E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Schulte Wo kommt ihr denn wech?
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-6379-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kindheit und Jugend in Ostwestfalen
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7519-6379-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Schulte, geb. 1962 in Paderborn und aufgewachsen in Harsewinkel, studierte Soziologie und Psychologie in Bielefeld. Seit 1994 lebt er in Österreich.
Autoren/Hrsg.
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3. Harsewinkel for Beginners
Harsewinkel ist eine Kleinstadt in Ostwestfalen-Lippe und zählt rund 25 000 Einwohner. Landschaftlich gesehen zählt sie zum Münsterland, dennoch gehört Harsewinkel seit 1973 zum Kreis Gütersloh. Die angrenzenden Dörfer Marienfeld und Greffen gehören – politisch gesehen – ebenfalls zu Harsewinkel. Harsewinkel liegt an der Bundesstraße 513 zwischen Gütersloh und Sassenberg.
Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Harsewinkel werden folgende Sehenswürdigkeiten aufgezählt: Heimatmuseum Marienfeld, Klosteranlage Marienfeld, Motorradmuseum Beckmann, Museum im Turm der St.-Lucia-Kirche, Naturschutzgebiet Boomberge, das Hühnermoor und die Sägemühle Meier-Osthoff. Wer also einen entspannten Urlaub in Ostwestfalen verbringen möchte, der sollte einmal nach Harsewinkel kommen, allzu großes Touristengedrängel ist bei besagten Sehenswürdigkeiten kaum zu erwarten. Dafür erwarten den Besuchern in Harsewinkel noch folgende Freizeitangebote: Frei- und Hallenbad, Fitness-Center, Golfplatz, Ikarus-Flugplatz für Modellflugzeuge, MSC-Stadion mit Kart-Verleih, Radwege (Europaradweg R1, Emsradweg, BahnRad-Route Hellweg-Weser), Reiterhöfe, Schießsportanlagen, Stadtführungen, Tennisplätze, Wanderwege (Prälatenweg, X19 von Münster nach Bielefeld, Jakobsweg). Ein ordentliches Kulturzentrum oder ein Kino gibt es nicht, für Freunde des schnellen Imbisses im Stil von McDonald’s oder Burger King sei auf die nächste Kreisstadt Gütersloh verwiesen. Auch Kauf- oder Möbelhäuser scheinen in Harsewinkel niemanden zu interessieren; dafür dominieren Penny, Rewe, Aldi und Lidl.
Übrigens hat Harsewinkel nichts mit Hasen zu tun, wie manch einer meint, sondern der Name ist eine vom Englischen ins Deutsche übersetzte und transformierte Definition des Wortes „horse“, also Pferd. Pferde waren in der ostwestfälischen Provinz weit verbreitet und sind es auch heute noch.
Und dann ist ja auch noch das Wort „winkel“ involviert. Was hat es damit auf sich? Ist das irgendeine Bezeichnung, die sich aus der altdeutschen Sprache ableiten lässt? Möglicherweise habe ich bei der Beantwortung dieser Fragen in der Schule gefehlt.
Wichtiger erscheint mir die historische Tatsache, dass Harsewinkel seit Weihung der Klosterkirche Marienfeld im Jahr 1222 bis 1770 vom Klerus dominiert wurde. Erst 1770, nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen, wurden die Einwohner von Harsewinkel aus der Eigenhörigkeit des Klosters entlassen. Dafür mussten sie aber eine jährliche Ablösesumme an das Kloster entrichten. 1803 wurde das Fürstbistum Münster, zu dessen Gebiet Harsewinkel bisher gehört hatte, in das Königreich Preußen eingegliedert. Neuer Landesherr der katholischen Harsewinkler wurde der evangelische preußische König, was eine Säkularisierung des Klosters Marienfeld zur Folge hatte.
Die Chronik der Stadt Harsewinkel beschreibt das Stadtwappen wie folgt:
„Der Pferdekopf steht für Harsewinkel, der Kamm für Greffen und der Löwe für Marienfeld. Der Pferdekopf war bereits das Wappensymbol der alten Stadt Harsewinkel, als dieser 1909 erstmals ein Wappen verliehen wurde. Man orientierte sich an der etymologischen Erklärung des Ortsnamens Harsewinkel als ‚Horsewinkel‘, also ‚Pferdewinkel‘. Der Kamm, der aussieht wie ein Pferdekamm, geht auf einen aus dem 14. Jahrhundert überlieferten Siegelabdruck der ausgestorbenen Sassenberger Burgmannsfamilie de Grevene zurück. Der im unteren Wappenfeld abgebildete Löwe ist das Wappentier des Edelherrn Widukind von Rheda, der 1185 zu den Gründern des Klosters Marienfeld gehörte“.
Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit und des politischen Willens, bis im Stadtwappen von Harsewinkel der Pferdekopf durch das Symbol eines Mähdreschers ersetzt oder ergänzt wird, denn die Identität der Stadt ist heutzutage nicht mehr durch Pferde gekennzeichnet, sondern durch die technologischen Fortschritte des letzten Jahrhunderts, wie zum Beispiel die Geschichte der Firma Claas zeigt. Die Symbole auf dem Harsewinkler Stadtwappen stammen aus einer Zeit, in der die Identität und der Lebensrhythmus der Menschen von Kirche, Bauern und Handwerkern geprägt wurden und nicht durch die Stechuhren der Firma Claas.
