E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Reihe: digi:tales
Schulz Rhythm of Heartbreak. Verdammte Liebe
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-401-84052-9
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verdammte Liebe
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Reihe: digi:tales
ISBN: 978-3-401-84052-9
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heike Schulz, Jahrgang 1968 und Mutter zweier erwachsener Kinder, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Köln. Die studierte Bekleidungstechnikerin ist Mitglied des Autorenkreises Rhein-Erft, der Vereinigung deutschsprachiger LiebesromanautorInnen DELIA und des Montségur-Autorenforums. Wenn sie nicht gerade schreibt, liest, ins Kino geht oder Halbmarathons läuft, trifft man sie auf ausgedehnten Wandertouren durch die freie Natur.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
»Nein, du hörst mir jetzt mal zu!«
Roccos Faust krachte auf die Schreibtischplatte. Sein edler Füllfederhalter sprang aus der Ablage und beschrieb rollend einen Halbkreis auf der Titelseite der BILD.
Ich verfolgte den Stift mit den Augen, bis er auf einem grobkörnigen Foto liegen blieb. Es zeigte eine venezianische Pestmaske, die das Gesicht ihres Trägers bis auf die Kinnpartie mit dem Spitzbart verbarg. Ich kannte das Gesicht, denn ich sah es jeden Morgen im Spiegel.
»Du bist zu weit gegangen, Alexander. Viel zu weit.« Rocco drehte die Zeitung in meine Richtung und tippte auf die Schlagzeile. »SEXSKANDAL UM QUIDAMNED« prangte in roten Lettern über meinem Foto. Darunter fragte die BILD: »Hat Deutschlands bekanntester Rapper eine Minderjährige missbraucht?« Etwas weiter unten zwischen den Textblöcken fand ich ein Foto mit dem Gesicht eines jungen Mädchens. Schüchtern blickte es in die Kamera. Eins der typischen Fotos, wie man sie auf jedem Schülerausweis findet. Vorgestern hatte sie nicht so schüchtern gewirkt. Da hatte sie mit ihren drei Freundinnen nach der Show in der Hotelsuite auf uns gewartet und keine Spitzenbluse getragen wie auf dem Foto. Das einzige, was die vier Mädchen anhatten, waren Stringtangas, so dünn wie Zahnseide, und fingerdickes Makeup. Sie räkelten sich auf den weißen Ledersofas und ließen keinen Zweifel daran, was sie von uns erwarteten. Klar, wir haben uns auch nicht zweimal bitten lassen. Bei der Aufmachung der Mädels lief die obligatorische Durchsuchung nach Handys oder sonstigen versteckten Kameras ziemlich zügig ab, und wir konnten gleich zum Thema kommen. Olli servierte den Mädels ein paar Erdbeeren, Leo sorgte für Jägermeister, Pit holte Gläser aus dem Schrank und ich die Kondome. Was war schon dabei, das passierte mir andauernd. Fast nach jedem Gig in jeder Stadt warten irgendwelche Groupies in der Garderobe oder im Hotelzimmer. Manchmal suche ich sie sogar selbst vorher aus. Das geht ganz einfach: Vor der Show checke ich heimlich die erste Reihe, direkt vor der Bühne, und halte Ausschau nach den Girls, die diesen speziellen Blick haben. Mit der Zeit entwickelt man dafür ein Auge. Wenn sie dann auch noch gut aussehen, gebe ich bei meinem Assistenten die Bestellung auf, und nach der Show finde ich die ausgewählten Mädchen in meiner Garderobe. Fast wie beim Pizza-Service. Noch nie hat mir eine einen Korb gegeben, keine musste ich überreden. Warum auch? Schließlich behandele ich die Mädchen wie ein Gentleman und sorge dafür, dass sie sich wohl fühlen. Dass sie selbst dabei mein Gesicht hinter meiner Maske nicht zu sehen bekommen, scheint den meisten der Ladys den besonderen Kick zu geben. Jede von ihnen ist für ein paar Stunden meine Göttin. Hinterher bedanken sie sich bei mir und kriegen ein Autogramm. Eine Win-Win-Situation.
