Schreiber | Peking-Paris im Automobil. | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 23, 636 Seiten

Reihe: Windrose

Schreiber Peking-Paris im Automobil.

Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen.
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7565-8208-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen.

E-Book, Deutsch, Band 23, 636 Seiten

Reihe: Windrose

ISBN: 978-3-7565-8208-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es hat sich also doch jemand gefunden, der nach allem -- trotz unserer zweimonatigen Anstrengungen, trotz der Felsen, Flüsse, Wüsten und Wälder, Sümpfe und Bankette, die wir hinter uns haben -- der nach alledem behauptet, daß unsere Reise nur das eine bewiesen habe, daß man im Automobil nicht von Peking nach Paris fahren könne! Der Satz hat in seiner Aufrichtigkeit etwas Barbarisches an sich. Aber, gestehen wir es nur zu, er ist buchstäblich richtig, und gerade wir haben bewiesen, daß es heutzutage bei ausschließlicher Benutzung des Motors eines Automobils unmöglich ist, in ununterbrochener Fahrt und in die weichen Kissen des Fahrzeugs gelehnt sich von Peking nach Paris zu begeben.

Erik Schreiber arbeitet zurzeit als Dispatcher. Nebenbei Autor von über 10 Romanen und 200 Kurzgeschichten (alle veröffentlicht, einige mit Preisen ausgezeichnet). Seit 2010 Verleger vom Saphir im Stahl Verlag, Arcanum Fantasy Verlag und Scratch Verlag kamen am 1.1.2017 dazu.
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Isola di Garda, im September 1907.

Lieber Barzini!

Es hat sich also doch jemand gefunden, der nach allem -- trotz unserer zweimonatigen Anstrengungen, trotz der Felsen, Flüsse, Wüsten und Wälder, Sümpfe und Bankette, die wir hinter uns haben -- der nach alledem behauptet, daß unsere Reise nur das eine bewiesen habe, daß man im Automobil nicht von Peking nach Paris fahren könne!

Der Satz hat in seiner Aufrichtigkeit etwas Barbarisches an sich. Aber, gestehen wir es nur zu, er ist buchstäblich richtig, und gerade wir haben bewiesen, daß es heutzutage bei ausschließlicher Benutzung des Motors eines Automobils unmöglich ist, in ununterbrochener Fahrt und in die weichen Kissen des Fahrzeugs gelehnt sich von Peking nach Paris zu begeben. Es würde daher vom finanziellen Standpunkte aus nicht zu empfehlen sein, auf Grund unserer Erfahrung eine regelmäßige Automobillinie einzurichten, um die kleinen, höchst eleganten chinesischen Chansonetten von der Hauptstadt des Himmlischen Reiches nach dem Moulin Rouge in Paris zu befördern, ohne ihre winzigen Füßchen nur im geringsten zu ermüden.

Aber hat die Fahrt Peking-Paris, abgesehen von diesem wesentlichsten Punkte, keine positiven Ergebnisse geliefert?

Ich kehre im Geiste nach Kiachta zurück, in das schmucklose Heim des Millionärs, wo die Herrin des Hauses mit ihrem breiten, gutmütigen Lächeln aus der Küche in den Speisesaal trat und auf die Tafel lange Reihen Flaschen edeln Weines und riesige Platten stellte, auf denen tranchierte Hammel und Kälber lagen und sich wahre Berge von Mehlspeisen und Reis erhoben; wo Falia, die kleine Burjatin, ihr frisches, ein wenig scheues, einer Steppenblume gleichendes junges Gesichtchen zeigte; wo die alten und neuen Freunde ohne Einladung und ohne Höflichkeitsphrasen kamen und gingen und in ungezwungener Weise ihren Anteil an der Gastfreundschaft und den Tafelfreuden entgegennahmen.

Und ich erinnere mich der Gespräche an der reichbesetzten Tafel, die alle darauf hinausliefen, den praktischen Nutzen unserer Durchquerung der Wüste Gobi zu erörtern -- wir hatten die siebzehnTage der schnellsten Karawanen auf vier vermindert --, sowie der eingehenden technischen Fragen über die Möglichkeit, sich dieses raschen Beförderungsmittels zu bedienen, um wenigstens einen Teil der Teetransporte, die jetzt bis Wladiwostok ausschließlich das Meer und von dort die transsibirische Eisenbahn benutzen, bis zu diesem Punkte der Grenze zu leiten.

