Schwan / Weitkamp | Bis auf Weiteres | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 679 Seiten

Reihe: Schriftenreihe der Gedenkstätte Esterwegen

Schwan / Weitkamp Bis auf Weiteres


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8353-8435-4
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 4, 679 Seiten

Reihe: Schriftenreihe der Gedenkstätte Esterwegen

ISBN: 978-3-8353-8435-4
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der lange vergessene Roman eines ehemaligen Häftlings über seine Zeit im Konzentrationslager Esterwegen 1934-1936. Kommentiert und mit erweiternden Texten neu herausgegeben. 'Einer wird es einmal schreiben, Jakob. Einer aus der anonymen Schar derer, die davongekommen sind ... Das Buch unserer Zeit ... Das Denkmal des unbekannten Moorsoldaten ...' Diese Worte lässt der Autor eine Figur im Roman über das KL Esterwegen sagen und meint damit vielleicht sich selbst. Doch das 1961 unter dem Pseudonym Valentin Schwan erschienene Buch geriet bald in Vergessenheit und die Identität des Autors blieb ein Rätsel. Erst 2015 konnte das Pseudonym durch Zufall entschlüsselt werden: Hans-Otto Körbs - Häftling in Esterwegen 1935/36 - hatte den Text verfasst. Die Geschichte des Romans ist damit auch die Geschichte einer Wiederentdeckung. In sachlichem Stil hat Schwan / Körbs seine Erinnerungen an die Haft romanhaft verarbeitet. Er schreibt gedankenreich und tiefgründig über das Leben in einem der frühen Konzentrationslager in Deutschland: über die Häftlinge, die Lager-SS und die Gewalt. Sebastian Weitkamp, Co-Leiter der Gedenkstätte Esterwegen, hat den Text nun kommentiert und zusammen mit dem sehr persönlichem Bericht eines Nachkommen von Hans-Otto Körbs - des Schweden Birger Schmitz - neu herausgegeben.

Valentin Schwan (Hans-Otto Körbs) kam 1902 in Gau Odernheim in Rheinhessen zur Welt und engagierte sich seit 1922 als Bergmann in Castrop-Rauxel für die KPD. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten war Körbs wegen regimefeindlicher Äußerungen in der Strafanstalt Werl und den KL Esterwegen und Sachsenhausen inhaftiert. Nach 1945 hatte er zeitweise ein Mandat für die KPD im niedersächsischen Landtag, ehe er sich mit der Partei überwarf. Hans-Otto Körbs starb 1981 in Lüneburg. Sebastian Weitkamp, geb. 1973, ist Co-Leiter der Gedenkstätte Esterwegen und Dozent an der Universität Osnabrück.
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»Zum Schutz von Volk und Staat«


Die große Uhr an der Zentrale im ersten Stock zeigte auf halb zwölf. Der diensttuende Hauptwachtmeister, der von seinem Sitz neben der blanken Glocke die strahlenförmig auseinanderlaufenden drei Flügel mit je vier Stationen ausreichend übersehen konnte, klopfte mit dem großen Schlüssel dreimal an das eiserne Treppengeländer zum C-Flügel, verharrte einen Augenblick und setzte vier kurze Schläge hinterher.

Ein verschlafenes Gesicht tauchte über der Brüstung der obersten Station auf.

»Station C4, Fahrenhorst!«

»Ein Transport: Peter Adrian, Zelle 23, sofort mit allen Sachen zur Kammer, Herr Fahrenhorst!« …

Der »Hausvater«, Vorsteher der Bekleidungskammer im Parterre des Zuchthauses, wartete schon voller Ungeduld.

»Mal fix, mein Sohn! Hab andres zu tun als auf jeden Abgang stundenlang zu warten. Muß dir ja gut gefallen bei uns. Runter mit die Klüngel! Gleich schlägts zwölf. Sonst komm ich noch wegen Freiheitsberaubung dran!«

»Ich stelle keinen Strafantrag, Hausvatter!« erwiderte Adrian grinsend und schälte sich eilig aus der blauweißen Zebrakluft, die nach der Machtübernahme durch Hitler das traditionelle Zuchthausbraun verdrängt hatte, weil Braun des Dritten Reiches Farbe war.

