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E-Book, Deutsch, 327 Seiten
Schumann (K)ein Fall für Lieblos
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7427-3524-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 327 Seiten
ISBN: 978-3-7427-3524-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Simon Ickx schreibt seit mehreren Jahren Romane, nicht nur im Krimi-Bereich.
Autoren/Hrsg.
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2 Ermittlungen
Gestern hatte Frieda nicht genau mitbekommen, was geschah. Auf einmal wurde der Mann, den sie im Bus als Leo kennengelernt hatte, von Kemals Chef überaus freundlich behandelt. Er kannte sogar seinen Nachnamen: Lieblos. Und faselte etwas von »Totenflüsterer«.
Als Leo dann aus dem Wald zurückkam, verabschiedete sich Kommissar Krüger höflich und gab ihm sogar ein Kärtchen mit seiner Telefonnummer. Als er die von Lieblos wollte, zierte der sich zuerst ein bisschen. Dann wählte er die Zahlenfolge, die er auf der Visitenkarte fand, damit Krüger die Nummer von Lieblos auf dem eigenen Handy speichern konnte.
Frieda hatte die Gelegenheit genutzt und Lieblos gebeten, dasselbe nochmal mit ihrer Handynummer zu wiederholen, die sie ihm langsam zum Eintippen diktierte. Dass er das nur widerwillig tat, war eindeutig zu erkennen.
»Was heißt Totenflüsterer?«, hatte sie ihn gefragt. Lieblos zögerte einen Moment, ehe er antwortete. »Ich kann mit Toten reden«, sagte er dann knapp. »Mit Toten reden? Die hören, was Sie sagen, und Sie hören, was die sagen?« »So ungefähr.« »Das ist ja cool«, sagten Frieda und Ali wie aus einem Munde. Nun wussten es alle, denn nicht nur Kemal konnte es hören.
Lieblos hatte sich dann schnell verabschiedet, er wolle jetzt nach Hause. Und Frieda hatte ihn noch zusammen mit Ali zur Haltestelle gebracht. »Damit Sie den richtigen erwischen«, hatte sie gesagt. Als der Bus kam, verabschiedete sich der Ex-Polizist mit den Worten: »Dann tschüss, bis irgendwann mal.«
Frieda hatte sich geärgert. Das wäre ihre Chance gewesen, endlich an der Lösung eines Mordfalls mitzuwirken. Wo sie doch Krimis bisher immer nur in Büchern und Filmen miterleben konnte. Alis Onkel Kemal war Polizist, aber nur einfacher Kommissar. Er träumte davon, endlich Hauptkommissar zu werden. Wenn Ali und Frieda sich bei einem Tatort herumtrieben, fand Kemal, das sei eher schlecht für seine Karriere.
Auf einmal lernte Frieda mit Leo jemanden kennen, der mal Polizist war und sogar mit Toten reden konnte. Und es gab einen Toten. Aber Leo Lieblos hatte sich dann einfach verabschiedet. Doch jetzt hatte Frieda einen Grund, ihn wiederzusehen.
*
Lieblos saß beim Frühstück in einem Café nicht weit von seinem Wohnort entfernt. So konnte er die NOZ (wie die Osnabrücker Tageszeitung in Kurzform hieß) schon jetzt lesen. Es ging ihm dabei auch nur um einen bestimmten Artikel. Erst nach einigem Suchen fand er einen kurzen Text mit dieser Überschrift: »Mord im Osnabrücker Stadtteil Schinkel.«
»Gestern wurde ein 30 bis 35 Jahre alter Mann gefunden. In ihm steckte ein Holzpfahl, sein Gesicht und seine Zähne waren so präpariert, dass er wie Dracula aussah. Es wurden bisher keine Hinweise auf den oder die Täter gefunden, obwohl die Kriminalpolizei die Umgebung des Tatorts gründlich absuchte. Der Mann wurde wahrscheinlich zwischen 20 und 21 Uhr getötet.«
Die Information im letzten Satz war für Lieblos neu. Muss mich das das eigentlich interessieren?, fragte er sich. Da klingelte sein Smartphone (Lieblos benutzte den klassischen Klingelton alter Telefone). Es war Frieda, das Mädchen, das er gestern im Bus getroffen hatte. Und das ihm die Anteilnahme an dem Dracula-Fall eingebrockt hatte.
