E-Book, Deutsch, 118 Seiten
Schulte Preußen Münster Jahrbuch 2023/2024
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-7390-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rückkehr in die 2. Bundesliga
E-Book, Deutsch, 118 Seiten
ISBN: 978-3-7693-7390-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carsten Schulte, Jahrgang 1971, ist gelernter Buchhändler und seit über 25 Jahren Journalist aus Münster. Den SC Preußen Münster begleitet er als Redakteur in unterschiedlichen Formen seit 2000 und hat bereits mehrere Bücher über den Klub verfasst. Heute betreibt er das Magazin preussenjournal.de.
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33 JAHRE WARTEN
Schon wieder im Rathaus.Schon wieder auf dem Prinzipalmarkt. Schon wieder ein Platzsturm. Jubelbilder, die sich gleichen. Und doch Bilder, die unwirklich scheinen. Nach 33 Jahren kehrte der SC Preußen Münster im Frühsommer zurück in die 2. Bundesliga. Es ist noch immer kaum zu glauben, auch wenn die ersten Spiele längst alles beweisen. Doch diese 2. Bundesliga ist eine Spielklasse, die nicht mehr viel zu tun hat mit der Liga, in der sich der SCP zuletzt 1991 tummelte. Einst war es eine Liga mit Klubs wie dem TSV Havelse, dem 1. FC Schweinfurt 05, VfB Oldenburg oder BW 90 Berlin. Aber auch mitKlubs wie dem 1. FSVMainz 05 oder SC Freiburg, die damals noch Lichtjahre entfernt waren von dem, was sie heute sind. Die 2. Bundesliga warvor 33 Jahren eher hemdsärmelig, überschaubar, unkompliziert. Heute ist die Liga eine durchgetaktete, straffe Profiliga, in der TV-Verträge die Richtung vorgeben und Tore stets unter Vorbehalt fallen. Die Preußen haben es bereits erlebt. Dafür kehrt der große Fußball zurück nach Münster. Der 1. FC Köln, der FC Schalke, der Hamburger SV oder Hertha BSC, Nürnberg, Kaiserslautern, Düsseldorf und Hannover. Ein Blick zurück auf die letzten 33 Jahre hilft, um diesesWunder einzuordnen.
16. Juni 1991. Der SC Preußen Münster spielt im Preußenstadion sein bis heute letztes Spiel in der 2. Bundesliga. Gegner ist der 1. FSVMainz 05. Der Abstieg ist zu diesem Zeitpunkt aber längst besiegelt, festgezurrt durch eine Niederlage gegen Hannover 96 und anschließend durch ein 2:3 beim SC Freiburg. Überhaupt: Nach dem 34. Spieltag haben die Preußen im Finale der Saison 1990/1991 alle Spiele verloren, fünf Partien in Folge.
Den letzten Zweitliga-Punkt erkämpft sich das Team von Interimstrainer Siggi Melzig beim 0:0 gegen den FC Homburg. Melzigs Rettungsmission beginnt zwar mit einem kleinen Sensationssieg beim späteren Bundesliga-Aufsteiger Stuttgarter Kickers. Doch das ist nur ein letztes Aufbäumen. Die Realität ist zu hart und unerbittlich. Der wirklich letzte Aufgalopp gegen Mainz zieht am 38. Spieltag der Saison 1990/1991 nur noch 1.500 Fans an. Auch dieses letzte Spiel geht verloren, Mainz gewinnt 3:2, daran ändern die Tore von Rainer Edelmann und Thomas Knauer auch nichts mehr. Nach dem Abpfiff platzieren die Fans einen Kranz am Mittelkreis. Auf Wiedersehen, 2. Bundesliga, es war kurz und es war am Ende schmerzhaft. Aber im Abstieg liegt zu der Zeit noch die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr. Es ist allerdings eine trügerische Hoffnung.
