E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Schumacher Deep - Gefahr aus der Tiefe
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96188-171-0
Verlag: Mantikore-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-96188-171-0
Verlag: Mantikore-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jens Schumacher erfindet Geschichten, seit er einen Stift halten kann. Seit Mitte der 1990er Jahre veröffentlicht er Bücher und Spiele für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, darunter Fantasyromane, Krimis, interaktive Spielbücher sowie Sachtitel. Er gehört zum Autorenteam der international erfolgreichen Rätselspielserie BLACK STORIES, seine Werke sind in 26 Sprachen übersetzt. Er lebt im Saarland.
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1
BOROBODUR,
22. SEPTEMBER 2013
Der Tempel war riesig. Das war das Erste, was Henry Wilkins durch den Kopf schoss, als der Land Rover eine Kurve umrundete und sich ihm zum ersten Mal ein Blick auf »das achte Weltwunder« bot, wie sein Reiseführer die berühmte religiöse Besinnungsstätte genannt hatte.
Aus der Ferne erinnerte der Borobudur an eine Festung aus einem aufwendig produzierten Fantasy-Film: In terrassenartigen Stufen reckte sich grauer Stein über eine Breite von mehr als hundert Metern turmhoch in den strahlend blauen Himmel. Jede einzelne Etage war geschmückt mit Vorsprüngen, Spitzen, Portalen und Statuen. Die schiere Vielfalt an Details wirkte auf den ersten Blick chaotisch, ein Meer aus Ecken und Kanten, so weit das Auge reichte.
Der Anblick war zugleich faszinierend und verwirrend. Henry hatte an der Seite seines Vaters, des Anthropologen Dr. Donald Wilkins, religiöse Kultstätten auf der ganzen Welt besucht. Aber weder die unterirdischen Opfergrotten, die sein Vater in Südafrika entdeckt hatte, noch die lianenüberwucherten Steinhütten, auf die sie vor Jahren im dichten Dschungel des Amazonasbeckens gestoßen waren, konnten es mit Borobudur aufnehmen. Nur ein einziges Mal war Henry uralten Bauwerken begegnet, die rätselhafter und verstörender, noch Ehrfurcht gebietender auf ihn gewirkt hatten. Doch er bemühte sich, die Erinnerung an diesen Ort rasch wieder zu verdrängen …
Lautes Hupen riss ihn aus seinen Gedanken.
»Herrje, nun schaff schon deinen Schrotthaufen von der Straße!«
Henry drehte den Kopf in Richtung Fahrersitz, wo Dr. Pelham sich mit schweißüberströmtem Gesicht mühte, den Jeep ohne größere Beschädigungen durch die endlose Masse aus qualmendem, stinkendem und hupendem Blech zu steuern, die seit ihrem Aufbruch von Yogyakarta die Landstraße verstopfte.
»Man sollte auf Java eine TÜV-Pflicht einführen!« Kopfschüttelnd deutete Pelham auf einen gut vierzig Jahre alten Passagierbus, der im Schneckentempo vor ihnen hertuckerte und aus nicht viel mehr als vier Rädern und Unmengen Rost zu bestehen schien. »Dann würden mit einem Schlag neunzig Prozent dieser Wracks von den Straßen verschwinden.« Er zwinkerte Henry zu. »Oder auch hundert.«
Henry musste grinsen. Die Vorstellung, die schlecht gepflasterte Straße ganz für sich allein zu haben, war tatsächlich verlockend.
Dr. Michael Pelham war Archäologe und wie Donald Wilkins Dozent an der Universität von Toronto. Der drahtige Enddreißiger mit der John-Lennon-Sonnenbrille und dem dichten Oberlippenbart hatte Henry am Vormittag am Flughafen von Yogyakarta abgeholt. Obwohl Henry mit seinen sechzehn Jahren bereits alle fünf Erdteile bereist hatte und in fremden Ländern normalerweise gut zurechtkam, war er erleichtert gewesen, als über den Köpfen der hektisch brodelnden Menschenmenge am Hauptterminal plötzlich ein Pappschild mit seinem Namen aufgetaucht war. Der Mann, der darunter zum Vorschein kam, wirkte auf den ersten Blick wie ein wandelndes Klischee: beigefarbenes Safarihemd, knielange Cargohosen und hohe Schnürstiefel, dazu ein breiter Sonnenhut – das Abziehbild eines Forschers, der in südlichen Gefilden unterwegs ist. Wie sich jedoch rasch herausstellte, war Michael Pelham ein umgänglicher und humorvoller Typ. Henry fühlte sich in seiner Gegenwart sofort wohl.
Pelham hatte ihn zu einem offenen Land Rover geführt, der schon bessere Zeiten gesehen hatte, im Gegensatz zu den meisten Fahrzeugen Javas aber zumindest noch fahrtüchtig wirkte. Nachdem der Archäologe Henrys Gepäck auf der Ladefläche verstaut hatte, verkündete er gut gelaunt, zum Borobudur sei es nicht allzu weit.
Wie Henry im Anschluss lernen musste, bedeutete »nicht allzu weit« auf Java längst nicht, dass man auch rasch am Ziel war. Unmittelbar nach ihrem Aufbruch vom Flughafen gerieten sie in eine nicht abreißen wollende Kolonne von Pkws, Taxis, Bussen und Motorrollern. Zunächst nahm Henry an, es handele sich um den üblichen Stoßverkehr einer größeren Stadt. Doch schon bald dämmerte ihm, dass all die lärmenden, voll besetzten Fahrzeuge dasselbe Ziel hatten wie Dr. Pelham und er: die Kedu-Ebene, auf der sich die heilige Tempelanlage von Borobudur befand.