»Ja«, fragte er eher abweisend. »Leo, äh Herr Lieblos, können wir uns treffen? Wir haben ein Beweisstück gefunden.« »Wer ist wir?« »Ali und ich. Wir waren heute Morgen bei der Schule im Wald. Ich hatte da so eine Ahnung.« »Eine Ahnung?« »Ja, und da habe ich was entdeckt.«
»Und was?« »Das kriegen Sie, wenn wir uns treffen.« »Du willst es geben? Für den Fall ist Hauptkommissar Krüger zuständig. Der muss es haben, wenn es ein Beweisstück ist. Ihr kennt doch einen von der Osnabrücker Polizei, Kemal. Dem könnt ihr es auch geben.« »Na gut, aber erst möchte ich es Ihnen zeigen.«
Dieses Mädchen war hartnäckig. Und schlau. Sie wollte nicht sagen, um was genau es ging. Und sie hatte Lieblos neugierig gemacht. Jetzt wollte er wissen, was es war, das die beiden im Wald gefunden hatten.
»Ich komme mit dem Bus aus Hellern. Wir treffen uns am Neumarkt, an der Haltestelle, wo dieser Bus hält.« »In einer Stunde?« Lieblos schaute auf das gekochte Ei vor ihm, auf die beiden Weltmeister-Brötchen und auf die Marmelade, die er noch nicht angerührt hatte. Und auf eine halbvolle Tasse Kaffee. »In zwei Stunden«, sagte er.
Weniger als zwei Stunden später war Lieblos dann am Neumarkt ausgestiegen. Frieda und Ali warteten schon und kamen auf ihn zu.
»Was habt ihr?«, wollte er etwas ungeduldig fragen, aber Frieda hielt ihm schon einen Gefrierbeutel mit einer Brille entgegen. »Hm«, machte Lieblos, dann lächelte er: »Darf ich euch zum Eis einladen?«, fragte er.
Frieda und Ali sahen sich an und nickten freudig. Zielsicher gingen sie vor und steuerten die nächste Eisdiele an. Sie fanden einen freien Tisch und setzten sich. Es dauerte nicht lange, bis eine Kellnerin erschien. Die beiden Kids bestellten einen Eisbecher, Lieblos einen Cappuccino. Für eine Portion Eis war nach dem üppigen Frühstück, das er genossen hatte, kein Platz mehr.
»Darf ich?«, fragte Lieblos und schaute auf den Gefrierbeutel mit der Brille. Und als Frieda nickte, nahm er den Beutel, hielt ihn sich dicht vors Gesicht und drehte ihn langsam hin und her. Kurz darauf kam die Kellnerin und servierte zwei Eisbecher und eine Tasse Cappuccino. »Danke«, sagte Lieblos und schickte der Frau ein kurzes Lächeln.
»Und Sie können wirklich mit Toten reden?«, hörte er Ali fragen. Lieblos nickte: »Sozusagen.« »Was heißt das? Wie sprechen Sie denn miteinander, wenn der andere tot ist? Das geht doch gar nicht.«
Lieblos zögerte einen Moment, dann grinste er: »Ich sage ›Hallo‹, der andere sagt ›Hallo‹, ich frage ›Wie geht’s?‹ und der Tote antwortet ›Nicht mehr gut‹. Dann lass ich mir ein bisschen darüber erzählen, was passiert ist, nicht jeder Tote ist gesprächig, manche wollen auch nichts sagen. Naja, und zum Schluss verabschiede ich mich: ›Na, dann alles Gute‹. Oder so.«
Lieblos lachte und legte den Beutel wieder auf den Tisch. Frieda stieß Ali an: »Der verarscht dich.« »Was?«, fragte Ali. Lieblos schüttelte den Kopf. »Ein bisschen hast du recht«, meinte er, »Wir machen keinen Smalltalk. Also nicht Wie geht es und Alles Gute. Aber ich sage etwas zu dem Toten. Und ich höre ihn antworten. In meinem Kopf. Und manchmal erfahre ich so eine Menge, manchmal aber auch gar nichts.«
»Ich find's cool«, meinte Ali, »Sie könnten ja mal mit meiner Oma reden. Die ist vor ein paar Monaten gestorben.« Frieda schubste ihn wieder: »Deine Oma ist doch nicht ermordet worden.« Ali zuckte mit den Schultern. »Außerdem ist sie ja schon längst begraben.«
Lieblos lächelte schweigend. Dann zeigte er auf den Beutel mit der Brille. »Am besten, ihr bringt dieses Stück gleich zu Kommissar Krüger, wenn ihr euer Eis aufgegessen habt. Könnte sein, dass daran Spuren des Mörders sind.« Frieda nickte.
