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E-Book, Deutsch, 647 Seiten

Schumann Blackfield

Die Erdlinge
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7427-3468-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Erdlinge

E-Book, Deutsch, 647 Seiten

ISBN: 978-3-7427-3468-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Blackfield soll ein Wärmekraftwerk gebaut werden. Tief unter der Erde wohnen die Erdlinge, menschenähnliche Wesen, die sich davon bedroht fühlen. Beim Bau des Kraftwerks wird der Squalator frei, ein Dämon, der zum Weiterleben Menschen aussaugen und 'besetzen' muss. Die Sorgen der Erdlinge können entkräftet werden, der Squalator aber lässt sich nicht mehr einfangen. Die 16-jährige Emma verliebt sich in den gleichaltrigen Philipp. Doch diese Liebe wird zerstört, als der Squalator ihn als Opfer wählt. Philipp stirbt, aber mit Rücksicht auf Emma verschwindet auch der Squalator.

Simon Ickx schreibt seit mehreren Jahren Romane, nicht nur im Fantasy-Bereich.
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1. Wo ist der Ball?


Diese Jungs kannten wohl nichts anderes, schon als Kinder wollten sie gegen einen Ball treten und ihn in ein Tor schießen. Als Mädchen verstand Emma das nicht, und inzwischen spielte sie nur noch mit ihrem Bruder Robert, wenn sie sich davon finanzielle oder andere Vorteile versprach. Notfalls eben auch Fußball. Nach den Regeln, die natürlich Robert aufgestellt hatte, gab es nur ein Tor auf dem Spielfeld, nämlich den Zwischenraum zwischen zwei Tannen im Garten. Und jeder von beiden musste abwechselnd Torwart oder Torschütze sein.

An das kleine Haus, in dem früher die ganze Familie lebte, grenzte ein großflächiger Garten, der den Namen eigentlich nicht verdiente. Emmas Vater hatte ihn immer als »kleinen Urwald« bezeichnet. Emma fand, dass auch die Bezeichnung »wild« passte, im Sinne von Wildnis.

Ihre Eltern hatten sich nie viel um die Pflege dieser Ansammlung von durcheinander wuchernden Pflanzen gekümmert. Sie ließen sie einfach wachsen. In der Mitte war eine größere Grasfläche, die nichts mit einem Rasen zu tun hatte, so wie ihn die Nachbarn in ihren Gärten jeden Samstag so gründlich pflegten.

In diesem »Garten« wuchsen neben Gräsern auch wilde Blumen und eine Menge von dem, was die Nachbarn naserümpfend als Unkraut bezeichneten. Hier wurde nur selten gemäht. Wenn es mal wieder soweit war, dass der Wildwuchs die Terrasse erreicht hatte, lieh sich Emmas Vater eine Maschine von einer Firma, die auch Mähdrescher vermietete. Damit bekam man auch kniehohes Gras klein. Ein normaler Rasenmäher war da machtlos.

Um diese Fläche herum gediehen allerlei Pflanzen, zahlreiche Sträucher und kleinere Bäume, aber auch immer wieder Blumen, inmitten von Disteln und Brennnesseln. Ein wahrer Dschungel, der aber Emma und Robert gefiel.

Wie oft hatten andere Kinder neidische Bemerkungen gemacht, und waren gern zum Spielen gekommen. Man konnte dort richtige Abenteuer erleben. Als Emma noch ein Kind war, erfanden sie und andere Kinder immer wieder Geschichten mit den gefährlichsten Abenteuern.

Damals war Emma noch zehn Jahre alt oder jünger. Da spielte sie noch gern mit dem Ball, ab und zu sogar Fußball. Später, als Emma dann älter wurde, befand sie, dass man als Mädchen nicht mehr spielt, vor allem keine Abenteuer, das war von da an mehr was für Jungs. Auch Fußball oder andere Arten von Sport, das alles war nun nichts mehr für sie.

Spätestens mit Zwölf, so erinnerte sie sich, wurden ihr die Freundinnen immer wichtiger und ihr Bruder immer lästiger. Im Laufe der Zeit war er für Emma zu einem echten Quälgeist geworden. Die Jungs und die Mädchen, die vorher noch zusammen gespielt hatten, zogen sich jeweils in eigene Welten zurück, und auch Robert, ihr Bruder, fand eine Gruppe von Gleichgesinnten. Konflikte gab es nur, wenn andere Interessengruppen, zu denen auch die Erwachsenen zählten, Emmas Weg kreuzten, was manchmal unvermeidlich war.

