Schulze / Prolibris Verlag | Wagen 8 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 335 Seiten

Schulze / Prolibris Verlag Wagen 8

Harz-Krimi
Originalausgabe 2021
ISBN: 978-3-95475-235-5
Verlag: Prolibris
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Harz-Krimi

E-Book, Deutsch, 335 Seiten

ISBN: 978-3-95475-235-5
Verlag: Prolibris
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



In der beschaulichen Kleinstadt Wernigerode steht ein Zug der berühmten Schmalspurbahn bereit, seine Fahrt zum Brocken aufzunehmen. Die ersten Gäste sind eingestiegen, als zwei Männer mit Handfeuerwaffen den Rangierer überwältigen. Sie zwingen ihn, sofort loszufahren. Steuern kann er den Zug nur mit der Fernbedienung, der Platz des Lokführers in der Maschine ist unbesetzt! Ein Terroranschlag? Das Spezialeinsatzkommando der Polizei wird alarmiert. Seine Männer versuchen alles, den Zug zu stoppen. Das ist nicht so einfach wie gedacht, zumal ein schwerer Sturm über dem Harz tobt. Eine dramatische Fahrt, die für die Geiseln zum Horrortrip zu werden droht.

Mario Schulze ist Jahrgang 1962 und hat im Brotberuf Lehramt in Leipzig studiert. Heute unterrichtet er am Harzrand an mehreren Schulen. Nach einer über zwanzigjährigen redaktionellen Mitarbeit an einer Eisenbahnfachzeitschrift ist er auch Autor mehrerer Fachbücher zu eisenbahnhistorischen Themen. Daneben schreibt er seit Jahren Romane zu verschiedenen Themen. 'Wagen 8' ist sein vierter Krimi und sein erster im Prolibris Verlag.
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Kapitel 1
09.58 Uhr. Auch im Stellwerk Wernigerode, dem Herz der Harzer Schmalspurbahnen, wurde unterdessen aufmerksam registriert, dass der Orkan Daniela ungestümer als erwartet auf den Westharz getroffen war. Bald würde er auch hier angekommen sein. Der diensthabende Verantwortliche für den Fahrbetrieb, Ralph Bärbaum, telefonierte in diesem Augenblick mit dem zuständigen Wetteramt, denn er stand vor der Frage, ob er den Zug 8925, der in siebenundzwanzig Minuten Abfahrt in Richtung Brocken haben würde, noch freigeben sollte. –
Rick Emmeran hingegen, der nur zweihundert Meter vom Stellwerk entfernt auf dem Gelände des Wernigeröder Bahnhofs stand, hatte Angst, und diese Angst war jetzt so stark geworden, dass sie in seinen Hals hineinwuchs. Verzweifelt schloss er die Augen, kurz nur; er versuchte, diese Nähmaschine in seinen Fingern zu beruhigen.
Die Umgebung beobachten, hatte Ulrich gesagt. Zunächst nur beobachten. Achte auf alles, was ungewöhnlich ist. Das wirst du ja wohl noch hinbekommen. Das bekam er hin. Hier war nichts Auffälliges zu sehen. Der Bahnsteig war ohnehin fast verwaist. Es regnete.
Gemächlich rollte, geschoben von einer brummigen weinroten Diesellok, ein leerer Zug in den kleinen Kopfbahnhof ein. Noch achtzig Meter vielleicht, dann würde er zum Stehen kommen müssen. Grüne Leuchtbuchstaben auf der schmächtigen elektronischen Anzeigetafel verrieten, dass dies ein Zug zum Brocken war. Zehn Uhr fünfundzwanzig ab Wernigerode Hauptbahnhof. Bis zur Abfahrt blieb zum Glück noch etwas Zeit.
Rick, der eigentlich Richard hieß, aber von niemandem so genannt wurde, weil das klänge, als wäre es der Name seines Vaters, Rick gewann wieder die Kontrolle über seinen Körper. Er ballte in den Taschen seiner dunkelblauen, festen Regenjacke die Fäuste zusammen, bis die Daumen schmerzten. Das Zittern musste ganz verschwinden. An Sophie zu denken, half etwas. Der vom langsam aufkommenden Sturm getriebene Niesel an diesem nasskalten, ungemütlichen Tag im November, der den Menschen schon seit dem Aufstehen die Laune verdorben hatte und die Bahnsteige glänzen ließ, legte sich auf die Gläser seiner Brille.
