Schulze | Ein Dutzend Langer Kerls wäre mir lieber | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Schulze Ein Dutzend Langer Kerls wäre mir lieber

Anekdoten über den Soldatenkönig
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-359-50056-8
Verlag: Eulenspiegel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

Anekdoten über den Soldatenkönig

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-359-50056-8
Verlag: Eulenspiegel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Von seinem Vater hatte Friedrich Wilhelm I. einen glanzvollen Hof, Misswirtschaft und einen Schuldenberg geerbt. Nach 27 Regierungsjahren hinterließ er seinem Sohn Friedrich, der 'der Große' genannt wurde, geordnete Finanzen, eine aufstrebende Wirtschaft und ein Volk, dem er die 'preußischen Tugenden' von Sparsamkeit, Fleiß und Pflichterfüllung eingebläut hatte. Dazu eine Armee, die Preußen einen Platz im Mächtekonzert Europas sicherte. Als Soldatenkönig ging er in die Geschichte ein. Warum dieser Beiname ins Schwarze trifft und dennoch zu kurz greift, wie der Wüterich seinen Staat regierte und seiner Familie zusetzte und welche überraschenden Seiten sich in seinem Charakter auftun - das alles ist in den amüsanten Anekdoten dieser Sammlung nachzulesen.

Christopher Schulze, geboren 1986 in Braunschweig, studierte Geschichte und Germanistik auf Lehramt an der TU Braunschweig. Er schloss 2014 sein Referendariat für das Lehramt an Gymnasien mit dem Zweiten Staatsexamen ab und arbeitet z.Zt. als Lehrer an einer Berufsbildenden Schule in Osterode im Harz. Von ihm erschienen u.a.: 'Der schwarze Herzog - Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels. Eine Biographie' (2014) und 'Ich will Dich im preußischen Dienst pausieren lehren! Anekdoten vom Alten Dessauer' (2015).