So setzten die Eltern ihr Grenzen, beschränkten ihren wachsenden Bedarf an Telefonnutzung und Geld, erlaubten ihr vieles nicht, was andere eigentlich durften. Doch alles in allem kam sie damit zurecht, nicht immer, ab und zu gab es deftige Krisen, oft auch mit ihrer Mutter. Aber meistens ließ es sich mit dieser zweigeteilten Familie irgendwie ganz gut leben.

Als ihre Mutter auszog und Emma dann allein bei ihrem Vater zurückblieb, änderte sich einiges. Zuerst schien alles besser, denn es gab weniger Kontrollen, weil ihr Vater oft nicht zu Hause war. Doch mit der Zeit begann Emmas Mutter ihr zu fehlen, wie oft sehnte sie sich nach einem richtigen Streit mit Mama. Es war einfach anders, seit ihre Eltern sich wohl endgültig auseinandergelebt hatten.

Und nun stand Emma im Garten, auf einer Fläche, die vor wenigen Tagen mal wieder gemäht worden war, und versuchte eher lustlos zu verhindern, dass Roberts Ball zwischen den beiden Tannen landete, die rechts und links hinter ihr aus dem Boden ragten.

Glücklicherweise regte Robert sich nicht darüber auf, dass Emma eine so miserable Torhüterin war. Im Gegenteil: Er freute sich über jedes Tor, das er schoss, die Anzahl der Treffer musste inzwischen längst im zweistelligen Bereich sein. In dieser Höhe würde eine echte Fußballmannschaft nie gewinnen, so viel wusste Emma noch.

Als Robert erneut zum Schuss ansetzte, hatte Emma sich vorgenommen, endlich einmal wieder den Ball zu halten. Die knallrote Kugel flog auf sie zu – sie griff danach und erwischte sie. »Hab ihn«, lachte Emma, als sie Roberts enttäuschtes Gesicht sah, das sich kurz darauf aber wieder aufhellte: »Aber nächstes Mal«, lachte er ihr zu, »wird das wieder ein Tor.«

Diesmal wollte Robert offenbar einen besonders harten Schuss landen. Er nahm einen weiten Anlauf und trat zu, doch der Ball flog weit am Tor vorbei und landete irgendwo im Gestrüpp.

»Ich war abgelenkt, daran war schuld!«, rief Robert und zeigte in eine Richtung hinter Emma. Die drehte sich um, konnte aber niemanden sehen. »Eben war er noch da. Der sah so komisch aus, wie ein Alien.« »Klar«, meinte Emma, »und deshalb hast du danebengeschossen?« »Ja«, meinte Robert. »Blöde Ausrede«, lachte Emma, »Tatsache ist: Das war daneben.«

Gemeinsam hielten sie nach dem Ball Ausschau. Weil ihr Vater auch eine größere Fläche hinter dem »Tor« gemäht hatte, ließ sich die rote Kugel bisher immer schnell wiederfinden. Doch diesmal konnten beide den Ball nicht entdecken. Er musste irgendwo weiter hinten verschwunden sein, ausgerechnet dort, wo das Gestrüpp besonders hoch und dicht war.

»Ich habe keine Lust mehr zu suchen«, meinte Emma nach einiger Zeit, »warten wir auf Papa, der ist größer und wird ihn schon finden.« Doch Robert war stur, er wollte den Ball unbedingt jetzt wiederhaben. Und Emma wusste, dass Ärger mit Robert auch Ärger mit Papa bedeuten konnte. Und ihr Plan wäre gefährdet, nächste Woche mit Clara shoppen zu gehen.

Also schaute sie sich weiter nach dem roten Ball um. Er musste doch irgendwo zu sehen sein. Nachdem eine Stunde vergangen war, gab endlich auch Robert weinend auf.

»Lass uns erst mal ausruhen und später weiter schauen, ob wir ihn finden«, versuchte Emma ihren Bruder zu trösten. Der nickte und beide gingen ins Haus.