Zwar wird der SC Preußen direkt im ersten Jahr nach dem Abstieg Meister der Oberliga Westfalen (in einem ganzknappen Rennen vor demVfR Sölde und dem SC Verl), doch die folgende Aufstiegsrunde schließen die Preußen nach vier ernüchternden Spielen als Letzter ab. Wuppertal und Salmrohr erweisen sich tatsächlich als zu harte Nuss. Und auch im Jahrdanach scheitert der SCP als Oberliga-Meister erneut. Diesmal wird es enger, erst am letzten Spieltag der Aufstiegsrunde vergibt der Klub die Rückkehr. RWEssen gewinnt das entscheidende Aufstiegsspiel in Münster mit 3:1, hat aber bei der Lizenzvergabe betrogen und wird später vom DFB als Zwangsabsteiger herabgestuft. Davon können sich die Preußen als Leidtragende nichts kaufen, stattdessen ist der RWE-Betrug aber Grundlage für die heftige und anhaltende Abneigung der Preußen gegen die RotWeißen.
Der Aufstiegskampf 1993 ist für lange Zeit der letzte, in den Jahren danach geht kaum noch etwas. 1994 sichert sich der SCP noch die Vizemeisterschaft und spielt anschließend in der Runde um die Deutsche Amateurmeisterschaft. Ein Wettbewerb für die Zweitplatzierten der deutschen Oberligen. Bemerkenswert aus heutiger Sicht: In der Gruppe Nord trifft der SCP 1994 auf den 1. FC Union Berlin, den VfL Osnabrück, außerdem aufAlemannia Aachen und den Eisenhüttenstädter FC Stahl (den es seit 2016 in dieser Form nicht mehr gibt). Im Finale gewinnt der SCP auf dem Bieberer Berg gegen die dortigen Kickers Offenbach mit 1:0. Jürgen Serr erzielt das Siegtor, es ist ein offizieller DFB-Titel, der längst Teil der Geschichte ist. Es gibt einen kleinen Empfang auf dem Prinzipalmarkt, der langjährige Preuße Thomas „Thommy“ Knauer wird verabschiedet, aber es ist nur eine vergleichsweise kleine Party.
Münster schleppt sich anschließend in die neue Regionalliga West/Südwest, belegt in der ersten Saison der Klasse Platz 10. Es folgt Platz 9 im Frühjahr 1996, immerhin Platz 5 in der Saison 1996/1997, allerdings mit 20 Punkten Abstand auf
Dabei, aber selten mittendrin
und schon gar nicht oben dran.
Meister Wattenscheid. Im Frühsommer 1998 springt Platz 8 heraus, 1999 Platz 4. Im Frühjahr 2000 rettet sich der SCP in einem Endspiel gegen den SC Verl (Endstand 4:1) gerade noch so in die neue zweigleisige Regionalliga Nord. „Männer, ihr müsst brennen.“ Das ist der Slogan zum Finale,in demVerl zwischenzeitlich führt und Münster mit einem halbenBein vor dem Abstiegsteht.
Das ist 24 Jahre her und es fühlt sich an wie eine vergessene, längst verstaubte graue Vorzeit.Die Preußen sind in diesen magerenJahren in der Drittklassigkeit dabei, aber selten mittendrin und schon gar nicht oben dran. Und die neue Regionalliga Nord ist eine seltsame Liga. Gestrauchelte Schwergewichte messen sich mit Dorfklubs. Fortuna Düsseldorf mischt nach schwierigen Jahren mit, auch Union Berlin,RW Essen, Eintracht Braunschweig oder Erzgebirge Aue, aber daneben stellen sich Klubswie der FK Pirmasens, der SC Idar-Oberstein, der FSV Salmrohr, der SC Wilhelmshaven, Sachsen Leipzig oder der Lüneburger SK vor. Kleine Klubs treffen auf ambitionierte Traditionsklubs, zu verdienen gibt es in dieser Liga nichts, auch nichts richtig zu gewinnen. Die Fans honorieren das Mittelmaß mit Abwesenheit, der Zuschauerschnitt pendelt sich im Bereichzwischen 3.000 und 4.000 Fans ein. Gegen den VfLWolfsburg II schauen wenigerals 2.300 Fans zu. Einmal, gegen Bayer Leverkusen II, sind nur noch 1.375 Zuschauer dabei. Das ist im Dezember 2005 und viel ist da schon nicht mehr zu retten. Erscheint das unwirklich? Ja. Aber so ist das in diesen Jahren, ein Jahr wie das andere, ziellos und auch ein bisschen hoffnungslos. Obschon die 2. Liga nur ein Stück weiter aufwärts wartet, ist der SCP ihr so fern wie selten zuvor.