»Dann bin ich ja beruhigt, mein Sohn. Nur eins, eh du jetzt von uns gehst, laß dir vom alten Schnauz« – so nannten ihn die Gefangenen wegen seines prächtigen Schnurrbartes mit den hochgezwirbelten Enden – »den ehrlichen Rat geben: Laß die Finger von die Dinger draußen! Es lohnt sich nicht. Beim zweitenmal kommst nicht so billig davon – – – dann wackelt der Kopp … Und sieh zu, daß du bald wieder Farbe kriegst ins Gesicht … siehst wie ausgeschissen aus … viel Gemüse und frische Luft … sonst denken die Leute noch, du kommst aus dem Zuchthaus …«

Adrians Zivilsachen waren tadellos in Ordnung, gewaschen und gebügelt, sogar die Schuhe geputzt. Nur der Hut paßte nicht mehr: die Haare darunter fehlten.

»Macht nix, Söhnchen«, tröstete Schnauz, »die wachsen schneller als der Verstand.«

Er ließ sich die Rückgabe der Sachen bescheinigen und brachte Adrian zur Abgangszelle nebenan.

An der Zentrale war es bereits fünf vor zwölf.

Tabaksqualm schlug dem Eintretenden entgegen. Die Abgangszelle war ungelüftet, schwach erhellt und gerammelt voll. Obwohl dreimal so groß wie die Einzelzellen der Station, war sie als Sammelzelle für Zugänge, Abgänge und Transporte viel zu klein. Sitzgelegenheit gab es nicht. Man saß auf dem Fußboden oder lehnte gegen die Wand.

»Servus!« sagte Adrian, drückte sich durch den Haufen in die Ecke und setzte sich auf seinen Lederkoffer.

Flüchtig glitt sein Blick über die vielen Gesichter hin. Kein Bekannter aus dem Haus war darunter. Gierig, nach so langer Entbehrung, rauchte er eine der wiederausgehändigten Zigaretten. Sofort hingen zahlreiche Blicke an seinen Lippen und folgten hungrig dem hochsteigenden Rauch.

»Die reinste Aufreizung zum Klassenhaß!« kam es von irgendwo aus dem Hintergrund.

»Ach so«, sagte Adrian, »nichts für ungut! Nach so langer Zeit muß man sich erst daran gewöhnen, daß man nicht mehr allein ist. Hier! Bedient euch!«

Die Zwanzigerpackung war im Nu leer, und die Luft wurde zum Schneiden dick, die Unterhaltung lebhafter.

Die lässige Freigebigkeit des Neuen imponierte. Man drängte näher, schätzte ab: erstklassige Schale, komplett vom Hut bis zu den Schuhen, schwerer Mantel, Glacéhandschuhe, Lederkoffer … bestimmt ein besserer Pinkel. Die Sorte kannte man schon. Wahrscheinlich Kavaliersdelikt: »Süßer Einbruch«, Zuhälterei oder § 175 …

»Na, Kollege«, fragte ein pockennarbiger Mansardenknacker, »wie lang haste aufm Kübel gesessen?«

Der Gefragte winkte ab.

»Nicht die Welt! Knapp zwei Jahre. Ein Dreck, verglichen mit der Zeit, die hier so abgerissen wird. Trotzdem – – – mir langts auch so.«

»Ein Tag is hier schon zuviel«, warf ein schielender Straßenräuber ein, »aber zwei Jährchen – – – die mach ich auf dem Kübel ab. Die hab ich auch rum, aber fünf Jahr hab ich noch Kost und Unterkunft frei …«

»Drei Jahr hab ich rum«, verriet ein alter Taschendieb, »mein erstes Z. Aber verdammt! Mir langts! Der Bart is ab. Kinder, wie ich mich freu! Nach dem Schlangenfraß hier hau ich mir erst mal die Wampe bis obenhin voll: Eisbein mit Sauerkraut und nen anständigen Pott Bier dazu. Dortmunder Export. Mein Leibgetränk! Und zum Nachtisch wird ne kesse Puppe vernascht …«

»Selbstverständlich wird zuerst mal anständig gespachtelt!« pflichtete ein schlaksiger, rotblonder Zuhälter eifrig bei, »nach dem vielen Kapps, den Oldenburger Südfrüchten, den Kälberzähnen und den Polizeifingern … Eine Schwedenplatte – – – so groß wien Wagenrad, ein halbes Dutzend Steinhäger und ne Zigarre mit Bauchbinde für dreißig Pfennig … Und dann zu Emmi, meine Braut, die lauert schon auf mir …«

»Nu gib man nich so an, Langer! Denkst, die hat drei Jahr uff dich gewartet? Die hat sich bestimmt die Männer nich nur uff der Leinwand angesehn!«

