Schultz | Der halbe Apfel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Schultz Der halbe Apfel


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-627-02304-1
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

ISBN: 978-3-627-02304-1
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es kommt vor, dass jemand geht - aber eine Rückkehr, noch dazu nach sieben Jahren? Eines Morgens steht Ben da, platzt unangekündigt in das Wiener Leben von Pia, Vinz und dem siebenja?hrigen Janis, dessen leiblicher Vater Ben ist. Janis hat nun auf einmal zwei Va?ter und Pia fragt sich mehr und mehr, warum eigentlich nur die anderen kommen und gehen ko?nnen, wann sie wollen. Marie-Alice, die Erza?hlerin, erfa?hrt in Hamburg von den Neuigkeiten. Mit Vinz war da für Momente mehr, aber drei waren Eine zu viel. Nun ist da ein neues Drei- eck, doch diesmal liegen die Dinge anders. Marie-Alice selbst ist Schriftstellerin und ha?ngt in der Luft: zwischen Projekten und Lockdowns und in der Erinnerung an ihre franzo?sische Mutter, die vor Jahren noch einen halben Apfel aß, bevor sie sehr plo?tzlich verstarb. Sie beginnt, sich in das Leben von Pia, Vinz, Ben und Janis hineinzudenken, als wa?ren sie ihre Romanfiguren. Und vor dem Hintergrund ihres eigenen Verlusts fragt sie sich zunehmend, was Familie ist, wie Verantwortung und Vererbung, Glück und Identita?t zueinander stehen. Bis eintritt, womit niemand gerechnet hat, und ein Teil des Dreiecks die Seiten wechselt.

Marie-Alice Schultz, geboren 1980 in Hamburg, studierte Theaterwissenschaften und Germanistik in Berlin sowie Bildende Kunst in Wien. 2016 war sie Stipendiatin der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung und Teilnehmerin des 20. Klagenfurter Literaturkurses. Für ihren Debütroman »Mikadowälder« (2019) wurde sie mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Hamburg.
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Wechselrahmen

, sagt Pia, Sie zieht mich an der Hand hinter sich her, will einen Handyladen suchen, der mein Displayglas austauschen könnte. Ich folge ihr durch die Straßen der Innenstadt, erst dann bemerke ich: Wir sind im falschen Teil. Sie ist herübergesprungen aus dem anderen Text, lebt plötzlich nicht mehr in Wien, sondern begleitet mich durch Hamburgs Straßen. , denke ich, oder so wenig, dass ich es nicht gleich ansprechen muss. Für den Anfang kann ich darüber hinwegsehen. Ohnehin erfreut mich ihr ungewohnt fester Schritt, ihr Blick, der alles zu kennen meint. Sie trägt dieselbe Strickjacke wie jeden Frühherbst. Ich habe einmal einen Nachmittag damit verbracht, deren Knöpfe beschreiben zu wollen. Es war mir nicht gelungen, die Farbe genau zu benennen. Jetzt, da ich sie vor mir sehe, weiß ich, was gefehlt hat. Sie sind leicht durchscheinend. Keine wirkliche Farbigkeit, nur ein Hauch, ein Lichtreflex. Ich hatte es, im Versuch, sie dingfest zu machen, übersehen. Meine Genauigkeit hatte letztendlich verschleiert, worum es ging.

Pia folgt meinem Blick.

Pia überlegt, schaut an sich herunter.

Der Gedanke, dass selbst die Besitzerin der Jacke die Farbe nicht genau benennen kann, beruhigt mich.

Sie lacht in meine Richtung, meint das Austauschen des zerbrochenen Displays.

, sage diesmal ich,

Wir betreten das Geschäft, und Pia weiß sofort, wo wir hinmüssen, mit dem Arm weist sie nach links. Vielleicht ist sie schon mal hier gewesen, denke ich. Es gibt Menschen, die kennen jeden Laden in der Innenstadt. Doch wie lang ist Pia schon hier? Letzte Woche erhielt ich unvermittelt eine Nachricht von Vinz:

In der kurzen Zeit kann sie unmöglich schon in allen Geschäften gewesen sein, eher ist es eine Mischung aus schneller Orientierung und Intuition.

