Schreier | Die Bewohnbarkeit der Erde (E-Book) | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Schreier Die Bewohnbarkeit der Erde (E-Book)

Eine Bilanz der Umweltbildung
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-0355-1680-7
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Eine Bilanz der Umweltbildung

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-0355-1680-7
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
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Klimawandel, Artensterben, Umweltvergiftung – was kann Bildung dagegen ausrichten? Helmut Schreier, Lehrer und Professor, hat sich sein Berufsleben lang mit dieser Frage befasst. Seine Bilanz verbindet schulische Umweltbildung mit der Bewusstseinsentwicklung der Öffentlichkeit. Einsichten sind gewonnen, bessere Regeln durchgesetzt worden, aber nach wie vor dominiert das Zerstörende. Schulunterricht kann sachbezogene Aufklärung ins Feld führen und junge Menschen bei ihrer Suche nach einer nichtzerstörerischen Lebensweise unterstützen.

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Minamata: Erstes Beispiel für die bewusstseinsbildende Macht einer langen Kette von Medienberichten


Etwa zur gleichen Zeit griffen die Medien das Thema auf, das der Berichterstattung (wie dem Schulunterricht) ein neues Feld eröffnete. Zeitungen, Magazine und Fernsehen wandten sich in Nachrichtensendungen den Umweltkatastrophen, -skandalen und -problemen zu, von denen immerzu neue Spielarten auftauchten. Damals begann jenes Fokussieren stets neuer Problembrennpunkte, das seither als dauerhafte Hintergrundberichterstattung etabliert ist.

Beispielhaft für den Einfluss der Medien in dieser Hinsicht ist die Fotoreportage über die Minamata-Krankheit, die im Magazin «Life» 1972 erschien: Eine Quecksilbervergiftung hatte Tausende von Anwohnern der Minamata-Bucht auf der japanischen Insel Kyushu auf erschütternde Weise verkrüppelt. Das Leiden der Menschen wurde in Grossaufnahmen vor Augen geführt. Die Quelle der Vergiftung war Methylquecksilber, das die Abwässer der Chisso-Werke in die Bucht leiteten. Die in der Nahrungskette akkumulierte Substanz hatte über Jahre die Menschen schleichend vergiftet. Die Reportage im Magazin «Life» traf eine Öffentlichkeit, die diese Zusammenhänge eben erst durch die Auseinandersetzung über DDT zu begreifen gelernt hatte. Der Fotograf, Eugene Smith, der mit den Menschen in Minamata zusammenlebte und ihr Leiden für die Öffentlichkeit dokumentierte, wurde bei Demonstrationen gegen die Chisso-Werke verletzt. Politische Widerstände gegen Einschränkungen der Quecksilber verarbeitenden Industrie haben die Verhandlungen über eine weltweite Regulierung (Verringerung) von Quecksilberemissionen in die Länge gezogen. Erst im Jahre 2017 wurde das so genannte Minamata-Abkommen von den letzten Beitrittsländern unterzeichnet.

Es liegt in der Natur der Medien, dass sie nachrichtenartige Momentaufnahmen von Katastrophen ins Blickfeld rücken, die dann für einen kürzeren oder längeren Zeitraum einen thematischen Mittelpunkt liefern. Meist ist das Thema mit einem Namen bezeichnet, der wie ein Signal bestimmte Zusammenhänge ins Bewusstsein ruft, zum Beispiel mit den folgenden:

  • 1976 (durch Überhitzung wird in einer kleinen chemischen Fabrik in der Lombardei eine Dioxin-Wolke freigesetzt, die 1800 Hektar Land vergiftet und 3300 Tiere tötet; die Bevölkerung wird acht Tage lang nicht informiert),

  • 1984 (Explosion einer Union-Carbide-Pestizidfabrik in Indien; 3787 Menschen kommen dabei ums Leben),

  • 1986 (höchste Kategorie eines katastrophalen Unfalls, es gelangte Radioaktivität von mehreren Trillionen Becquerel in die Erdatmosphäre),

