Schulz | Schifferstreit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 426 Seiten

Schulz Schifferstreit

Ein historischer Roman aus der Zeit 1565-1611
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98503-098-9
Verlag: Spica Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein historischer Roman aus der Zeit 1565-1611

E-Book, Deutsch, 426 Seiten

ISBN: 978-3-98503-098-9
Verlag: Spica Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Jahre 1323 hatte die Stadt Rostock das kleine Fischerdorf Warnemünde vom Landesfürsten gekauft. Mehr als zwei Jahrhunderte lang ging alles gut. Man war sich nicht im Wege. Aber als der kleine Ort begann, auch Seehandel zu betreiben, wurde er zur Konkurrenz. Die mächtige Hansestadt machte jetzt von ihrem Eigentumsrecht Gebrauch...

Horst D. Schulz wurde 1942 in Warnemünde geboren und verlebte hier seine Kindheit, bis ihn im Sommer 1954 die Republikflucht der Familie in den Westen Deutschlands führte. Stuttgart, Aachen, Berlin, Kiel, Bremen waren nun die Stationen seines Lebens. Von 1986 bis zu seiner Pensionierung 2007 leitete er als Professor das Fachgebiet Geochemie und Hydrogeologie an der Universität Bremen. Als Meeresforscher war er bei vielen Expeditionen mit dem deutschen Forschungsschiff Meteor im Südatlantik unterwegs. Er veröffentlichte seine Forschungsergebnisse in einer Vielzahl wissenschaftlicher Beiträge in Fachzeitschriften und im Lehrbuch »Marine Geochemistry« (Springer-Verlag). Bereits 2004 zog es ihn jedoch in die alte Heimat, und er lebt heute nach fünfzig Jahren arbeitsreichen Exils seit fünfzehn Jahren als schreibender Pensionär mit historischem Engagement wieder in Warnemünde.

