E-Book, Deutsch, 215 Seiten
Schuster Büchner Sixty-Nine
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-911008-25-9
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 215 Seiten
ISBN: 978-3-911008-25-9
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frank Schuster, geboren 1969, lebt in Darmstadt. Er arbeitet als Redakteur des 'Darmstädter Echo' und ist Mitglied der südhessischen Literaturgruppe Poseidon. Er hat Germanistik, Anglistik, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte in Frankfurt, Marburg und Oxford studiert. Jüngste Veröffentlichungen im mainbook Verlag: 'Odenwald' (Klima-Thriller, 2023) und 'Sternenfutter' (Dystopie, 2018). Näheres auf seiner Homepage: www.frankschuster.blog
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1.
Donnerstag, 4. September 1969: Erster Schultag nach den Sommerferien
„Der Lüdde ist weg.“
„So eine Schweinerei.“
„Die haben einfach bis nach den Sommerferien gewartet.“
„Als ob sie gehofft hätten, dass wir ihn bis dahin vergessen haben.“
„Den sehen wir nie wieder.“
„Sein Unterricht war ziemlich gut.“
„Er hatte aber auch radikale Ansichten, findet ihr nicht?“
„Er hat es den Nazilehrern hier allerdings mal so richtig gezeigt.“
Michael saß auf der Treppe und lauschte den Gesprächen auf dem Schulhof. Es machte die Runde, was auch er heute Morgen in der Zeitung gelesen hatte: Sein Sozialkundelehrer, der Studienassessor Heinz Lüdde, der erst seit knapp einem halben Jahr an der Georg-Büchner-Schule unterrichtete, war von der Schule geflogen. „GBS-Lehrer entlassen“, lautete die Schlagzeile im Darmstädter Echo. Es war seltsam, den vollen Namen seines Lehrers in der Zeitung zu lesen. Irgendwie auch unfair – warum hatten sie nicht einfach L. geschrieben?
Jetzt bekamen sie einen neuen Lehrer in Sozi. Konnte nur schlechter werden.
In der Ferne sah Michael, wie die Schüler der zwölften Klasse – Unterprimaner hießen sie hier am Gymnasium – zusammenstanden. Sie hatten sich um Karl versammelt. Bestimmt heckten sie irgendeinen Plan aus, der mit Lüdde zusammenhing.
Wo blieb nur Thomas?
Michael musste sich unbedingt mit ihm über die Neuigkeiten austauschen. Hinter ihm lagen langweilige sechs Wochen Sommerferien. Ihr Tiefpunkt waren eindeutig die zwei Wochen bei seinen Großeltern im Allgäu gewesen. Der Höhepunkt war die Fernsehübertragung der Mondlandung, für die er länger hatte aufbleiben dürfen.
Thomas, der Glückliche, hingegen war mit seinen Eltern an die Adria gefahren. Michael war noch nie in Italien. Er stellte es sich aufregend vor. Sicherlich war da viel mehr los als in Seeg. Mehr als den Schwaltenweiher gab es dort einfach nicht. Sein Wasser war kalt, er war jedoch fast täglich darin baden. Er genoss es, dort allein sein zu können. Seine Eltern und Großeltern waren kein einziges Mal mitgekommen, sie hatten keinen Spaß am Schwimmen. Michael aber liebte es – besonders jene stillen Momente, wenn er seinen Kopf eintauchte, bis seine Ohren knapp unter Wasser waren und die Welt um ihn herum verstummte.
Eine gute Sache hatten die Ferien aber doch gehabt: Er hatte ungestört Gitarre üben können. Mittlerweile spielte er sogar schon das knifflige Intro von Jimi Hendrix' Little Wing ziemlich gut – die schönsten dreißig Sekunden Musik, die Michael kannte.
Während er weiter auf Thomas wartete, erinnerte er sich daran, wie Lüdde ihre Klasse, die 9b, im vergangenen Halbjahr übernommen hatte. Von der ersten Unterrichtsstunde an war klar, dass er einen komplett anderen Stil pflegte als alle anderen Lehrer an der Schule – lockerer, freier, offener, antiautoritärer, ja, rebellischer. Okay, Lüdde sah nicht unbedingt aus wie ein Rockstar oder so. Er trug keine langen Haare wie inzwischen die meisten Jungs in Michaels Klasse. Er trug sie kurz und gescheitelt. Mit seiner strengen Brille sah er eher aus wie ein Liedermacher oder Jazzmusiker. Wäre seine Haut nicht weiß, hätte er eine Ähnlichkeit mit Malcolm X.
In einer der ersten Stunden änderte Lüdde erst einmal die Sitzordnung. Er und die Schüler schoben jeweils drei Tische zusammen. Zwei mit den Längsseiten gegeneinander, den dritten an die Kurzseiten.
„Oh nee, Gruppenarbeit!“, murrten einige.
Michaels Klasse galt als rüder Haufen, der nur schwer zu unterrichten war – sie pufften und schlugen sich häufig. „Vieles von eurer Unruhe“, sagte Lüdde, „und eurer Unfähigkeit, euch zu konzentrieren, stammt einfach daher, dass man vierunddreißig Jungen im Alter von vierzehn bis fünfzehn Jahren in einem viel zu kleinen Raum in Reih und Glied zum Unterricht sitzen lässt.“ So drückte er sich aus und darüber lachten sie – vor allem über das Wort „Glied“. „Mädchen bekommen wir ja leider nicht in eure Klasse“, sprach Lüdde mit einem Grinsen in ihr Gelächter hinein, das sich daraufhin in ein lautes Gejohle steigerte.