Manchmal bringen auch die Jungs von der Band ein paar Groupies mit. Woher die vorgestern kamen – keine Ahnung. Aber irgendwie haben sie sich an der Security vorbeigeschlichen. Wie auch immer, jedenfalls hatten wir jede Menge Spaß, und am nächsten Morgen bestellte ich ihnen Frühstück und ein Taxi und ließ sie nach Hause bringen. Das gehört bei mir zum Service, ich würde es mir nie verzeihen, wenn sie meinetwegen nach Hause trampen müssten und dabei irgendeinem Sexgangster in die Hände fielen.
So auch an dem Abend mit den Tanga-Mädels. Alles verlief serienmäßig, und ich hatte die Vier schon wieder vergessen gehabt. Bis Rocco heute Morgen angerufen und mich sofort in sein Büro zitiert hatte.
»Sie hat beim Leben ihrer Oma geschworen, dass sie schon achtzehn ist«, antwortete ich ihm gelangweilt auf seine hektische Frage und unterdrückte ein Gähnen. Letzte Nacht hatte ich noch am Schreibtisch gesessen und versucht, mir ein paar Rhymes aus den Fingern zu saugen, aber mir war beim besten Willen nichts Besonderes eingefallen.
»Langweile ich dich etwa?« Der Blick meines Managers bohrte sich in meinen.
Sofort setzte ich mich in eine geradere Position. »Entschuldige bitte. Ich habe noch bis vier Uhr für das neue Album getextet.«
Roccos Augenbrauen schnellten nach oben. »Was Brauchbares dabei?« Er drückte auf einen Knopf seiner Gegensprechanlage und orderte Kaffee bei seiner Sekretärin.
»Leider nein. Mehr als war leider nicht dabei«, gab ich kurz eine frustrierte Kostprobe meines gestrigen ergebnislosen Schaffens zum Besten.
»Zu plump«, stellte Rocco überflüssigerweise fest, stand auf und ging zum Fenster.
Während er scheinbar in der Aussicht auf das Brandenburger Tor versank, brachte Tilda den Kaffee, nickte mir freundlich zu, und ließ uns allein. Ich goss mir eine Tasse ein, trank einen Schluck und betrachtete die vielen Platin-CDs und goldenen Schallplatten, mit denen Roccos Büro dekoriert war. Meine Platinalben hingen im Schatten einer Vitrine mit antiken Stücken, gleich zwischen zwei Platinschallplatten einer weltbekannten Geigerin und drei goldenen für irgendeinen Volksmusiker. So unterschiedlich unsere Musikrichtungen auch waren, wir alle verdankten unseren Erfolg nicht nur unserem Talent, sondern auch dem Geschäftssinn von Richard Weidner. Was er auch anpackte im Musikbusiness – es wurde zu Gold.
»Das mit den Mädchen war großer Mist«, setzte er unser Gespräch fort und wandte sich zu mir um. Im Gegenlicht der Morgensonne konnte ich seine Gesichtszüge nicht erkennen. »Das könnte wirklich übel für dich werden. Ich glaub es nicht, eine Minderjährige! Sie hat dich angezeigt! Hast du eine Ahnung, wie sich die Presse auf so was stürzt?«
Verdammt. Das mit der Anzeige hatte er mir bisher verschwiegen.
»Tut mir leid«, erwiderte ich kleinlaut und stellte meine Tasse ab. »Was soll ich denn jetzt machen?«
Rocco setzte sich wieder an den Schreibtisch, nahm den Füller zur Hand und machte eine Notiz. Dann drückte er erneut auf eine Taste der Telefonanlage und wies Tilda an, ihn mit Dr. Renner zu verbinden.
Ich schluckte. Wenn Renner ins Spiel kam, musste die Angelegenheit wirklich übel sein.