Das Scheitern im entscheidenden
Moment wird zum Alltag.
Kurze Phasen des Aufbäumens sind rar gesät. Eine davon erleben die Fans 2000/2001. Unter Stefan Grädler startet der SC Preußen stark in die neue Regionalliga Nord. Bis kurz vor Saisonende mischtder SCP oben mit,hat den Aufstieg tatsächlich vorAugen. Ende März 2001 führen die Preußen die Liga auf Platz 1 an, reisen dann zum Spitzenspielnach Berlin undverlieren bei Union knappmit 2:3. Die Alte Försterei ist zu diesem Zeitpunkt noch ein besseres Waldstadion, aber 7.800 lautstarke Fans, darunter viele aus Münster, sorgen für Atmosphäre. Trotz der Niederlage in Berlin liegt der SCP zum Finale hin noch immer knapp hinter den Aufstiegsplätzen,scheitert dann aber beim Auswärtsspielin Köln.Nach Stephan Küsters’ Führung kassiert Preußens Carlos Castilla die Rote Karte. Nach 87 Minuten gleicht Frank Döpper aus. Das ist die Entscheidung im Spiel und in der Liga. Der SCP verliert kurz vor Schluss die Nerven, muss Babelsberg ziehen lassen und schaut am letzten Spieltag in der 19-er Liga spielfrei zu. Kein Aufstieg. Die Partie in Köln hat im kollektiven Gedächtnis des SCP Spuren hinterlassen. Das Scheitern im entscheidenden Moment wird zumAlltag.
Am Ende der Saison 2000/2001 steigen Union Berlin und Babelsberg 03 auf, Münster zementiert seinen Ruf als „die wollen ja gar nicht aufsteigen“-Klub. Und wer schon länger dabei ist, kennt die Geschichte danach: 2002 landet der SCP auf dem Boden derTatsachen. Platz 15 heißt es am Ende, eigentlich ein Abstiegsplatz. Der SCP rettet sich unter anderem, weil der 1.FC Magdeburg keine Lizenz erhält. Auch in den Jahren danach zittert sich der SCP durch die Regionalliga Nord, steckt unablässig im Abstiegskampf.Alles steuert auf das ultimative Ende hin. Und das meldet sich zum symbolischsten aller Momente. Als die Preußen ihren 100. Klubgeburtstag feiern, geht nichts mehr.Am drittletzten Spieltag sendet der SCP in Oberhausen ein letztes Lebenszeichen, Ansgar Brinkmann setzt an zum Sololauf und versetzt die Preußenfans im Niederrheinstadion mit seinem Siegtor zum 2:1 in Ekstase. Wendet sich doch noch alles zum Guten? Der SCP liegt auf noch immer auf einem Abstiegsplatz, ist aber punktgleich mit der gesamten Konkurrenz im Tabellenkeller. Der SCP hat es nun in der eigenen Hand. Aber nein. DerWuppertaler SV gewinnt wenige Tage später im Regenspiel in Münster mit 2:1, damit ist der SCP zwar nicht rechnerisch, aber de facto abgestiegen. Nur noch ein hoher Sieg bei Leverkusen II kann den SCP retten. Die Preußen gewinnen 3:1. Konkurrent RW Erfurt verliert zwar gegen Meister und Aufsteiger RW Essen - aber mit 0:1 zu knapp. Am Ende fehlen den Preußen 5 Tore zum Klassenerhalt, auch das wirkt seltsam vertraut, oder? Erstmals in der Geschichte der Adler steht die Viertklassigkeit an.
Fünf Jahre dauert es, ehe die Preußen wiederdrittklassig sind. Fünf Jahre in der Oberliga...




