Schulz | Lupenrein ist keiner | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Schulz Lupenrein ist keiner

Von der Freude, Mensch zu sein - und also unvollkommen
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-2314-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Von der Freude, Mensch zu sein - und also unvollkommen

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-6951-2314-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Sehnsucht nach Reinheit ist tief in uns verankert - nach einem Leben ohne Makel, ohne Fehler, ohne Schuld. Doch dieses Ideal hat eine dunkle Seite: Wo Reinheit und erst recht "Lupenreinheit" zum obersten Gebot werden, entstehen Ausgrenzung, Zwang und Spaltung. Das Reine verschafft sich Identität, indem es das "Unreine" ausschließt - sei es in bestimmten religiösen Ritualen, die den Unreinen den Zugang verwehren, oder in politischen "Säuberungen", die Andersdenkende als Feinde brandmarken. Der Autor begibt sich auf eine Expedition ins Reich dieser Reinheitsfantasien und zeigt: Das "Unreine" - das Fehlerhafte, Widersprüchliche und Unfertige - kann auch Quelle von Lebendigkeit und Tiefe sein. Rainer Schulz findet Belege in der Kunst, die im Versehrten neue Schönheit entdeckt, in der Literatur, deren unvollkommene Helden uns ans Herz wachsen, und in der Weisheit, dass oft gerade im Eingeständnis eigener Brüche, Humor, Toleranz, und echte Gemeinschaft entstehen. Ein befreiendes Plädoyer, das Unvollkommene als einen zutiefst menschlichen Wesenszug zu verstehen und zu schätzen.

Rainer Schulz, Dr. theol., war als evangelisch-lutherischer Gemeindepfarrer in Deutschland und Chile tätig. Er wurde für seinen Einsatz um Frieden und Gewissensfreiheit während der Pinochet-Diktatur in Chile mit der Friedensmedaille der römisch-katholischen Kirche ausgezeichnet. 2024 erschien die preisgekrönte Arbeit "Die Partei ruft" über die NS-Zeit.
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Psychologie der Reinheit

Ein Gebet aus Kindertagen ist mir in Erinnerung geblieben. Es war meine Religionslehrerin, die es uns Kleinen in der Schule beibrachte:

Ich habe es nie besonders gemocht, früher rein gefühlsmäßig, später – und wie ich finde, zu Recht – auch inhaltlich. Zwar transportiert das Gebet eine gewisse Geborgenheit und Gottverbundenheit – aus heutiger pädagogischer, theologischer und psychologischer Sicht ist es aber doch ein sehr enges und introvertiertes Gebet und alles andere als lebensnah. Raum für Entwicklung, Zweifel, Mitgefühl und echte Beziehung schenkt es nicht. Schon deswegen ist es ein schlechtes und unannehmbares Gebet. Dass nur Jesus Platz in meinem (vorausgesetzt: „reinen“) Herzen haben darf und sonst niemand, ist absurd. Das Herz ist groß, es hat Platz für viele – für Liebe, Freunde, Freude, aber auch für Traurigkeit und Fehler. Die hier so hoch gehaltene Herzensreinheit führt jedoch in eine Verengung, in eine Sackgasse, in eine Höhle. Sie blockt ab: „Jesus allein“ hat Anspruch darauf, in meinem Herzen zu wohnen? Exklusiver geht es kaum.

Auch das keimfreie Kinderzimmer, die stets blitzende Tischplatte, die immer unbefleckte („weiße“) Weste gehören zu dieser Kategorie des Absurden und der glanzvollen Oberflächen, auf denen jeder Makel sofort ins Auge springt. Hinter diesem Drang und Zwang zur äußeren Sauberkeit verbirgt sich mehr als nur ein ästhetisches oder hygienisches Empfinden.

„Innere“ Reinheit: Mit dieser Vorstellung verbinden sich moralische Unversehrtheit, ein Leben ohne Fehler und Verfehlungen, emotionale Klarheit, die Unberührtheit von Scham, Angst oder Zweifel, die Freiheit von unbewussten Trieben, düsteren Gedanken oder unartigen Impulsen. Der alte Menschheitstraum von einer vollständigen Unschuld blüht darin auf – von einem Zustand vor der Geschichte, vor der eigenen Biografie, vor dem Bewusstsein von Ambivalenz.