Wir stehen in der Schlange, , sagt Pia. Der Anzeigenbildschirm flimmert weiter zum nächsten Schriftzug. Ich bin zu langsam, schaue den Menschen nach, den Geräten, die sie über den Tresen reichen. In dieser Ecke des Ladens versammeln sich die Makel, die Beanstandungen.

, sagt Pia, Sie zählt die Leute, die noch vor uns stehen. Ich nicke und bin ohnehin unruhig. Was für eine Frage sollte es sein? Vor uns sind nur noch zwei Personen. Ich blicke zu den Verkäufern, die hier vielleicht eher Kundenberater heißen, ich frage mich, wer für mein Anliegen die bessere Wahl wäre.

Der Berater stellt sich als netter Mann heraus, helfen kann er mir nicht. Er ist derart höflich, dass ich mich dennoch freue. Mein Handy gehörte nicht zu den Modellen, die am häufigsten verkauft würden, folglich gebe es auch kaum Ersatzteile dafür, sagt er mit leichtem Akzent. Er druckt mir noch eine Liste mit Geschäften aus, die sich möglicherweise mit meinem Handy befassen würden. , endet er, und ich falte seinen Zettel dreimal. Unverrichteter Dinge verlassen wir das Geschäft. , murmle ich in Pias Richtung. Sie nickt und lächelt.

Als ich schon in der U-Bahn sitze, fällt mir ein, dass sie mir ihre Frage nicht gestellt hat. Was hatte sie von mir wissen wollen? Ich überlege, ihr zu schreiben, doch es kommt mir seltsam nachgeschoben vor. , denke ich, ohne zu wissen, wann das sein wird. In Wien trafen wir uns nur selten, und immer war Vinz dabei.

Auf dem Heimweg begegne ich drei Menschen, sie haben keine weitere Bedeutung. Einer von ihnen streift meinen Ärmel. Es liegt an der schmalen Unterführung. Ich weiche zu spät aus und sehe kurz in seine braunen Augen, dann denke ich wieder an Pia. Dass ich nicht genau sagen kann, welche Augenfarbe sie hat.

Zu Hause angekommen, rahme ich eine Zeichnung, damit ich wenigstens das Gefühl habe, eine sinnvolle Sache an diesem Tag erledigt zu haben. Auf dem Schutzglas hat sich einiger Staub gesammelt. Ich wische ihn mit einem Lappen weg, der selbst nicht ganz sauber ist. Kurz verschlimmert sich das Resultat. Es bilden sich Schlieren, die die Zeichnung überlagern. Ich rege mich auf, ohne dass jemand es hören könnte. Die Zeichnung zeigt einen Haufen Holz. Ich denke an den Geruch in Vinz’ Atelier, dass es dort immer ein wenig staubig war.

Es ist nicht ratsam, zu viel zurück zu schauen, beim Radfahren ebenso wenig wie im Leben. Doch ich mag zu sehr, was hinter mir liegt, um es nicht mehr zu betrachten. Immer wieder reckt sich mein Hals, vollführt merkwürdige Drehungen, will etwas erhaschen, das längst verschwunden ist.

Vinz hat sein Atelier mittlerweile aufgeben müssen. Er erzählte mir, dass er kurz überlegt hatte, die Fenster auszubauen. Eben solche seien selten geworden in Wien. Fenster mit etlichen Sprossen. Die Welt eingeteilt wie durch ein Raster. Fabrikfenster. Ruß, Ablagerungen aller Winter, in denen geheizt wurde. Über zehn Jahre war Vinz in seinem Atelier. Er sagte immer nur

Fluchtpunkt

Am Morgen ihrer Abreise, so erzählt Pia mir, habe sie sich einen Wecker stellen müssen. Für gewöhnlich bringe Vinz Janis zur Schule. Ihm falle es leichter oder vielleicht bilde sie sich das auch nur ein. Vielleicht tue Vinz einfach nur, was getan werden müsse, und lege sich dann wieder ins Bett.

