E-Book, Deutsch, Band 3, 476 Seiten
Schulz Die Könige von Mecklenburg
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98503-096-5
Verlag: Spica Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
3. Band: Wendenkreuzzug, ein historischer Roman aus der Zeit 1035-1178
E-Book, Deutsch, Band 3, 476 Seiten
Reihe: Die Könige von Mecklenburg / Obotriten
ISBN: 978-3-98503-096-5
Verlag: Spica Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Etwas ist von Mecklenburgs Königen bis heute erhalten geblieben: der mächtige Stierkopf im Wappen des Landes trägt immer noch stolz die goldene Königskrone, obwohl die wendischen Herrscher vom alten Volk der Obotriten ihren Rang als Könige schon vor mehr als achthundert Jahren verloren haben. In drei einzelnen Teilen mit den Untertiteln 1. Obotriten, 2. Miklenburg und 3.Wendenkreuzzug wird das Leben der Könige von Mecklenburg ganz eng an den wenigen überlieferten Fakten in einer spannenden Handlung erzählt. Dieser dritte Band des historischen Romans mit dem Untertitel Wendenkreuzzug befasst sich mit den letzten Herrschern Kruto, Heinrichvon Alt-Lübeck, Niklot und Pribislaw im Zeitraum 1035 und 1178.
Horst D. Schulz wurde 1942 in Warnemünde geboren und verlebte hier seine Kindheit, bis ihn im Sommer 1954 die Republikflucht der Familie in den Westen Deutschlands führte. Stuttgart, Aachen, Berlin, Kiel, Bremen waren nun die Stationen seines Lebens. Von 1986 bis zu seiner Pensionierung 2007 leitete er als Professor das Fachgebiet Geochemie und Hydrogeologie an der Universität Bremen. Als Meeresforscher war er bei vielen Expeditionen mit dem deutschen Forschungsschiff Meteor im Südatlantik unterwegs. Er veröffentlichte seine Forschungsergebnisse in einer Vielzahl wissenschaftlicher Beiträge in Fachzeitschriften und im Lehrbuch »Marine Geochemistry« (Springer-Verlag). Bereits 2004 zog es ihn jedoch in die alte Heimat, und er lebt heute nach fünfzig Jahren arbeitsreichen Exils seit fünfzehn Jahren als schreibender Pensionär mit historischem Engagement wieder in Warnemünde.
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Heinrich von Alt-Lübeck (König der Obotriten. Geboren etwa 1060, gestorben 1127) Lag es an der von Heinrich in die Runde gebrüllten Mitteilung, oder hatten Krutos Ritter doch gehörigen Respekt vor der Kraft, dem Geschick und der Erfahrung der Huscarls? Jedenfalls griff niemand zum Schwert, es trat sofort gespannte Ruhe ein, alle Augen richteten sich auf Vlad, und die Anwesenden warteten auf seine Aussage. Aber Vlad fühlte sich in dieser Situation äußerst unwohl und blickte nur stumm und betreten nach unten. Da er nichts sagen wollte, kam die entsprechende Bestätigung wenige Sekunden später von Slavina. „Ja, Vater, gib es nur zu, was Kruto gemeinsam mit dir geplant hatte. Ist es etwa nicht wahr, dass ihr den beiden Wikingern Thorolf und Thorstein aus der Stadt Julin viel, viel Silber versprochen habt für den Mord an Heinrich? Ihr wart dabei aber zum Glück nicht vorsichtig genug und habt diese Pläne ganz in meiner Nähe besprochen. Ich konnte und wollte auf keinen Fall diesen hinterhältigen Vertragsbruch und feigen Mordanschlag dulden und ließ Heinrich eine entsprechende Nachricht zukommen. Als Folge erhieltet ihr die beiden Köpfe der gedungenen Mörder zugeschickt.“ Bereits nach dem ersten Satz hatte Vlad seine Tochter entsetzt angesehen. „Du hast uns beide, deinen Ehemann, den König und mich, deinen Vater verraten! Ich werde…“ Vlad sprach nicht weiter. Hatte er gemerkt, dass er mit seinen Worten Heinrichs Aussage bestätigt hatte? Vielleicht war ihm auch deutlich geworden, dass er hier nicht in der Position war, irgendetwas anzudrohen. Oder er war beeindruckt von dem ganz ungewohnten Bild, das seine „kleine“ Tochter hier bot, denn sie stand wie eine leibhaftige Kriegsgöttin neben ihrem toten Gemahl. Ihre Wangen waren in der Aufregung