Schulz Schifferstreit jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


22. April 1565, Ostern Meine Fahrenszeit als Seemann begann bald nach meinem vierzehnten Geburtstag, nur wenige Tage nach dem Osterfest. Traditionell wurde seit Menschengedenken dieser wichtige Einschnitt im Lebenslauf eines Jungen in allen Warnemünder Familien mit großem Aufwand gefeiert. Besser als an die Feier erinnere ich mich jedoch an die vorausgegangenen langen und heftigen Streitereien, weil früher im Zusammenhang mit der Firmung der Beginn unseres Lebens als Erwachsene gefeiert wurde. Die in der alten katholischen Kirche übliche Firmung war aber nach den neuen Regeln des Herrn Doktor Martin Luther aus Wittenberg abgeschafft worden, und niemand wusste so recht, was anstelle dessen in unserer lutherischen Kirche mit den Mädchen und Jungen geschehen sollte. Die Firmung war immer in einer besonderen Messe am Sonntag nach Ostern erfolgt. Der neue Warnemünder Pastor bestand aber darauf, dass es das Sakrament der Firmung nach der lutherischen Ordnung nicht mehr gäbe und schüttelte immer nur mit dem Kopf, wenn man ihn auf so etwas ansprach. Unsere Warnemünder Ältesten waren aber überzeugt, ohne einen ganz besonderen kirchlichen Segen sollten die jungen Menschen nicht in das selbständige Leben eintreten und schon gar nicht auf die großen und stets auch gefahrvollen Seereisen geschickt werden. Die Lösung des Problems wusste schließlich ein gelehrter Herr von der Rostocker Universität. Er hatte erfahren, dass in anderen deutschen Landen eine evangelische Konfirmation gefeiert wurde, die nicht den Lehren des Doktor Martin Luther widersprach. Dazu mussten wir eine Zeitlang in der christlichen Heilslehre unterwiesen werden, und nach den Wochen des Unterrichts wurde geprüft, ob wir auch alles noch richtig wussten. Ich glaube, ich war bei dieser Prüfung einer der Besten, obwohl auch ich höchstens ein Viertel von all den vielen kirchlichen und biblischen Einzelheiten behalten hatte. Trotzdem haben alle bestanden, denn am Ende genügte es, wenn wir auf die Frage, ob wir an den Herrn Jesus Christus als unseren Erlöser von allem Bösen glaubten, mit einem kräftigen „Ja“ antworteten. Dann wurde uns im Gottesdienst am Sonntag vor Ostern, am Palmsonntag, als Segen und zur Vergebung unserer Sünden vom Pastor die Hand aufgelegt, und wir erhielten zum ersten Mal Brot und auch Wein des heiligen Abendmahles. Groß feiern durften wir am Palmsonntag selbstverständlich noch nicht, denn es war doch der Beginn der stillen Karwoche. So gab es die große Konfirmationsfeier erst nach dem Gottesdienst des Osterfestes. Und dagegen, dass dann genauso gefeiert wurde wie früher bei der Firmung, dagegen hatte der Herr Doktor Luther schließlich nichts gehabt. Alle Verwandten und guten Freunde der Familie waren zur Feier eingeladen – das waren bei uns schon fast vierzig Personen. Damit tauchte aber schon das nächste Problem auf, denn wir waren in unserem Jahrgang in Warnemünde neunzehn Konfirmanden, acht Mädchen und elf Jungen. In manchen Familien gab es etwas weniger, in anderen aber auch noch mehr Gäste als bei uns, so dass an diesem Tag fast alle Warnemünder irgendwo eine Konfirmation feierten. Manche waren auch bei zwei, drei oder sogar vier Familien eingeladen. Die mussten ihre Beteiligungen dann sorgfältig auf die verschiedenen Mahlzeiten in den unterschiedlichen Häusern verteilen, denn so eine Einladung konnte man selbstverständlich nicht ausschlagen. Das wäre als sehr unfreundlich empfunden worden. Dabei kam ganz selbstverständlich heraus, dass an mehr als nur einem Tag mit mehreren Mahlzeiten gefeiert wurde. Als es bei uns gegen Abend am zweiten Tag schon etwas ruhiger geworden war, nahm mich mein Vater, der Schiffer Jochim Holste, beiseite und teilte mir das mit, worauf ich schon seit Tagen und Wochen gewartet hatte. Er redete mich dabei mit „min Jung“ an, was nur ganz selten geschah. Ich wusste also, dass er mir etwas ganz Besonderes mitzuteilen hatte. „So, min Jung, ich kann dir jetzt sagen, wie es für dich weitergeht, nachdem ich alles mit Jacob Degener besprochen habe. Du wirst auf seinem Schiff als Schiffsjunge deine erste Reise machen. Er ist ein ganz ausgezeichneter Seemann, der sich auf sein gutes Schiff, die Maria, und auf seine Mannschaft unbedingt verlassen kann. Du weißt, ich bin mit Jacob Degener schon seit meiner Kindheit eng befreundet, aber du wirst dadurch keine Vorteile erlangen und sollst bei ihm ein ganz normaler Schiffsjunge sein.