»Als Dad mich einlud, ihn und sein Team hier zu besuchen, war mir nicht klar, dass der Borobudur eine internationale Sehenswürdigkeit ist«, gab er zu. »Die Bilder, die man im Internet von der Anlage findet, wirken eher einsam, beinahe ausgestorben.«
»Volle Absicht«, entgegnete Pelham. »Die indonesische Fremdenverkehrsbehörde will schließlich nicht, dass die Besucherströme abreißen.« Er bremste abrupt und betätigte erneut die Hupe, als vor ihnen ein Lieferwagen mit mindestens zwei Dutzend bunt gekleideten Touristen auf der Ladefläche ohne erkennbaren Grund stoppte.
»Normalerweise liegen Dads Einsatzgebiete an Orten, wohin sich sonst in hundert Jahren niemand verirrt.« Unwillkürlich zogen Bilder der spartanischen Camps vor Henrys geistigem Auge auf, in denen er während verschiedener Expeditionen mit seinem Vater und dessen Forscherkollegen gehaust hatte: klatschnasse Zelte im tropischen Urwald Südamerikas; versandete Bretterverschläge im Tal der Könige in Ägypten; enge Thermozelte in den trostlosen Weiten der Antarktis … Henry zuckte zusammen, als er erneut an ihre letzte gemeinsame Expedition dachte, von der sie erst fünf Monate zuvor mit Mühe und Not lebend zurückgekehrt waren. Er verdrängte die Erinnerung erneut und richtete den Blick stattdessen auf den mächtigen Tempel, der vor ihnen größer und größer wurde.
»Ich fürchte, dein Vater hatte sich die Arbeit auf Java auch anders vorgestellt.« Pelham wies auf die Blechlawine rings um den Land Rover. »Die Indonesier vermarkten ihr Weltkulturerbe wie ein kleines Disneyland.« Er umrundete einen rostzerfressenen Van ohne Türen, der mit qualmendem Motor am Straßenrand liegen geblieben war. »Denk nur an die Armada von Verkaufsständen bei Plonkeng.«
Henry verstand, was der Archäologe meinte. Unmittelbar hinter dem kleinen Ort, den sie auf dem Weg durchquert hatten, war die Straße auf einer Strecke von über einem Kilometer von Verkaufstischen gesäumt gewesen, an denen Steinmetze Miniaturen des Borobudur feilboten, Nachbildungen der Mauerskulpturen sowie handliche Ausgaben von so ziemlich jedem Heiligen aus der buddhistischen Glaubenslehre.
»Und das war noch nichts gegen das, was noch kommt.« Pelham hob einen Arm. »Schau!«
Vor ihnen war ein gewaltiger Parkplatz aufgetaucht. Aberhunderte Autos drängten sich dort dicht an dicht. Dahinter erstreckte sich ein grau gepflasterter Weg, der zwischen grünen Wiesen und tropischen Baumgruppen hindurch zum Heiligtum selbst führte. Er war gesäumt von bunt geschmückten Verkaufsständen, zwischen denen sich Horden von Touristen drängten und Gemälde des Borobudur, Buddha-Statuen und andere Erinnerungsstücke begutachteten.
»Oh Mann.« Henry fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Faszination und Abscheu. »Das müssen ja Tausende von Menschen sein. Sind das alles Touristen?«
Pelham schüttelte den Kopf. »Es kommen auch viele Einheimische hierher. Anhänger des buddhistischen Glaubens legen weite Strecken zurück, um die berühmten Steinreliefs mit Darstellungen aus dem Leben Buddhas mit eigenen Augen zu betrachten.« Der Archäologe richtete sich in seinem Sitz auf und spähte konzentriert in alle Richtungen. »Ich fürchte, es wird eine Weile dauern, bis ich einen Platz für den Wagen finde. Wenn du willst, steig ruhig schon aus und schau dir den Tempel an. Wir treffen uns am Rand des Vorplatzes, am Ende der Verkaufsmeile. Dein Gepäck bringe ich mit. Alles klar?«
»Alles klar.« Henry wartete nicht, bis Pelham den Land Rover zum Stehen gebracht hatte. Er kletterte auf den Beifahrersitz und sprang über die geschlossene Tür nach draußen. Kaum stand er, wurde er bereits vom Sog der vorwärtsströmenden Menschenmassen erfasst. Da sie auf den Tempel zuhielt, ließ er sich mittreiben.
Unter den bunten Sonnenschirmen, die die Verkaufsstände mit ihren schreienden und feilschenden Inhabern überschatteten, herrschte ein Wirrwarr aus unterschiedlichen Sprachen. Henry glaubte, Englisch, Deutsch, Französisch und Chinesisch herauszuhören, dazwischen Basa Jawa, die Landessprache, sowie einige ähnlich klingende Dialekte, von denen er annahm, dass es sich um Sundanesisch oder Balinesisch handelte. In den meisten der englischen und französischen Gesprächsfetzen, die er aufschnappte, ging es um die Verkaufspreise irgendwelcher Souvenirs.
Höflich, aber bestimmt schob er sich vorwärts.
Nach etlichen Minuten lichtete sich die Menschenmenge, und Henry trat auf einen freien Platz...




