E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Schultz Hundesohn
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-311-70078-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-311-70078-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sonja M. Schultz, geboren 1975, wuchs im Hamburger Umland auf und studierte Theaterwissenschaften und Kulturelle Kommunikation in ihrer Wahlheimat Berlin. Sie schreibt über Film und deutsche Geschichte (Der Nationalsozialismus im Film. Von Triumph des Willens bis Inglourious Basterds) und tritt mit Spoken Word auf alternativen Bühnen auf. Mit ihrem Debütroman Hundesohn war sie 2017 Stipendiatin der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin.
Autoren/Hrsg.
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2
»H … A … W …«
Der Bulle tippte nur mit einem Finger, nicht auszuhalten. Der Finger fuhr in der Luft hin und her, bis er über der richtigen Taste hing, dann rammte der Bulle ihn runter. Er schnaufte und schickte den Finger wieder auf Pendeltour.
»… K«
Ein Elend.
»So heißt doch keiner.«
»Ich schon.«
»Und woher kriegt man so einen Namen?«
»Mädchenname der Mutter.«
»Soso«, sagte der Bulle. »Mädchenname.«
»Was dagegen?«
Hawks Stimme war zerkratzt. Fühlte sich an, als hätte er Knochensplitter im Hals.
Im Polizeiwagen hatten sie die Fenster runtergekurbelt, weil Hawk so nach Fleischräucherei stank. Er verrenkte den Hals beim letzten Blick auf Miss Stetson, die Löschfahrzeuge kreisten sie ein, weißer Schaum ertränkte den Schrotthaufen, der sein Auto gewesen war. Dann hatte ihm jemand einen Promillefänger vors Gesicht gehalten, Alkomat hieß das neuerdings, »schön blasen«, sagte der Typ, was lächerlich war bei dem bisschen Bier, und worum ging es hier eigentlich, aber er hatte sich das Ding in den Mund gehängt, und dann musste er kotzen.
Der Bulle sah ihn an. Sein Polizeihemd war voller Flecken. Was zum Wechseln hatten die wohl nicht im Schrank, oder dem Typen war’s komplett egal, wem will der hier schon was vormachen. Uniform hatte Hawk schon immer affig gefunden, da kann man ja nur drüber kotzen. Aber der Bulle hatte Glück gehabt, das meiste von dem Zeug war auf der Rückbank gelandet.
»Ihren Führerschein haben Sie auch nicht? Das würde die Sache erleichtern.«
»War im Auto.«
»Geldkarte, Visitenkarte, irgendwas?«
»Verbrannt.«
Hawks Stimmbänder hatten in Säure gebadet.
»Leseausweis von der Bibliothek?«
Das Mädchen auf der Bank kicherte. Sie hatte da schon gesessen, als Hawk von den grünen Knechten reingeschleift worden war, und sofort zu zetern angefangen, dass es hier stinkt. Sie trug ein durchsichtiges Kleid, zumindest soweit Hawk das beurteilen konnte, und es war nicht auszumachen, ob sie was verbrochen hatte oder wen anzeigen wollte. Es schien auch keinen zu kümmern. Unter Hawks Zunge pappte sich was Schlammiges zusammen, ein Klumpen Asche.
Der Bulle stierte ihn an und fuhr sich langsam mit dem Zeigefinger über die rechte Augenbraue.
»Und Vorname Herbert?«
»Hm.«
»Heißt das ja?«
Hawk räusperte sich und musste husten.
»Hm.«
Der Finger hing zwischen Augenbraue und Tastatur, als wäre die Zeit angehalten, für immer vier Uhr nachts auf dem Provinzrevier. Das Mädchen im durchsichtigen Kleid gähnte mit weit geöffnetem Mund, Hawk sah aus dem Augenwinkel, wie sich ihr Gesicht verzerrte.
»Na schön.«
Der Finger sauste wieder runter.