»Renner wird sich darum kümmern. Zuerst einmal soll er diese Schmierfinken stoppen. Einstweilige Verfügung wegen übler Nachrede. So was in der Art.« Rocco tippte mit dem Zeigefinger auf die Bildzeitung. »Er muss verhindern, dass es zu einer Anklageerhebung kommt. Das wäre Gift für dich.«
Aus der Gegensprechanlage verkündete Tilda, dass die Anwaltskanzlei Dr. Renner am Apparat sei.
»Bis dahin musst du untertauchen.« Roccos Finger schnellte nun in meine Richtung.
Ich hob beschwichtigend die Hände. »Keine Sorge, ich bleibe erst mal in meiner Wohnung und …«
»Nichts da!«, fuhr Rocco mich an. »Alle deine Termine sind bis auf Weiteres gecancelt. Du verkriechst dich vorerst hier.« Er schob mir die Notiz zu, die er eben geschrieben hatte. »Du wirst dort bleiben und die Füße still halten. Und nimm zur Sicherheit den Bart ab. Ich rufe dich an, sobald wir die Sache geregelt haben. Und keine Eskapaden, ist das klar? Quidamned ist von jetzt an auf unbestimmte Zeit unsichtbar. Fahr nach Hause, pack ein paar Sachen, in einer Stunde holt dich ein Wagen ab.«
Fassungslos starrte ich auf den Zettel in meiner Hand. stand darauf. Der Ort sagte mir gar nichts, aber die Postleitzahl begann mit einer fünf.
»Wo zum Geier ist das?«, wagte ich zu fragen.
»In der Nähe von Bad Münstereifel. Ist nett da. Viel Landschaft. Meine Mutter war da mal vor Jahren zur Kur.«
Also mit anderen Worten: mitten im Nirgendwo. Rocco wollte mich nicht nur aus der Schusslinie bringen, er wollte mich komplett aus dem Verkehr ziehen.
Mit einer knappen Handbewegung forderte er mich auf, zu gehen.
Angesichts seiner starren Miene wagte ich ausnahmsweise keinen Widerspruch, sondern erhob mich mit weichen Knien und verließ das Büro. Ehe ich die Tür hinter mir schloss, hörte ich noch, wie er »Doktor Renner, wir haben ein Problem« ins Telefon bellte.
***
Maxime hob das Glas gegen das Sonnenlicht und prüfte seinen Glanz. Mist, selbst nach mehrmaligem Spülen war es noch immer stumpf. So konnte sie es den Gästen nicht vorsetzen. Auch bei den anderen Gläsern sah es nicht besser aus. Die ganze Charge war inzwischen vom häufigen Gebrauch matt und für die Gastronomie unbrauchbar geworden.
»Die können alle in den Container«, wies sie Gerda an und deutete auf die Pappkartons.
»Was, alle?« Gerda knetete das Geschirrhandtuch, mit dem sie vergeblich versucht hatte, die trüben Flecken von den Gläsern zu reiben.
»Jetzt mal ehrlich. Würdest du unseren guten Ahrwein etwa aus so einem Glas trinken, und auch noch drei fünfzig dafür bezahlen?« Maxime deutete mit einem Kopfnicken auf die Kartons, worauf Gerda missmutig die Lippen schürzte.
»Aber es ist trotzdem Verschwendung«, beharrte sie.
»Also je hundert neue Gläser für Weißen und Roten«, notierte Maxime auf dem Klemmbrett.
»Was das wieder kostet«, murmelte Gerda und klappte den Geschirrspüler zu.
Maxime konnte es ihr nicht verdenken. Gerda war schon seit vierzig Jahren die gute Seele der . Zuerst als Zimmermädchen unter der Leitung von Maximes Großeltern, dann im Dienst ihrer Eltern und hoffentlich würde sie auch noch da sein, wenn Maxime eines Tages die Pension übernahm. Sofern der Betrieb dann nicht bereits der Bank gehörte. Die war ebenso Gerdas Zuhause wie Maximes. Sie den Bach runtergehen zu sehen, wäre für Sie beide hart.
»Das war es dann. Ich bringe die Liste zu Papa, damit er die Bestellung...




