E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Schumacher Amelia. Alle Seiten des Lebens
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-03880-159-7
Verlag: Arctis ein Imprint der Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-03880-159-7
Verlag: Arctis ein Imprint der Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ashley Schumacher hat einen Abschluss in Kreativem Schreiben von der University of North Texas. Wenn sie nicht gerade liest oder schreibt, findet man sie beim Disney- oder Broadway-Lieder Singen, Snacks vor ihrem gierigen Golden Retriever Beschützen, Sticken oder Mario Kart-Spielen. Sie lebt Dallas, Texas, mit ihrem ungeselligen, aber liebenswerten Ehemann und mehr Büchern als genaugenommen notwendig sind. Ihr Debütroman Amelia, Alle Seiten des Lebens erschien im Frühjahr 2022 im Arctis Verlag.
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Prolog
Jeder kann eine Geschichte davon erzählen, wie er das erste Mal die Chroniken von Orman gelesen hat. Das hier ist meine.
An dem Tag, an dem uns mein Vater verließ, war es sonnig. Ich weiß noch, dass ich das seltsam fand. Denn in Büchern schlägt das Schicksal immer dann zu, wenn ein Sturm wütet und Blitz und Donner dafür sorgen, dass das Schlimmste, was passieren kann, in Szene gesetzt wird. Doch meinem Vater war der vollkommene, wolkenlose Himmel ebenso egal wie die Tatsache, dass er mit unserem einzigen Auto davonfuhr und uns mit unserer Trauer allein zurückließ.
Schon damals kam ich nicht umhin, mir vorzustellen, wir seien auf einer Insel. Die Sofas in unserem kleinen Wohnzimmer wurden zu schief aufgetürmten Seesteinen. Die verschränkten Arme meines Vaters, seine trotzige Haltung wurden zu einem verfallenen, verlassenen Leuchtturm, gegen dessen Gleichgültigkeit die Wut meiner Mutter brandete.
Durch die Jalousien konnte ich den Grund dafür vor unserem Haus sehen – in unserem klapprigen grünen Lieferwagen saß eine Frau – ein Mädchen –, kaum älter als ich. Die Verlockungen ihrer frischen einundzwanzig Jahre wurden ein wenig durch ihre Angewohnheit getrübt, besorgt an ihrem Zeigefinger zu nagen, während sich unsere Blicke durch die Windschutzscheibe trafen.
Ich konnte mich dunkel an sie erinnern. Eine Cheerleaderin bei den College-Football-Spielen, zu denen mich mein Vater in den letzten drei Monaten jeden Samstagnachmittag mitgeschleift hatte.
Mit einem leisen Schauder ließ ich das kaputte Stück Jalousie zurück an seinen Platz fallen, während meine Mutter meinen Vater anflehte zu bleiben. In meinem Bauch wanden sich Hunderte von Grausamkeiten und aus meinem Kopf verschwand die Insel, der Leuchtturm, alles.
»Für Amelia«, bettelte meine Mutter, das Gesicht von ihrer Wimperntusche verschmiert, was ich bisher nur aus dem Kino kannte. »Du kannst sie nicht verlassen, Willy. Sie ist deine Tochter. Sag es ihm, Amelia!« Grob fasste sie mich bei den Schultern und schob mich zu ihm hin. »Sag. Es. Ihm.«
Ich starrte sie beide an. Mom, deren selbst gefärbte rote Haare in alle Richtungen abstanden. Dad, der versuchte, stoisch und resigniert auszusehen. Sein Rollkragen war mit Bräunungscreme beschmiert, sie hatte seine bleiche Haut orange gefärbt.
Ich drehte mich wieder zum Fenster hin.
»Lass ihn gehen«, sagte ich. »Ist mir doch egal.«
Ich weiß nicht, ob der Tontopf mit der Sukkulente, die ich in der Grundschule herangezogen hatte, runterfiel, als Mom sich von mir abwandte, oder ob sie ihn absichtlich vom Tisch gefegt hat.