Zu meiner Grundschulzeit verwiesen die Lehrer noch auf die frühere Bedeutung von Pferdezucht, Handwerk, Ackerbau sowie Flachsernte und -verarbeitung. Das war in den 1970er Jahren. Im Jahr 2013 genehmigte das nordrhein-westfälische Innenministerium Harsewinkel die Zusatzbezeichnung „die Mähdrescherstadt“. Wer sich die Idee mit der Zusatzbezeichnung ausgedacht hatte, würde mich brennend interessieren. Dabei war diese Bezeichnung eher als Kompromiss gedacht, denn ursprünglich hieß es im Antrag „Europas Mähdrescherstadt“.
Das Wahrzeichen von Harsewinkel ist der Spökenkieker, ein lebensgroßer Schäfer aus Stein, der direkt vor dem Rathaus steht und in die Ferne blickt. Der Legende nach hatte er übernatürliche Fähigkeiten, denn angeblich konnte er nahendes Unheil vorhersagen. Zu seinen Füßen weiden Schafe, die von einem Hund beschützt werden. Mit seinem linken Arm stützt sich der Spökenkieker auf seinem Schäferstab, während er, die andere Hand über seine Augen haltend, weit in die Ferne schaut, um das Unheil vorherzusagen. Ein stiller Zeitzeuge, der vermutlich nicht ohne Grund direkt vor dem Eingang des Harsewinkler Rathauses steht.
Ob er wusste, dass eines Tages eine Frau Bürgermeisterin wird? Ich glaube eher nicht. Zur Entwicklung der AfD in Harsewinkel schwieg er bisher, gegen den Abriss des historischen Feuerwehrhauses konnte er nur wenig Menschen mobilisieren, und dass das Reetdach des Heimathauses durch ein Dach aus Ziegeln ersetzt wurde, das hätte uns der weise Schäfer nun wirklich früher sagen können. Vielleicht sollte er umgedreht werden, damit er das Geschehen im Rathaus beobachten kann und uns rechtzeitig darüber informiert, wenn von dieser Seite aus Ungemach droht.
Manchmal kommt es mir vor, als wenn die Harsewinkler Einwohner auch einige Eigenschaften des Spökenkiekers aufweisen. Die direkte Art ist nicht des Ostwestfalen Natur, das kann man wirklich nicht behaupten. Vielmehr scheint es so, als wenn auch sie gerne das Treiben in ihrer Heimatstadt aus sicherer Distanz heraus beobachten. Was kann aufregender sein, als das Verhalten anderer Menschen aus der Ferne zu betrachten? Ein Aspekt, der oft unterbewertet wird.
Natürlich sind nicht alle Menschen so. Es wäre unfair, ihnen überwiegend Neugier und Intriganz zu unterstellen, denn Menschen haben viele Persönlichkeitseigenschaften und sollten nicht auf eine davon reduziert werden. Und wie in jeder anderen Kleinstadt in Ostwestfalen auch, sind die Menschen so unterschiedlich wie auf der ganzen Welt: Es gibt Bauern und Handwerker, Arbeiter und Angestellte, Geschäftsleute und Versicherungsvertreter, Beamte und Lehrer, Hausfrauen mit und ohne Kinder genauso wie diejenigen, die abseits des bunten Treibens nie eine Chance auf ein halbwegs selbstbestimmtes Leben hatten.
Seit meiner Kindheit bin ich mit dieser Stadt verbunden, und obwohl ich schon seit vielen Jahren nicht mehr dort lebe, zieht es mich immer wieder an diesen Ort zurück. Manchmal weiß ich nicht, ob die Sehnsucht nach Harsewinkel reine Nostalgie und Gefühlsduselei ist oder ob es sich hierbei um echte Heimatverbundenheit handelt. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, denn seit 25 Jahren lebe ich in Österreich und in dieser Zeit konnte ich mir viele Gedanken über meine alte Heimat machen.
Erst wenn du weggehst, verstehst du, was dieser Begriff bedeutet – zumindest war es bei mir so. Du hast das Vertraute verlassen, um dich einer neuen Herausforderung zu stellen. Erst in der Fremde wurde mir bewusst, was es bedeutet, wenn du ganz auf dich allein gestellt bist und du niemanden kennst, mit dem du zusammen ein Bier trinken kannst. Vermutlich ist das das Schicksal all derjenigen, die sich auf ein Abenteuer fernab der Heimat einließen. Niemals dachte ich, dass mir so ein provinzielles und spießiges Kaff wie Harsewinkel einmal abgehen wird: Die eigenwilligen Bewohner mit ihren großen und kleinen Sorgen, das Schwätzchen im Supermarkt oder Eiscafé, das gemeinsame Mittagessen im Gasthaus oder ein Spaziergang durch die Stadt haben für mich heute eine andere Bedeutung als früher. Ich kann den Moment jetzt viel intensiver wahrnehmen und genießen als in meiner Jugend.
Beim Friseur erfährst du vieles. Diese Zunft ist – neben Gastwirten, Taxifahrern und Ärzten – Träger und Hüter vieler Geheimnisse, die ihnen anvertraut wurden. Dies wird leider viel zu wenig anerkannt. Ein Friseur deines Vertrauens ist gelegentlich mehr wert als ein hochqualifizierter Psychologe mit zehn Zusatzausbildungen. Die Dauerwelle von früher war mehr als nur handwerkliche Friseurkunst, sondern auch eine samstägliche Selbsterfahrung für weibliche Kunden. Der Friseursalon ist ein geschützter Raum, wo miteinander kommuniziert wird und Erfahrungen ausgetauscht werden, und wenn er bereits seit 30 oder 40 Jahren existiert, ist das ein Zeichen von Wertschätzung,...




