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E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Schuster Odenwald

Klima-Thriller
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-948987-71-8
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Klima-Thriller

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-948987-71-8
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine rätselhafte Krankheit breitet sich im Odenwald aus: Bäume und Pflanzen stellen ihr Wachstum ein. Rasch springt sie auf andere Regionen der Erde über. Der Sauerstoff in der Atmosphäre droht, knapp zu werden. Eine lebensbedrohliche Situation für die Menschen. Sind es Anzeichen des Klimawandels? Die Frankfurter Botanik-Professorin Monika Weber ist mit Untersuchungen im Odenwald betraut. Sie und der Michelstädter Revierförster Bernd Heidereiter stoßen auf Ungeahntes: Im nahegelegenen Friedwald ist der berüchtigte Klima-Terrorist Florian 'Greenhood' Keller bestattet. Zufall - oder führt der ehemalige Serienmörder über seinen Tod hinaus einen mörderischen Plan aus? 'Odenwald' ist ein Klima-Thriller, der uns in Erinnerung ruft, wie zerbrechlich unser Ökosystem ist und wer die eigentlichen Herrscher der Erde sind: die Pflanzen.

Frank Schuster lebt in Darmstadt, Redakteur des Darmstädter Echos, zuvor ÖKO-TEST und Frankfurter Rundschau. Studium der Germanistik, Anglistik, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte in Frankfurt, Marburg und Oxford. Mitglied der Literaturgruppe Poseidon. Veröffentlichungen: Sternenfutter (2018), Roman, (mainbook); Das Haus hinter dem Spiegel (2014), Jugendbuch, (mainbook); If 6 was 9 (2003), Roman, (Grübeltäter Verlag). Kurzprosa in Literaturzeitschriften (Am Erker u.a.) und Anthologien, darunter Tatort Darmstadt (2022), Co-ro-na (2020), Fotosynthesen (2006).
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2.


Sie hatte ihn enttarnt. Sie hatte ihn verraten.

Ihren eigenen Bruder.

Als der Staatsanwalt am Oberlandesgericht Frankfurt am Main vor Florian Kellers Verurteilung zu lebenslanger Haft die Anklageschrift verlas und seine Vergehen aufzählte, ließ Diana das seltsamerweise ungerührt. Solange sie sich zurückerinnern konnte, war ihr Bruder rebellisch. In der Rückschau kam es ihr vor, als schien sein ganzes Leben zwangsläufig darauf hinauszulaufen, dass sich sein Wesen einst in einem Terrorakt entladen würde.

Das erste Mal, dass sie eine Ahnung davon bekam, wie trotzig ihr Bruder sein konnte, war nach der Sache mit den Ameisen.

Florian hatte sich im Alter von zwölf Jahren für sein Taschengeld ein Was ist was-Buch mit dem Titel Wunderwelt der Bienen und Ameisen auf dem Flohmarkt gekauft. Er besaß schon eine ganze Menge aus der Wissensreihe. Eine Zeit lang war sein Lieblingsband derjenige über Dinosaurier. In dieser Phase quälte er Diana mit schier unendlich langen Vorträgen über das, was er in dem Buch gelesen hatte. Tyrannosaurus, Giganotosaurus, Brontosaurus, Diplodocus, Stegosaurus, Triceratops – er kannte alle schwierigen Namen auswendig. Er wusste alles über ihre Lebensweise, ihr Verhalten, ihre Größe und ihre Eigenschaften. Er wusste, ob sie Fleisch- oder Pflanzenfresser waren, ob sie auf vier oder zwei Beinen gingen, ob sie im Meer oder auf dem Land lebten, ob sie flugfähig waren, ob sie Panzerplatten, einen Nackenschild oder Hörner trugen.

Die Welt der Dinosaurier schien Diana ein steter Kampf ums Überleben. Ein Kampf aller gegen alle. Ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder war sie froh, dass die Riesenechsen ausgestorben waren. Sie dankte heimlich dem Kometen oder den Vulkanen dafür, dass sie sie von der Erde hatten verschwinden lassen.