»H … E …«
Hawk schob die zähe Pampe im Mund herum. Sein Blick wanderte vom fleckigen Kragen des Bullen runter unter den Tisch. Der saß breitbeinig auf seinem Bürostuhl, und bei jedem Buchstaben wippten ihm die Knie. An der Seite wippte sein Pistolenhalfter, eine P6, was sonst.
Um nicht auf dumme Gedanken zu kommen, zwang Hawk sich, schön hochzugucken und die Sachen an der Wand zu studieren, ein paar Fahndungsplakate, ein Abrisskalender vom letzten Jahr und diese Bilder von verschwundenen Kindern, die immer in Supermärkten hängen. Hawk versuchte, den Kalenderspruch zu entziffern. …
irgendwas … …
… die Schrift verschwamm auf dem vergilbten Papier, was soll’s denn schon geben, da war nichts zu machen, hier drehte sich alles, Hawks Kopf sackte runter auf die Brust, und in seinem Hals gurgelte was, die endlose Suppe von Meer, die gegen den Ozeandampfer schwappte, tausend Seemeilen weit weg, ein Tuten vom Schiffshorn und Wellen von allen Seiten, aber dann schnaufte der Bulle furchtbar nah, Hawk hievte sein Kinn und den ganzen Rest nach oben und schüttelte sich, um wieder was klar zu kriegen.
Der Klumpen in seinem Mund war angeschwollen. Der Bulle legte den Hörer auf.
»Soso. Vorbestraft.«
Hawk starrte das Telefon an, mühsam blinzelte er. Da stand einer dieser alten Apparate, die es eigentlich nicht mehr gab, mit Wählscheibe, ein sumpfgrünes Ding wie aus den Kellern des KGB, durch dessen Telefonschnur sicher reihenweise Todesurteile gerauscht sind. Daneben eine große Kaffeetasse.
»Gibt’s hier Wasser?«, brachte er heraus. Die Worte machten Schmatzgeräusche. Die ganze Schmiere klebte ihm am Gaumen, bald würde sie sein Maul stopfen.
»Eins nach dem anderen«, sagte der Bulle.
»Und Sie haben wirklich keine Ahnung, wer das Fahrzeug angezündet hat?«
Hawk zog die Stirn zu Falten und versuchte, den Typen scharf zu stellen.
Der Bulle beugte sich über den Tisch.
»Vielleicht waren Sie’s ja selbst? Im Suff?«
Jetzt halt mal die Luft an, wollte Hawk sagen oder zumindest diesen versifften Hemdkragen packen und den Typen aus seinem Bürostuhl holen. Als hätte der’s gerochen, beugte sich der Bulle noch ein paar Zentimeter vor, sein Arsch hing sicher schon halb in der Luft, und er fuhr seinen Finger wieder aus.
»Die Kollegen sagen« – der Finger drehte sich zum Telefon –, »Ihre Akte ist noch ganz warm. Drei Jahre Vollzug und dazu zwei auf Bewährung. Bei der kleinsten Kleinigkeit fahren Sie wieder ein.«
Der Finger machte einen Ruck und zeigte Hawk ins Gesicht.
»Dachten wohl, hier auf dem Land sind wir nicht auf Zack? Dachten, hier kennt Sie keiner?«
Hawk fing an zu husten, ihm brannte es runter bis in die Brust.
»Ich sag Ihnen was, im Gegenteil!«
Der Schmiermichel lehnte sich zurück, sein Stuhl quietschte.
»Wir haben alles im Blick. 360 Grad.«
Jetzt reicht’s, dachte Hawk, er spannte den linken Arm an, das ging noch, das fühlte sich sogar einigermaßen solide an, dann machte er eine Faust, das sah schon schlechter aus, die hatte was abgekriegt. Die Gelenke knackten, als er die Hand mit einem Ruck öffnete. Er langte über den Tisch, na bitte, und packte die Bullentasse. Ein bisschen musste er die Zunge zu Hilfe nehmen, dann würgte er den Klumpen raus und spuckte ihn in den Rest dunkler Plörre. Der schwarze Schleim schwamm ein wenig herum und ließ sich dann träge auf den Grund des Kaffeepotts sinken. Das war ihre Asche, die er ausgerotzt hatte. Das war sein Auto gewesen.
