich von Salzmann schlug wie sein Vater eine militärische Laufbahn ein und wurde im August 1894 zum Leutnant im Feldartillerie-Regiment von Podbielski Nr. 5 ernannt. In den nächsten Jahren meldete er sich 1900 als Freiwilliger für den Ostasiatischen Expeditionskorps für die Niederschlagung des Boxeraufstandes im Kaiserreich China.
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Am 24. September erledigte ich meine dienstlichen Abmeldungen, erhielt noch manchen freundlichen Wunsch mit auf den Weg und manchen guten Rat. Im übrigen fand ich später alles anders, als es mir geschildert worden war, denn seit den Zeiten der Okkupation und seitdem der Soldat nicht mehr unumschränkt im Lande herrscht, hat sich vieles geändert, und gerade in Ortschaften, die früher ihrer liebenswürdigen Einwohner wegen bekannt waren, wurde ich am schlechtesten behandelt. Am 24. nachmittags hatte ich noch gerade Gelegenheit, die erste Schnitzeljagd unseres hiesigen Reitervereins -- von mir selbst als Piqueur-Offizier ausgesucht -- mitzureiten. Vor der Jagd hatte ich das Pech, mich mit meinem sonst so friedfertigen Peter zu veruneinigen, was ihn veranlaßte, mich in hohem Bogen herunterzusetzen, wobei mein Kopf in etwas unsanfte Berührung mit Mutter Erde kam. Infolgedessen habe ich unterwegs recht viel an Kopfschmerzen gelitten.

Am 25. morgens nahm ich von meinen Batteriekameraden Abschied, dann gings per Ricksha zur Bahn, wo meine drei Ponys bereits fertig verladen im Waggon standen. Bei schönstem Wetter dampfte ich vergnügt gen Peking, wo mich der liebenswürdige L., unser Batteriekamerad und Führer des Feldartilleriedetachements Peking, von der Bahn abholte. Es war alles aufs schönste vorbereitet, ich brauchte mich um gar nichts zu kümmern und musste nur sehen, bald wieder loszukommen, denn der gute L. wollte mich gleich für mehrere Tage festnageln, während es mich begreiflicherweise hinauszog.

Gelegenheit fand ich noch, die fortschreitenden Arbeiten am Ketteler-Denkmal zu sehen. Der große Ehrenbogen ist im Stil der üblichen chinesischen Ehrenbogen, er wird eine Inschrift mit Bezug auf die ruchlose Mordtat in deutscher, lateinischer und chinesischer Inschrift tragen. Das ganze Steinmaterial des Bogens wird an Ort und Stelle bearbeitet, und zwar werden geradezu enorme Blöcke zum Bau verwendet. Ich sah an einem solchen Riesenblock über 150 Ponys ziehen, und trotzdem kamen sie nur unter alleräußerster Kraftanstrengung von der Stelle. Die für den Bogen bestimmten Fundamente sind außerordentlich solide; sie sind wie für die Ewigkeit gemauert, möchten sie den Bogen auch eine Ewigkeit tragen, den Chinesen zur Warnung, nicht wiederum einen derartigen Völkerrechtsbruch zu begehen. Interessant ist es, zu beobachten, mit wie lächerlich einfachen Mitteln die Chinesen arbeiten. Zu dem Gerüst z. B., an dem die mächtigen Blöcke gehoben werden, und zwar unter sehr sinnreicher Ausnutzung der Hebelkraft, sind lediglich etwa 10 cm im Durchmesser messende Bambusstangen zusammengebunden.