Erinnern Sie sich noch der Begeisterung unseres Gastfreundes in Irkutsk, der bis Nischne-Udinsk die Freude unserer Fahrt kostete, als unsere Brust mit tiefen Atemzügen den balsamischen Hauch des Fichtenduftes auf den guten, trockenen Straßen Sibiriens einsog? Ja, in ihm ist sicherlich der Keim zur Automobilleidenschaft zurückgeblieben. Und in der guten Jahreszeit sind die Möglichkeiten der Benutzung des Automobils auf jenen sibirischen Straßen tatsächlich unbegrenzt.

In Krasnojarsk hatten wir lange Unterredungen mit zwei praktischen,ernsten Engländern, Konzessionaren und Ingenieuren von Goldminen. Für sie handelte es sich darum, eine raschere Verbindung zwischen Krasnojarsk und Jenisseisk herzustellen, und unsere Maschine, die in dem Hofe des Gasthauses „Metropole“ in tadelloser Beschaffenheit stand, trotzdem sie mehr als 3000 Kilometer auf schrecklichen Straßenzurückgelegt hatte, schien ihnen ein interessanter Gesprächsgegenstand und eröffnete vor ihren Augen einen neuen, weiten Horizont unerwarteter Lösungen.

In Tomsk war es, im Hause des Gouverneurs. Dort unten im Süden, im äußersten Zipfel seiner Provinz, die die Flächenausdehnung des Deutschen Reiches besitzt, erhebt das Altaigebirge seine Alpengipfel und bietet der menschlichen Betriebsamkeit seine an Mineralschätzen reichen Täler und Berghänge dar. Und während mir der Gouverneur von den Schicksalen einer englisch-russischen Gesellschaft erzählte, die die Verbindung von Tomsk mit dem Eismeere zu verbessern beabsichtigte, indem sie in der Sommerszeit den Ob mit großen Lastschiffen befahren wollte, und während er mir den Nutzen, den Mittelsibirien davon haben würde, den ganzen Vorteil, der der Industrie und dem Export des Landes daraus erwachsen würde, auseinandersetzte, während alledem verfolgten seine modern geschulten, in die Ferne gerichteten Augen den Traum, Tomsk mit Barnaul und Biisk und den Hauptpunkten des Bergwerksbetriebes des Altai durch schnelle Automobile zu verbinden! Und der Traum wurde näher ins Auge gefaßt und kritisiert: kurz, seine Durchführbarkeit wurde erörtert.

Weiter nach Westen zu, in Omsk, befanden wir uns mitten in der Steppe. Dort ist die Regenzeit viel kürzer als im sibirischen Urwalde, der Taiga; der Steppenboden erweist sich widerstandsfähiger gegen den Regen, das Gelände ist fast vollständig eben.

Wir fanden hier die Wegeverhältnisse der nördlichen Mongolei wieder, wo wir auf der Antilopenjagd unsere Maschine mit der allergrößten Geschwindigkeit hatten dahinrasen lassen können. Und wir fanden hier ein ungeahntes, wunderbares Gebiet der Tätigkeit und des Fortschritts. Im Jahre 1906 hatte eine Ausfuhr von Butter im Werte von 40 Millionen Rubel und in demselben Zeitraum eine Einfuhr von sechs Millionen Rubel landwirtschaftlicher Maschinen stattgefunden. Die Betriebsamkeit der intelligenten Russen, der fleißigen, klugen Sibirier, der arbeitsam und geschickt gewordenen Kirgisen wurde geleitet und gefördert von der weitsichtigen, unternehmenden finanziellen und kommerziellen Tätigkeit von Dänen, Engländern, Norwegern und Deutschen. Es war eine rührige Welt, die durch Viehzucht, Milchwirtschaft, Butterbereitung Reichtümer erwirbt, indem sie zugleich die Weideplätze verbessert und den Futterbau rationeller gestaltet.

