E-Book, Deutsch, Band 5, 395 Seiten
Reihe: Windrose
Schreiber Reise um die Welt
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7565-6492-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 5, 395 Seiten
Reihe: Windrose
ISBN: 978-3-7565-6492-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Adelbert von Chamisso, eigentlich: Louis Charles Adélaïde de Chamisso de Boncourt, wurde am 30. Januar 1781 auf Schloss Boncourt (Champagne) geboren und starb am 21. August 1838 in Berlin. Chamissos Familie floh während der französischen Revolution nach Deutschland. 1796 wurde er Page der Königin von Preußen, 1798 bis 1807 war er preußischer Offizier. 1815-18 machte er eine Weltumseglung.
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Vorfreude. Reise über Hamburg nach Kopenhagen
Nun war ich wirklich an der Schwelle der lichtreichsten Träume, die zu träumen ich kaum in meinen Kinderjahren mich erkühnt, die mir im „Schlemihl“ vorgeschwebt, die als Hoffnungen ins Auge zu fassen ich, zum Manne herangereift, mich nicht vermessen. Ich war wie die Braut, die, den Myrtenkranz im Haare, dem Heißersehnten entgegensieht. Diese Zeit ist die des wahren Glückes; das Leben zahlt den ausgestellten Wechsel nur mit Abzug, und zu den hienieden Begünstigteren möchte der zu rechnen sein, der da abgerufen wird, bevor die Welt die überschwengliche Poesie seiner Zukunft in die gemeine Prosa der Gegenwart übersetzt.
Ich schaute, freudiger Tatkraft mir bewusst, in die Welt, die offen vor mir lag, hinein, begierig, in den Kampf mit der geliebten Natur zu treten, ihr ihre Geheimnisse abzuringen. So wie mir selber in den wenigen Tagen bis zu meiner Einschiffung Länder, Städte, Menschen, die ich nun kennenlernte, in dem günstigsten Lichte erschienen, das die eigene Freudigkeit meines Busens hinausstrahlte, so muss ich auch den günstigsten Eindruck in denjenigen, die mich damals sahen, zurückgelassen haben; denn erfreulich ist der Augenblick des Glücklichen.
Das Schreiben des Herrn von Krusenstern enthielt in sehr bestimmten Ausdrücken das nächste, was zu wissen mir not tat. Die Zeit drängte: Der „Rurik“ sollte Sankt Petersburg am 27. Juli und Kronstadt am 1. August verlassen; er konnte unter günstigen Umständen schon am 5. August zu Kopenhagen anlegen. Meinem Ermessen ward anheimgestellt, entweder in Sankt Petersburg oder zu Kopenhagen zu der Expedition zu stoßen. Im Falle, dass ich das erstere vorzöge, würde ich den mir für den Eintritt in Russland nötigen Pass an der Grenze vorfinden. Der Ehr- und Habsucht ward keine Aussicht vorgespiegelt, sondern als Lohn auf das Gefühl verwiesen, zu einem rühmlichen Unternehmen mitgewirkt zu haben. Das Schiff war anscheinend vorzüglich gut gebaut und besonders bequem und gut eingerichtet. Meine Kajüte, so lauteten die Worte, war, ungeachtet der geringen Größe des Schiffes, viel besser als die von Herrn von Tilesius am Bord der „Nadeshda“.
Nach reiflicher Beratung mit meinen Freunden ward beschlossen, dass ich zu Kopenhagen an Bord steigen und die drei Wochen bis zur Mitte Juli in Berlin benutzen und genießen solle.
Ich erhielt in diesen Tagen von August von Staël einen Paris am 15. Mai datierten, aber durch die nötig gewordenen Umwege verspäteten Brief, den ich nur mit Wehmut aus der Hand zu legen vermochte. Der Wurf war geschehen, und ich blickte nur vorwärts, nicht seitwärts.
