E-Book, Deutsch, 522 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Schwarz Shakroeïk
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-46883-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 522 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-46883-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Schwarz wurde 1997 in Weiden in der Oberpfalz geboren. Bereits in seiner Kindheit und Jugend verfasste und veröffentlichte der begeisterte Leser eigene Fantasy-Geschichten. Währenddessen entwickelte sich sein Interesse an Kultur zu einer großen Leidenschaft für politisch-philosophische Belange. Nach dem Bachelorstudium der Politikwissenschaft in Regensburg veröffentlichte er seinen neuen Roman Shakroeïk, dessen Entwicklung zehn Jahre gedauert hatte. Die fiktive Welt unter dem Eishor kommt nun ohne klassische Fantasy-Mächte aus. Stattdessen sind es allein die Menschen, die ihr Schicksal bestimmen. Sechs weitere Bücher sollen im selben Universum spielen und ebenfalls in den Zwanzigerjahren erscheinen.
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ZWEITES KAPITEL
„Broemoë mashe brougaen oe mashou tuesharak
lat einaek aiänaen.“
Ein Geschichtsbuch könnte sich eine Dichterin
ebenso gut ausdenken.
Neben der hochstehenden Ibiëtra waren der riesige Eishor und der kleine graue Auräuek14 am tiefblauen Himmel zu sehen. Auf einem felsigen Hügel thronte ein Anwesen, nicht bunt oder verziert, aber von beachtlicher Größe. Der Hügel war umringt von den kleinen, alten Häusern der Stadt Laibnae. Langes, gelbes Gras wucherte zwischen grauen Steinen am Rande einer Straße, die sich durch die Stadt hinauf zu dem Anwesen schlängelte.
Eine unscheinbare Kutsche, mit dunklen Stoffen verkleidetes Holz, wurde von einem gefleckten Pferd die Straße entlanggezogen. Vorbei an schwarz gestrichenen Haustüren, staubigen Glasfenstern und neugierigen Blicken. Die Kutsche hielt vor einem rostigen Tor am Fuße des Hügels, das von zwei jungen Angestellten in weißen Hemden und braunen Westen geöffnet wurde.
Seib stieg in schmutziger Kleidung aus der Kutsche auf die knirschenden Kieselsteinchen der Straße hinaus, streckte sich und fuhr sich durch die zerzausten Haare. Das Anwesen war aus grobem Stein gebaut, hufeisenförmig, die Pultdächer nach außen geneigt. Seib schritt durch das Tor und als er den Innenhof des Anwesens erreichte, kam ihm schon Laesga entgegen. Eine zerdrückte Mütze saß auf dem Kopf der Istrueë, von derselben blauschwarzen Farbe wie ihr einfacher Anzug.
„Willkommen, Seib! Wie war die Reise?“
Seib zupfte an seinen gelben Ärmeln und ließ den Blick prüfend über die Gebäudeflügel des Anwesens gleiten. „Hast du eine Ahnung, was er von mir will?“
Laesga zuckte mit den Achseln. „Ich dachte, das kannst du mir beantworten.“ Sie führte ihn zum Eingang des Anwesens. „Keine hier weiß irgendetwas.“
Sie kamen an einer verwitterten Büste vorbei, die Sharnogs Vater zeigte. „Was für ein selbstverliebter Dreckskerl muss das gewesen sein?“, knurrte Seib, hielt an und stieß das Abbild mit einem kräftigen Fußtritt um. Suendats Nase grub sich tief in den Kies.
„Bitte reiß dich zusammen!“, empörte sich Laesga.
„Mach du dich nicht so wichtig“, hielt Seib dagegen und ging weiter.
„Du bist hier Gästin!“
„Ja, Sharnogs! Nicht deine und auch nicht die seines Vaters.“
„Sein Tod belastet ihn sehr“, meinte Laesga und rieb sich nervös die Hände.
„Ach ja?“, murmelte Seib gelangweilt, während sie die Stufen zum Eingang hinaufstiegen.
Laesga hinderte ihn, weiterzugehen. „Sobald ich gehört hatte, dass Suendat gestorben ist, bin ich hierhergekommen – aber Sharnog hat sich bis jetzt nicht blicken lassen“, flüsterte sie.
„Was redest du?“
„Er hat sich eingeschlossen. Er lässt sich bringen, was er braucht, aber er verlässt sein Schlafzimmer nicht mehr. Die Dinge, um die er bittet, sind außerordentlich seltsam; und er bemüht sich kein bisschen um das Erbe seines Vaters. Es gibt Angestellte hier, die seit Tagen keiner Arbeit mehr nachgehen, und Suendats Geschäfte sind gänzlich zum Erliegen gekommen.“
Seib lachte auf. „Das ist es, was dich stört, nicht? Du hast für den reichen Dreckshaufen gearbeitet und jetzt fürchtest du um dich, weil Sharnog alles egal ist, hm?“
Die Adern an Laesgas Stirn schwollen an. „Das ist eine Frechheit“, zischte sie.