»Was kratzts mich! Hauptsach, sie weiß wofor! Auch die Liebe ist ein Vergnügen. Und Vergnügen kostet Geld. Die Kleine kennt ihren Preis. Von wegen eine Zigarette und ein Glas Bier – – – so siehste aus!«

»Wieviel Pferde haste am Laufen, Langer?«

»Der Traum is aus, mein Süßer. Stall aufgelöst, Firma pleite und ich drei Jahr hier zur Erholung. Nee, fang gar nicht erst wieder an. Wird jetzt zu teuer. Wenn se mich nochmal schnappen: Sicherungsverwahrung …«

Ein Banknotenfälscher im weißen Haar winkte geringschätzig ab:

»Hör uff! Die Musik kenn ick. Das sagen hier alle drin. Aber biste erst mal raus, hast keene Maloche und nix zum Beißen, dann biste genau wieder dabei und bald wieder hier.«

Der allgemeine Lärm übertönte das Geräusch des Türaufschließens.

»Mal nich so laut hier, Herrschaften!« knurrte Schnauz, »noch seid ihr nich vorm Tor. Wagner! – – – mitkommen!«

»Machts gut, Jungens!« dröhnte der Zuhälter, »besucht mich mal draußen. Bin bei der Emmi, Postgasse, Haus 12. Ehrenwort: Für euch umsonst!«

»Ehrenwort, daß du bald wieder hier bist!« brummte Schnauz.

»Eher häng ich mir uff, Hausvatter!«

Während das Gespräch stockte und der Lärm etwas nachließ, hatte Adrian Zeit, die zahlreichen Inschriften zu studieren, die rings die Wände schmückten. Im Laufe der Zeit hatte sich so mancher Gast in diesem nicht gerade alltäglichen Hotelbuch verewigt. Dabei kam auch die Poesie nicht zu kurz:

Du, der Du hier eintrittst – – –

laß alle Hoffnung draußen …

Gott segne dieses schöne Haus!

Besser, Du bleibst raus …

Brauner Kapps und faule Rüben

haben mich von hier vertrieben.

Hätt’ der Koch auch Fleisch gekocht,

wär ich noch geblieben.

Wer niemals aus dem Picknapp frißt,

Weiß nicht, wie schön die Freiheit ist!

O wie wohl ist dem zumut,

der die letzte Nacht hier ruht!

»Die«, grübelte Peter, während er dem träg aufsteigenden Rauch der Zigarette nachblickte, »habe ich glücklich hinter mir. Aber was kommt nun?«

Die Zellentür flog auf. Ein langer Kerl, der gerade in den Türrahmen paßte, stolperte herein. Er trug einen schwarzen Manchesteranzug mit breiten Hosenbeinen und vielen weißen Knöpfen. Die weitausgeschnittene Weste war mit zahlreichen Münzen geschmückt. In der einen Hand hielt er einen breitkrempigen Hut, in der anderen ein zusammengeknüpftes, rotkariertes Taschentuch, in dem sich sein »Reisegepäck« befand. Ein Tuch von gleich greller Farbe wie das Bündel umschloß den Hals und hing mit einem Zipfel auf die mächtige Brust.

Beim unvermuteten Anblick dieses blonden Hünen kam sich Adrian einen Augenblick ganz klein vor.

»Mensch«, raunte er seinem Nachbarn zu, »ist das ein Bär! Guck dir bloß die Pranken an! Wo die hinhauen, wächst kein Gras mehr!«

»Sieht aus wie ein Zunftbruder«, erwiderte der andere nachdenklich.

»Aber bestimmt nicht von der Zunft, die hier seßhaft ist! Sieht nicht aus wie ein Ganove. Was der wohl ausgefressen hat?«

Die Antwort gab der Neue selbst.

...


Weitkamp, Sebastian
Dr. Sebastian Weitkamp, geb. 1973, ist Co-Leiter der Gedenkstätte Esterwegen und Dozent an der Universität Osnabrück.

Schwan, Valentin
Valentin Schwan (Hans-Otto Körbs) kam 1902 in Gau Odernheim in Rheinhessen zur Welt und engagierte sich seit 1922 als Bergmann in Castrop-Rauxel für die KPD. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten war Körbs wegen regimefeindlicher Äußerungen in der Strafanstalt Werl und den KL Esterwegen und Sachsenhausen inhaftiert. Nach 1945 hatte er zeitweise ein Mandat für die KPD im niedersächsischen Landtag, ehe er sich mit der Partei überwarf. Hans-Otto Körbs starb 1981 in Lüneburg.



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