Schulz | Die Könige von Mecklenburg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 472 Seiten

Schulz Die Könige von Mecklenburg

1. Band: Die Obotriten , ein historischer Roman aus der Zeit 750-840
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98503-094-1
Verlag: Spica Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

1. Band: Die Obotriten , ein historischer Roman aus der Zeit 750-840

E-Book, Deutsch, 472 Seiten

ISBN: 978-3-98503-094-1
Verlag: Spica Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Etwas ist von Mecklenburgs Königen bis heute erhalten geblieben: Der Stierkopf im Wappen des Landesträgt immer noch stolz seine Königskrone, obwohl die wendischen Herrscher vom Volk der Obotriten ihren Rang als Könige schon vor mehr als 800Jahren verloren haben. In drei Teilen mit den Untertiteln 1. Obotriten, 2. Mikelenburg und 3. Wendenkreuzzug wird das Leben der Könige von Mecklenburg ganz eng an den bekannten Fakten in einer spannenden Handlung erzählt. Dieser erste Band des historischen Romans mit dem Untertitel Obotriten befasst sich mit den vier herrschern Witzan, Drasco, Sclaomir und Ceadrag im Zeitraum zwischen 750 und 840 nach Chr.

Horst D. Schulz wurde 1942 in Warnemünde geboren und verlebte hier seine Kindheit, bis ihn im Sommer 1954 die Republikflucht der Familie in den Westen Deutschlands führte. Stuttgart, Aachen, Berlin, Kiel, Bremen waren nun die Stationen seines Lebens. Von 1986 bis zu seiner Pensionierung 2007 leitete er als Professor das Fachgebiet Geochemie und Hydrogeologie an der Universität Bremen. Als Meeresforscher war er bei vielen Expeditionen mit dem deutschen Forschungsschiff Meteor im Südatlantik unterwegs. Er veröffentlichte seine Forschungsergebnisse in einer Vielzahl wissenschaftlicher Beiträge in Fachzeitschriften und im Lehrbuch »Marine Geochemistry« (Springer-Verlag). Bereits 2004 zog es ihn jedoch in die alte Heimat, und er lebt heute nach fünfzig Jahren arbeitsreichen Exils seit fünfzehn Jahren als schreibender Pensionär mit historischem Engagement wieder in Warnemünde.