  • 1986 (tonnenweise Pestizide fließen in den Rhein),

  • 1989 (Öltanker zerbricht, «Ölpest» zerstört das Leben entlang der Nordwestküste Amerikas),

  • 1991 (im sog. 2. Golfkrieg werden die Ölanlagen absichtlich zerstört, 1 Mio. Liter Rohöl strömen in den Persischen Golf),

  • 1993 in Nordwesteuropa. In Grossbritannien sind 120000 Rinder mit der Krankheit BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) infiziert. Diese ist der tödlich verlaufenden Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung beim Menschen verwandt. Die Praxis, Knochen- und Fleischmehl ins Tierfutter zu mischen oder als Düngemittel zu verwenden, wird 2001 in der EU verboten (inzwischen – 2019 – ist das Verbot «gelockert» worden).

  • 2010 («Blowout» einer Ölplattform, 800 Mio. Liter Rohöl strömen in den Golf von Mexiko),

  • 2011 (Unfall in einem Atomkraftwerk führt zur radioaktiven Verseuchung von Land und Leuten).

Dies ist eine sehr knappe Aufzählung, die sich auf die bekannteren aus einer langen Kette von Ereignissen beschränkt. Manchmal werden auch Katastrophen zum Gegenstand für Berichte ausgewählt, die sich über längere Zeiträume gewissermassen schleichend herauskristallisiert haben, wie die Krankheit, die mit dem Namen Minamata bezeichnet wird.

  • In diese Kategorie gehört auch die Verlandung des ehemaligen Aralsees, von dem eine Wüstenlandschaft mit salzigen und pestizidbedeckten Böden geblieben ist, nachdem das Wasser seiner Zuflüsse vor allem für den Baumwollanbau abgeleitet und verbraucht wurde.

  • Dasselbe gilt für Bajos de Haina in der Dominikanischen Republik, dem am stärksten mit Blei verseuchten Ort der Welt; der traurige Spitzenplatz verdankt sich dem jahrelangen Schmelzbetrieb für Müllbatterien.

  • In den achtziger Jahren wurde in Deutschland viel über den sauren Regen und die Folgen insbesondere für den Wald berichtet und diskutiert; durch Abgase (Industrie, Autoverkehr) bildete sich in der Atmosphäre u.a. schweflige Säure, die über den sauren Regen die Böden versauerte und Nahrungsketten zerstörte. Die Umrüstung der Millionen von Autoabgassystemen mit Katalysatoren und die Umstellung auf bleifreie Kraftstoffe kamen über jahrelang dauernde Auseinandersetzungen, politische Entscheidungsprozesse und Bildungsprozesse zustande. Der Vorgang ist nach dem Verbot von DDT ein weiterer wichtiger Schritt zur Reduktion von Umweltgiften. Und dieser Schritt wurde, ähnlich wie bei der DDT-Kampagne, von der intensiven Anteilnahme im Sinne eines Lernprozesses der Öffentlichkeit begleitet. Dabei spielte das Schulwesen eine Rolle, die über die des blossen «Backstoppens» weit hinausging: Viele Schulen in England, der Bundesrepublik Deutschland und Italien beteiligten sich damals an den Monitoring-Aktivitäten, bei denen Kinder den pH-Wert des sauren Regens ermittelten und der Öffentlichkeit vor Augen führten. Auch wenn sich manche Kommentatoren über das Wort «Waldsterben» mokierten («Le Waldsterben» hiess es in Frankreich), so gelang es doch, die Öffentlichkeit zu alarmieren und politische Massnahmen herbeizuführen, die Technologien zum Einsatz brachten, die Schwefelemissionen so weit reduzierten, dass Niederschläge voll schwefliger Säure verschwanden und der Wald jedenfalls in dieser Hinsicht aufatmen konnte. Stickoxid-Emissionen schaden ihm weiter, und der Klimawandel zwingt die Forstwirtschaft inzwischen zu einer neuen Zusammensetzung der Wälder, aber der Erfolg der Bleifrei-Kampagne bleibt ein ermutigendes Beispiel für das Bildungswesen, sich an Strategien zur Bekämpfung eines gesellschaftlich verursachten Umweltproblems zu beteiligen.