Er hat einen Schlüssel zu ihrer Wohnung, mit dem er sich morgens hineinstiehlt, leise durch den Flur geht, dabei die Füße kaum anhebt. Auf Socken gleitet er bis in die Küche, bereitet das Frühstück vor und geht dann in Janis’ Zimmer, zieht die Vorhänge auf. Janis will immer erzählen, was er alles geträumt hat. Pia hört ihre Stimmen vom Bett aus und weiß, dass alles in Ordnung ist.

Vinz hat müde gelächelt, als Pia ihm sagte, sie müsse mal raus, in eine andere Stadt,

Das Ticket lag ausgedruckt auf dem Küchentisch, sie hatte es unter den Toaster geklemmt. Vinz nickte und verstand. Der Reiz, irgendwo neu anzufangen, hing in Pias Blick. Als wäre sie bereits aus der Wohnung gegangen, hätte das Meer gesehen und die starken Böen gespürt, in die man sich mit ausgestreckten Armen lehnen konnte. Es war ihm plötzlich, als röche er Salzluft. Etwas Neues wehte herüber und Vinz ging davon aus, dass es ihn nicht beträfe. Er würde hier bleiben und dafür sorgen, dass Pia losziehen könne, habe er zu ihr gesagt. Mit Ben würde er sich schon arrangieren. Ergab sich durch die neue Konstellation nicht sogar die Möglichkeit, wirklich mit ihm ins Gespräch zu kommen?

Ben gegenüber habe sie weniger verraten, sagt Pia, für ihn sei sie einfach verschwunden. Mit der Sporttasche, der großen, aus grünem Stoff, deren Reißverschluss immer etwas klemmt. Wie beiläufig habe sie Ben gefragt, ob sie sie ausleihen könne. Nur für ein paar Tage, es gebe etwas zu transportieren. , wollte Ben wissen. Mehr sagte Pia nicht. Verschwieg auch, dass es sich bei B um eine andere Stadt handelte, dass sie kurz davor war, aufzubrechen.

Kurz vor der Abreise hat Pia Janis’ Brotdose in den Händen gehalten, auf das blaue Raumfahrermotiv gestarrt und gedacht, dass sie sich ähnlich fühle wie der Mann mit seinem Astronautenhelm, unmittelbar vor einer Expedition, deren Koordinaten nur noch nicht feststünden. Sie verwarf den Gedanken schnell wieder, ließ die Dose in Janis’ Rucksack gleiten.

Als es bereits in der ganzen Wohnung nach Kaffee roch, stand Janis neben ihr und schaute verwundert. Pia umarmte ihn, suchte nach Worten, sagte schließlich:

Janis schlüpfte sehr langsam in seine Jacke. Er schien zu überlegen, wie geheuer er die Angelegenheit fand. Murmelte, als sie die Treppe hinunterstiegen:

Vor der Schule nahm Pia Janis ein letztes Mal in den Arm. Dann gab sie ihm einen sanften Stoß, als säße er auf einem Schlitten. Er nahm die Bewegung auf, rannte in Richtung Eingang. Auf der obersten Stufe drehte er sich nochmals um und winkte, dann verschwand sein blonder Kopf zwischen denen der anderen Kinder.

Pia stand noch eine Weile so da. Sie hatte keine Zweifel an ihrer Abreise, doch eine leichte Wehmut überkam sie. Sie musste an Ben denken. Wie rigoros er aufgebrochen war. Wie klar es damals schien, dass er nicht zurückkehren würde. Sie hatte...


Marie-Alice Schultz, geboren 1980 in Hamburg, studierte Theaterwissenschaften und Germanistik in Berlin sowie Bildende Kunst in Wien. 2016 war sie Stipendiatin der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung und Teilnehmerin des 20. Klagenfurter Literaturkurses. Für ihren Debütroman »Mikadowälder« (2019) wurde sie mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Hamburg.



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