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„Die Wilzen! Die Wilzen kommen!“ Laut und aufgeregt rufend lief der Wächter durch die kleine, nur aus etwa einem Dutzend niedriger Holzhäuser bestehende Ansiedlung. Alle, die ihn hörten, wussten sofort, was das bedeutete. Hier im Grenzgebiet zum kriegerischen Volk der Wilzen war dieser Ruf immer die Ankündigung höchster Gefahr, er verlangte sofortiges Handeln, und jeder wusste, was als Nötigstes zu tun war. Die wehrfähigen Männer ergriffen ihre Waffen, die Frauen und alten Leute sorgten dafür, dass alle Kinder beisammen waren und man sich gemeinsam so schnell wie möglich in der kleinen, unmittelbar neben der Siedlung gebauten Fluchtburg in Sicherheit brachte. Das war oft geübt worden, denn hier im Grenzgebiet zu den Wilzen musste man in den Siedlungen der Obotriten immer mit einem Überfall rechnen. Die Burg befand sich auf einer kleinen Halbinsel im See und war daher nur landseitig durch einen etwa zwölf Fuß hohen und halbrunden Erdwall mit vorgelagertem Graben geschützt. Wie die meisten Burgen in diesem Land lag sie unauffällig im flachen Land an einem Gewässer und gut versteckt im dichten Urwald. Oben auf dem Erdwall stand eine noch einmal zwölf Fuß hohe Palisade, die nach innen durch eine bis etwa zur halben Höhe reichende und mit Pfosten gesicherte Erdaufschüttung befestigt war. Darauf stehend konnten die Verteidiger, selber gut geschützt, mit ihren Pfeilen jeden Angreifer erreichen. Zur weniger gefährdeten Wasserseite war nur eine nicht ganz so hohe Palisade mit einem Laufweg und Schießscharten für die Verteidiger angelegt. In der Burg stand das Wohnhaus des Burgherren Ritter Swatoslaw und seiner Familie, zwei Vorratshäuser mit Waffen und reichlich eingelagerten Nahrungsmitteln, ein paar Stallungen für kleineres Vieh, sowie vier weitere Häuser, in denen für die begrenzte Zeit einer Belagerung alle Bewohner der kleinen Siedlung unterkommen konnten. Durch das geöffnete schmale Tor, das Wall und Graben etwa in der Mitte unterbrach und von zwei mächtigen Holztürmen flankiert war, hasteten gerade die letzten Flüchtenden herein. Das Tor wurde geschlossen, und jetzt galt es erst einmal herauszufinden, wie viele Feinde es denn überhaupt waren und wann ein Angriff zu erwarten war. Ritter Swatoslaw, ein kräftiger Graubart, dem man den erfahrenen Kämpfer ansah, stand auf einem der Türme neben dem Tor. Bei ihm befanden sich zwei Bogenschützen und der als Letzter durch das Tor hereingelaufene Wächter. Alle anderen wehrfähigen Männer hatten ihre vorher festgelegten Plätze hinter den Palisaden eingenommen. Swatoslaw wollte von dem Wächter gerne mehr über die Angreifer erfahren. „Von hier oben kann man niemanden erkennen. Bist du sicher, dass du dich nicht geirrt hast? Wo hast du sie denn gesehen?“ „Ich war ja in meinem Versteck dort drüben im Wald, von wo aus ich alle Wege hierher gut übersehen kann. Sie kamen auf dem nördlichen Waldweg, und die ersten waren schon fast dort, wo der nördliche Weg mit dem südlichen sich zum Weg durch unseren Wald vereinigt. Sie werden meine lauten Rufe gehört haben und sich erst einmal dort hinter dem Waldrand versteckt halten.“ „Und wie viele sind es, was meinst du?“ „Mindestens hundert habe ich gesehen, aber es können auch leicht doppelt so viele sein. Ich habe dann nicht weiter gezählt und bin nur sofort gelaufen, so wie es mir ja befohlen ist.“ „Ja, ja, du hast alles richtig gemacht. Bin gespannt, was sie vorhaben. Dass sie uns nicht mehr überraschen können, das werden sie ja wohl gemerkt haben. Bleibt jetzt hier oben und haltet weiter gut Ausschau, ich will inzwischen nachsehen, ob in der Burg alles so ist, wie wir es geübt haben.“ Bei seinem kurzen Rundgang stellte Swatoslaw fest, dass inzwischen die notwendigen Vor*bereitungen zur Verteidigung der Burg getroffen und alle Posten besetzt waren. Er ging daher auch in die Häuser, in denen sich inzwischen die Frauen, die Alten und die Kinder eingerichtet hatten. Zwar sah er hier viele besorgte und auch ängstliche Gesichter, aber es waren alle Anweisungen für diesen Fall befolgt worden. Eine alte Frau kam auf Swatoslaw zu und hatte eine Frage an ihn. „Meine beiden Ziegen stehen noch im Stall und die meiner Nachbarn auch. Wir mussten uns ja zuerst um die Kinder kümmern. Darf ich noch einmal hinaus, damit ich die Ziegen hereinholen kann? Noch sind die Wilzen ja nicht zu sehen, und der Weg vom Waldrand bis zu meinen Ziegen ist viel weiter als der vom Dorf hierher.“ „Gut, Ludmila, du kannst es versuchen. Wir werden auf dem Turm am Tor Ausschau halten und rufen, sobald die Wilzen am Waldrand zu sehen sind. Dann musst du aber um dein Leben laufen und die Ziegen dort lassen, wo sie gerade sind.