Als er sich in das Ameisenbuch vertiefte, war sie froh, dass er sich nun auf eine Welt voller kleiner, harmloser Insekten stürzte. Sie hätte niemals damit gerechnet, dass er ihnen noch mehr Zeit als den ausgestorbenen Urzeitechsen widmen würde. Anders als bei den Sauriern hatte er nun sein Anschauungsobjekt direkt vor der Haustür. Er begann, sie im Garten, in den Feldern, Wiesen und Wäldern zu beobachten und zu erforschen.

Einmal ertappte Diana ihn dabei, wie er auf dem Boden vor ihrem Elternhaus im Taunus lag und unter einen kleinen Eimer schielte, der mit der Öffnung nach unten auf den Verbundsteinen der Garageneinfahrt stand. Als sie wissen wollte, was er da trieb, hob Florian den Eimer hoch wie ein Zauberer seinen Zylinder, unter dem das Kaninchen sitzt. Dianas Blick fiel auf zwei miteinander kämpfenden Ameisen. Die eine der beiden wehrte sich verzweifelt gegen die andere. Sie war der Erschöpfung nahe. Dem Tode, wie sie aus den anderen, bereits leblos auf dem Boden liegenden Ameisen in der Garageneinfahrt schloss. Ihr Bruder hatte dort in den vergangenen Stunden ein wahres Massaker angerichtet.

Florian ließ den Rand des Eimers wieder herab auf den Boden sinken. Diana war klar, dass die beiden Ameisen darunter ihren tödlichen Kampf fortsetzten.

„Äußerst interessant“, sagte Florian mit einer seltsam abwesend klingenden Stimme, „immer gewinnt die Schwarze Wegameise gegen die Rote Gartenameise, obwohl sie doch kleiner ist.“

Diana ging nicht darauf ein. Sie beschäftigte nur eine einzige Frage: „Warum sperrst du sie da drunter ein?“

Florian grinste schief. Es sah irgendwie verrückt aus. Er hatte die Augen nach oben verdreht. Es war seine dumme Art, ihren Blicken auszuweichen.

„Du bist ganz schön grausam. Du lässt ihnen keine Chance zu fliehen. Nur damit du zusehen kannst, wie sie miteinander kämpfen!“

Ihr Bruder schwieg, hob den Rand des Eimers an und schielte darunter. Still beobachtete er den Ringkampf im Halbdunkel. Er hätte bestimmt viel Freude an den Gladiatorenkämpfen im antiken Rom gehabt, dachte Diana.

Als ihr Bruder auf ihre weiteren Fragen nicht reagierte, ließ sie ihn alleine in der Einfahrt sitzen und ging ins Haus.

Nach diesem Vorfall genügte es Florian nicht mehr, die Ameisen draußen zu beobachten. Er holte sie sich in sein Zimmer und baute, wie es in einem seiner Bücher beschrieben war, eine Ameisenfarm, ein Formicarium, ein speziell für die Insekten bestimmtes Terrarium.

Er befestigte zwei Plexiglasscheiben eng übereinander in einem Rahmen. Den wenige Millimeter tiefen Zwischenraum füllt er mit Erde. So konnte er die Gänge und Nestkammern sehen, die die Ameisen zwischen den beiden Scheiben gruben. Er deckte die Glasscheiben mit roter Farbfilterfolie ab. Als Diana ihn fragte, weshalb, erklärte er ihr, dass Ameisen rot-blind seien. Ihnen erscheine der Bau dadurch dunkel, wie in der Natur. Dahinter gingen sie ungestört weiter ihrer Tätigkeit nach und er konnte sie von außen heimlich beobachten. Diana wurde klar, dass Tierfilmer den gleichen Trick anwenden mussten. Sie erinnerte sich an eine Tiersendung vor ein paar Wochen im Fernsehen. Bei den Innenaufnahmen der Ameisengänge hatte sie sich gefragt, wie sie entstanden waren.

Florian konnte von nun an rund um die Uhr das ganze Ameisenleben beobachten. Er konnte sehen, wie die Königin Eier ablegte, wie der Nachwuchs schlüpfte, wie die Arbeiterinnen das Honigwasser, das er mit einer Pipette in sein Formicarium träufelte, an die Brut und an die Königin weiterverfütterten.