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Zwischen Vater und Mutter
Die Gouvernante Marthe de Montbail sprach kein Wort Deutsch. Auch die Mutter unterhielt sich mit ihm nur auf Französisch. Friedrich Wilhelm lernte die deutsche Sprache von Kutschern, Dienern und Soldaten. Sophie Charlotte, die hochgebildete hannoversche Prinzessin von Braunschweig-Lüneburg, hatte einige Zeit am Hof von Versailles gelebt und wollte aus ihrem Sohn einen Kavalier und Weltmann machen, der die Feder mindestens so gut wie den Degen beherrschte. Wohingegen die im Auftrag des Vaters eingesetzten Erzieher eine puritanische, auf Gottesfurcht und Arbeitseifer gegründete Erziehung anstrebten. Zwischen diesen beiden Extremen hin und her gezogen, wurde der junge Schüler immer bockiger und desinteressierter, seine Unzufriedenheit entlud sich in wildesten Ausbrüchen. Als ihn sein Lehrer zu überzeugen versuchte, dass Gott ihn strafe, wenn er nicht zu den Auserwählten gehöre, schrie Friedrich Wilhelm ihm ins Gesicht: »Unser Herrgott ist ein Teufel!« Der Prinz wird zum Strudelkopf verzogen
Aus Zärtlichkeit für ihren Sohn sah die gutmütige Mutter ihm so manche Unart nach. Als König sagte Friedrich Wilhelm über sie: »Meine Mutter war gewiss eine kluge Frau, aber eine böse Christin.« Er erzählte, dass sie einst hinzugekommen sei, als er den fünfjährigen Herzog von Kurland, den sein Vater ihm zum Spielkameraden bestimmt hatte, an seinen Haaren durch das Zimmer zerrte. Anstatt ihn zu strafen, habe sie bloß mit Wehmut ausgerufen: »Mon cher fils! Que faites vous la?« Ein anderes Mal hatte er den Unterhofmeister von Brandt eine steinerne Treppe hinuntergestoßen, sodass dieser sich den Hals verrenkte. Es geschah weiter nichts, als dass dem Kronprinzen vor versammeltem Hofe gesagt wurde, er hätte es bleiben lassen sollen. Schlechte Lehrer
Im siebenten Lebensjahr des Kurprinzen wurde Graf Alexander von Dohna zum Oberhofmeister bestellt und war für die kommenden neun Jahre für seine Erziehung zuständig. Vom Kurfürsten detailliert instruiert, hatte Dohna dafür zu sorgen, dass Friedrich Wilhelm sommers um sechs Uhr, winters um halb sieben aufstand, um neun Uhr abends zu Bett ging und das Morgen- und Abendgebet auf den Knien verrichtete. Mathematik, Latein, Französisch, Geschichte – insbesondere die »Historie seines eigenen Hauses« –, die Glaubensartikel und auch die Kriegsexerzitien sowie die schönen Künste standen auf dem Lehrplan. Jeder seiner Lehrer bestätigte, dass der königliche Schüler über ein außerordentliches Gedächtnis verfügte. Mehr Positives aber war nicht zu berichten, der Prinz sträubte sich gegen alles, bei dem er keinen Nutzen sah. Als Friedrich Wilhelm mit neun Jahren weder lesen noch schreiben konnte, setzte seine Mutter durch, dass der bisherige Lehrmeister Johann Friedrich Cramer durch den Hugenotten Jean Philippe Rebeur abgelöst wurde. Dessen Unterricht bestand einzig darin, dem Prinzen Bibelstellen des Alten Testaments vorzulegen, die er zunächst abschreiben und anschließend ins Französische und Lateinische übersetzen musste. Aus dieser stupiden Tätigkeit resultierte bei Friedrich Wilhelm eine lebenslange tiefe Abneigung gegen das Alte Testament, das er in Predigten auf gar keinen Fall hören wollte. Ein schwieriger Schüler
Schularbeiten erledigte er entweder gar nicht oder höchst widerwillig und unzureichend. Seine Lehrer versuchten ihm vergebens zu erklären, dass ein König nicht nur die Geschäfte seines Landes zu führen verstehen müsse, sondern darüber hinaus eine umfassende Bildung brauche. Friedrich Wilhelm darauf: »Und was habe ich davon?« Neigungen
Statt im Schlosspark herumzutollen, kontrollierte der kleine Prinz lieber die Bekleidung und Bewaffnung der Schildwachen. Sein Spielzeug waren Trommeln, Querpfeifen, Gewehre und Degen. Sein Erzieher bemerkte bald an ihm »die Prahlerei oder Neigung eines Unteroffiziers«. Am Hofe des deutschen Ludwigs