“ Im Burghof vor dem Wohnhaus seiner Familie lief sein Sohn Witzan auf Swatoslaw zu. Auch er war für seine vierzehn Jahre kräftig gebaut, und man konnte ihm schon jetzt ansehen, dass er einmal seinem Vater sehr ähnlich sein würde. „Vater, nimm mich mit auf den Turm am Tor. Ich kann schon genau so gut mit dem Bogen schießen wie die meisten Männer. Außerdem muss ich ja lernen, wie eine Burg am besten verteidigt werden kann.“ Swatoslaw zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete. „Gut, Witzan, du darfst jetzt mit mir dort hinaufkommen und dir alles von oben ansehen. Aber wenn es zum Kampf kommt, dann musst du wieder hinunter zu deiner Mutter und ihr helfen. Es gibt dann auch hier unten für dich genug zu tun, das ebenso wichtig ist wie der Kampf auf den Palisaden.“ Witzan war mit dem Teilerfolg erst einmal zufrieden, denn dass sein Vater ihm nicht den Kampf auf den Palisaden erlauben würde, damit hatte er schon gerechnet. Beide kamen oben auf der Plattform des Turmes an, als gerade die alte Ludmila mit einer kleinen Herde von zwölf Ziegen auf das jetzt für sie geöffnete Tor zukam. Sie wurde von den Palisaden durch Rufe begrüßt, die ihren Erfolg schon wie einen kleinen Sieg über die Wilzen feierten. Swatoslaw und Witzan musterten den Waldrand, an dem immer noch keine Krieger der Wilzen zu sehen waren. „Was werden sie jetzt machen, Vater?“ „Ich weiß es auch nicht, mein Sohn. Wir müssen einfach abwarten. Ich denke, sie werden auf jeden Fall mit uns verhandeln wollen und anfragen, ob wir uns freiwillig ergeben. Das würden wir natürlich nicht tun, selbst wenn sie uns allen freien Abzug versprechen sollten. Die Wilzen pflegen solche Versprechen nämlich meist nicht zu halten. Vielleicht greifen sie dann an. Kann aber auch sein, dass sie uns gar nicht angreifen, denn bei einem Kampf würden sie ja auch so manchen Krieger verlieren, und wirklich wertvolle Dinge gibt es hier bei uns gar nicht zu holen. Von Wert sind für sie nur Frauen und Kinder, denn die können sie als Sklaven an die Nordmänner verkaufen.“ Wie um die Vermutung Swatoslaws zu bestätigen, trat jetzt eine Gruppe von drei Kriegern ohne Waffen und mit den Zeichen der Unterhändler aus dem Wald heraus und ging mit gemessenen Schritten auf das Tor der Burganlage zu. Etwa dreißig Schritte vor dem Tor blieben sie abwartend stehen. Swatoslaw begann die Verhandlung. „Was wollt ihr von uns? Warum kommt ihr mit Kriegern? Wir haben euch nicht angegriffen.“ „Ihr siedelt auf unserem Gebiet. Wenn ihr hier bleiben wollt, dann müsst ihr euch für alle Zeiten unter unsere Herrschaft begeben, also jetzt und zukünftig Abgaben leisten. Ihr müsst Geiseln stellen und Krieger, die sich an unseren Feldzügen beteiligen.“ „Wie kann das auf einmal sein? Wir leben doch schon seit Jahrzehnten hier, und es hat euch bisher nicht gestört.“ „Es hat uns immer schon gestört, aber nun hat unser Großfürst Dragowit beschlossen, dass ihr euch unterwerfen müsst.“ „Und wenn wir das nicht wollen?“ „Dann dürft ihr hier nicht weiter wohnen. Ich sagte schon, es ist unser Land. Wenn ihr versprecht, nicht wieder hierher zu kommen, dann gewähren wir euch freien Abzug. Aber ihr dürft nichts mitnehmen außer der Kleidung, die ihr auf dem Leibe tragt. Keine Verpflegung, keinen Hausrat, keine Wertsachen und natürlich auch keine Waffen.“ „Und woher können wir wissen, ob ihr uns auch wirklich frei abziehen lasst?“ „Wenn wir es sagen, dann müsst ihr es uns schon glauben.“ Das Grinsen, das der Sprecher dabei im Gesicht hatte, machte seine Aussage allerdings sehr unglaubwürdig. Als er darauf nicht gleich eine Antwort aus der Burg erhielt, verkündete er den Belagerten ein Ultimatum. „Überlegt euch eure Antwort gut, denn sie entscheidet für euch über Leben oder Tod. Ich werde mit meinen beiden Begleitern in einer halben Stunde wieder hierher kommen, und dann wollen wir hören, wie ihr euch entschieden habt.“ Die drei Unterhändler musterten noch eine Weile die Burg und besonders den Wall, die Türme und das Tor, die Palisaden und den Graben mit seinen Hindernissen, dann wandten sie sich um und gingen gemessenen Schrittes wieder zum Waldrand zurück. Witzan sah seinen Vater fragend an. „Vater, wie wirst du dich entscheiden? Werden wir kämpfen und die Burg verteidigen oder müssen wir uns ergeben und vor diesen Wilzen davonlaufen?“ „Ja, Witzan, wenn es nur diese Entscheidung wäre, dann würde ich ganz schnell den Wilzen die Burg übergeben und mit allen Männern, Frauen und Kindern unseres Dorfes davonlaufen. Aber so ist es nicht, denn die Wilzen würden uns das Weglaufen ja nicht wirklich erlauben. Sie würden alle Männer und alle Alten erschlagen und die Kinder und Frauen als Sklaven behalten oder an die Dänen verkaufen.“ Inzwischen waren weitere Krieger der Wilzen aus dem Wald herausgekommen, und mehr als zwanzig von ihnen waren in die Häuser des Dorfes eingedrungen, wo...



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