Warum hatte er sich damals nur auf diesen ganzen Irrsinn eingelassen, dachte er voller Selbstmitleid. Dann würde er jetzt hier nicht stehen. Dann würde sein Leben ganz normal weitergehen und niemand wäre in Gefahr.
Rick bemerkte nun auch die für die Fahrt zum Brocken vorgesehene Dampflok. Noch stand die nicht an ihrem Zug. Ihr Heizer war draußen im Bahnhofsvorfeld auf einen altertümlich anmutenden blauen Drehkran geklettert und füllte ihren Tender nun mit anthrazitfarbenen, regennassen Kohlebrocken. Aber Rick hatte nicht lange Sinn für die Szenerie. Wie schon mehrfach in den letzten Minuten blickte er sich verstohlen um. Für Ulrichs Vermutung, er könnte beobachtet werden, fand er nicht den geringsten Hinweis. Doch das musste nichts bedeuten. Gar nichts musste das bedeuten.
Vielleicht fünfzehn Meter fehlten dem Zug nun noch bis zum Erreichen des Prellbocks. Es wurde Zeit für den Rangierer, das mächtige Ungetüm am anderen Ende des Zuges, das damit beschäftigt war, die Wagenkette in den Bahnsteig zu drücken, zu zügeln. Im Schritttempo näherte sich diese ihrem Ziel. Routiniert sprang der Mann mit der verschmutzten, einst signalfarbenen Arbeitskluft von der unteren Stufe des letzten Waggons auf das nasse Pflaster und griff sogleich nach den Hebeln des Paneels, das er vor seinen Bauch geschnallt hatte. Der Mann bediente die Maschine per Funkfernsteuerung. Oben in der Kanzel der Lokomotive saß niemand. Der Führerstand war leer.
Die Bremsen schlugen an und gaben ein kurzes, markantes Quietschen von sich. Der Zug stand. Nun, da die Waggons an ihrem Platz waren, würde der Mann nach vorn gehen, die Diesellok abkuppeln, sich auf ihren Rangiertritt stellen und ihr mit seinen Hebeln den Befehl geben, allein davonzubrausen, eine Rußfahne in den Himmel stoßend. Danach setzte sich die schwarzglänzende Dampflok, deren Männer nun noch damit beschäftigt waren, ihre Wasservorräte zu ergänzen, vor den Zug, um ihn bald darauf die steilen Hänge des Harzes hinaufzuschleppen.
»Bin wieder bei dir. Alles okay?«
Endlich! Rick atmete auf. Ulrich hatte es doch noch rechtzeitig geschafft. Als die SMS gekommen war, die Rick befahl, sich zum Bahnhof zu begeben, hatte Ulrich nach seiner Jacke gegriffen, das Auto verlassen und war überhastet davongeeilt. Er werde pünktlich da sein, hatte er ihm noch zugerufen.
»Hier ist niemand«, antwortete Rick knapp. Nichts war los hier. Der Bahnsteig zeigte sich beinahe menschenleer. Gut für sie. Das Wetter war auf ihrer Seite. Rick zog sich die Kapuze seiner Jacke tiefer über die Augen. »Sie müssen die Lok erst austauschen. Die Dampflok muss an den Zug. Kann aber nicht mehr lange dauern«, ergänzte er.
Ulrich warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Noch haben wir ein bisschen Reserve. Knapp vierzig Minuten braucht der Zug bis Drei Annen Hohne.«
Unvermittelt wechselte Ulrich das Thema. Er müsse nicht so ein Gesicht machen, alles werde nach Plan verlaufen, umarmte ihn sein Schwager und drückte ihm dabei unauffällig den warmen, glatten Stahl einer Pistole in die Hand. »Die Beretta 92. Solide Waffe. Eins der ersten Stücke aus meiner Sammlung. Versagt nie. – Aber pass auf, sie ist geladen.«
»Spinnst du? Das war nicht ausgemacht!« Rick wurde schon wieder schlecht. Wozu brauchte er eine Waffe? Sie waren doch keine Verbrecher.
Er solle sie ja nicht benutzen. Aber man wisse nie, was alles passieren könne. Vielleicht müsse er sich verteidigen oder jemanden in Schach halten. Und wenn es darauf ankomme: Besser dieser Dreckshund als Sophie.