Dies berührt fundamentale Existenzialien des Mensch-seins: Wie gehen wir mit unseren dunklen Seiten um? Was tun wir mit unseren Fehlern, Zweifeln und Schatten? Versuchen wir, sie zu verdrängen, zu bekämpfen, zu reinigen? Oder können wir sie als Teil unserer Geschichte und unseres Wesens anerkennen und lernen, mit ihnen zu leben?

Hier öffnet das Thema der Reinheit einen weitgespannten Horizont – zwischen äußeren Gesten der Sauberkeit und tiefinneren Bewegungen der Seele, zwischen sozialen Erwartungen, kulturellen Bildwelten und individuellen Lebensgeschichten. Die Faszination des Reinen erzählt so viel über uns, weil sie nicht nur eine ästhetische Vorliebe, sondern ein Fenster unserer Suche nach Sinn, Zugehörigkeit und Versöhnung mit uns selbst ist.

Die Magie der Unschuld

Vielen Kindern gefällt es, eine Pfütze auf der Straße nicht zu umgehen, sondern gezielt und vergnügt in sie hineinzuspringen, darin herumzuhüpfen, das Wasser hochspritzen zu lassen – welch eine Lust! Auch bei mir war es so, vor allem wenn die Eltern nicht dabei waren; denn natürlich war mir klar: Eine solche „Sauerei“ ist verboten. Man machte sich dreckig dabei, die Hosenbeine wurden nass, auch die Schuhe, und außerdem: So benahm man sich nicht!

Ein bekannter Einwand mag dem plausibel entgegentreten: Das Kind, das draußen im Dreck spielt, gibt seinem Immunsystem Nachhilfe. Staub, Erde, Mikroben – all das sind Trainingspartner für unsere Abwehrkräfte. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist das Zusammenspiel von Umwelt, Genetik und Lebensstil zwar deutlich komplexer zu betrachten, als es diese rasche Nebenbemerkung tut; jedoch scheint gegen den Kontakt mit etwas „Alltagsdreck“ aus immunologischer Sicht in der Tat nichts zu sprechen, und ein aktiver Lebensstil mit viel Naturkontakt scheint insgesamt eher gesundheitsfördernd als unzuträglich zu sein.

Schon in den ersten Jahren des Lebens stoßen Kinder immer wieder auf die feinen Unterschiede zwischen „rein“ und „unrein“. Sie sind schnell damit vertraut, was erwünscht ist: Nach dem Spiel im Regen, wenn Matsch an den Schuhen klebt, reicht meist ein einziger Blick – ein hochgezogenes Augenbrauenpaar, ein seufzendes „Na, schau dich mal an!“ – um zu verstehen: Etwas stimmt nicht. Flecken, Sand, feuchte Hosen bekommen plötzlich mehr Gewicht als das glückliche Leuchten der Augen nach dem Abenteuer draußen. Der vorwurfsvolle, lautstarke Ausruf: „Wie siehst du denn aus! Aber ab ins Bad!“ ist oftmals ein echter Spielverderber.

Immer wieder vermitteln Erwachsene, oft ganz nebenbei und ohne böse Absicht, dass äußerliche Sauberkeit, Ordnung und das Meiden von Schmutz mehr als nur eine Frage des Hausfriedens ist. Wer ordentlich ist, wird gelobt; wem gelegentlich ein Patzer passiert, der spürt schnell den Zwang, dies zu verbergen. Die schmutzige Hose wird verlegen verborgen, der Tintenfleck am Hemd durch hilflose, rasch hingeworfene Erklärungen gerechtfertigt.