„Kann ich nicht erkennen. Ich werde gleich ein gutes Wort für dich einlegen.“ Seib betrat schmunzelnd das Innere des Anwesens. „Wo ist er?“
„Oben.“ Laesga deutete auf die breite Steintreppe, die von der Eingangshalle aus in die höheren Stockwerke führte. „Du weißt, dass Sharnog jetzt auch ein reicher Dreckshaufen ist, einer von der Sorte seines Vaters?“
Seib kehrte Laesga den Rücken zu und erklomm die Treppe. „Die Unterschiede sind“, keuchte er dabei, „erstens macht Sharnogs Sucht nach Verehrung ihn zu viel Größerem fähig, als sein Vater es je war; zweitens, und das ist noch besser: An Sharnogs Reichtum werde ich Anteil haben, wart’s ab!“
Laesga sah dem Obdachlosen fassungslos hinterher, dann riss sie sich die Mütze vom Kopf und zerknüllte sie wütend.
Seib erreichte am oberen Ende der Treppe einen Berg umgekippter, übereinander geworfener Möbel aus altem, rotbraunem Holz. Furchen in den Dielen wiesen den Weg zu einer geschlossenen Tür am Ende eines schmalen Flurs. Seib zögerte, dann trat er hin und klopfte einige Male kräftig an. Auf der anderen Seite polterte es; es folgte das Geräusch schneller Schritte – und die Tür wurde aufgerissen.
Beißender Gestank kam aus dem Zimmer: ein ätzendes Gemenge von Düften und Ausscheidungen. Sharnog klatschte vor Seibs Gesicht in die Hände und strahlte wie ein kleines Kind. Er trug ein himmelblaues Wams über einem altweißen Hemd, eine schlecht gefärbte, dunkelrote Hose und eine vormals graue Jacke, die nun von Flecken jeder erdenklichen Farbe übersät war; alle ihre Knöpfe fehlten, der Kragen war aufgestellt und Nadeln steckten überall in der Kleidung. Seine Haare waren links gescheitelt; auf der einen Seite streng zurückgekämmt, auf der anderen standen sie wirr ab. Er hatte blutunterlaufene Augen und einen Dreitagebart, in dem Farbreste hingen. Eine seiner Brauen war abrasiert und in seinem linken Ohrläppchen steckte eine jener Nadeln, die sich auch in seiner Kleidung fanden.
„Bist du bescheuert?“, entfuhr es Seib. Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Es freut mich so unglaublich mehr, als du es mir ansehen kannst, dass du hier bist, mein lieber Seib!“, begrüßte Sharnog ihn übertrieben laut, trat zur Seite und bedeutete ihm, einzutreten.
Der Holzboden war völlig zerkratzt von den Möbeln, die hinausgeschafft worden waren; nichtsdestotrotz war der Raum alles andere als leer: Bunte Stoffe häuften sich in den Ecken; Kleidungsstücke lagen herum; dazwischen Papierfetzen und leere Tintenfässer, einige davon zerbrochen; kaputte Stifte; Knöpfe, Ringe und Halsketten aus Gold; mit bunter Flüssigkeit gefüllte Glasflaschen; Stapel dreckiger Teller, halbvolle Becher und Nachttöpfe. Hier und da hatten sich die Dielen verfärbt und standen über die anderen hinaus, weil etwas verschüttet und nicht aufgewischt worden war. Von drei kleinen Fenstern an der hohen Wand, die auf den Innenhof blickten, war das rechte mit herausgerissenen Seiten eines Buches zugeklebt, das mittlere mit der schwarzen Flagge Taïns verhängt. Inmitten dieser beispiellosen Unordnung stand ein schlichter Stuhl mit dünnen Beinen und schmaler Lehne.
„Setz dich, Seib, dorthin; ich werde dir jetzt viel erzählen, das Wichtigste deines Lebens! Und mehr noch – ach, setz dich, du wirst es merken!“
„Was hast du hier gemacht?“, presste Seib angewidert hervor, ging geradewegs durchs Zimmer und öffnete das linke Fenster. „Wie kannst du hier atmen? Das erträgt selbst meine Nase nicht!“
„Du gewöhnst dich daran, wenn dich die Gerüche lange genug umgeben“, erklärte Sharnog beiläufig und fasste sich an das Ohr, in dem die Nadel steckte. Ruckartig zog er sie heraus und warf sie achtlos über die Schulter.
Mit argwöhnischem Blick setzte sich Seib auf den Stuhl, sah sich noch einmal um und lachte schließlich trocken. „Du bist ja wirklich voll und ganz verrückt, Sharnog!“
„Nein!“, widersprach Sharnog mit ernster Miene und faltete die Hände hinter dem Rücken. „Ich habe gearbeitet.“
„Und woran?“
„Einer neuen Welt.“ Sharnog nickte energisch. „Ich habe einige der Duftwässer getrunken – ein Fehler, weiß ich jetzt: Das benebelt die Sinne.“
Seib lachte wieder.
„Aber – mein Anliegen ist durchaus ernst, mein Bester.“
„Ja, das hoffe ich. Die haben mich aus dem Schlaf gerissen, deine Handlangerinnen oder was; die beschissene Fahrt war unerträglich lang, ich konnte nicht schlafen, und von sich aus hätten die mir nicht gesagt, wohin’s geht!“
„Das war es alles wert und ist jetzt völlig unwichtig“, beteuerte Sharnog, dann schloss er die Zimmertür ab und lehnte sich daran. „Dieses Zimmer ist nicht nur der Anfang irgendeiner Welt, es ist der Anfang meiner Welt. Die Geburt eines Umbruchs in der Geschichte, in beachtlicher Weise eingeleitet durch den Herzschlag meines Vaters – das heißt: durch sein Aussetzen.“
„So traurig, wie Laesga mir sagte, bist du nicht darüber, dass der Arsch draufgegangen ist,...