Merkwürdig ist, wie wenig bekannt die Tatsache der Ermordung des deutschen Gesandten im Volke ist, die meisten wissen überhaupt gar nicht, was der Grund zur Errichtung des Bogens ist; wie der Chinese bekanntlich sehr geschickt im Verdrehen der Wahrheit ist, so hat er es auch hier bewiesen. Mein Mafu z. B. behauptete, dass die Deutschen dem hingerichteten Mörder zu Ehren diesen Bogen errichteten. Wen damals En Hai ermordet hatte, von den näheren Umständen der Mordtat, sowie den daraus entstehenden Wirren hatte er keine Ahnung, trotzdem er während der ganzen Zeit in Tientsin die Unruhen miterlebt hatte. Auch das Gesandtschaftsviertel selbst hatte seit den wenigen Wochen meiner Abwesenheit von der Hauptstadt schon wieder sein Bild verändert. Überall wurde eifrigst gebaut, und wenn man, wie ich, noch vor zwei Jahren den wüsten Schutt- und Trümmerhaufen gesehen hatte, so musste man wirklich staunen, was in der Zwischenzeit für ein schmuckes internationales Städtchen entstanden war. Im Kasino der Gesandtschaftswache erlebte ich als Gast L.'s einen sehr hübschen Abend, um dann zum letzten Male auf sechs Wochen recht gut in einem Bett zu schlafen, denn von jetzt an sollte der harte chinesische Kang, das gemauerte Ruhelager, meine Bettstatt sein.

Bei herrlichstem Sonnenschein ritt ich am 26. in Begleitung von drei Kameraden, mit Mafu und Packtier hinter uns, aus dem Gesandtschaftsviertel. Mir war so wohl zu Mute, wie selten, ich hatte ein ordentliches Glücksgefühl im Herzen, einmal die kleinen Sorgen des täglichen Lebens gänzlich hinter mir lassen zu können und vollkommen frei und unabhängig in Gottes schöne Natur hinausreiten zu dürfen.

Im Schritt und Trab ging es durch die mir noch aus der Okkupationszeit so wohlbekannten Straßen nach dem Nordtor, doch schon innerhalb der Mauer kam die erste Havarie, der Packsattel rutschte, wir packten schnell um, dann gings weiter. Am Tor verabschiedeten sich meine Begleiter, mir nach Jägerart „Hals- und Beinbruch„ wünschend. Mit mir zugleich passierte ein großes Leichenbegängnis mit der üblichen, Menschen- und Pferdeohren beleidigenden Musik das von Juan-schi-kai'schen Truppen bewachte Tor. Ich nahm den Leichenzug als gutes Omen, notabene hätte ich wahrscheinlich alles als gutes Vorzeichen genommen, da ich durchaus nicht die Absicht hatte, mir meine gute Laune durch irgendetwas stören zu lassen. Weiter gings im flotten Trab quer über den großen Exerzierplatz am gelben Tempel vorbei, um die große, nach der Mongolei führende Karawanenstraße zu gewinnen. Doch gabs bald wieder Stopp; die großen Packtaschen rutschten, nochmals wurde umgepackt, um nach einem weiteren Kilometer wieder zu scheitern. Es ist nicht so einfach, ein Packtier, das Trab gehen soll, sachgemäß zu packen! Als wir uns so in der brennenden Sonne abmühten, erbarmte sich unser ein zufällig vorbeireitender Chinese. Obwohl ich natürlich seinen weisen Worten nicht traute, machte ich es doch nach seinen Angaben; es ist die vorher beschriebene Art, und siehe da, er hatte recht, denn nicht ein einziges Mal mehr ist mein Gepäck gerutscht. Die Hauptsache liegt in dem genauen Abbalanzieren der beiden großen Packtaschen. Später wusste ich schon ganz genau auswendig, was in die linke und was in die rechte hineingehörte, kleinere Unstimmigkeiten im Gleichgewicht wurden dann durch das Kupfergeld, die Cash, ausgeglichen.

Gegen 1 Uhr war ich in Scha-ho, wo ich Mittagsrast machen wollte. Das Gasthaus war gut und sauber, die Chinesen darin allerdings höchst unverschämt; sie sind durch den hier verhältnismäßig starken Fremdenverkehr, der nach der großen Mauer und den Ming-Gräbern geht, verwöhnt. Die Pferde wurden gefüttert, das Packtier war schon hier infolge der ungewohnten Last recht müde.