Mit seiner Krönung musste sich Friedrich anderen Herrscherhäusern ebenbürtig zeigen und die dazugewonnene Macht des jungen Königreichs auch nach außen demonstrieren. Nirgendwo war der Prunk größer als am Hofe Ludwigs XIV., und Friedrich I. eiferte dem Sonnenkönig nach. Vielerorts in Brandenburg-Preußen ließ er Schlösser errichten, gestaltete das Berliner Stadtschloss zu Repräsentationszwecken um, erweiterte großzügig das Schloss der Königin in Lietzenburg – nach ihrem Tod in Charlottenburg umbenannt – und baute das Königsberger Schloss aus. Einzigartige Schätze schmückten die Königliche Kunstkammer. Er förderte Künstler und Gelehrte, pflegte Zeremoniell, großen Hofstaat und aufwändige Lustbarkeiten. Sänger und Tänzer aus Paris und Italien unterhielten den Hof mit ihren Darbietungen. Zwölf Meisterköche waren angestellt, die sich in ihrer Kunst zu überbieten suchten. Der erste preußische König inszenierte sich in feudaler Herrscherpracht – und beeindruckte die Welt. Seinen Sohn nicht. Sparfuchs
Mit zehn Jahren begann Friedrich Wilhelm, ein Buch über seine Ausgaben zu führen. »Rechnung über meine Dukaten« nannte er es und schrieb hinein, was ihm an Einnahmen zugewiesen oder zu Geburtstagen, Weihnachten und bestandenen Examen geschenkt wurde und wofür er es ausgab. Fein säuberlich listete er auf, wann immer er ein Geldstück in Armenbüchse oder Klingelbeutel gab, und notierte auch, dass er zu Oranienburg im Jahre 1701 einen Dukaten verloren habe. Der Geist der Ökonomie
»Können Mitgefühl und Mitleid Raum in einem Herzen finden, das vom Geist der Ökonomie beherrscht wird?«, fragte sich angesichts des sehr sparsamen Prinzen die besorgte Mutter. Was Sophie Charlotte einen Hang zur Ökonomie nannte, bezeichneten andere am Hof schlicht als Knauserei. Die Probe aufs Exempel
Zum Weihnachtsfest 1698 schenkte Friedrich I. seinem Sohn Schloss Wusterhausen, dreißig Kilometer südöstlich von Berlin gelegen. Das verwahrloste Gut bewirtschaftete Friedrich Wilhelm selbstständig und machte es innerhalb von zehn Jahren zu einem Musterbetrieb. Alles, was Friedrich Wilhelm später erfolgreich auf die Wirtschaft Preußens anwendete, hatte er zuvor in Wusterhausen, seinem »Staat en miniature«, ausprobiert. Sein Taschengeld setzte der Prinz dafür ein, aus den Söhnen der Gutsuntertanen eine Privatgarde zu bilden und auszustatten, der Vorläufer seiner späteren Langen Kerls. Sein größtes Vergnügen war das tägliche Exerzieren. So viel Sinn fürs Militärische behagte dem Kurfürsten nicht. Kam er nach Wusterhausen, versteckten sich die Angeworbenen in Ställen und Heuschobern. Parallelwelten
Die allem Schöngeistigen zugetane Sophie Charlotte wollte ihrem Sohn den Geschmack an bildender Lektüre vermitteln. Ein neuer Roman, »Die Abenteuer des Telemach«, im aufklärerischen Geist von François Fénelon, dem Erzieher des Enkels Ludwigs XIV., verfasst, sollte das Lehrstück abgeben. Handelte er doch davon, wie ein Herrscher seine Macht für das Gemeinwohl einsetzte, Gutes bewirkte und Schmeichler, Hofschranzen und falsche Berater mied. Angesichts der Zustände am preußischen Hof lag darin reichlich Brisanz. Gemeinsam mit ihrem zwölfjährigen Sohn las Sophie Charlotte den Roman und führte mit ihm Gespräche über die Lektüre. Die Antworten Friedrich Wilhelms lassen wenig Enthusiasmus und Fantasie erkennen, wohl aber die Gabe, das Gewünschte – am besten gleich mit den Worten des Autors – wiederzugeben. Das Fazit: »Ich werde mich befleißigen, diese Lehren zu behalten und Telemach nachzuahmen.« Ein kräftiger Bursche
Von Geburt an war Friedrich Wilhelm von kräftiger Statur. Großmutter Sophie schrieb über den zwölfjährigen Prinzen: »… er ist etwas stark, ich hoffe aber, er wird es auswachsen …« Er wuchs es nicht aus. Abneigung gegen Frauen
Friedrich Wilhelm benahm sich den Damen des Hofes gegenüber schüchtern und ruppig zugleich. Er wurde rot, wenn die Hofdamen achtungsvoll vor ihm knicksten. Und manche legte es, den lockeren Sitten am Hofe folgend, auf mehr an. Als die Gattin des ersten brandenburgischen Ministers, Gräfin von Wartenberg, ihm ein explizites Angebot machte, nannte er sie nur noch die »große Hur«. Eine erste zärtliche Zuneigung fasste er zu Caroline von Ansbach, der Tochter des Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, die nach dem Tod ihrer Eltern in die Obhut der Kurfürstin gegeben worden war und am Berliner Hof lebte. Sophie Charlotte verlangte vom Erzieher Dohna, sich keinesfalls den »Galanterien« des Prinzen zu widersetzen, denn »die Liebe bildet den Geist und besänftigt die Sitten«. Caroline von Ansbach war schön, gebildet und bald als Heiratskandidatin umworben....



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