Meines Freundes Gedanken hatten sich vom alten Europa nach der Neuen Welt gewandt, und er schickte sich zur Reise an, in den Urwäldern, die seine Mutter am Sankt-Laurenz-Fluss besaß, Neckerstown zu begründen. Sein Begehren war, meine Zukunft an die seinige zu binden; er teilte mir seinen weitaussehenden, näher zu beratenden Plan mit und bezeichnete mir den Anteil, den er mir in der Ausführung zugedacht. Ich sollte mit angeworbenen Arbeitern im nächsten Frühjahr in New York zu ihm stoßen. Ich konnte ihm nur das eben von mir eingegangene Verhältnis darlegen, betrübt, ihm meine Mitwirkung bei einem Plane zu versagen, der übrigens nie in Ausführung gebracht worden. Was ihn davon abgelenkt hat, habe ich nie erfahren.
Mein Hauptgeschäft war nun, emsig die Zeit und die Willfährigkeit gelehrter Männer benutzend, zu erkunden, welche Lücken der Wissenschaft auszufüllen eine Reise gleich der vorgehabten die Hoffnung darböte; mir Fragen vorlegen, mir sagen zu lassen, worauf besonders zu sehen, was vorzüglich zu sammeln sei. Ich konnte mich und andere nur Allgemeines fragen; über Zweck und Plan der Reise hatte Herr von Krusenstern geschwiegen, und ich wusste nicht, an welchen Küsten angelegt werden sollte.
Niebuhr bezeichnete mir einen Strich der Ostküste Afrikas, dessen Geographie noch mangelhaft sei und den bei westlicher Rückfahrt aufzunehmen die Umstände leichtlich erlauben möchten. Ich entgegnete ihm kleinlaut und fast erschrocken, dieses sei doch allein Sache des Kapitäns. Er maß aber auch in solcher Angelegenheit der beratenden Stimme des Gelehrten einiges Gewicht bei. – Was bei einer solchen Entdeckungsreise ein Gelehrter ist, wird aus diesen Blättern erhellen.
Der Dichter Robert sagte zu mir: „Chamisso, sammeln Sie immerhin und bringen Sie heim für andere Steine und Sand, Seegras, Blattpilze, Entozoa und Epizoa, das heißt, wie ich höre, Eingeweidewürmer und Ungeziefer; aber verschmähen Sie meinen Rat nicht: Sammeln Sie auch, wenn Sie auf Ihrer Reise Gelegenheit dazu finden, Geld und legen Sie es für sich beiseite; mir aber bringen Sie eine wilde Pfeife mit.“ – Wohl habe ich für den Freund eine wilde Pfeife von den Eskimos mitgebracht, und er hat seine Freude daran gehabt; aber das Geld habe ich vergessen.
Ich will hier gelegentlich anführen, dass ich am Bord des „Ruriks“ eine Denkschrift des Doktors Spurzheim vorfand, der, weniger praktisch, zur Beförderung der Kraniologie empfahl, den Wilden das Haupthaar zu scheren und ihre Schädel in Gips abzuformen.
Ich fuhr von Berlin den 15. Juli 1815 mit der ordinären Post nach Hamburg ab. Die Beschreibung von dem, was damals eine ordinäre Post hieß, möchte jetzt schon an der Zeit und hier an ihrem Orte sein, da der Fortschritt der Geschichte auch dieses Ungeheuer weggeräumt hat. Ich kann aber, ohne meine Glaubwürdigkeit zu gefährden, auf Lichtenberg verweisen, der die Martermaschine mit dem Fasse des Regulus verglichen hat. „Der deutsche Postwagen“, schrieb ich damals, „scheint recht eigentlich für den Botaniker eingerichtet zu sein, indem man nur außerhalb desselben ausdauern kann, und dessen Gang darauf berechnet ist, gute Muße zu lassen, vor und zurücke zu gehen. In der Nacht wird auch nichts versäumt, da man sich am Morgen ungefähr auf demselben Punkte wiederfindet, wo man am Abend vorher war.“