Rick griff nur widerwillig nach der Beretta. Ungelenk steckte er sie in den Gürtel, nachdem er sich zuvor bei Ulrich vergewissert hatte, dass sie nicht entsichert war. Er verstand nicht viel von Waffen. Ulrich dagegen schon. Sein Schwager besaß eine ganze Vitrine voll davon. Von jedem Auslandsurlaub brachte er sich eine neue mit. Rick hatte keine Ahnung, wie er sie sich beschaffte. Er würde hohe Wetten eingehen, dass die meisten davon nicht einmal registriert waren. Vor ein paar Jahren hatte Ulrich ihn sogar einmal in einen alten Steinbruch mitgenommen, um Schießübungen zu machen. Rick hatte nie wieder danach gefragt. Er fürchtete sich vor Waffen.
Jetzt galt es erst einmal, kein Aufsehen zu erregen. Sonst war alles verloren. Niemand beachtete sie. Die Zugbegleiterin war soeben, mit einem Regenschirm über dem Kopf, auf dem das Logo der Bahngesellschaft prangte, aus ihrem Dienstabteil gestiegen, das sich im Waggon direkt hinter der Lok befand. Nun ging sie die Wagenreihe entlang, warf einen prüfenden Blick auf die Bremsen und klebte danach in die Fenster des vorletzten Waggons Zettel, auf denen man in fetten, roten Buchstaben das Wort Reserviert lesen konnte. Offenbar erwartete sie nachher noch eine Reisegruppe, die vorbestellt hatte. Viele Touristen stiegen erst in Drei Annen Hohne oder Schierke zu. An einem verregneten, windigen Novembertag wie diesem allerdings, noch dazu mitten in der Woche, fanden sich normalerweise kaum Fahrgäste, die hoch hinauf in den Harz wollten. Es waren die Schönwettertouristen, die die Züge auf den Brocken füllten.
Ulrich zündete sich mit einiger Mühe noch eine letzte Zigarette vor der Abfahrt an, da öffnete sich plötzlich die Tür des kleinen Bahnhofsgebäudes hinter ihnen. Etwa eine Handvoll Menschen quoll heraus und hastete auf den Zug zu. Drei weitere folgten ein paar Schritte später. Sie hatten offenbar den Schutz des Wartehäuschens, in dem auch ein Fahrkartenschalter untergebracht war, genutzt, um nicht nass zu werden. Wind und Wasser trotzend, liefen die Leute zu ihrem Bahnsteig, und einige Sekunden später schon begannen sie, in den letzten Waggon zu steigen, denn der war dem Bahnhofsgebäude am nächsten. Niemand wollte länger als nötig dem Regen ausgesetzt sein. Ein älteres Ehepaar, mit Wanderstöcken, Rucksack und schweren Schuhen beladen, bildete den Schluss und mühte sich die eisernen Stufen am Ende des Zuges hinauf. Sie war einen Kopf kleiner als er, weshalb ihr Abstand und Höhe der Stufen Mühe bereiteten. Der Mann half ihr und schloss anschließend geräuschvoll und mit einem kräftigen Ruck die Schiebetür des Waggons.
Rick sah seinen Schwager ratlos an. Er hatte gehofft, dass sie vielleicht allein in ihrem Wagen sitzen würden. »Was machen wir nun?«
Ulrich, der die kleine Menschengruppe ebenfalls aufmerksam verfolgt hatte, zog an seiner Zigarette und ließ den grauen Qualm aus seinem halb geöffneten Mund kriechen. »Nichts. Was kümmern sie uns.«
»Wir könnten einen anderen Waggon nehmen.«
»Können wir nicht. Das weißt du.« Er hielt Rick sein Handy hin. Auf dem Display war die Nachricht mit der unmissverständlichen Anweisung zu lesen.
Rick spürte sofort wieder das Gefühl der Panik in seinem Magen. »Woher weiß er, dass wir seine...


Mario Schulze ist Jahrgang 1962 und hat im Brotberuf Lehramt in Leipzig studiert. Heute unterrichtet er am Harzrand an mehreren Schulen. Nach einer über zwanzigjährigen redaktionellen Mitarbeit an einer Eisenbahnfachzeitschrift ist er auch Autor mehrerer Fachbücher zu eisenbahnhistorischen Themen. Daneben schreibt er seit Jahren Romane zu verschiedenen Themen. "Wagen 8" ist sein vierter Krimi und sein erster im Prolibris Verlag.



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