gerötet, und ihren Vater blitzte sie aus ihren hellblauen Augen zornig an. Die ihrem toten Ehemann zugewandte Seite ihres festlichen hellen Gewands war über und über mit Blut bespritzt, und der Anblick des neben ihr sitzenden toten Kruto verstärkte noch die Wirkung. Er war nämlich im prächtigen Stuhl mit hoher Lehne einfach nur wie schlafend zurückgesunken. Die blutige Skeggox war aus dem tief gespaltenen Schädel in seinen Schoß gefallen, und Kruto starrte mit weit offenen blicklosen Augen zur Decke des hohen Raumes. Auch Heinrich wandte sich nun direkt an Vlad. „Mit dem, was du Verrat nennst, hat mir deine Tochter das Leben gerettet. Jedoch nicht aus Dankbarkeit, sondern weil ich diese wunderbare bezaubernde Königin aus tiefstem Herzen liebe, werde ich sie schon sehr bald heiraten. Aber du, Vlad, du solltest ihr ebenfalls dankbar sein, denn selbstverständlich muss mein zukünftiger Schwiegervater keine Rache für seine Beteiligung am Mordanschlag gegen mich befürchten.“ Vlad sagte jetzt nichts mehr. Er hatte begriffen, dass jedes nicht ganz angemessene Wort von seiner Seite in der sehr angespannten Lage schlimme Folgen haben könnte. Auch alle anderen Ritter aus Krutos Begleitung zogen es vor, sich in der gegebenen Situation still zurückzuhalten. So wandte sich Heinrich nach einer Weile an alle obotritischen Ritter mit einem guten Angebot. „Ihr habt eurem bisherigen König Kruto treu gedient. Das respektiere ich, und ich weiß, ihr wart weder am Vertragsbruch noch am Mordanschlag gegen mich beteiligt. Aber euer König Kruto ist tot, und ihr seid damit vom Treueid entbunden, den ihr ihm geleistet habt. Ich bin jetzt euer rechtmäßiger König, und ich gebe euch die Möglichkeit, mir morgen den Treueid zu leisten. Heute soll nichts mehr geschehen, außer dass wir gemeinsam den alten König Kruto zu Grabe tragen.“ Slavina war über dieses Vorhaben etwas überrascht. „Du willst, dass wir ihn ehrenvoll zu Grabe tragen?“ „Ja, Königin Slavina, denn ich führe Krieg nur gegen Lebende nicht gegen Tote. Über die guten oder bösen Taten des toten Königs Kruto sollen der Herr Jesus Christus und Gottvater im Himmel urteilen. Unsere Aufgabe kann es nur noch sein, ihn würdig zu bestatten.“ Diese durchaus ungewöhnliche und respektvolle Handlungsweise verfehlte nicht ihre Wirkung auf alle Anwesenden und trug wesentlich zu Beruhigung der allgemeinen Stimmung bei. Wieder nach einer Weile fuhr Heinrich fort, wie er sich die Zukunft für die Obotriten vorstellte. „Jeder von euch soll bis morgen darüber nachdenken, ob er mir als neuem König den Treueid zum Dienst in der Reitertruppe leisten will. Alle, die dies nicht möchten, sollen unbehelligt reiten, wohin immer sie wollen. Allerdings betrachte ich sie dann nicht mehr als Mitglieder in unserem Bund der Obotriten.“ So endete dieser für den Bund der Obotriten so entscheidende Tag mit einer ruhigen Beisetzung des toten Königs Kruto im kleinen Kreis der dänischen und der obotritischen Ritter. Es wurden nicht viele Worte gemacht, es war auch kein Priester anwesend, und letztlich waren alle Beteiligten sehr froh, dass die Zeit des grausamen Königs Kruto vorbei war. Es war spät am Abend, als alle ihre Quartiere aufsuchten, und jeder hoffte, dass mit dem nächsten Tag eine freundlichere Zeit unter dem neuen Königs anbrechen könnte. * * * Früh am Morgen trafen sich Heinrich und Vlad zu einem Gespräch darüber, wie es nun weitergehen solle. Der Anführer der obotritischen Reiter hatte offensichtlich die vergangene Nacht überwiegend zum Nachdenken verwendet und dabei herausgefunden, dass er sich am besten dem neuen König gegenüber loyal verhalten solle, zumal dieser auch bald sein Schwiegersohn sein würde. Er hatte mit den anderen obotritischen Rittern schon ein kurzes Gespräch geführt und konnte dessen Ergebnis nun Heinrich mitteilen. „König Heinrich, ich habe gerade mit den Rittern gesprochen, sie alle sind bereit, dir den Treueid zu leisten.