Der Schirrmeister, der die ersten Stationen den Zug leitete, ein langer, fröhlicher Gendarm, hatte seit fünf und einem halben Jahre, dass er zur Ruhe gesetzt war, ungefähr 8 524 deutsche Meilen auf seinem Postkurs von etwa zehn Meilen in Hin- und Herschwingungen zur Post zurückegelegt – der Gurt der Erde misst deren nur 5 400. Die Passagiere waren unbedeutend. In Lenzen gesellte sich zu uns ein Mann vom Volke, ein schöner, rüstiger, fröhlicher Greis, früher Hamburger Matrose, zur Zeit Elbschiffer, der vielmals, und zuletzt als Harpunier, auf dem Robben- und Walfischfange den nordischen Polargletscher besucht hatte. Einmal war das Schiff, worauf er war, nebst mehreren andern im Eise untergegangen; er selbst hatte nach siebzehn auf dem Eise verbrachten Hungerstagen Grönland erreicht. Er hatte siebzehn Monate mit dem „Wildmann“ gelebt und „Wildmannssprache“ gelernt. Ein dänisches Schiff von fünf Mann Equipage nahm ihn nebst zwanzig seiner Unglücksgefährten an Bord und brachte ihn bei dürftiger Kost nach Europa zurück. – Von beiläufig 600 Mann kehrten nur 120 heim. Er selbst hatte etliche Finger eingebüßt. Dieser Mann, mit dem ich bald freund wurde, war mir erfreulicher als ein Buch; er erzählte einfach und lebendig, was er gesehen, erlebt und erduldet; ich horchte ihm lernbegierig zu und sah vor mir die Eisfelder und Berge und die Küsten des Polarmeeres, in das ich von der Berings-Straße aus einzudringen die Hoffnung hatte und worin Gleiches zu erleben und zu erdulden mein Los sein konnte.
Ich erreichte am 18. Juli die liebe Stadt Hamburg, wo ich meine Geschäfte besorgte, alte Freunde besuchte und neue werte Bekanntschaften anknüpfte. Besonders lieb- und hilfreich war mir Friedrich Perthes, in dessen Buchhandlung sich folgendes Ergötzliche zutrug. Der Hausknecht, der seinen Herrn so freundlich vertraut mit mir umgehen sah und mich beim Globus von weiten Reisen erzählen hörte, fragte einen der Kommis, wer denn der schwarze ausländische Herr sei, für den er manche Gänge zu besorgen gehabt. – „Weißt du das nicht?“ antwortete ihm jener; „es ist Mungo Park.“ Und froh und stolz, wie ein Zeitungsblatt, das einmal eine große Nachricht auszuposaunen hat, lief der literarische Zwischenträger seine Gänge durch die Stadt, jeden, den er kannte, anhaltend, um ihm mitzuteilen, Mungo Park sei nicht umgekommen; er sei da, er sei bei seinem Herrn, er sehe so und so aus und erzähle viel von seinen Reisen. – Nun kamen einzeln und scharenweise die guten Hamburger zu Perthes in den Laden gelaufen und wollten Mungo Park sehen. – Im „Schlemihl“, und zwar im vierten Abschnitt, steht geschrieben: „Muss ich's bekennen? Es schmeichelte mir doch, sei es auch nur so, für das verehrte Haupt angesehen worden zu sein.“
Am 21. abends nahm ich Extrapost nach Kiel. Hamburg war zur Zeit noch die Grenze der mir bekannten Welt gegen Norden, und weiter hinaus nach Kopenhagen zu Land oder zur See vordrängend – ich hatte noch in meinem Leben kein Schiff bestiegen –, war ich auf einer Entdeckungsreise begriffen. Ich habe wirklich mit Treue die nordische Natur bei Kopenhagen studiert, woselbst, mit dem „Rurik“ anlangend, mein Freund und Gefährte Eschscholtz, der noch nie so weit nach Süden vorgeschritten war, gleichzeitig die südliche Natur zu studieren begann, entzückt, als ihm zuerst Vitis vinifera sub dio, die Weinrebe im Freien, zu Gesichte kam. Süden und Norden sind wie Jugend und Alter; zwischen beiden denkt sich jeder, solang er kann; alt sein und dem Norden angehören will kein Mensch. – Ich habe aus einem Gedicht an einen Jubilar das Wort „alt“ ausmerzen müssen, und ein lappländischer Prediger erzählte mir von seiner Versetzung nach dem Süden, nach Torneå unter dem Polarkreise.
In Kiel am 22. Juli angelangt, war ich...