Als der grüne Lieferwagen schließlich davonraste, die Reifen über die holprige Einfahrt sprangen, ging meine Mutter in ihr Schlafzimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Ich stand da, während der Wasserhahn in der Küche im Takt zu ihren Schluchzern tropfte, bis mich meine Füße aus der Haustür trugen, die Einfahrt hinunter und durch die Straßen und ich mich vor Downtown Books wiederfand.
Hier ging ich nur hin, wenn ich einen Geschenkgutschein hatte. Denn den Preis, den der Barcode der Bücher anzeigte, konnte ich mir sonst nicht leisten, nur den auf vergilbten Preisaufklebern im Antiquariat. Das Geld, das ich mit Babysitten verdiente, gab ich für neue Schulsachen aus und ab und zu für ein warmes Mittagessen anstatt des üblichen Käse-Senf-Sandwiches, aber nie für Bücher von hier.
Doch an dem Tag erlaubte ich mir, so lange ich wollte, vor dem Schaufenster stehen zu bleiben. Ich könnte die ganze Nacht hierbleiben, dachte ich, während ich den Kunden zusah, die zwischen den niedrigen Regalen umherwanderten, wie dümpelnde Segelboote am Horizont. Ich musste nicht zurück, nicht in dieses vaterlose, doch muttervolle Haus, nicht die verstreuten Tonscherben und die Blätter der Sukkulente vom Fußboden auflesen.
Mein Spiegelbild im Schaufenster sah aus wie ein Gespenst, mein knallgelbes Harry-Potter-T-Shirt ließ meine weiße Haut und meine blauen Augen bleich wirken. Meine langen Haare – irgendwas zwischen Blond und Braun – machten die Sache auch nicht besser. Ich fragte mich, ob Gefühle vielleicht alle Farben aus einem raussaugen. Ob Hass und Schock einem alle Kraft rauben.
Ich weiß nicht, wie lange ich noch dort gestanden hätte, draußen vor der Tür, wenn nicht Jenna Williams aufgetaucht wäre.
Die Glastür des Buchladens war noch gar nicht richtig offen, da steckte sie ihren Kopf raus und sagte: »Du bist Amelia, stimmt’s? Du kannst da nicht einfach so rumstehen. Das ist gruselig. Was machst du da überhaupt? Komm doch rein.«
»Ich weiß nicht«, sagte ich.
Trotz meiner Benommenheit hatte ein Teil von mir das Gefühl, ich müsste jetzt knicksen oder so. Jenna Williams – seit der fünften Klasse stets Jahrgangsbeste; perfekt angezogen; die Erste in unserer Klasse, die Eyeliner benutzte; bekannt für ihre Tennis-Leidenschaft – war das, was in der neunten Klasse einem Royal am nächsten kam, auch wenn sie nie Hof hielt. Sie hing mit ein paar Mädchen vom Tennisclub rum, aber näher als eine Armeslänge kam keiner an sie ran. Was sie eigentlich noch anziehender machte als die Mädchen, die um sich herum schwärmerische Bewunderer und Anhänger versammelten. Sie war nie unfreundlich, aber in einer Galaxie voller neuer Sterne war sie eine Supernova und wir alle wussten das, auch die Lehrer.
Seit dem Kindergarten waren wir immer zusammen in einer Gruppe oder Klasse gewesen, aber ich war überrascht, dass sie meinen Namen kannte.
Vielleicht lag es an der Sache mit den Sternen, jedenfalls hörte ich mich sagen: »Mein Dad hat uns heute verlassen.«
Sie seufzte, ihre beerenfarbenen Lippen leuchteten auf ihrer gebräunten Haut, und sagte: »Für immer verlassen? Wie absolut beschissen. Möchtest du darüber reden?«
Ich wäre weniger überrascht gewesen, wenn der Steinlöwe, der vor dem Edelrestaurant auf der anderen Straßenseite saß, sein großes Maul geöffnet und dasselbe gesagt hätte, aber ich bekam ein »Nein, danke« heraus.