»Wie hast du diese Brille gefunden? Wo lag sie?«, fragte Lieblos neugierig.
»Wir sind vom Tatort aus ziemlich weit in den Wald hineingegangen, dann die Goldkampstraße runter, Richtung Bremer Straße. Ich hatte so ein Gefühl, da müsste noch was liegen.« Lieblos sah sie fragend an. »Frieda hat manchmal so eine Ahnung«, versuchte Ali eine Erklärung, »Wenn jemand nach etwas sucht, dann ist es meistens sie, die es findet.«
»Aha«, machte Lieblos und dachte an seinen toten Freund Fritz Herzog. Auch der war oft noch die Umgebung eines Tatorts noch einmal weiträumig abgegangen, nachdem die Spurensicherung verschwunden war. Und nicht selten hatte er noch etwas gefunden. Nicht immer war es für den Fall von Bedeutung, aber hin und wieder auch von großer.
Inzwischen hatten Ali und Frieda ihre Eisbecher geleert. »Ich habe die Brille nicht mit den Fingern angefasst«, sagte Frieda zu Lieblos, »sondern den Beutel drüber gestülpt.« »Wie die Profis«, meinte Lieblos anerkennend.
Er nickte ihnen zu. »Wir sehen uns sicher wieder«, meinte Frieda zuversichtlich, »denn wir arbeiten ja jetzt am selben Fall.« Lieblos wollte etwas antworten, doch er lächelte nur schweigend. Als die beiden dann losgegangen waren und ihm noch einmal zuwinkten, winkte er zurück und widmete sich dann seinem Cappuccino.
Kaum war er damit fertig, als sein Smartphone klingelte. »Ja?«, fragte er, »Herr Krüger«, ergänzte er, als er die Stimme am anderen Ende erkannte. »Wo sind Sie gerade?«, hörte er Krüger fragen. »Ist das ein Verhör?«, versuchte Lieblos zu scherzen. »Wo sind Sie?«, wiederholte Krüger seine Frage und ergänzte: »Klingt, als wären Sie in einem Straßencafé.« »Erwischt«, meinte Lieblos, »Gerade habe ich meinen Cappuccino getrunken.«
»Die Kinder waren bei mir, sie haben mir eine Brille gebracht, die sie gefunden haben.« »Und?« »Wären Sie so nett und besuchen mich mal? Ich möchte mit Ihnen reden. Es ist auch nicht weit. Wenn Sie in der Nähe vom Neumarkt sind.«
»Bin ich.« Die Nachfrage »Woher wissen Sie das?« verkniff sich Lieblos. Wahrscheinlich hatten Frieda und Ali dem Herrn Hauptkommissar alles erzählt. »Wie komme ich zu Ihnen?«, fragte Lieblos.
»Vom Neumarkt den Kollegienwall runter, sind nur ein paarhundert Meter.« »Gut, ich bin in einer Viertelstunde bei Ihnen.« Lieblos winkte der Kellnerin und rief »Zahlen, bitte!« Die kam auch nach kurzer Zeit und er rundete die Rechnung für den Cappuccino und die Eisbecher großzügig auf. »Danke«, verabschiedete sich die Kellnerin, Lieblos nickte ihr zu und stand auf.
Vom Neumarkt aus fand er den Anfang der besagten...