Es blieb nicht bei einem Nest. Florian baute weitere Ameisenfarmen. Irgendwann stand sein ganzes Zimmer voll mit Formicarien, bevölkert von roten, schwarzen und gelben Garten-, Weg- und Waldameisen. Ein einziges großes Gekrabbel und Gewimmel in seinen vier Wänden.

Seine Mutter ekelte sich davor. Sie mochte die Insekten nicht. Angewidert warf sie Blicke auf sie. Sie duldete jedoch Florians Beschäftigung, war froh, dass er ein Hobby gefunden hatte. Sie bat lediglich: „Aber saubermachen musst du.“

Sein Vater dagegen zeigte eine deutlich stärkere Abneigung. „Du holst uns noch Krankheiten in die Wohnung“, war einer seiner harmloseren Sprüche. Er war der Einzige in der Familie, der sich regelmäßig um den Garten vor dem Haus kümmerte. Er machte ihm jedoch nur Arbeit und brachte ihm keine Freude. „Der Garten ist klein, macht aber viel Dreck“, sagte er immer wieder.

„Warum lässt du ihn denn nicht einfach zuwuchern?“, hatte Florian einmal entgegnet und dafür eine Backpfeife kassiert.

Der Garten war für seinen Vater ein strikt nach geordneten, menschlichen Maßstäben funktionierendes System. Darin hatten „Schädlinge“ und „Unkraut“ keinen Platz. Wie in jedem Frühling streute er auch im Jahr von Florians Ameisenbeschäftigung Gift in den Beeten und auf dem Rasen sowie in den Ritzen zwischen den Steinen der Terrasse und der Einfahrt. Alle Argumente Florians, dass Ameisen alles andere als Schädlinge seien, halfen nichts.

„Die holen uns nur Blattläuse in unseren Garten“, sagte sein Vater. Ein paar Tage später wollte er eine Nachbehandlung mit Ameisengift vornehmen. Doch er kam mit leeren Händen aus seiner Kammer im Keller zurück, wo er die Insektizide aufbewahrte.

„Das Ameisengift ist weg“, sagte er mit ratlosem Blick. „Auch das Schneckenkorn und die Mottenkugeln, einfach alles.“

Der Verdacht fiel sofort auf Florian. Als er die Tat nicht gestehen wollte, zog sein Vater seinen Gürtel aus den Schlaufen seiner Hose. Schon nach zwei Schlägen auf den blanken Po sprudelte es aus Florian heraus und er gab es zu.

Wohin er die Insektizide gebracht hatte, erfuhr nie jemand. Sein Vater kaufte neue und zog die Ausgaben von Florians Taschengeld ab.

Wenige Tage später hörte Diana ihren Vater laut im Flur brüllen. Sofort sprang sie auf und lief vor die Tür zum Zimmer ihres Bruders. Dort wütete ihr Vater aufgebracht herum. Die Schläge mit dem Gürtel und die Taschengeldkürzung hatten ihm offensichtlich nicht genügt. Er musste seinen Sohn noch härter bestrafen.

„Sofort raus mit dem ganzen Viehzeug – auf der Stelle! Wenn ich in einer Stunde zurück bin, ist das alles weg, hast du verstanden!“

Florian parierte. Was blieb ihm auch anderes übrig. Die Strafen seines Vaters konnten brutal sein. Der Ledergürtel auf den nackten Hintern zählte noch zu den milderen Formen.

Florian griff mechanisch nach dem ersten seiner Formicarien. Er versuchte nicht zu weinen, doch die Tränen fanden ihren Weg. Er zog die Nase hoch und hob das Formicarium in die Höhe. Die Ameisen bemerkten sofort die Positionsänderung. Sie witterten die Gefahr. Ein Teil von ihnen nahm Habachtstellung ein, ein anderer Teil stob geschäftig auseinander.

„Soll ich dir helfen?“, fragte Diana.

Er schlug ihre Hand weg.

„Lass mich alleine!“, herrschte ihr Bruder sie an. Er verließ mit dem Formicarium in den Händen das Zimmer. Unten hörte man die Haustür zuschlagen.

Ein paar Tage später entdeckte Diana die...



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