»Gut«, sagte Jenna. »Es gibt sowieso schon viel zu wenig Zeit für viel zu viele Bücher.«
»Ich weiß nicht«, sagte ich wieder, ganz nervös. Wenn sie ein Stern in einer Galaxie war, dann war ich eine Astronautin, die von ihrem Raumschiff abgekoppelt wurde und durch das Weltall schwebt, bis ihr der Sauerstoff ausgeht.
»Auf der Welt gibt es nichts, was ein gutes Buch nicht heilen kann«, sagte sie. »Na komm. Such dir eins aus. Oder zwei. Ich lade dich ein.«
Und so stöberten wir Seite an Seite im hellen, künstlichen Licht der Buchhandlung, als würden wir jeden Freitagabend so verbringen. Sie war keine Supernova und ich keine verlassene Tochter. Und obwohl ein Teil von mir unablässig an die Tränen meiner Mutter dachte, an den Klang, den die Zähne der Cheerleaderin wohl machten, wenn sie an ihrem Finger nagten, war ich zufrieden. Oder vielleicht auch einfach resigniert.
Wir brachten mein Buch und Jennas vier zur Kasse und die Buchhändlerin lächelte, als sie sah, was ich mir ausgesucht hatte: , Teil I der Chroniken von Orman, von N.E. Endsley.
»Das Buch ist gut«, schwärmte sie. Sie trug eine Lesebrille auf der Nase, eine weitere thronte vergessen auf ihrem Kopf. »Der Autor ist wahrscheinlich nicht viel älter als du. Er ist erst sechzehn oder so. Das ist ein Ding, nicht wahr? Du musst mir unbedingt sagen, wie du es findest.«
Im Licht der leuchtenden Glühbirne von Jennas cremefarbener Nachttischlampe las ich das Buch in einem Rutsch durch. Ich verbrachte die Nacht bei ihr, allerdings war ich bei diesem Besuch weniger einer Einladung als einer Verordnung gefolgt. Als wir den Buchladen verließen, stieg ich in das wunderschöne Auto der Williams und wurde zu ihrem wunderschönen Haus gefahren und es war so, als wäre ich schon immer da gewesen und als würde es immer so sein.
»Jenna bringt nie Freundinnen mit«, dröhnte ihr Vater gut gelaunt.
Die Fahrt vom Buchladen zu ihnen nach Hause dauerte nicht lange, aber doch so lange, dass mich Mrs Williams’ Augen im Rückspiegel anlächeln konnten.
Als ich mir Jennas Handy auslieh, um meine Mutter anzurufen und ihr zu sagen, wo ich war, ging sie nicht ran. Ich hinterließ ihr die Telefonnummer der Williams und Jennas Handynummer und bat sie, mich zurückzurufen. Sie meldete sich nicht.
Ich hatte Angst, dass sie wütend sein würde, als die Williams mich am nächsten Morgen absetzten, aber sie war noch in ihrem Schlafzimmer. Ohne den säuerlichen Geruch von Mikrowellen-Pasta hätte ich gar nicht gewusst, dass sie überhaupt da war.
Doch Orman hatte in meinem Herzen schon Wurzeln geschlagen, klemmte unter meinem Arm und flehte darum, noch mal gelesen zu werden – flehte mich an, den tropfenden Wasserhahn und die leere Einfahrt und die Football-Spiele zu vergessen und in eine Welt zu fliehen, in der die Probleme viel größer und viel fantastischer waren als in meiner eigenen.
, flüsterte es.
Und frohen Herzens ging ich mit.
Die Geschichte handelt von zwei Schwestern, Emmeline und Ainsley, die ein verborgenes Reich entdecken – voller alter Prophezeiungen und flüsternder Wälder –, das an unsere Welt angrenzt. Emmeline ist eigentlich die Stillere, die Sanftmütigere, doch als ein Tropfen ihres Blutes den Waldboden durchtränkt, verpflichten die Alten Gesetze sie, Herrscherin des Reiches zu werden, und die extrovertierte, bestimmerische Ainsley wird unglaublich eifersüchtig.
Alles wird noch...