»Dich interessiert einen Dreck, wer sie angezündet hat«, krächzte Hawk. »Aber ich krieg’s raus.«
Er knallte die Kaffeetasse auf den Tisch, dass es dem Bullen fast an die Nase spritzte. Der rollte mit seinem Stuhl nach hinten und machte ein angewidertes Gesicht, seine Wumme wippte im Halfter. Hawk wischte sich Spucke vom Kinn.
Der Bulle schnaufte.
»Na schön. Und Anzeige erstatten – wie sieht’s damit aus?«
»Kann ich verzichten.«
Der Typ fixierte Hawk. Dann streckte er den Arm aus, packte die Tasse und ließ sie einfach so zwischen seine Füße fallen, die ganze Sauerei verschwand unterm Tisch. Hawk begriff erst nichts, aber klar, da stand der Papierkorb, wo sich die Suppe jetzt in Ruhe durch zerknüllte Formulare fraß, durch misslungene Phantombilder und Kreuzworträtsel, durch Papiere, die kein Mensch brauchte und die die Welt keinen dreckigen Fingernagel breit besser machten.
»Die Toiletten sind hinten«, sagte der Bulle und verzog keine Miene. »Falls Sie den Dreck entfernen wollen, bevor Sie gehen.«
Als Hawk aufstand, war ein Schmerz am Bein, aber auszuhalten. Das Mädchen auf der Bank war eingeschlafen, die hatte er komplett vergessen, jetzt lag sie da in ihrem durchsichtigen Kleid auf dem speckigen Holz und atmete wie ein Schmetterling. Fast hätte Hawk seine Jacke über sie gelegt, nur die Jacke war ja verbrannt.
Auf dem Klo blieb er lange am Spiegel hängen, der totale Horror. Sein Schädel war aufgequollen, das kurze Haar stand zerklebt zu Berge. Schmutzige Striemen zogen sich quer über den Bart, die Haut sah abgerieben aus, wie von Schmirgelpapier. Hawk drehte das Wasser auf und schob seinen Kopf unter den Hahn. Er ließ es kalt über sich wegrauschen, ließ es durch Mund und Ohren zischen und über die rußigen Finger laufen, am besten wäre es, die ganze Sache in den Ausguss zu spülen, diese ganze Nacht, und nicht mehr aufzutauchen, das wäre wirklich das Beste.
Durch das Rauschen hindurch waren Stimmen zu hören. Hawk drehte den Hahn zu und schaute ins Waschbecken, der Ausguss zog sich den dreckigen Strudel rein. Tropfen fielen von seinem Gesicht und zersprangen auf dem Porzellan. Offenbar war das Mädchen aufgewacht, sie schimpfte, und die tiefere Bullenstimme hielt dagegen.
Ob die beiden was miteinander hatten? Vielleicht war sie blöd genug, was mit einem Kriminalknecht anzufangen, ein deprimierender Gedanke. Hawk strich sich die Haare zurück und sah in den Spiegel.
Die Striemen waren runtergewaschen. Dafür waren seine Augenbrauen fast weggebrannt, und die dünne Narbe, die sich sonst unter seiner rechten Braue verbarg und nur am Ende als blasser Strich etwas herausragte, war für alle Welt sichtbar und leuchtete knallrot.
Wie ein Pfeil überm Auge, der schrie: Hier reinschlagen, genau hier! Was für eine misslungene Fresse, dachte Hawk, ein Scheißhaufen von einem Gesicht. Gleich kommen die Fliegen und setzen sich drauf.
Als er zurückkam, saß der Bulle hinter seinem Schreibtisch und rauchte. Das Mädchen war verschwunden.
»Wo ist sie?«, fragte Hawk.
»Wer?«
»Na, die im Kleid.«
Der Bulle saugte an seiner Zigarette, Roth-Händle oder Ernte...