Es durften zwar längst Mädchen an die GBS. Die meisten von ihnen zog jedoch weiterhin die Viktoriaschule ab, eine ehemalige Mädchenschule im schicken Paulusviertel. Sie war nur wenige hundert Meter entfernt von der Büchner, die draußen am Böllenfalltor-Stadion lag, in dem der SV Darmstadt 98 in der angelaufenen Saison in der Zweiten Liga Süd alles darum gab, nicht in die Amateurliga Hessen abzusteigen. Noch näher war die Lichtwiese, auf die sich Schüler gerne einmal in Freistunden zurückzogen, um zu kiffen oder zu knutschen.
Lüdde scherte sich wenig um das, was auf dem Lehrplan stand. Stattdessen versuchte er, auf die Schüler einzugehen. „Die gruppendynamischen Probleme könnt ihr durchaus auch im Unterricht ansprechen“, sagte er. Manchmal sprach er schon sehr geschwollen. Seine Unizeit lag noch nicht lange zurück. Zudem war er in der APO. Unter den Schülern raunte man, er habe in Frankfurt bei Adorno studiert.
Als Lüdde mitbekam, dass einige in der Klasse die Schülerzeitschrift Underground lasen, besprachen sie Texte daraus im Unterricht. Ziemlich gewagt, wie sich herausstellte. Denn in jeder Ausgabe verlieh das Magazin, das aus der linken Frankfurter Sponti-Ecke kam, den „Schlagring des Monats“ an einen prügelnden Lehrer. Von dieser Sorte gab es auch an der GBS noch einige. Die Zeitschrift berichtete über Themen wie „Am Arsch der Welt – Jugend in der Kleinstadt“, „Von zuhause weg – aber wohin?“, „Auf nach London! Da gibt's alles umsonst“ oder „So kriegt man Geld für's Demonstrieren.“
Über Sex schrieb das Magazin um einiges freizügiger als die Bravo. Michael hatte gehört, dass die Underground bald nicht mehr am Kiosk erhältlich sein sollte, weil sie als jugendgefährdend eingestuft worden war.
Auch Lüdde redete ziemlich offen über Sex.
Sexualkunde war erst im vergangenen Schuljahr an den Schulen eingeführt worden. Die Lehrer wussten noch gar nicht, wie sie das Thema überhaupt behandeln sollten. Lüdde pfiff auf den Sexualkunde-Atlas. Und er hatte recht – Gefühle kamen in der Schwarte gar nicht vor. Auch sonst nichts von dem, was die Klasse brennend interessierte. Michael war sich gar nicht sicher, ob Lüdde das Thema in Sozi überhaupt hätte ansprechen dürfen und ob es nicht eigentlich für Bio gedacht war.
Manchmal kramte er den Atlas nachts heimlich aus seiner Schreibtischschublade hervor, nur um ihn schnell wieder darin verschwinden zu lassen – abgetörnt von den mechanischen Darstellungen von Geschlechtsorganen. Am besten war noch das Bild vorne auf dem Cover, das aussah, als hätte der Maler es unter Drogen gemalt.
Michaels Eltern hatten ihn nicht aufgeklärt. Und vom Pfarrer wollte er das gar nicht erst werden. Er ging sowieso seit der Konfi nicht mehr in die Kirche.
Und dann kam die Unterrichtsstunde mit den Fragen.
Michael war sich sicher, dass sie es gewesen waren, die Lüdde das Genick gebrochen hatten. Er hatte der Klasse diktiert: „Sollen Jugendliche in Deinem Alter sexuell aufgeklärt werden und wie?“ Und: „Bist Du der Meinung, dass Jugendliche in Deinem Alter schon praktische intime Beziehungen zum anderen Geschlecht haben sollten?“
In der nächsten Stunde präsentierte Lüdde der Klasse seine Auswertung der anonym abgegebenen Antworten. Frage eins hatten alle mit ja beantwortet, das war zu erwarten. Frage zwei hatte der Lehrer systematisch nach einer Skala von einem klaren Ja bis zu einem klaren Nein geordnet.
Michael und seine Mitschüler lasen die Antworten durch – von Johlen und Lachen begleitet oder auch verschämte, schiefe oder wissende Blicke werfend. Die Schüler hatten unter anderem geschrieben: „Warum sollen nur immer die Alten die Erfahrungen sammeln und die Jungen vertröstet werden.“ „Ab sechzehn unbedingt nötig, um spätere Fehler zu vermeiden. Früh übt sich, wer ein Meister werden will.“ „Die Frage ist zu bejahen, da die trockene Theorie zur richtigen Aufklärung nicht ausreicht.“ „Ich persönlich möchte sagen, dass ich durchaus dafür wäre, das in der Praxis durchzuführen. Vorausgesetzt – ein gutes Mädchen.“ „Ich bin eigentlich dafür, denn ich meine, mit fünfzehn oder sechzehn ist doch die schönste Zeit dazu, aber natürlich ohne Kinder. Dagegen kann man ja heutzutage etwas machen.“ „Nun, als kleiner Versuch wäre es vielleicht zu bejahen, doch auf die Dauer sollte man mit intimen Beziehungen noch etwas warten. Doch bis zur Ehe wäre es zu spät.“
Die Befragung hatte bei den Eltern für gehörigen Ärger gesorgt. Michael hatte von der ganzen Sache zuhause erst gar nichts erzählt. Aber er fand den Umgang mit der Sexualität von Jugendlichen scheinheilig: Wenn der Körper so weit war, wieso nicht? Warum sollte die Natur es so eingerichtet haben, den Menschen so lange zu quälen, bis er volljährig oder verheiratet war? Romeo und Julia waren doch auch Teenager gewesen.
Mit Grausen dachte Michael an die Worte über...