Das Gebiet dieser alljährlich intensiver werdenden Ausnutzung erstreckt sich über die ganze Steppenregion, wo die Kirgisenhorden, von ihrem Rasseninstinkt getrieben, als Nomaden von einem Weideplatz zum andern ziehen. Dieser Aufschwung breitet sich in Tausenden von Adern über alle Dörfer aus, in denen die Einwanderer von heute und die Söhne der alten Verbannten des europäischen Rußland sich zu neuen arbeitsamen und gedeihenden Gemeinwesen zusammenschließen. Von Omsk bis Kurgan, bis zum Balkaschsee und bis Semipalatinsk dehnt sich die unermeßliche Steppe aus und steigert sich heute die Möglichkeit, morgen die Notwendigkeit von Automobilverbindungen und von Transporten mit Hilfe des Automobils.

Und dann nach Tjumen und Jekaterinburg, unter jener bescheidenen, arbeitswilligen Bevölkerung, in jenem unerschöpflichen Bergwerksgebiete des Ural, wo jeder Hektar Land einen Schatz verborgener Reichtümer darstellt und wo der Stein die Straße weniger problematisch macht. Und weiter, weiter, bis an die deutsche Grenze: überall hinterließ die Fahrt unseres Automobils, das den härtesten Prüfungen widerstanden hatte, das unversehrt mechanische Torturen überdauert hatte, bei denen die kräftigen Tarantasse und die leichten Telegas in Trümmer gegangen wären -- überall hinterließ unsere Fahrt eine Furche und vielleicht einen Samen sicherer zukünftiger Zivilisation, rascheren Fortschritts, weil unsere Maschine überall das Bild einer möglichen regelmäßigen Verbindung hervorrief, mittels deren das Blut der Völker lebenerweckend die Erdteile durchkreisen kann.

Aber jenseits der russischen Grenze, im westlichen Europa? Hier durcheilte das Automobil die deutschen und jene wunderbaren französischen Straßen, hier ist die Automobilbenutzung nicht mehr ein Traum der Zukunft, sondern ein Problem der Gegenwart. Hier, im westlichen Europa, wuchs der Erfolg unserer Mühen ins Riesenhafte; er trat in den Erörterungen der Techniker, in der Begeisterung der Bevölkerung zutage.

Das ist verständlich. Hier erschien allen Leuten unser Unternehmen von größerer Bedeutung, sein Nutzen unmittelbarer. Es handelte sich nicht darum, irgendwelchen lokalen Nutzen zu stiften, das Interesse einer begrenzten Anzahl von Industriellen und Kaufleuten zu fördern, es handelte sich vielmehr um eine neue, entscheidende Stärkung einer vorwiegend europäischen, jungen, aber lebensfähigen und rührigen Industrie, in der eine enorme Menge von Kapital, Wissenschaft und Intelligenz und von geschickter und geschulter Arbeit angelegt ist. --

Wenn ein Staat seine Artillerie erneuern will, so veranstaltet er, nachdem die technischen Probleme studiert, die eingereichten Projekte geprüft, die ersten Anhaltspunkte gewonnen sind, Kraftproben bis zur äußersten Grenze der Leistungsfähigkeit. Die Metalle werden auf die Maximalgrenze ihrer Widerstandskraft geprüft, sie werden auf Zug, auf Drehung, auf Druck untersucht, sie werden nach jeder Richtung hinweit über das Maß des Notwendigen in Anspruch genommen. Wenn dann der Feuerschlund mit aller ballistischen Genauigkeit gegossen ist, so veranstaltet man Probeschießen, bei denen die Ladungen übermäßig gesteigert, die Explosivstoffe gewechselt werden, und man ist nicht zufrieden, wenn das Geschütz nicht Anstrengungen widersteht, die viel gewaltsamer und dauernder sind als die, die es in der Praxis auszuhalten bestimmt ist.

Der „Raid“ Peking-Paris war eine solche äußerste Kraftprobe der Automobilfabrikation und als solche interessierte er das Publikum. Unsere Personen und der Name der Fabrik standen in zweiter Linie; unser Fahrzeug repräsentierte die Automobilfabrikation im allgemeinen.

Die zivilisierte Welt wohnte dieser Kraftprobe bei, der umfassendsten, vollständigsten und überzeugendsten, der das neue Werkzeug bis dahin unterworfen worden war, einer Kraftprobe, die zu dem Zwecke unternommen wurde, einen weiteren, entscheidenderen Schritt nach vorwärts auf dem Wege der Abschaffung menschlicher oder tierischer Triebkraft zu tun. Diese Abschaffung ist eines der...



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