  • Bisweilen erscheinen Reportagen zur Feinstaubbelastung in China, wo der durch Kohleverbrennung, Industrieproduktion und Autoverkehr entstehende Smog in vielen Städten das Zehnfache des von der WHO als Grenzbelastung genannten Wertes erreicht.

  • Seltener ist in den Medien etwas über die Lage in einer der neunzig geschlossenen Städte Russlands zu erfahren, etwa Norilsk, einer Grossstadt, die unter den toxischen Abfällen der Nickelproduktion womöglich ebenso leidet wie unter der Absperrung vom Rest der Welt.

  • Ebenfalls selten wird über die Spätfolgen des Herbizids berichtet, das während des Vietnam-Krieges vom US-Militär über Jahre hin (19611971) angewandt wurde und den Tod von Tausenden Menschen verursachte. Agent Orange enthält Dioxin, das auch noch nach drei Generationen Kinder im Mutterleib schädigt. Eine Million Vietnamesen leiden derzeit in der damals vor fünfzig Jahren verseuchten Umwelt, viele sind an Krebs erkrankt, 100000 Kinder sind den Angaben des Roten Kreuzes zufolge mit körperlichen und geistigen Fehlbildungen zur Welt gekommen.

Am wenigsten mediengerecht sind wahrscheinlich die schleichenden Zerstörungsprozesse, die zwar auf einen künftigen Kulminationspunkt hinauslaufen, aber bisher nicht i.S. eines Katastrophenberichts zu fassen waren. Sie scheinen sich abseits der Kette explosionsartiger Ereignisse, Katastrophen und Desaster, ausserhalb des Lichtkegels der öffentlichen Aufmerksamkeit abzuspielen. Aber unter dem Radar wirken sie nachhaltig weiter, steigern ihre Effekte und machen die zu bewältigende Bürde immer schwerer.

Dazu gehört die endlose Geschichte der ansteigenden Weltbevölkerung. Den statistischen Schätzungen entnehme ich, dass im Jahr 2019 etwa 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde leben, und dass es im Jahr 2050 um die zehn Milliarden sein werden. Und so weiter.

Oder die fortschreitende Rodung der Regenwälder, die doch Artenvielfalt und Klima erhalten und sichern. Palmölplantagen, Bergbauprojekte und die Landnahme durch die wachsende Bevölkerung vernichten sie und die Lebewesen, die in ihnen zu Hause sind, einschliesslich der eingeborenen menschlichen Bevölkerung. Mal wird dieser, dann ein anderer Faktor identifiziert, fest steht nur, dass der Abbau allem Anschein nach unaufhaltsam weiter fortschreitet.

Oder die als «Degradation» bezeichnete immer weiter und heftiger zunehmende Ausdünnung und Versalzung der fruchtbaren Böden durch die Landwirtschaft. An vielen Stellen des Planeten – in den westlichen Staaten der USA, in Australien, in Zentralasien, im Nahen...


Schreier, Helmut
Helmut Schreier, geboren 1941., emeritierter Hochschullehrer (Prof. Dr.) Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Direktor des Instituts für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Fächer. Schwerpunkte: Umweltbildung, Holocauststudien, John Deweys Erziehungsphilosophie, Philosophieren mit Kindern. Gastprofessur an der Universität Texas, Projekte zur Bildungsförderung in Ländern Asiens und Afrikas. Seit 2008 Schriften zum Verhältnis von Gesellschaft und Natur.

Helmut Schreier, geboren 1941., emeritierter Hochschullehrer (Prof. Dr.) Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Direktor des Instituts für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Fächer. Schwerpunkte: Umweltbildung, Holocauststudien, John Deweys Erziehungsphilosophie, Philosophieren mit Kindern. Gastprofessur an der Universität Texas, Projekte zur Bildungsförderung in Ländern Asiens und Afrikas. Seit 2008 Schriften zum Verhältnis von Gesellschaft und Natur.



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