“ „Sehr gut. Ich möchte vorschlagen, dass wir die schlimme Vergangenheit, ebenso wie den gestrigen Tag, jetzt hinter uns lassen, damit wir uns gemeinsam auf die Zukunft des Bundes aller Obotriten konzentrieren können.“ „Herr, eines möchte ich jedoch vorher gerne mit dir klären. Deine Familie ist schon seit Generationen christlich, und dein Vater Gottschalk führte seinen Gott nicht nur im Namen, sondern er wollte alle Obotriten zur Taufe zwingen. Wie willst du es damit zukünftig halten?“ Heinrich hatte wohl bereits erwartet, dass diese Frage ihm bald gestellt werden würde, er hatte darüber nachgedacht und konnte Vlad daher ohne Zögern eine verlässliche Antwort geben. „Ebenso wie meine Familie bin und bleibe ich ein Christ. Auch meine zukünftige Königin, deine Tochter Slavina, wird sich vor unserer baldigen Hochzeit taufen lassen, und unsere hoffentlich in großer Zahl zu erwartenden Kinder werden zu Christus beten. Wer sonst noch Christ wird oder lieber zu einem der alten Götter beten möchte, darum werde ich mich nicht kümmern, denn ich möchte diesen Fehler meines Vaters auf keinen Fall wiederholen.“ Vlad nickte verstehend und zustimmend mit dem Kopf. „Und wie willst du es mit mir halten? Ich werde dir gleich gemeinsam mit den anderen Rittern den Treueid leisten. Soll ich dann weiterhin die Reitertruppe anführen?“ „Ich möchte so wenig wie möglich ändern, sondern lieber nur als neuer König an die Stelle von Kruto treten. Es sollte auf jeden Fall der Eindruck vermieden werden, ich wollte nur mit den Schwertern meiner Dänen die Herrschaft über den Bund der Obotriten gewinnen. Daher habe ich gleich nach dem Treueid für euch, die ihr dann meine ersten obotritischen Ritter seid, eine ganz wichtige Aufgabe. Reitet zur Mikelenburg und zu den Burgen Liubice und Bucu und überbringt allen Reitern der Truppe mein Angebot: Ich fordere sie zum Treueid vor ihrem neuen König Heinrich auf, und ich erwarte alle Reiter dazu in zwei Wochen in der Burg Starigard. Dort sollen sie ihren Eid leisten und anschließend Gäste bei meiner Hochzeit mit Slavina sein.“ Jetzt war Vlad zufrieden, und als bald darauf seine Tochter den Raum betrat, da verhielt er sich ihr gegenüber so, als hätte es den gestrigen Tag und den Verrat an Ehemann und Vater nicht gegeben. Vlad merkte auch sofort, dass Slavina mit Heinrich jetzt sehr vertraut war und wohl die ganze Nacht mit ihm verbracht hatte. Es irritierte ihn ein wenig, aber schließlich war und blieb sie nicht nur seine Tochter sondern auch seine Königin – also tat er lieber so, als hätte er es gar nicht bemerkt. Bald danach erfolgte im Innenhof der Burg Plune der feierliche Treueid aller Ritter, und Vlad war weiterhin der Anführer der vorerst noch kleinen Truppe, die ihren König Kruto nach Plune begleitet hatte. * * * Seit dem Aufstand gegen König Gottschalk hatte es im gesamten Obotritenreich unter Kruto keine christlichen Priester und Bischöfe mehr gegeben. So musste Slavinas Taufe und gleich anschließend ihre christliche Vermählung mit Heinrich durch einen aus Dänemark mitgebrachten christlichen Priester in kleinem Kreise erfolgen. Das geschah auch deutlich vor der Ankunft der zum Treueid erwarteten obotritischer Ritter in Starigard, weil Heinrich beschlossen hatte, zumindest vorerst auf den Glauben an die alten Götter Rücksicht zu nehmen. Eine öffentliche Hochzeitsfeier war jedoch erst nach dem mit großer Beteiligung erwarteten Treueid aller obotritischen Ritter geplant. Heinrich hatte gehofft, einfach nur als Herrscher an Krutos Stelle im Obotritenbund zu treten, und er hatte erwartet, alle – oder doch zumindest die meisten – Ritter aus ehemals Krutos Reitertruppe zur Vereidigung in Starigard zu sehen. Aber diese Hoffnungen erfüllten sich nur zum Teil, denn von den etwa vierhundert Rittern aus Krutos Truppe...