Die Erzählwelt von Märchen und Kinderbüchern verstärkt dieses Bild. Dort sind es meist die Unschuldigen und Reinen, die am Ende den Schatz finden oder erlöst werden. Meine Mutter las sie mir oft vor: Grimms und Andersens Märchen. Ich mochte die Abenteuer, die Mutproben, die Zauberkräfte. Die Reinen und Guten interessierten mich allerdings weniger, was mich später auf den Gedanken brachte, diese Reinen und Guten seien lediglich die Kulisse für das, worum es hier eigentlich ging: die Spannung, das Chaos, die Bedrohungen und Gefahren, das Böse, das sich vor den zwar Braven, aber letztlich doch Langweiligen abspielte. Dass die Bösen besiegt zu werden und unterzugehen hatten, war dennoch klar. Der aufregende und dramatische Untergang der Bösen interessierte mich mehr als der Sieg der Guten.

Diese kindliche Sicht offenbart vielleicht ein wenig, wie es um das Ideal des „reinen Herzens“ bestellt ist. Es mag zwar als magischer Schlüssel, als Schutzschild gegen das Unrecht der Welt gelten. Dennoch ist deren letztlich unglaubwürdige, ewige Happy-End-Orientierung verdächtig. Sie beruhigt einerseits. Andererseits wirkt sie doch wie das schillernde Trugbild einer Fata Morgana. Fehler, Verstöße, der Griff nach dem Falschen bleiben, so „gut“ auch immer „die Guten“ sich verhalten mögen.

Dem versuchen sich spätestens in der Grundschule die Muster zu widersetzen, die dort auf die innere Landkarte eingetragen werden: Wer brav ist und fleißig, erfüllt das Bild der Unauffälligkeit und Sicherheit. Wer dagegen auffällt, weil die Knie schmutzig, das Heft bekritzelt, der Radiergummi vermisst ist, merkt bald, wie aus kleinen Pannen stille Sorgen wachsen können. Was, wenn die anderen es merken? Was, wenn man nicht mehr zu den „Unbefleckten“ gehört? Schon die Jüngsten lernen, ihren kleinen Makeln mit Taktik zu begegnen – manche werden still, andere laut, manche speichern die erste Erfahrung von Scham im Gedächtnis – viel länger, als Erwachsene annehmen.

Über die Jahre bleibt der Wunsch, „richtig“ zu sein, ein leiser Begleiter. Das verpatzte Diktat, das verheimlichte Missgeschick sind nur Stationen auf einem langen Weg, auf dem das Verhältnis zur eigenen Unvollkommenheit immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Dann genügt oft schon ein freundliches Augenzwinkern oder ein verhaltenes Lächeln eines Erwachsenen, um zu zeigen: Fehler bieten keinen legitimen Grund, um ihretwegen ausgestoßen zu werden. Vielleicht sind sie sogar der eigentliche Anfang von etwas Echtem – von einer Haltung, die nicht auf Lohn durch Perfektion, sondern auf selbstverständlichem Angenommensein gründet.

Wer mit Kindern lebt, kann dieses Drama tagtäglich beobachten: den Stolz auf blitzsaubere Hände, das heimliche Verstecken eines beschädigten Spielzeugs, das stille Leiden an einem zu hohen Maßstab. Hingegen ist die heilsamste Geste ein mitfühlendes Lächeln bei einem frischen Schlammspritzer – und das Signal: Auch mit Flecken bist du liebenswert. Es war mir immer ein Trost, wenn ich die Milch, den Tee, den Saft auf der Tischdecke verschüttet hatte, meine Mutter aber – ganz anders als mein Vater – kein Aufhebens darum machte und auf meine Entschuldigung hin nur meinte: „muß ohnehin in die Wäsche.“

Kontrolle, Sicherheit und Zugehörigkeit

In einer Welt voller Unsicherheiten und Unwägbarkeiten soll Reinheit wie eine Bastion der Verlässlichkeit sein – so die Hoffnung derer, die sie erstreben. Sie dient ihnen als Schutzschild gegen die unüberschaubaren Risiken des Alltags. Dieses Bedürfnis nach Kontrolle beginnt bei der Furcht vor Krankheit und Ansteckung und reicht weit darüber hinaus: Die saubere Wohnung, die fehlerlos vorgezeigte Lebensführung sollen –bewusst oder unbewusst – beweisen, dass man im chaotischen Alltag noch die Kontrolle behält.

Vor allem, wenn es um Reinheit oder Unangreifbarkeit...



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