Nach zweistündiger Rast gings weiter auf Nankau zu, und zwar auf dem direkten Wege, Champing-chou rechts liegen lassend. Es herrscht lebhafter Verkehr auf dem teilweise recht schlechten steinigen Wege. Kamel-, Maultier- und Eselkarawanen mit Kohle, Hanf und andern Landeserzeugnissen kommen und gehen, einige Gebirgs-Sänften, von Maultieren getragen, je eins vorn und hinten, begegnen uns, ebenso vereinzelte chinesische Kavalleristen. Allmählich macht sich unsere Marschordnung von selbst, vorn reitet der Mafu, am langen Riemen das Handtier führend, so dass dieses nicht neben ihm, sondern hinter ihm geht. Ich reite hinter dem Packtier, um auf dieses zu achten, und es eventuell zu treiben, wenn es faul wird. Durch die Schmalheit der Wege und den starken Verkehr wird man ganz von selbst zu dieser Reihenfolge gezwungen. An sich ist der Weg hier in der Ebene enorm breit, aber er zerfällt gewissermaßen in lauter einzelne Fußwege, während das dazwischenliegende Gelände sehr steinig oder sehr ausgefahren ist. Die chinesische Bevölkerung war überall bei der Ernte, sie kümmerte sich eigentlich gar nicht um uns, ist auch an den Anblick des Europäers zu sehr gewöhnt.

Gegen 6,30 abends, es wurde schon dunkel, kamen wir glücklich in Nankau, unserm heutigen Reiseziel, an und ritten in das chinesische Gasthaus, das sich stolz Nankau-Hotel nennt. Den Wirt kenne ich schon seit Jahr und Tag als einen rechten Halsabschneider, daher war ich vorsichtig genug, jeden Preis vorher auszumachen und meinen Mafu nach außerhalb zum Einkauf des Pferdefutters zu schicken. Die ganze Nacht hindurch hörte man die Klingeln und Glocken der kommenden und gehenden Karawanen. Bei mir versuchte eine Katze mehrfach durchs Papierfenster einzubrechen, wahrscheinlich, um das auf dem Tisch liegende Huhn zu stehlen. Da ich jedoch mit harten Gegenständen warf, zog sie es vor, sich zu verziehen. Nachdem ich so eigentlich recht wenig zum Schlafen gekommen war, kroch ich ziemlich früh am 27. September aus meinem Schlafsack. Letzterer, von Jacob aus Dinslaken, jetzt in Köln, hat sich nebenbei ganz vorzüglich bewährt.

Zuerst sah ich nach meinen Ponys. Der eine, eigentlich meine Hoffnung für zukünftige Rennen, stand bedenklich im „Rührt euch“, ihm taten die Hufe sehr weh, er schien auch schlecht geschlafen zu haben, denn er ließ recht missmutig den Kopf hängen. Schnetz, das ist nämlich sein Name, wer hätte das gedacht, dass du mich so bald treulos im Stich lassen würdest! Ich ließ ihn mir im Trab vorführen, wobei sich denn auch ergab, dass er recht klamm ging. Bis hierher hatte er das Gepäck getragen. Das wurde nun dem andern Fuchs, mit Namen Dr. H., aufgepackt; er schätzte das zwar zuerst absolut nicht und benahm sich frech und gemein, aber es half ihm nichts, mit 1 ½ Zentnern Gewicht auf dem Buckel springt man nicht lange herum, und bald war er ganz vernünftig und hat sich in der Folge als am besten zum Gepäcktier geeignet erwiesen und mir vorzügliche Dienste geleistet.

Nach dem üblichen Theater mit dem Wirt ging's um 7,30 ab in die Berge. Wir mussten den ersten Teil des Nankau-Passes führen, da er sehr steinig ist. Von vorn kam ein recht kalter Wind, ein kleiner Vorgeschmack für später. Dauernd passierten wir Karawanen mit Erzeugnissen des Landes. Einige Mongolen in ihren Schafpelzen sahen uns recht verwundert nach, sonst kümmerte sich wie gestern kein Mensch um uns. Manche Strecke des Passes kann man ganz bequem traben....



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