Drin nutzte Emma die Pause, um erst einmal ausgiebig mit ihrer Freundin Clara zu telefonieren. Doch schon nach kurzer Zeit verlangte Robert nach ihr, ihm ging sein Ball nicht aus dem Kopf.

»Wenn wir ihn nicht mehr finden«, meinte Emma, noch immer den Telefonhörer am Ohr, »kauft Papa dir bestimmt einen neuen.« Das hätte sie besser nicht sagen sollen, denn nun heulte Robert erneut los und Emma gab schließlich entnervt das Telefonieren auf.

»Also gut«, sagte sie dann laut und wütend, »dann suchen wir eben weiter. Irgendwo muss das Scheißding doch sein!« »Mein Ball ist kein Scheißding!« Emma hatte keine Lust, darauf zu antworten.

Nun musste sie erneut in diesen Dschungel aus verwachsenen Pflanzen. Glücklicherweise hatte sie ihre dicken Jeans an, denn außer Gebüsch und hohem Gras gab es dort auch Brennnesseln, Disteln und allerlei dorniges Gestrüpp.

Eigentlich ließ sich dieser Ball doch leicht erkennen, er war rot und das ganze Pflanzenzeug war vorwiegend grün. »Weißt du denn ungefähr, in welche Richtung der Ball geflogen sein könnte?«, fragte Emma, in der Hoffnung, wenigstens eine Orientierungshilfe zu bekommen. Weinend schüttelte Robert den Kopf.

Inzwischen waren sie an einer Stelle angekommen, an der sie noch nie gesucht hatten. So schien es Emma. Vielleicht war ja der Ball irgendwo zwischen diesen ganzen Brennnesseln, die hier überall dicht an dicht wuchsen? Und tatsächlich konnte sie plötzlich etwas Rotes sehen. Das war bestimmt Roberts heiß geliebter Ball.

»Komm mal hierher!«, rief sie ihrem Bruder zu. Der ließ sich nicht zweimal bitten. »Das ist er«, kreischte Robert, als auch er das rote Etwas im Brennnesselmeer erkannte.

»Warte, den müssen wir mit einem Stock rausholen«, hielt Emma ihren Bruder zurück, »oder noch besser: Ich nehme Papas Lederhandschuhe.«

So schnell sie konnte, bahnte sie sich einen Weg zurück zum Haus, lief hinein und suchte dort nach den besagten Handschuhen. »Wo sind diese Dinger nur?«

Es dauerte eine Weile, bis Emma sie gefunden hatte. Rasch streifte sie beide über und lief dann zurück zu der Stelle, an der sie das rote Etwas entdeckt hatten.

Doch wo war Robert auf einmal? Emma erschrak: »Robert!«, rief sie und schaute sich um. »Hier«, hörte sie die Stimme ihres Bruders, »ich bin hier. Hier unten. Ich habe den Ball.«

Nun musste sie nur noch herausfinden, von woher genau Roberts Stimme kam. Emma ging in die Richtung, in der sie ihren Bruder vermutete, mit erhobenen Armen, denn das Gestrüpp wurde immer dichter und wuchs an dieser Stelle weitaus höher als sonst. Es reichte ihr bereits weit über die Taille.

Als sie Robert noch einmal rufen hörte, blieb sie stehen und wendete sich einer neuen Richtung zu. Woher kam das? Aufgeregt wollte sie losrennen, verlor aber plötzlich das Gleichgewicht, stürzte und landete mit dem Gesicht mitten in den brennenden Nesseln.

Schnell raffte sie sich auf, ihr kamen die Tränen. Das tat weh. Dieser verdammte Kerl! Wäre er doch nur stehen geblieben und hätte auf sie gewartet!

Einen Moment achtete sie nicht auf die Stimme von Robert. Sie spürte nur den brennenden Schmerz in ihrem Gesicht. Damit dürfte der ganze Tag gelaufen sein. Mit so einer Fratze konnte sie sich nicht unter andere Menschen wagen.

»Wo ist der Blödmann?«, wetterte Emma und schaute sich um. Und wieder hörte sie seine Stimme. Sie schien von dort zu kommen, wo mehrere Bäume wie eine hohe und breite...



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