“ Ich hatte zu diesen Worten meines Vaters nur zustimmend und glücklich mit dem Kopf genickt. Einmal hätte ein Widerspruch sowieso nichts eingebracht außer Ärger, und außerdem hätte ich es für meine erste Reise auf keinem anderen Schiff besser treffen können als auf der Maria des Schiffers Jacob Degener. Sie war eine ziemlich neue Büse1 mit zwei Rahsegeln am Großmast, einem Gaffelsegel am Besanmast und zwei Vorsegeln vorne am Bugspriet. Damit war die schmal und auf Schnelligkeit gebaute Maria eines der besten Schiffe in Warnemünde, und ich wusste, alle meine Freunde würden mich beneiden. Wir Warnemünder Jungs, die wir nach der Konfirmation fast alle auf irgendeinem Schiff als Schiffsjungen unsere Fahrenszeit beginnen sollten, wir kannten uns selbstverständlich mit allen Vor- und Nachteilen sämtlicher in Frage kommenden Schiffe bestens aus. So wussten wir, dass die Maria in der neuen glatten Beplankung als Kraweel gebaut war, was einer der Gründe für ihre hervorragenden Fahreigenschaften war. Die alten Koggen konnten nur mit achterlichem oder höchstens halbem Wind ganz gut fahren, die Büse Maria aber lief besonders hoch am Wind mit ihrer neuen Takelung allen anderen Schiffen davon. Und Jacob Degener galt ganz allgemein als ein besonders guter Schiffer, der bisher von jeder Reise erfolgreich heimgekehrt war. So hatte ich nur noch Fragen zu den Einzelheiten der geplanten Fahrt. „Und wann soll’s losgehen?“ „In den nächsten Tagen muss die Maria wohl erst noch fertig ausgerüstet werden. Ladung und etwas Ballast kommen bestimmt auch an Bord, und dann wird Jacob Degener spätestens am Ende dieser Woche auslaufen. Also, am besten gehst du gleich morgen mal rüber, sagst ‚Guten Tag‘ und hilfst bei der Arbeit an Deck. Dann erfährst du aus erster Hand, wann es losgeht.“ „Weißt du auch schon, wo er fischen will, Vater?“ Mein Vater dachte kurz nach, aber dann schüttelte er langsam den Kopf. „Ich glaube nicht, dass Jacob Degener viel fischen wird. Mit Hering und Dorsch ist heute kein Geld mehr zu verdienen. Die paar Fische, die noch da sind, die werden doch erst mal von den Rostocker Fischern gefangen. Und die jammern auch schon immer, dass es viel zu wenige sind. Nein, glaube mir, Jacob Degener wird es bestimmt genauso machen wie ich und mehr in den Häfen der gesamten Ostsee Handel treiben. Immer das Schiff vollpacken mit Dingen, die es im einen Hafen gerade günstig und gut gibt, und möglichst viel davon in anderen Häfen wieder verkaufen, wenn man gutes Geld dafür bekommt. Oder auch gegen gute Bezahlung und mit geringerem eigenen Risiko irgendwelche Waren für andere Händler von hier nach dort transportieren. So oder so, am Schluss der Reise muss eben die Kasse stimmen. Kannst mir glauben, min Jung, nur mit Dorsch und Hering hätten wir uns eine so schöne Feier zu deiner Konfirmation ganz bestimmt nicht leisten können.“ „Aber Vater, ich habe bisher gedacht, dass ihr auf den Seereisen immer Fische fangt und mit Salz in Fässer einlegt, die dann verkauft werden. Dass auch ein wenig gehandelt wurde, das wusste ich wohl. Aber dass ihr fast nur noch Handel treibt, darüber wurde nie gesprochen.“ Mein Vater nickte dazu mit dem Kopf. „Und so soll es auch bleiben. Alle, die auf den Schiffen mitfahren, wissen selbstverständlich ganz genau Bescheid, aber darüber hinaus soll nicht so viel gequatscht werden. Ich spreche jetzt mit dir darüber, weil du nun auch zu den Seefahrern gehören wirst. Wir Seefahrer reden wenig darüber, weil andere Leute uns sonst nur um unseren guten Verdienst beneiden würden. Nach außen hin soll es auch weiterhin gerne so aussehen, als ob der Fischfang für uns die Hauptsache sei, und dass wir das bisschen Handel nur so nebenbei treiben. Also sei immer vorsichtig mit dem, was du erzählst – schließlich ist es jetzt und zukünftig auch das Einkommen, von dem du deinen Lebensunterhalt bestreiten wirst.“ Am folgenden Morgen ging ich also gleich nach dem Frühstück rüber zum Liegeplatz der Maria. An Deck sah ich nur den Matrosen Johannes Klöcking, der damit beschäftigt war, einige Taue zu sortieren, bei Bedarf zu spleißen und sie dann ordentlich aufzuschießen. Selbstverständlich kannten wir uns, denn in Warnemünde kannte schließlich jeder jeden. Er mochte fast dreißig Jahre alt sein, lebte aber noch im Haushalt seines Vaters, der in Warnemünde seinen Lebensunterhalt als Fischer und Revierlotse verdiente. Die Familie wohnte in der südlichen Achterreeg und hatte es nie zu einem größeren, wirklich seetauglichen Schiff gebracht. Die Männer fuhren als Matrosen zur See, bis sie gerade genug gespart hatten, um zu heiraten, eine eigene Familie zu gründen und dann mit einem kleinen Boot „vor der Haustür“ Fische zu fangen und als Lotsen das nötige Geld zu verdienen. Ich fragte ihn nach dem Schiffer Jacob Degener. „Und was willst du von ihm?“ „Ich soll mich bei ihm vorstellen, denn ich bin bei euch der neue Schiffsjunge.“ „Aha, du bist also unser neuer Moses. Deinen Vorgänger Heiner Borgwardt haben wir am Ende der letzten Reise zum Jungmann befördert. Das könnten wir mit dir am Ende dieser Reise auch machen, wenn du mir immer gut gehorchst, denn ich bin hier der...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.